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Sonntag, 15. August 2010

Das Gespenst

Buchbesprechung Reeves-Steevens, Garfield; Reeves-Stevens, Judith; Shatner, William: Das Gespenst. Heyne 1998/2000.

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Story: James T. Kirk wird von seiner Liebsten vom Planeten Chal weggeschickt, um sich in den Weiten des Alls die Hörner abzustoßen. Erst wenn er tief in seinem Herzen bereit ist, den Verlockungen eines laut rufenden Universums zu widerstehen, soll er in seine neue Heimat zurückkehren.
Also macht sich der verdienteste Captain des Universums auf den Weg zu dem Planeten, auf dem er dereinst das Licht der Welt erblickte. Doch dunkle Mächte trachten dem Manne auf der Erde nach dem Leben. Aus dem Spiegeluniversum tritt ein alter Bekannter auf den Plan: Intendant Spock.
Unter seiner Führung entführt der Zwilling Kathryn Janeways den Kirk, der durch seinen Besuch im Spiegeluniversum Anarchie und Chaos auslöste.
Währenddessen untersucht Captain Picard eine stürmische Weltraumanomalie nach Wurmlöchern, als er tatsächlich auf ein Relikt stößt, dass aus dem fernen Delta-Quadranten zu stammen scheint. Die USS Voyager scheint endlich einen Übergang nach Hause gefunden zu haben!
Aber die Freude wird rasch durch die Erkenntnis getrübt, dass dieses Schiff aus dem Spiegeluniversum stammt und als Köder für die USS Enterprise NCC-1701-E dienen soll.
Picard und seine Mannschaft geraten prompt in Gefangenschaft der Allianz aus Klingonen und Cardassianern, die einen heimtückischen Plan zur Eroberung dieser Realität geschmiedet haben. Die höchstrangigen Originale dieses Universums sollen durch ihre Äquivalente des anderen ersetzt werden, während man komplette Sternenflottenschiffe transferiert, um mit deren militärischem Potential die Rebellion der Terraner bei Terok Nor niederzuschlagen.
So verbündet sich Kirk mit Intendant Spock und einer Handvoll überlebender Zeitgenossen, kehrt in den aktiven Dienst zurück und tritt an, um Picard zu retten. Allerdings schwebt nicht nur sein alter Freund und Kupferstecher in Gefahr, sondern auch jene Frau, die in von Chal wegschickte. Teilani, Kirks neue alte Geliebte, wurde das Entführungsopfer des fiesen unbekannten Regenten des Spiegeluniversums...

Lobenswerte Aspekte: Man sollte es sich einmal realistisch vor Augen halten: So alt, wie William Shatner jetzt schon ist, werden viele meiner Leser wohl nicht mehr werden (ich warne an dieser Stelle noch einmal eindringlich vor den Folgen des Konsums von Alkohol, Haschisch und Star Trek Romanen!). Der mittlerweile stolze 79 Lenzen zählende Exil-Kanadier musste sich bereits frühzeitig mit den ersten Anzeichen des Alterungsprozesses auseinandersetzen. Schon während des Drehs zur klassischen Star Trek Serie war sein Haupthaarwuchs so sporadisch, dass er sich zur Wahrung seines immensen Egos gezwungen sah, sich einen Fifi auf den Kopf zu kleben, der seither für enorme Belustigung unter seinem Publikum sorgt.
Betrachtet man nun auch noch seine limitierten schauspielerischen Fähigkeiten sowie seine enorme Selbstüberschätzung fragt man sich schon irgendwie, warum dieser Mann in Serien wie Boston Legal oder neuerdings „$#*! My Dad Says“ ständig die Gelegenheit erhält, sein vom Alter gezeichnetes Antlitz in die Kamera zu halten.
Die Erklärung ist so einfach wie banal: 'The Shat' ist ein Original! Zum einen polarisiert er; zum anderen erheitert er allein schon durch seine Anwesenheit. Und dennoch ist er durch Rollen wie James T. Kirk, T.J. Hooker und eben Denny Crane eine Legende der Leinwand. Vermutlich ist er mehr Menschen ein Begriff als Friedensnobelpreisträger wie Schirin Abadi, Wangari Maathai oder Martti Ahtisaari. Um es auf einen Nenner zu bringen: William Shatner steht trotz aller Kontroversen im Mittelpunkt eines allgemeinen Interesses.
Warum erzähle ich all das? Nun, es erklärt zumindest im Ansatz, warum es Bücher gibt, auf denen der Name dieses Mannes prangt, obwohl der Hauptteil des Aufwandes sicherlich dem Ehepaar Reeves-Stevens zuzuschreiben ist. Es erklärt, warum sich diese Werke so unglaublich gut verkauften. Außerdem verrät es, warum es kaum jemanden zu stören scheint, dass die beschriebenen Inhalte in etwa so glaubwürdig sind wie die Vor-Badewannen-Beteuerungen Uwe Barschels. Und es erhellt, warum sich kaum jemand an der 455-Seiten schweren Selbstbeweihräucherung aufhängt.
Shatner ist mittlerweile zu einer (noch) lebenden Legende geworden. Eine Legende mit einem eigenen Stil. Mein guter Freund K'olbasa meinte dereinst im Zuge einer angeregten Diskussion über Boston Legal zu mir, dass Shatners Darstellung Denny Cranes weniger schauspielerische Leistung, als reine Selbstdarstellung sei. Die Figur des verrückten, senilen und notgeilen alten Sacks ist also vielmehr Alltag denn Rolle für den Mann, dessen größter Unterschied zu Crane wohl darin besteht, Kanadier statt Amerikaner zu sein.
Unter diesem Gesichtspunkt wird das Lesen dieses Buches erst so richtig interessant, denn Denny Crane ist überall.
Etwa in den vielen Bemerkungen zum Älterwerden. Tatsächlich ist dieses Buch eine einzige große Hommage an den Wert älterer Mitbürger für jede Gesellschaft. Erst unter Berücksichtigung dieses Punktes wird klar, warum selbst der große James T. Kirk die totale Ablehnung McCoys gegenüber moderner Technologien (vgl. S. 25) auf einmal so bedingungslos teilt. Oder warum der schlimme Rücken Kirk ein ums andere Mal sein fortgeschrittenes Verfallsdatum erinnert (vgl. S. 14ff., S. 120f. oder S. 175) – fast entsteht der Eindruck, dass Kirks lädierte Bandscheibe so etwas wie Cranes Alzheimer ist. Selbst das Zugpferd der neuen TNG-Kinofilme, die USS Enterprise NCC-1701-E, geht in ihrer Konstruktion auf Ideen des mittlerweile 153jährigen Scottys zurück (vgl. S. 221).
Eines wird daraus mehr als deutlich: Die Helden von damals werden so sehr gebraucht wie niemals zuvor. Schließlich sind es die Luschen der sogenannten 'Next Generation', die von einer existenzbedrohenden Katastrophe in die nächste schlittern und ohne die Hilfe weiser älterer Kameraden längst in den ewigen Jagdgründen verschollen wären.
Ja selbst Picard, dem vom Autorenteam wenigstens etwas Respekt entgegengebracht wird, muss hier ins zweite Glied zurücktreten. Er ist so eine Art Alan Shore: Natürlich hat er nicht - wie etwa Denny Crane - sämtliche Fälle seiner Laufbahm gewonnen, aber immerhin ist er ein einigermaßen würdiger Erbe; und wer weiß, vielleicht heiraten die beiden Captains der Enterprise am Ende ja auch noch!?
Der Potenz Kirks würde das keinen Abbruch tun. Trotz seines ach so schlimmen Rückenleidens kopuliert er fröhlich mit seiner ebenfalls in die Jahre gekommenen Teilani herum (vgl. z.B. S. 30).
Dennoch soll eine neue Qualität nicht unerwähnt bleiben: Der berüchtigste Schürzenjäger des Universums treibt es nicht mit jeder! Gut, er mag aussehen wie eine aufgedunsene Backpflaume während des Verwesungsprozesses, aber diese Tatsache scheint dem Paarungswillen Spiegeluniversums-Janeway keinen Abbruch zu tun (was den Schrecken dieser alternativen Zeitlinie ja irgendwie betont). Umso verwunderlicher, dass Kirk ihr mal eben einen deftigen Korb gibt und die erotischen Rundungen seines faltigen, nackten Körpers den zittrigen Berührungen einer einzigen senilen Klingonen-Romulanerin vorbehalten lässt (vgl. S. 214). Wie schade!
Das würde fast schon besinnlich stimmen, wenn da nicht auch immer wieder die Shatner so ureigene Verleugnung der Realität und sein gepflegter Hang zur Egozentrik wären. So war es nicht sein Toupet, sondern die manipulierte Sternenflottenkost, die sein üppiges Haar am Ergrauen hinderte (vgl. S. 19)! Das beste Beispiel für die tiefe demütige Bescheidenheit des angeblichen Autors ist allerdings dieser Satz (S. 54):

Aber wie üblich hatte das Universum andere Pläne für James T. Kirk.

Während dem Leser also langsam klar wird, dass das Universum in Wirklichkeit eine rachsüchtige Schlampe mit Hang zum Sadismus ist, ruhen all seine Hoffnungen auf einem Mann, der wie einem Mantra gleich stets seinen eigenen Namen vorschiebt: „Denny Crane!
Dieser Tick, der in vorangegangenen Bänden desöfteren auch mit dieser Rolle zur Schau gestellt wird, legt man hier einfach Riker in den Mund, der es tatsächlich schafft, mit dem Namen des hiesigen Erlösers Cardassianer in den Wahnsinn zu treiben (vgl. S. 405).
Und Stichwort 'treiben': Der neben Boston wichtigste Handelns- und Wirkensort Denny Cranes ist die Fishing Lodge Nimmo Bay, tief in den kanadischen Wäldern. Dies ist besonders unter dem Aspekt bemerkenswert, dass das Land der Ahornbäume und -blätter die wahre Heimat William Shatners ist. Der lässt es sich natürlich nicht nehmen, auch Kirk mit kanadischen Anspielungen zu belasten. Wenn die Augen des im idyllischen Iowa geborenen Mannes nämlich einen Blick auf die Spiegeluniversums-Erde werfen, schweifen sie nicht auf das nach Gülle stinkende Dorf Riverside, wo er das Licht der Welt erblickt haben soll, sondern nach Montréal, so einer Art Betlehem für Shatner-Jünger (vgl. S. 164). Logisch, dass dort auch eine Konferenz der Sternenflotte stattfindet (vgl. S. 44) und Kirks Runabout-Auswahl auf ein Schiff fällt, dass den Namen jenes Stromes trägt, der durch die Metropole Quebecs fließt (vgl. S. 278).
Nahezu herzerweichend wird es hingegen, wenn Shatner leise Einblicke in sein Inneres gibt. Der zarte Versuch, seine Differenzen mit seinem Schauspielerkollegen James Doohan in Vertretung durch die jeweiligen Rollen zu verarbeiten (vgl. S. 45ff.) oder seine Probleme mit Alkohol zu beschreiben (vgl. S. 192), muten nahezu menschlich an. Lediglich Shatners Intimus Takei stinkt in Gestalt Sulus bei einem Vergleich mit Data ganz schön ab (vgl. S. 377f.).
Nach diesen schier endlosen Huldigungen auf jenen Mann, dessen Darstellung Kirks erst mit Chris Pine hinterfragt wurde, bleibt natürlich die Frage, was dieses Buch außer dem (viel) fleischgewordenen Zukunftseros zu bieten hat.
Verständlicherweise etwas abgeschlagen rangiert das Thema 'Spiegeluniversum' mit einigem Abstand auf dem zweiten Platz. Ein ergiebiges Thema, dem nach einer genialen TOS Episode eine nur mäßig interessante Fortsetzung bei Deep Space Nine vergönnt war. In die Lücken zwischen diese Ereignisse blickt dieses Buch.
Sehnsüchtig erwartet werden dabei natürlich die Äquivalente der Voyager-Crew, der zwar in der Folgen „Der Zeitzeuge“ ein wenig Spielraum geboten wurde, bislang jedoch – abgesehen von Tuvok - größtenteils nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Spannung ist garantiert, wenn die bösen Zwillinge von Janeway, Tom Paris oder Neelix ihren wohlverdienten Auftritt im Rampenlicht haben. Selbst die Idee einer Infiltration unserer Realität durch fast identische Personen ist so simpel wie naheliegend. Allerdings ist nicht nur die Voyager-Besatzung Teil der innovativen Ideen zum bösen Gegenpart unserer Realität. Auch die possierlichen Unterschiede zum Inhalt von „Reise nach Babel“ (vgl. S. 230f.), der ebenso sinnlose Tod der hier beheimateten Tasha Yar (vgl. S. 221ff.) oder der geniale Verwendungszweck von Medusanern (vgl. S. 222) brauchen sich nicht vor den müden Adaptionen bei Deep Space Nine zu verstecken.
Dritter großer Pluspunkt für die Arbeit Shatners ist die offensichtliche Mithilfe des Reeves-Stevens-Ehepaares. Nicht nur, dass dieses Buch von unzähligen Querverweisen (vgl. z.B. S. 22, S. 143 oder S. 445) und Gastauftritten (vgl. z.B. S. 7, S.44 oder S. 201) lebt; es gibt in diesen Büchern auch hin und wieder bemerkenswerte technische Überlegungen, deren Brillanz mich zwingt, sie eher diesen beiden verdienten Personen zuzuschreiben. Die nachvollziehbaren Schilderungen zur Flucht vor Schiffen mit höherer Warpgeschwindigkeit (vgl. S. 292f.) und die logischen Schlussfolgerungen zur Funktionsweise von Schilden (vgl. 387ff.) machen jedenfalls selbst für die Leute Sinn, die über das Technikverständnis eines Pakleds verfügen.

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Immer wieder spannend: Ein Blick in den Spiegel

Kritikwürdige Aspekte: Willkommen im Shatnerversum, einer alternativen Realität, in der sich die Milchstraße nicht um ein riesiges schwarzes Loch, sondern um eine ikonenhafte Person dreht: Captain Kirk.
Na schön, das ist ein alter Hut und selbst von mir schon längst bis zur Unkenntlichkeit zerkaut. Was aber las ich vor kurzem wieder in Ralph SandersDas Star Trek Universum“ zum Stellenwert von Star-Trek-Romanen (Bd. II, S. 205)?

Das bedeutet im Ergebnis, daß die Romane für die Serie eigentlich ohne Bedeutung sind, zumal die darin erzählten Abenteuer in Film und Fernsehen nicht berücksichtigt werden. Dies ist zwar widersinnig, da diese Romane von Paramount genehmigt werden müssen, aber es ist eine unumstößliche Tatsache. Hinzu kommen aus dem Hause Paramount mittlerweile inhaltliche Einschränkungen. Dazu zählt unter anderem, daß keine Romane geschrieben werden dürfen, in denen die alte und die neue Crew zusammentreffen. [...]
Ebenfalls unerwünscht ist jedes ungebührliche Verhalten der Akteure, insbesondere was das Thema Sex betrifft.

So etwas scheint scheinbar nur für normale Sterbliche zu gelten, und darum ist der Messias William Shatner davon ausgespart – selbst wenn es abstrus wird wie hier und vorangegangenen Darstellungen aus Comics wie „Die Spiegelwelt“ oder „Spiegelbilder“ widerspricht. Was sind schon solche Werke, die es wagen, dem größten Schauspieler der Welt zu widersprechen?
Schlechte Beispiele natürlich!
Mal ganz abgesehen davon, dass beide Werke aus verschiedenen Gründen nicht als Vorbild geeignet sind, entbehrt auch dieser Band der Nachvollziehbarkeit. Ein Trupp amtsmüder Sternenflottenrentner bricht aus der Idylle ihrer Seniorenresidenz aus, um der Jugend von heute zu zeigen, wie man den Untergang der bekannten Welt vereitelt.
An der Seite Spocks, der bereits in Star Trek XI so uralt wie Kahlbutz aussah, befinden sich auch Scotty und McCoy; also Charaktere, deren Originalschauspieler ironischerweise längst nicht mehr unter den Lebenden weilen. Besonders McCoy, der stolze 148 Jahre auf dem Buckel haben soll (vgl. S. 191), ist ein trauriges Beispiel für einen verwehrten Abschied, der an eine Parodie aus den Simpsons erinnert:



Star Trek XII: So very tired!

Während die Greisencrew mutig ihre Rollatoren in Richtung ungewisse Zukunft lenkt, bleibt der jüngeren Garde kaum ein angemessener Spielraum. Die komplette TNG-Crew agiert mit Ausnahme Datas strunzendumm, ziemlich träge und absolut unfähig. Besonders Jean-Luc Picard wirkt ungemein schlecht getroffen, wobei übrigens auch seine böse Entsprechung nie eine überzeugende Figur macht. Der Captain gibt sich ja schon ungemein kampflüstern für einen Forscher (S. 31ff.) und die nahezu aggressive Atmosphäre zwischen Riker und Picard erscheint ebenfalls äußerst befremdlich (vgl. S. 37) – da ist kaum mehr Spielraum für etwas noch gemeineres übrig!
Noch tragischer ist nur die kaum durchdachte Story. Warum zum Teufel macht sich die Allianz aus Klingonen und Cardassianern die Mühe, die USS Enterprise in ihr Universum zu transferieren, wenn sie die USS Sovereign längst unter ihrer Kontrolle hat?
Wenn man will, kann man die Brechstange schon früher ansetzen: Warum stehlen sie Pläne für den Bau eines Schiffes der Intrepid-Klasse? Warum nicht gleich eines der Sovereign-Klasse? Dass sie so etwas mühelos nachbauen können, haben sie ja schließlich unter Beweis gestellt.
Der letztendliche Plan ist jedenfalls so kompliziert, unsinnig und aufwändig, dass nicht einmal Egon Olsen, Hanibal Smith oder selbst die intriganten Cardassianer des Spiegeluniversums sich auf eine solche hirnrissige Schnapsidee einlassen würden.
Was bleibt ist das Ende. Das erzeugt nämlich noch einmal Spannung, denn es ist kein wirklicher Abschluss, sondern ein weit hergeholter Cliffhanger. Der immer noch lebendige Mirror-Tiberius taucht auf und verhindert, dass die Geronten-Mannschaft ihren wohlverdienten Mittagsschlaf halten kann.
Noch so ein unglaublicher Zufall! Nicht nur dass Kirk selbst noch lebt (nachdem seine Leiche von mit Romulanern verbündeten Borg assimiliert wurde) – nein, sein Gegenpart tut es ebenfalls! Die vielen bemüht wirkenden Zufälle dieser Reihe beginnen langsam zu ermüden.

Übersetzung: Der Heyne-Verlag hat sich bei den Star-Trek-Fans hierzulande nicht unbedingt beliebt gemacht. Jahrelang sparte er weder an Rechtschreib- noch Übersetzungsfehlern und als die jahrelange Erfolgsgeschichte an Fahrtwind verlor, verabschiedete man sich kurzerhand aus dem angeblich unrentabel gewordenen Geschäft.
Dabei hatte der Verlag gerade erst begonnen, sich etwas von seinen längst in Fleisch und Blut übergegangenen Übersetzungsfehlern zu verabschieden. Plötzlich liest man „deaktiviert“ (S. 55) statt „desaktiviert“ und aus dem anzüglichen „Flitzer“ wird endlich ein „Runabout“ (S. 293).
Allerdings war das höchstens ein Tropfen auf dem heißen Stein. Noch immer lassen sich, den deutschen Synchronisationsbegriffen zum Trotz, englische Begriffe wie „Alien“ (S. 7), „Starfleet“ (S. 9) oder „Starbase“ (S. 115) finden, für die es deutsche Äquivalente gibt. Dafür setzt man unbeirrt auf andere hauseigene Begrifflichkeiten wie „Diskussegment“ (S. 42), „romulanisches Bier“ (S. 46) oder „Insignienkommunikator“ (S. 105), die für von den Serien und Filmen geprägten Nervenbahnen der Leser fremdartig und gestelzt wirken.
Ganz besonders nervig ist bei einem Buch, in dem es ja um das Spiegeluniversum gehen soll, dass „irdische“ und „terranische“ (S. 10) Bezeichnungen nicht unterschieden werden. Das verwirrt nämlich innerhalb des Romans, in dessen englischem Original die Bezeichnung „Terraner“ (S. 82) wie in den Serien sowohl als Eigenbezeichnung als auch als Schimpfwort für Menschen gedacht ist. Dessen ungeachtet entblödet sich der Übersetzer nicht, diesen Begriff auch weiterhin generell auf alles anzuwenden, was von der Erde stammt. Dadurch verliert das Thema etwas an Flair.
Den Flair einer halbherzigen Übertragung englischer Vokabeln bieten Begriffe wie „Satisfaktion“ (S. 190) und einem „ambientalen System“ (S. 192). Besonders viel Freiraum nahm sich Andreas Brandhorst durchgängig beim Admiral „Nechajew“ (S. 33), denn im englischen wird sie durchgängig als „Nechayev“ tituliert. Die falsche Schreibweise von „Qo'Nos“ (S. 26) wurde hingegen stur aus dem Original übernommen, während sich der Übersetzer die Lorbeeren für den fragwürdigen Verdienst um die Neuschöpfung des Wortes „Anschießend“ (S. 202) wohl mit niemandem zu teilen braucht.
So viel Freiraum will genutzt sein: Aus dem „Medizinisch-Holographischen Notfallprogramm“ wird plötzlich ein „Medizinisches Holo-Notprogramm“ (vgl. S. 54). Wer das nun doof findet, sollte sich vor Augen halten, dass somit zumindest die Abkürzung 'MHN' gewahrt bleibt, und keine Kombination mit dem Suffix 'Medo', wie etwa bei „Medo-Liege“ (S. 80) oder „Medo Tasche“ (S. 122), herangezogen wurde.
Ähnlich verhält es sich mit der „Welt hinter dem Spiegel“ (S. 134) – eine ziemlich fragwürdige Übersetzung für „looking glass“.
An einer Stelle hätte ich mir allerdings mehr Eigeninitiative gewünscht. Während der recht kurzen Dienstzeit des bolianischen Navigators Karo auf der USS Enterprise (vgl. z.B. S. 36) hatte ich ständig das Bedürfnis, Skat zu spielen oder eine rauhe Stimme im Kopf, die melodisch die Vorzüge von Ersatzkaffee in Pulverform betonte.

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Karo – ich mag Dich – Du bist einfach gut

Anachronismen: Um nach all den gemeinen Äußerungen dem Eindruck vorzubeugen, dass ich kaum ein gutes Haar an dieser Romanreihe lassen würde, will ich auch einmal ein lobendes Wort finden:
Ich empfand die Art und Weise, auf die dem Star-Trek-Veteran Matt Jefferies gehuldigt wurde (vgl. S. 199) so dezent wie geschmackvoll. Auch die Idee, die Ereignisse der Deep-Space-Nine-Folge „Immer die Last mit den Tribbles“ miteinzubringen, ist sehr gelungen (vgl. S. 189f.). Das schließlich sogar zugegeben wird, dass Geld gar nicht mehr existiert, ist ein wahrer Meilenstein, selbst wenn die Beschreibungen implizieren, dass zur Hauptwirkenszeit Kirks noch immer darauf zurückgegriffen wurde (vgl. S. 175).
So sehr ich diese Bemühungen jedoch schätze, so sehr stößt mir jedoch auch die große Anzahl grober Schnitzer auf, die zu der unausgegorenen Handlung passen.
Etwa die Idee, dass Wurmlöcher in Regionen mit spezifischen Eigenschaften zu finden sind. Angeblich sollen die Charakteristika des bajoranischen Wurmlochs zum Schluss geführt haben, dass
die Badlands an seiner Existenz beteiligt seien (vgl. S. 35).
So ein Mumpitz! Nicht nur, dass die Badlands in einiger Entfernung zum System liegen (wie man auf einer Karte in der Episode „In eigener Sache“ sehen kann) - sie sind das Produkt eines gezielten künstlichen Eingriffes durch die sogenannten Propheten. Selbst wenn es in irgendeinem Zusammenhang stehen würde, gäbe es keinen Grund für die Enterprise, sich dem Risiko auszusetzen, direkt in eine den Badlands ähnliche Anomalie hineinzunavigieren!
Nicht einmal die Medizin bleibt vor solcherlei überzogenen Vorstellungen verschont. Immerhin erwartet Kirk nichts geringeres, als dass seine beiden Hände bei Verlust einfach wieder nachwachsen könnten (vgl. S. 408) – ein Umstand, der dem Bein des Ferengi Nog nicht vergönnt war.
Doch wer weiß, vielleicht ist ja im Shatnerversum alles anders?
Das Spiel mit verschiedenen Zeitlinien ist schließlich ein Markenzeichen Star Treks, wie nicht zuletzt der elfte Kinofilm tatkräftig bewies. Seit der Folge „Ein Paralleluniversum“ ist diese Thematik zu einem echten Klassiker geworden und zu jedem Ereignis der normalen Zeit gibt es eine unendliche Anzahl alternativer Entwicklungen, die ihrerseits andere Konsequenzen nach sich ziehen. Ein wahrer Sprudelquell für Erzählstoff, in dem das Spiegeluniversum ebenso viel Platz hat, wie das Shatnerversum.
Dort darf Riker Picard ab und zu mit seinem Vornamen anreden (vgl. S. 37) oder die Sovereign-Klasse tausend Mann Besatzung fassen (vgl. S. 261).
Vielleicht ist es dort so.
Ganz sicherlich hat dieses Shatnerversum jedoch ein paralleles Spiegeluniversum, das nicht dem uns bekannten entspricht. Das hier beschriebene Universum unterscheidet sich nämlich deutlich von jenem, das in TOS, DS9 oder Enterprise vorgestellt wurde.
Zunächst einmal in der zeitlichen Einordnung.
Während kleinere Anspielungen aus „Ein Paralleluniversum“ und „Die dunkle Seite des Spiegels“ die Vermutung zulassen, dass sich beide Universum spätestens seit der römischen Antike auseinanderentwickelten, setzen die Autoren dieses Buches die Ereignisse des achten Kinofilms „Der erste Kontakt“ als Punkt der Auseinanderentwicklung fest (vgl. S. 452ff.). Das mutet gerade im Hinblick auf Phlox' Äußerungen zu Shakespeare etwas merkwürdig an.
Dabei ist dieser Punkt noch nicht einmal kritisch. Das Problem ist eher die Beschreibung des Spiegeluniversums als ein Ort, an dem lediglich 'unterschiedliche Interpretationen' zur unterschiedlichen Entwicklung führten (vgl. S. 231ff.).
Wo ist die schlichtweg böse Energie geblieben, die diesen anderen Ort so furchterregend, seine Bewohner so brutal und die dortigen Ereignisse so blutrünstig gemacht hat?
Dieses nahezu plüschig-weiche Imitat hat jedenfalls nur wenig damit gemein!
Zudem wird frech behauptet, dass Menschen und Vulkanier in einem freiwilligen Zusammenschluss das Terranische Imperium begründeten (vgl. S. 160). Das steht nicht nur in direktem Gegensatz zu den Schilderungen in Enterprise, sondern auch zum recht eindeutigen Namen dieser Institution!
Obwohl das Spiegeluniversum und das dortige Unrecht so zentral für dieses Werk sind, verstrickt es sich in einer unwürdigen Verharmlosung dieser alternativen Realität. Der dunkle Flair und die schauerliche Magie dieses Klassikers der großen Star-Trek-Erfindungen wird „Das Gespenst“ nicht gerecht und erschafft ein Paralleluniversum zu einem Paralleluniversum.

Fazit: Wen man etwas kauft, auf dem der Markenname 'Shatner' steht, muss man auch darauf gefasst sein, etwas zu bekommen, in dem 'Shatner' drin ist.
Soweit zu den Vorzügen des Buches.
Wer weitreichendere Erwartungen hat, muss enttäuscht werden. Eine Geschichte über Rentner ohne Ende, Figuren ohne Charakter und eine Handlung ohne Sinn schmälern bei aller Spannung das Vergnügen beträchtlich. Besonders tragisch ist jedoch, dass jenes Spiegeluniversum, das hier so detailliert beschrieben wird, mit dem allseits bekannten bösen Paralleluniversum nicht vereinbar ist. Übrig bleibt eine seelenlose Realität, die dem Shatnerversum an überdrehten Entwicklungen in nichts nachsteht.

Denkwürdige Zitate:

So oder so: James Tiberius Kirk muss sterben.
T'Val, S. 13

War ihr Kirk ebenfalls ein eigensinniger, sturer Größenwahnsinniger mit Stroh im Kopf?
McCoy S. 255

Ich bin Arzt, kein Quantenmechaniker.
MHN, S. 265

Funktioniert das Programm richtig?
Keins davon ist in Ordnung. Aber Starfleet besteht trotzdem darauf, sie in der Praxis zu testen. Vermutlich sollen sie den richtigen Ärzten das Gefühl geben, gebraucht zu werden.
Spock und McCoy über das MHN, S. 266

Bewertung: So very, very tired.

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Weiterführende Leseliste:

Shatner 01: Die Asche von Eden
Shatner 02: Die Rückkehr
Shatner 03: Der Rächer
Shatner 04: Das Gespenst
Shatner 05: Dunkler Sieg
Shatner 06: Die Bewahrer
Shatner 07: Sternendämmerung
Shatner 08: Sternennacht
Shatner 09: Sternenfluchten

Sonntag, 22. November 2009

Die Asche von Eden

Buchbesprechung Reeves, Judy; Reeves-Stevens, Garfield; Shatner, William: Die Asche von Eden, Heyne 1995/1999.

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Turon47 möchte sich ausdrücklich bei K'olbasa bedanken, der ihm dieses Buch zur Verfügung gestellt hat- Nochmals tausend Dank!

Story: James T. Kirk hat keinen Bock mehr! Die Fehler der Vergangenheit kann er nicht mehr rückgängig machen, ein alter Rivale hat die Leitung der Sternenflotte übernommen und seinen Zenit hat der geborene Raumschiffcaptain längst überschritten.
Also ergibt sich Kirk den offensichtlichen Reizen einer deutlich jüngeren Frau, übernimmt das Kommando über die zwangsprivatisierte USS Enterprise, zerstreitet sich mit seinen ehemals besten Freunden und fängt auf irgend einem fremden und südseehaften Planeten ein völlig neues Leben an.
Soviel zur Endlife-Crisis des pensionierten Langzeit-Captains.
Seine früheren Freunde Spock, McCoy, Uhura, Sulu und Chekov geraten jedoch durch das spätpubertierende Verhalten ihres Captains in eine persönliche Zwickmühle, denn Admiral Androvar Drake, Kirks alter Intimfeind seit Akademietagen nutzt die abgebrochenen Brücken seines Widersachers, um ihn des Verrats und der Verschwörung zu bezichtigen.
Die USS Excelsior, mit der schwierigen Suche nach dem vermeintlichen Dissidenten beauftragt, mutiert allerdings rasch zu einem Sammelbecken jenes Personenkreises, der fest an die Unschuld ihres ehemaligen Vorgesetzten glaubt und Teil für Teil des großen Puzzles zusammensetzt, das sich aus den vielen Fragen ergibt.
All die verschiedenen Hinweise führen letztendlich zu eben jenem mysteriösen Planeten Chal, der neuen Heimat Kirks, die ein so dunkles Geheimnis birgt, dass es tatsächlich den brüchigen Frieden in der Galaxis bedrohen könnte. So kommt es schließlich zu einem unausweichlichen Showdown im Orbit der paradiesischen Welt, in dem sich Kirk und auch seine ehemaligen Mitstreiter für die richtige Seite entscheiden müssen...

Lobenswerte Aspekte: Radikalität beherrscht diesen Roman in verdammt vielen Aspekten. Dabei betrifft dies noch nicht einmal die krasse und unerwartete Ausfahrt, die Kirks Leben hier nimmt, sondern auch die anderen kleinen Details des Buches:
Chekov und Uhura werden zu hintertriebenen Weltraumrowdies, ein Sternenflottenadmiral versucht sich als großer Diktator und, auch wenn ich eigentlich nicht zu viel verraten wollte: die gute alte Enterprise wird am Ende doch noch zerstört.
Nix mehr mit „Waltons“ oder „Unsere Kleine Farm“! Die ach so idyllische Sternenflotte zeigt in diesem Werk auch mal ihre schmutzige dunkle Seite, fern von ein bisschen Friede, ein bisschen Forschung und ein bisschen Eierkuchen!
Zeit wurde es jedenfalls und mit diesem Paukenschlag wird das Buch auch äußerst geschickt eingeleitet. Besonders überrascht war ich dabei von der offen geschilderten Tatsache, dass der alternde Kirk tatsächlich mit Potenzproblemen zu kämpfen hat (vgl. S. 36)! Also das hätte ich bei einem von Shatner selbst mitgeschriebenen Roman echt nicht erwartet, zumal man im Verlaufe des Buches und der Fortsetzungen des selben eindeutig merkt, wie sehr er sich mit mit der Figur Kirk identifiziert. Um einen Schritt weiter zu gehen, kann man sogar mit Fug und Recht behaupten, dass diese behutsame und schon fast zärtliche Wortmeldung noch weiter geht, als die Beteuerungen des früheren Weltfussballers Pelé („Gehen Sie zu ihrem Arzt – ich würde es auch tun!“).

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Gehen Sie zu ihrem Arzt - dieser Mann würde es auch tun!

Doch nicht die nachlassende Manneskraft sondern die Auseinandersetzung mit dem eigenen Älterwerden steht im moralischen Zentrum. Auch wenn man den Shatner-Büchern vieles vorwerfen kann, zählen weder das Fehlen einer tieferen Botschaft noch die Verwendung tagespolitischer Themen dazu. In diesem speziellen Fall richtet sich die mehr oder minder offensichtliche Verbindung des 1995 erstmals erschienenen Werkes nach dem Zerfall der Sowjetunion. Die plötzliche Verfügbarkeit dieser politischen Insolvenzmasse versorgte damals wie heute instabile Regionen unseres Planeten mit ungeahntem militärischen Potential und beim Lesen wird schnell klar, dass die abgewrackten Klingonen auch nichts mehr als so einer Art Weltraumrussen sind, die für ihr eigenen Überleben Geheimnisse, Waffen und sogar ihre eigene SoSnI' verkaufen würden.
Hier und dort kann man sogar Stellen finden, die einem gewissen Humor nicht entbehren (z.B. S. 211ff. oder S. 238), obgleich es zugegebenerweise auch in gleichem Maße Stellen gibt, deren Spaßfaktor mit dem Prädikat 'fragwürdig' noch mit einem blauen Auge davonkommt.
Natürlich wäre es nun auch möglich, all die vielen kleinen Referenzen aufzuzählen, doch nein – die beiden Reeves und ihr Junior-Partner Shatner haben hier ein wahres Anspielungsfeuerwerk gezündet, dass einem Hören, Sehen und Zurückerinnern vergehen. Fast hat es den Eindruck, als haben sich die drei Schreiberlinge das ehrgeizige Ziel gesetzt, wirklich jede einzelne TOS-Episode direkt oder indirekt aufzuführen. Aber auch die Kinofilme (vgl. z.B. S. 193) oder TNG (vgl. z.B. S. 86) finden Aufnahme in dieses richtig gut mit dem offiziellen Kanon verflochtene Buch.
Als besonderes Gimmick ist dabei das Gespräch zwischen Kirk und Carol Marcus zu erwähnen (ja ich weiß, der Esel zuerst), das auf den zweiten Film „Zorn des Khan“ anspielt. Der Rezipient wird nämlich Zeuge, wie die beiden ihr legendäres Gespräch darüber führen, wie sie mit ihrem gemeinsamen Sohn David umgehen sollen (vgl. S. 301). Eine solche Szenerie gab es so in keinem Film und erst recht keiner Folge und es hilft in Bezug auf die Handlung, der Figur James Tiberius Kirk mehr Leben einzuhauchen.
Doch das Genialste zum Schluss:
Wie hat der olle Bill Shatner doch mordio und cetera geschrien, als er für den elften Kinofilm keinerlei Berücksichtigung erfuhr. Er hat getobt, geschimpft und geschrien – ohne Erfolg. Der Film in seiner neuen alternativen Zeitlinie musste ohne den originalen Kirk-Darsteller seine unzähligen Millionen Dollar einspülen.
Und was wenn ich jetzt behaupte, dass es den Film gar nicht ohne Shatners Buch „Asche von Eden“ gegeben hätte? Wenn ich mich einfach hinstelle und sage, dass „the Shat“ selbst Schuld am neuen Film ist?
Alex Kurtzman und Roberto Orci haben nämlich in einem Interview zugegeben, viele ihrer Ideen aus verschiedenen Star-Trek-Romanen extrahiert zu haben:

And, reading the novels helped, a lot of Star Trek novels.
Roberto Orci, Z. 117

Wenn die beiden also wenigstens die bekannteren Autoren, zu denen ohne Frage die beides Reeves genauso wie Shatner gehören, gelesen haben, sind sie sicherlich auch wie ich über folgenden Dialog gestolpert, der sich um einen versuchten Zeitsprung des bösen Admirals Drake zur Veränderung der Zeitlinie dreht:

James, was geschieht wenn Drake entkommt?
Kein Angst, wenn er uns entkommen wäre, wären wir nicht hier und könnten ihn nicht verfolgen. Nicht wahr, Spock?
Nicht unbedingt, Captain. Das hier könnte einfach eine alternative Zeitlinie sein, in der die Quantenwahrscheinlichkeitswellen …
Sie wissen doch, daß Zeitreisen mir Kopfzerbrechen bereiten, Spock.
Teilani, Kirk und Spock, S. 368

Kritikwürdige Aspekte: Wer einen Shatner-Roman liest, der geht ein Risiko ein. Das Risiko nämlich, nochmal Zeile für Zeile zu erfahren, wie gutaussehend, intelligent und knackig Shatners Paraderolle auch im Greisenalter noch immer ist.
Auf stolzen 392 Seiten erlebt der normalsterbliche Leser hier eine zwei Schichten zu dick aufgetragene Selbstbeweihräucherung, die selbst Eminem, Klaus Kinsky oder Jürgen Drews als viel zu überzogen empfinden würden. Mehr oder weniger verpackt findet sich zwischen den Zeilen in zwei Meter großen Graffitibuchstaben die eigentliche Quintessenz dieses Buches:

James T. Kirk ist der tollste Hecht im intergalaktischen Fischteich und hat den längsten.

Also ehrlich: Na klar, Kirk hatte viele Frauen. Abba wenn man hier andauernd davon liest, wie der rüstige Gerontenmacho eine Frau nach der anderen beglückt, wirkt das ziemlich aufgesetzt. Zum Glück passiert das ganze zumeist retroperspektiv und die bereits angeschnittenen Potenzprobleme relativeren das Bild ein wenig.
Spätestens jedoch, wenn Ü-60-Kirk mit einer Klingonen-Romulanerin gleich mehrmals hintereinander kopuliert (vgl. S. 135) und eine nur mit einem handflächengroßen Gardinenfetzen bekleidete Frau die Brückencrew der Enterprise bereichert (vgl. S. 310) hat man ganz schnell den Eindruck, dass man sich auf der Fantasiespielwiese eines lüsternen Rentners befindet. Peinlich, peinlich!
Stichwort 'peinlich'! Der Roman ist auch nicht unbedingt ein großes stilistisches Meisterwerk. Wenn ich mal wahllos in den Seiten blättere und zufällig eine beliebige Seite aufschlagen (und das hab ich wirklich getan), dann springen Sätze ins Auge, die etwa folgendem Muster entsprechen:

Kirk goß sich noch einen Scotch ein.
Drehte einen Stuhl, so daß er zum Fenster herausschauen konnte.
Es regnete die ganze Nacht.
Tränen, die er nicht vergießen konnte.

(S. 37)

Gruselig oder? Das Ganze liest sich schon irgendwie wie eine unkontrolliert mutierte Kreuzung aus einem Detektiv-Groschenroman, einem Telegramm und Rainer Maria Rilke in seiner depressiven Phase. Wer so etwas tatsächlich einen ganzen Roman lang aushält ohne das viel zu dicke Buch gelegentlich mit voller Wucht gegen die Rauhfasertapete zu werfen oder sich zumindest ab und an zu übergeben, der kann sich zumindest damit rühmen, den Verfassern nicht dadurch im Wege zu stehen, dass man sie mit irgendwelchen Ansprüchen einem zu hohen Erwartungsdruck aussetzt.
Bis auf Kirk sind auch die meisten der etablierten Figuren lumpig dargestellt. Spock (vgl. z.B. S. 326), Scotty (vgl. z.B. S. 252ff.) oder Chekov (vgl. z.B. S. 80ff.) sind kaum wiederzuerkennen und nur der kantige McCoy ließ ansonsten noch erahnen, dass es sich tatsächlich um die Crew der guten alten Enterprise handeln könnte.
Dieser Liste an nicht gemachten Hausaufgaben muss man auch schließlich die gesamte Handlung beifügen, denn mal ehrlich: So zwischen „Das unentdeckte Land“ und „Treffen der Generationen“ noch schnell so eine Geschichte dazwischen zu kloppen, die auch noch anderen Romanen wie Sarek, Die erste Mission oder der Novellisierung Generationen widerspricht, ist ja schon schlimm genug, doch dann auch noch die Story aus dem Legobaukasten für Star-Trek-Folgen zusammenzusetzen, ist doch etwas abgekaut.
Klingonenromulaner gab es nämlich schon im TNG-Zweiteiler „Der Moment der Erkenntnis“, der Jungbrunnen Chal erinnert zu oft an den Nexus und die Enterprise wurde ja schon mal im dritten Kinofilm „Auf der Suche nach Mr. Spock“ in die ewigen Jagdgründe geschickt.
Ganz besonders enttäuschend war der böse Gegenspieler Admiral Androvar Drake, der von Hass gegen Kirk zerfressen, nur einen müden Abklatsch des genialen Khan Noonien Singh in einer zu engen Sternenflottenuniform bieten konnte.

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Einen Superschurken kopieren kann wirklich jeder

Doch eine Sache an diesem Werk stört noch mehr als all diese bereits aufgezählten Kritikpunkte. Shatner nutzte das Werk nämlich, um seine Privatfehde mit George Takei, dem Darsteller Sulus, weiter anzuheizen. Wer jetzt aber an die ein oder andere nicklige Bemerkung denkt, ist schief gewickelt, denn der Autor stichelt auf viel subtilere und intrigantere Art und Weise gegen seinen Kollegen.
So muss Chekov, der ja noch in der ebenfalls von Shatner geschriebenen Story von „Am Rande des Universums“ in engster Freundschaft mit dem in San Francisco geborenen Steuermann verbunden zu sein schien, als Projektionsfläche für die aggressiven Gefühle des Autors herhalten.
Ebenjener Pavel Chekov, der absolute Loyalität Shat.. äh Kirk gegenüber empfindet (vgl. S. 91), wird dem doofen Sulu gegenüber handgreiflich (vgl. S. 81) und bezichtigt seinen ehemaligen Kameraden sogar der Kollaboration mit den fiesen Verschwörern (vgl. S. 329). Sulu, inzwischen ja zum Captain der Excelsior aufgestiegen, wird hingegen gleich zweimal wieder in seine Rolle als popeliger Steuermann zurückdegradiert (vgl. S. 290 und S. 367) und außerdem dazu erniedrigt, den positiven Einfluss Kirks auf seine Person zu betonen (vgl. S. 293). Ich bezweifle ernsthaft, dass bei einem Roman aus der Feder Takeis ähnliches zu lesen wäre.
Und was macht Kirk währenddessen?
Er erteilt Sulu generös die Absolution (vgl. S. 364) und erst danach kommt es zur halbherzigen Wiederversöhnung beider Offiziere.
Was für eine lausige Spitze! Da braucht man ja noch nicht einmal viel Fantasie, um da eine böse Absicht zu unterstellen. Doch selbst wenn das nur eine Interpretation dieser Handlungselemente ist, sollte eines betont werden:
Natürlich ist jeder Roman irgendwo nur ein Abbild der Lebensumstände des Autoren, doch einen so detaillierten und vor allem öffentlichen Einblick in den Zickenkrieg zweier alternder Schauspieler hätte sich Shatner nun echt klemmen können.

Übersetzung: So schizophren wie die Handlung ist auch die Übersetzung.
Na klar, Radikalität ist schon eine coole Sache, um Aufmerksamkeit zu erregen, aber die radikale sprachliche Ebene wirkt bei allem Verständnis für den Bruch mit der heilen Föderationwelt zu entrückt von den altbekannten Charakteren.
Ausdrücke wie „[...] am Arsch der Galaxis [...]“ (S. 23), „scheißegal“ (S. 65), „Arschloch“ (S. 81), „Herumbumsen“ (S. 260) oder „Glotzen“ (S. 310) sind zwar durchaus legitim, doch weder in ihrer Menge noch ihrem Einsatz angemessen. Kirk, Scotty oder Chekov sind nun einmal Kinder einer amerikanischen TV-Serie der Sechziger, und eine dementsprechende Wortwahl macht die Figuren aus.
Daneben gibt es die typischen Symptome der Heyne-Übersetzungskrankheit, doch eigentlich halten sich Begriffe wie „Starfleet“ (S. 18), „Starbase“ (S. 108), „Medokit“ (S. 121) oder „Medo-Trikorder“ (S. 240) in Grenzen, und obwohl man auf Seite 158 noch vom „Diskussegment“ lesen muss, heißt es gegen Ende des Buches auf Seite 376 sogar mal „Untertassensektion“!
Ungleich stiefmütterlichere Behandlung erfuhr das Klingonische. Während sich einige Übertragungsfehler lediglich auf Groß- und Kleinschreibung beschränken (vgl. S. 24), sind die Begriffe „Qtalh (S. 42) oder „K'tinga“ (S. 292) fehlerhaft übernommen worden.
Mühelos wird damit eine Brücke zum deutschen geschlagen, denn „Ambiente“ (vgl. S. 167) ist ja auch ein schwieriges Fremdwort, „Klingonen-Romulanerin“ (vgl. S. 251) eine heikle Kombination und „daß“ kann man schon mal mit „damit“ verwechseln (vgl. S. 204). Nein, im Ernst, die Fehlerquote hält sich für einen Roman, der fast 400 Seiten umfasst, erstaunlicherweise in Grenzen.
Wenn man allerdings den vielbeachteten Haupthelden, wie auf S. 343 geschehen, plötzlich jedoch "Kirch" statt 'Kirk' nennt, mutet das schon irgendwie merkwürdig an.

Anachronismen: Einige der Zeitangaben beißen sich mit den kleinen Bemerkungen, die im Verlaufe der verschiedenen Star-Trek-Serien fielen. Wenn man den Film nämlich zwischen „Das unentdeckte Land“ und Treffen der Generationen“ ansetzt, dann muss er im Jahr 2293 spielen.
Dem widersprechen allerdings einige Verweise innerhalb des Buches.
Wenn etwa Kirk vor 44 Jahren (vgl. S. 146) die Sternenflottenakademie besucht hätte, so wäre er damals lediglich blutjunge sechzehn Jahre alt, was schon irgendwie nach Kindersoldat klingt.
Auch das Geburtsdatum seines Sohnes ist trotz der lebhaften Erinnerung daran scheinbar falsch. Wenn David nämlich zwei Jahre vor Kirks erster Fünfjahres-Mission mit der Enterprise geboren worden wäre, so hätte er 2263 und nicht 2261 das Licht der Welt erblicken müssen (vgl. „Q2“).
Auch die klingonische Währung hat mal wieder einen neuen Namen. Während sie bei ENT darsek hieß („Kopfgeld“), wurde sie in „Die Ehre des Drachen“ als 'Huch' aufgeführt. Hier erhält sie den Namen 'Talon' und wirft die Frage auf, ob es bei den Klingonen denn keine Leitwährung besitzen...
Nun gut, man könnte natürlich jetzt auch darauf hinweisen, dass in diesem Buch mal wieder unzählige Bezüge auf Geldwirtschaft in der Föderation zu finden sind (z.B. S. 146, S. 150 oder S. 240), obwohl ja Shatner selbst noch aus den Dreharbeiten zu „Zurück in die Gegenwart“ wissen könnte, dass Geld in der Zukunft ein Relikt der Vergangenheit ist.
Um so erstaunlicher, dass auf Seite 39 Geld als veraltet bezeichnet wird, zumal auf der selben Seite mit Geld bezahlt wird. Das verwirrt natürlich schon etwas, denn ein logisches System scheint nicht dahinter zu stehen.
Doch auch andere Logiklöcher gesellen sich in diesen Reigen. Der Klingonenhasser Drake spricht klingonisch (vgl. S. 365), die Funksprüche der Enterprise werden im Gegensatz zu denen der Klingonen nicht abgefangen (vgl. S. 364) und wie Drake von der Excelsior entschwand, um wenig später plötzlich in einem von Transporterstörfeldern gesicherten Raum aufzutauchen (S. 345ff.), wird der Bequemlichkeit halber gar nicht erst thematisiert.

Fazit: Shatners erster Roman bricht auf radikale Art und Weise mit dem Bild einer heilen Föderation, greift philosophische und aktuelle Einflüsse auf und scheint auch den elften Kinofilm mit inspiriert zu haben.
Gut, er ist scheußlich geschrieben, trifft außer Kirk kaum eine der restlichen Figuren und liest sich wie eine einzige Laudatio des Darstellers auf die von ihm selbst verkörperte Figur.
Andererseits spart er an Anachronismen und Übersetzungsschnitzern, während er wiederum wenig originell und zu allem Überfluss auch noch Austragungsort einer Privatauseinandersetzung ist.
Gutes und schlechtes wechseln sich ständig ab, und 'schizophren' ist eines der passendsten Worte, mit denen man das Buch beschreiben kann.
Ohne Frage ein interessanter Start und auch wenn man vieles besser machen könnte, sollte man das Buch gelesen haben, bevor man Romane aus der Feder Shatners kategorisch ablehnt.

Denkwürdige Zitate:

Diese 'Heldentaten' …
Ja, Sir?
Das war nur mein Job. Und es ist schon lange her, daß ich diesen Job getan habe.
Es war mehr als ein Job, Sir. Für uns.
Kirk und ein Sternenflottentechniker, S. 20f.

Wie sie sicher wissen, unterstützen wir Sie natürlich bei jeder Entscheidung, die Sie treffen, und wünschen Ihnen in der Tat alles Gute.
Auch wenn wir dich für den letzten Trottel halten.
Spock und McCoy, S. 137

Wir sind Teil eines Teams.
Scotty, S. 255

Beam mich hoch, Scotty.
Kirk, S. 359



Bewertung: Schizophren!

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Weiterführende Leseliste:

Shatner 01: Die Asche von Eden
Shatner 02: Die Rückkehr
Shatner 03: Der Rächer
Shatner 04: Das Gespenst
Shatner 05: Dunkler Sieg
Shatner 06: Die Bewahrer
Shatner 07: Sternendämmerung
Shatner 08: Sternennacht
Shatner 09: Sternenfluchten

Sonntag, 7. Juni 2009

Der Rächer

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Buchbesprechung Shatner, William: Der Rächer, Heyne 1997/200.

Story: Wieder einmal schwebt die Föderation in größter Gefahr!
Dieses Mal hat eine Gruppe von Öko-Terroristen ein heimtückisches Virogen entwickelt, das sich in erster Linie gegen Pflanzen richtet. Es ruiniert die Ökosysteme ganzer Welten und zerstört damit die Grundlage allen Lebens. Auf immer mehr Welten werden Ausbrüche dieses geheimnisvollen Erregers registriert und die gesamte Infrastruktur der Föderation droht plötzlich zusammenzubrechen. Zwischen Blockaden, Hilfstransporten und Grenzpatrouillendienst bleibt der Sternenflotte kein angemessener Handlungsspielraum mehr, um Herr über die immer mehr ins Chaos abgleitende Situation zu bleiben.
Die USS Enterprise NCC-1701-E hat den Auftrag, die Blockade des Alta-Vista-Systems zu übernehmen. Doch der Ausbruchsversuch zweier vermeintlicher infizierter Personen bringt Picard und seine Crew auf die heiße Spur: Sie können die Spur der Urheber nach Vulkan zurückverfolgen. Doch der Preis, den Picard dafür zahlen muss, ist hoch. Er selbst infiziert sich mit dem hochgradig ansteckenden Pflanzenkiller und wird fortan auf der Shuttlebay in Quarantäne gehalten.
Währenddessen sieht sich ein Hilfsteam auf einem der am schwersten betroffenen Planeten einem ganz anderen Problem gegenüber. Der Typ, der aus dem Nichts auftaucht, ein Naturheilmittel gegen die wie wild um sich wütende Epidemie mitbringt und reihenweise die Herzen der Frauen bricht, hat eine auffallend große Ähnlichkeit mit einer historischen Persönlichkeit: James T. Kirk. Als der Planet angegriffen wird, übernimmt genau dieser Mann die Gegenwehr und schnell wird allen Beteiligten klar, dass diese Ähnlichkeit kein Zufall ist. Kirk erkennt den künstlichen Charakter des Virogens und folgt dessen Spure bis nach Vulkan.
Botschafter Spock hat in der Zwischenzeit auf dem Konferenzplaneten Babel ein holografisches Geständnis zugespielt bekommen, auf dem ein ehemaliger Mitarbeiter seines Vaters offenbart, dass Sarek ermordet wurde. Zusammen mit seinem treuen Mitarbeiter Srell deckt Spock Stück für Stück eine Verschwörung auf, die den Zusammenbruch der Föderation vorbereitet und an der sein Erzeuger unmittelbar beteiligt war. Nur ein alter Bekannter auf Vulkan, seinerzeit ein Intimus seiner Eltern und eine Art Onkel für ihn, kennt viele der Antworten.
Alle drei Parteien treffen sich schließlich auf Vulkan wieder und gemeinsam gehen sie gegen die unsichtbaren Feinde vor, die allerdings Verbündete haben, von denen kaum jemand auch nur ahnen könnte…

Lobenswerte Aspekte: Das Jahr 1997 stand im Zeichen der Furcht. Ebola beherrschte die Nachrichten und der erst zwei Jahre zuvor erfolgte Filmstart von „Twelve Monkeys“ war noch immer in aller Munde. „Der Rächer“ passt perfekt in diese Zeit und die Bedrohung der gesamten durch Krankheitsausbrüche und die Thematik des sorgsamen Umgangs mit der Umwelt beherrschten die Nachrichten.
Shatner hat sich also eines beliebten und noch immer hochaktuellen Themas angenommen. Denn auch in Zeiten der Vogelgrippe, des Milzbrands und der Schweinegrippe sollte uns bewusst sein, dass eine virale Ausbreitung auf unserem globalisierten Planeten eine ernstzunehmende Bedrohung für unsere gesamte Zivilisation ist. Shatner und seine helfenden Elfen Judith und Garfield Reeves schaffen es, diese Atmosphäre in die Zukunft zu tragen und somit in Star-Trek-typischer Manier ein aktuelles Thema in dieses Universum einzuweben.
Ähnlich wie im Vorgänger „Die Rückkehr“ gibt es auch hier eine besonders interessante Verknüpfung: Kirks Jugenderlebnisse auf Tarsus IV werden in einen größeren Zusammenhang gestellt und auch wenn ich die These, dass der Planet für das erste Symmetrikerexperiment missbraucht wurde, nicht immer schlüssig fand, muss ich doch zugeben, dass die Idee sehr reizvoll ist.
Geradezu genial fand ich den Lösungsansatz, wie man am besten aus Holo-Gefängniszellen ausbricht. Er bewies nicht nur ein interessantes Verständnis der Technologieform; die Idee, dass nicht nur Kirk, sondern auch drei andere Personen auf die Lösung kamen, wirkt mitunter geradezu versöhnlich. Besonders diese Stelle und wenige andere, an denen auch anderen Personen Freiräume gestattet wurden, um aus dem übermächtigen Schatten Kirks herauszutreten, wirkten genau dadurch erfrischend und glaubhaft.
Kirk wirkt in diesem Buch eher wie im fünften oder sechsten Kinofilm – forsch, tatendurstig – aber auch einfühlsam und komisch. Im Gegensatz zur schwachen Darstellung als Borg-Vergewaltigungsopfer in „Die Rückkehr“ erscheint er hier nahezu sympathisch und angenehm. Ganz besonders das zweifellos eindringlichste Motto der Figur, nämlich niemals aufzugeben, wird zu einem Grundtenor dieses Werkes, der zuweilen eine Brücke vom alten Mann aus einem vergangenen Jahrhundert zu einem neuen Leben in einer neuen Zukunft schlägt.
Doch auch andere Kontinuitätslinien sind auffällig. Wieder einmal wird eine Riege von Gaststars aufgeboten, um der Handlung Glanz zu verleihen. So trifft der aufmerksame Leser neben der TNG-Crew auch auf Spock, Pille, Ki Mendrossen, das MHN, T’Pring, Stonn oder Hugh.
Auch das wiederholte Wiedersehen zwischen Pille, Spock und Kirk verlief diesmal nicht ganz so kitschig und das erste Aufeinandertreffen Spocks und Kirks war sogar clever inszeniert und würde Vergleichen mit anderen Star-Trek-Filmen durchaus genügen.

Kritikwürdige Aspekte: Wo wir gerade bei Kontinuität sind: Auch in der Selbstbeweihräucherung Shatners in puncto Darstellung des legendären James Tiberius Kirks legte der Autor keine falsche Bescheidenheit an den Tag. Hier wird dick aufgetragen, da über die Maßen auf den Putz gehauen und schließlich die Figur völlig überhöht.
Die Föderation ist dem Untergang geweiht, und weil es in dieser Generation nur Nulpen und Vollpfosten gibt, die Raumschiffe kommandieren, wartet das Universum nur auf die Rückkehr des seiner eigenen Perfektion bewussten Toupetträgers. Spock ist verzweifelt, Picard den Tränen nahe und die ganze Föderation sehnt den neuen Messias herbei…
Wer mag da wohl wiederauferstehen und die Zukunft vor der drohenden Apokalypse retten? Natürlich, William Shatner! Oder, wenn der grad nicht kann (manchmal zwickt es ihm böse im Rücken, hab ich mal gelesen), seine Projektionsfläche: der heldenhafte Jim Kirk!
Aber ein treuer Leser meines Blogs schrieb im Kommentarbereich zu „Die Rückkehr“:

Dieses Buch spielt für mich in einer alternativen Gegenwart - dem Shatnerversum - hier kann der selbstverliebte ü70er schalten und walten wie er will.“ DomPatHug, 27. April 2009

Weil ich nun gerade solchen hilfreichen Kommentaren offen gegenüber stehe und getreulich versuche, so eine Rezension auch mal aus einem anderen Blickwinkel heraus anzugehen, hab ich mir das zu Herzen genommen und gebe zu, dass dieses Buch unter dieser Prämisse durchaus lesbar ist. Nun gut, Star Trek XI hat sich wenigstens zur Verlegung der Rahmenhandlung in ein Paralleluniversum bekannt, aber bei Shatner implodiert zumindest die Heimatwelt der Vulkanier nicht!
Also sah ich mit einem eher belustigten Gesichtausdruck dabei zu, wie sich eine juvenile Sternenflottenmieze in eine sechzigjährige Knackwurst verliebt. Mit Erheiterung erfuhr ich von den Haarfantasien Shatners:

Er hatte längeres Haar als auf dem Bild, und sie waren nach hinten gebunden.“ S. 79.

Und schließlich prustete ich vor Lachen, als Kirk als erster Mensch mit einem Vulkanier verschmolz – gegen den Willen des telepathisch überbegabten spitzohrigen Symmetrikers!
Höhepunkt ist jedoch ohne Frage, dass nun Spock und Kirk auch noch so eine Art Gedankenverschmelzungsblutsbrüder sind – Eine Wendung, die ich bei Karl-May-Festspielen, aber dann doch nicht bei Star Trek erwartet hätte…
Hinzu kommt, dass das Buch neben diesen Egotrips diverse Logikschlaglöcher aufzuweisen hat, die das Lesen zu einer recht holprigen Fahrt machen.
Im 24. Jahrhundert, dessen größter technologischer Fortschritt meiner bescheidenen Meinung nach in der Erfindung von Replikatoren liegt, sollte eine Pflanzen vernichtende Virenseuche eigentlich kein so großes Chaos auslösen. Und wenn so ein großes Unglück schon die gesamte Föderation in Atem hält und so sehr schwächt – warum bemerkt man beim zeitgleich laufenden DS9 nichts davon?
Zudem fand ich die Behauptung, man könne Pflanzenextrakte und Salben gegen Nanosonden einsetzen, äußerst gewagt. Wenn es tatsächlich so eine Art homöopathisches Anti-Borg-Nivea gibt, dann sind die Borg eigentlich nichts weiter als eine Art heftiger Schnupfen, an dem nur dummerweise unzählige Welten des Deltaquadranten leiden. Das wird der Sache einfach nicht gerecht und nimmt den Borg den Schrecken, den andere Serien ihnen zugestehen. Doch wer weiß schon, auf welcher Grundlage das Parfüm hergestellt wurde, das Dr. Phlox an dem Tag aufgetragen hatte, als die Borg erfolglos versuchten, ihn zu assimilieren (ENT „Regeneration“)?

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Altes Laub für neues Leben

Schließlich fand ich die abschließende Moral der Geschichte merkwürdig. Einerseits ruft Kirk zu verantwortungsvollerem Umgang mit der Umwelt anderer Systeme auf, aber andererseits legitimiert er das Vorgehen der Öko-Terroristen, da diese durch ihre Aktionen das gesellschaftliche Interesse weckten. Nun, das Buch wurde wohl eindeutig vor dem 9. September 2001 geschrieben, denn auch wenn diese Anschläge das Bewusstsein für die Probleme in der muslimischen Welt geschärft haben, wage ich zu bezweifeln, dass Shatner eine ähnliche Lehre aus diesen Ereignissen ziehen würde.
Bleibt schließlich noch, an der Übersetzung zu kritteln. Diese ist gar nicht so schlecht wie in „Die Rückkehr“, und wenn man sich an den doofen Gewohnheitsfehlern „Starfleet“ (S. 20), „Insignienkommunikator“ (S. 235) oder „Diskussegment“ (S. 342) nicht aufhält, findet man nur wenige schwerwiegendere Fehler wie falsche Adjektive („Das Cupric-Gruppe […]“, S. 295), dass/damit-Schwächen („[…] damit ich ihnen die Nachricht überbringe […]“, S. 44) Eigennamenschreibfehler („Earl Gray“, S. 273) oder Unkenntnisbeweise für Star-Trek-Begriffe („ShirKa“, S. 246 statt „Shi’Kahr“).
Natürlich nerven erneut die vielen Medo-Kombinationen in diesem auf medizinischen Aspekten fußenden Roman: Obwohl es selbst im Deutschen als „Medkit“ übernommen wurde, finden wir hier das „Medokit“ (S. 364) und seine Mutantenbrüder „Medotechniker“ (S. 252), „Medo-Logbuch“ (S. 275), „Medo-Abteilung“ (S. 275), „Medo-Einrichtung“ (S. 277) und „Medo-Schiffe“ (S. 396). Ich weiß wirklich nicht, wer dafür verantwortlich ist, dass sich diese Bezeichnungen bei Star-Trek-Romanen so durchgesetzt haben, doch diese Person sollte sich bewusst sein, dass diese ganzen in den Serien und Filmen völlig anders bezeichneten Begriffe die Kluft zwischen Buch und Kanon unnötig vergrößert haben.
Doch so eine Übersetzung hat natürlich auch ihre natürlichen Grenzen. Wortspiele, wie um den Begriff „the real McCoy“ – der übrigens nix mit der fürchterlichen Eurodance-Truppe zu tun hat, die meine Generation in unserer Jugend nervte - sind nun mal nur unter großen Verlusten ins Deutsche übertragbar – und dafür kann auch kein Übersetzer der Welt etwas.




Anachronismen: Sicherlich erinnert sich der ein oder andere noch daran, dass die „Tellariten“ in der TOS-Episode „Reise nach Babel“ von der deutschen Synchronisation noch rücksichtslos als „Tellurier“ bezeichnet wurden. Erst in der Enterprise-Serie änderte sich dies grundlegend. Als „Telluriten“ (S. 32) wurden sie allerdings nie bezeichnet.
Doch die bislang jüngste Star-Trek-Serie mauserte sich schließlich zum Hauptstolperstein für diesen Roman, was allerdings auch verständlich ist, da sie erst weit nach der Veröffentlichung von „Der Rächer“ überhaupt entstand.
So führt diese Serie den Beweis, dass kaum noch jemand weiß, was sich in den frühen Tagen der Erdenraumfahrt zugetragen hat. Selbst der Hobbyhistoriker Picard weiß laut dieses Buches nicht, dass es nach dem 21. Jahrhundert sehr wohl eine Isolationsbewegung auf der Erde gegeben hat (ENT, „Terra Prime“).
Obwohl sein Kapitänskollege Kirk zeitlich viel näher an dieser Weltraumpionierzeit geboren wurde, offenbart auch er große Bildungslücken, als er nach terroristischen Aktivitäten auf Vulkan fragt. Weder ihm, noch dem eifrigen Spock-Assistenten Srell fällt der Anschlag auf die Erdenvertretung im Jahr 2154 ein (ENT „Der Anschlag“), obwohl die dahinter stehende Organisation durchaus der Erwähnung wert gewesen wäre.
Überhaupt kollidiert das Vulkanierbild zu oft mit dem bei ENT und den bereits in anderen Serien und Filmen zuvor postitulierten Eigenschaften der Vulkanier.
So beschreibt Shatner die Gedankenverschmelzung zwischen Vater und Sohn als elementaren Baustein in der elterlichen Beziehung. In der ENT-Folge „Stigma“ hingegen ist zu erfahren, dass nur ein Teil des grünblütigen Volkes überhaupt in der Lage ist, diese Prozedur durchzuführen.
In der dritten Staffel gibt T’Pol in „Impulsiv“ einem jungen MACO-Soldaten Folgendes zu verstehen: „Wir haben Emotionen aber für gewöhnlich halten wir sie unterdrückt – unter Kontrolle.“ Warum sich Riker jedoch aus dem Fenster lehnt, und sich auf S. 344 dazu hinreißen lässt, seiner späteren Frau den Satz „Es sind Vulkanier, Deanna. Natürlich waren da keine Emotionen spürbar.“ um die Ohren zu schlagen, wird wohl ein Geheimnis bleiben, zumal auch in mehreren anderen Kanonerwähnungen die emotionale Kontrolle der Vulkanier angesprochen wird (Star Trek V: Das unentdeckte Land, TNG „Botschafter Sarek“, DS9 „Freies Schussfeld“ oder VOY „Gewalt“).
Warum schließlich für Rikers Kollegen Lieutenant Commander Data Gefahr bestehen soll, wenn er sich ohne Schutzkleidung zu lange dem offenen Weltraum aussetzt, bleibt ebenfalls ein Rätsel. Abgesehen von Datas letztem Kurzausflug in Star Trek: Nemesis überlebt sein baugleicher Bruder Lore eine ganze Zeit im offenen Raum, bis ihn endlich ein Pakled-Frachter aufliest (TNG „Die ungleichen Brüder“).
Ein pikanter Kanonbruch bietet sich allerdings erst seit dem neuesten Kinofilm. Die technisch höchst fragwürdige, doch nunmehr Tatsache gewordene Überlichtgeschwindigkeitstransporterbenutzung Pine-Kirks und Pegg-Scottys widerspricht der Behauptung dieses Shatner-Kirks, dass normale Transporter Materie maximal über eine Reichweite von 25.000km transportieren könnten. Da die entsprechende Formel vom Montgomery Scott dieser Zeitlinie stammte, muss sie eigentlich auch für das Shatnerversum gelten…

Fazit: Mit ein wenig Toleranz für das Ego Shatners kann man „Der Rächer“ tatsächlich lesen. Zwar sind viele Details und Storyentwicklungen mit 'abstrus' noch sehr wohlwollend umschrieben, doch einige andere der hier auf das Tapet gebrachten Ideen können sich durchaus sehen lassen.
Noch immer sind die hier beschrieben Auswirkungen viel zu weitreichend, doch im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist dieses Buch geradezu herausragend und da auch die Übersetzung einigermaßen passabel ist, kann festgehalten werden, dass dieser der bislang angenehmste Roman aus der Feder Shatners war. Sicherlich noch weit weg von Weltliteratur; noch lange nicht in Sichtweite von Star-Trek-Autoren wie David Mack oder Peter David; doch mit den meisten Werken Vornholts, Vardemans oder Weinsteins hält dieser Band mühelos Schritt.

Denkwürdige Zitate:

Er hat schon eine Verschmelzung hinter sich. Mit dem Führer.“ Stron über Picard, S. 159

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Verschmelzungen mit Sarek gehören in einem aus der Mode gekommenen Seitenarm unserer Galaxie nun mal zum letzten Schrei

Aber… in seinem Logbuch steht, daß er Sie begraben hat.“
Hat er auch.“
Und…?“
Er hat es allem Anschein nach nicht sehr gut gemacht.“ Christine MacDonald und Kirk, S. 155

Auf abwesende Freunde.“
Und auf Dr. McCoy.“ Kirk und Spock, S. 220

Je länger ich in der Flotte bin, desto niedriger wird mein Dienstgrad.“ Kirk, S. 236

Die E? Was soll das? Fallen der Flotte keine Namen mehr ein?“, Kirk, S. 335

Und während wir darüber streiten, gehen Kulturen unter. Ich habe keine Geduld mehr zum Streiten. Die Zeit ist der endgültige, nicht mehr erneuerbare Rohstoff und sie läuft immer schneller davon.“ Kirk, S. 397f.

Bewertung: Zu ertragen, aber bestenfalls unteres Mittelfeld.

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Weiterführende Leseliste:

Shatner 01: Die Asche von Eden
Shatner 02: Die Rückkehr
Shatner 03: Der Rächer
Shatner 04: Das Gespenst
Shatner 05: Dunkler Sieg
Shatner 06: Die Bewahrer
Shatner 07: Sternendämmerung
Shatner 08: Sternennacht
Shatner 09: Sternenfluchten

Freitag, 24. April 2009

Die Rückkehr

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Buchbesprechung Shatner, William: Die Rückkehr. Heyne 1996.

Story: Captain Kirk ist wirklich tot, – und die NCC-1701-D ist eben grade auf Veridian III abgestürzt. Ein Team von Technikern sichert unter der Leitung Rikers letzte Schiffssysteme, während Botschafter Spock eingetroffen ist, um von seinem alten Captain Abschied zu nehmen. Doch plötzlich wird das Bergungsteam von einem unbekannten Feind angegriffen – die Reste der Enterprise werden bombardiert und der Körper des toten Kirks wird vor den Augen seines Freundes davongebeamt.
Hinter dem mysteriösen Angreifer verbirgt sich eine militante romulanische Splittergruppe, die sich mit den Borg verbündet hat, um die Föderation auszulöschen.
Sie beleben die tote Sternenflottenlegende Kirk, um sein Gehirn zu waschen und ihn auf den einzigen Mann zu hetzen, der einer Invasion der Borg entgegenwirken könnte: Jean-Luc Picard

Lobenswerte Aspekte: „Die Rückkehr“ erschien im selben Jahr wie Star Trek: Der erste Kontakt und wenn man bedenkt, dass so ein Buch seine Zeit zur Konzeption und braucht, ist es erstaunlich, wie viele Details aus dem Film im Buch ebenfalls auftauchen. Hüben wie drüben werden z.B. Projektilwaffen gegen die fast unsterblichen Maschinenwesen eingesetzt und auch Picard ist mit seinen Gefühlen den Borg gegenüber nicht im Reinen.
Commander Riker und Admiral McCoy sind beide wirklich gut getroffen und immer wieder fällt auf, dass ein immenses Faktenwissen miteingeflochten wurde. Daran Schuld sind sicher das Autorenpaar Judy und Steven Garfield Reeves, die Shatner beim Schreiben unter die Arme griffen.
Genial ist übrigens meiner Meinung nach die Idee, V’ger und die Borg miteiander in Verbindung zu bringen. Ich hab zwar irgendwie darauf gewartet, dass auch noch enthüllt wird, dass die Borg-Königin niemand anderes als die Deltanerin Ilia ist, aber zugegebenermaßen bietet bereits der Ansatz schon eine Möglichkeit, diesen Gedanken in späteren Werken auszuführen.

Kritikwürdige Aspekte: Das absolut Störendste an diesem Buch ist die andauernde Selbstbeweihräucherung Kirks. Wenn man die verschiedenen Lobeshymnen auf den Charakter liest, kann man sich Shatners wütende Enttäuschung über die Nichtberücksichtigung seiner in Star Trek XI sehr lebhaft vorstellen.



Shatner oder nicht Shatner? Eine längst beantwortete Frage

Im Großen und Ganzen liest sich das Buch wie ein Hip-Hop-Song: Alle anderen sind schlechte Kopien und Kirk ist der größte, der schönste, der schlauste! – Nur wo sind seine Leute da draußen?
Die kommen natürlich auch in einem widerlich kitschigen Moment zusammen: der alte Spock und der an den Rollstuhl gefesselte McCoy dürfen ihren guten alten Freund noch einmal sehen, bevor er wieder stirbt – oder doch nicht? Das Ende des Buches lässt diese Frage im Raum stehen und arbeitet, ohne auch nur eine Sekunde Zweifel daran aufkommen zu lassen, auf ein weiteres Leben Kirks hin.
Doch wie viele Tode kann dieser alte Mann denn noch überleben? Erinnern wir uns: In Star Trek VI: Treffen der Generationen sah Kirk schon nicht mehr allzu jung aus, und laut Memory Alpha war er bereits 60 Jahre alt. Ich möchte den sechzig Jahre alten Menschen sehen, der gegen Worf, der bereits große Erfahrungen in dieser Disziplin hat (und auf Forcas III einen entsprechenden Wettbewerb gewann) und knapp 30 Jahre jünger ist, einen Bat’leth-Kampf so klar überlegen gewinnt.

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Eine schlechte Collage – obwohl der Fall auf den ersten Blick eindeutig aussieht, wird Kirk den Klingonenmann noch besiegen

Überhaupt ist dieser lahme Kampf ein gutes Beispiel für die Schwächen des Buches: Die spannenden Stellen sind nicht spannend, die lustigen nicht lustig. In Kombination mit einer Storyline, die so abgehoben und syrreal wirkt, macht es das Lesen zu einem entnervenden Prozess, bei dem man sich irgendwann nur noch wünscht, dass es endlich zu Ende ist.
Als ganz besonders schlimm empfand ich persönlich die Stellen, in der die Fantasie des Schreiberkollektivs scheinbar völlig durchgegangen ist. Assimilierte Dobermänner? Hallo?! Borg-Hyperwürfel? Geht’s noch? Ein Riesenborg wie in Elite-Force II? Get a live!
Erschreckend ist, dass Shatner offen mit den Konventionen der Star-Trek-Autoren bricht. Im Anhang des ersten Vanguard Buches schreibt David Mack von seinen ersten Romanideen, und wie er sie verwarf, weil sie einigen goldenen Regeln des Schreibens von Star-Trek-Romanen widersprachen. Solche Regeln sind natürlich sinnvoll, um die Kluft zwischen Büchern und Kanon nicht zu groß werden zu lassen. Aus diesem Grund sind Bücher, in denen so weitreichende (Quadranten umspannende) Veränderungen beschrieben werden, dass sie früher oder später mit einer Serie oder einem Film in Konflikt geraten müssen, kontraproduktiv und können einfach nicht ernst genommen werden. Würde beispielsweise jemand in einem Buch schreiben, dass sich das Romulanische Imperium plötzlich auflöst und die entfernten Cousins der Vulkanier zu Mitgliedern der Föderation werden, kann man an einem Finger abzählen, wann dieser Fantasie in einem Film oder einer Episode widersprochen wird. Solche Werke werden vom Kanon überholt und vom Publikum nur ungern gelesen.
Shatner ist es gelungen, genau solch ein Buch zu schreiben, dass so tiefgehende Auswirkungen auf die Star-Trek-Chronologie beschreibt, dass es früher oder später vom Lauf verschiedener Serien (DS9, VOY) und den Star-Trek-Kinofilmen widerlegt werden musste. Die beiden Reeves hätten ihm eigentlich so richtig mit einem Holzlöffel auf die Finger klopfen und diesem mittlerweile buchgewordenen Ausdruck von Größenwahn ein Ende setzen müssen, bevor es zum Druck gekommen ist.
Das alles wären schon viel zu viele Gründe, das Buch gar nicht erst zu lesen, aber es gibt noch mehr! Erschreckend sind die vielen kleinen Fehler, die nicht in den die Parameter des Star-Trek-Universums passen. Seit wann haben Schiffe der Defiant-Klasse Holodecks? Und was ist mit denen auf Deep Space Nine? Als das Programm ausgeschaltet wird, sehen sie nicht die eigentümliche Technologie der Holosuiten, sondern das gelbe Gitter auf schwarzen Grund.
Warum sollten die Romulaner ein Schiff „Arche“ (S. 54) nennen? Woher kennen sie überhaupt diesen Aspekt der Erdenmythologie?
Und was ist mit der Föderation los? Warum hat eine Forschungseinrichtung der Föderation „Garnisionsmauern“ (S. 126)? Besonders unnachvollziehbar finde ich, dass Picard und Crusher drei volle Tage mit Helm und Rüstung herumlaufen, schwitzen und keine Möglichkeit haben, ihre Klamotten zu wechseln oder zu duschen – trotzdem gelingt es der Chefärztin noch immer, weiches und duftendes Haar zu haben. Ich habe das gleiche im Selbstexperiment versucht, aber das Ergebnis war zu meiner Überraschung ein völlig anderes!!

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Und wieder ein aufopferungsvolles Selbstexperiment mit fatalen Folgen

Mein Lieblingsfragezeichen gilt aber dem Einsatz von Antimaterie. Diese wird nämlich freigesetzt und das, was eigentlich passieren müsste, wäre, dass es zu einer unaufhaltsamen Kettenreaktion kommt die die gesamte Planetenoberfläche wegradiert. Stattdessen trennt sie lediglich einem Klingonen ein Bein ab. Was soll das? Ist Antimaterie plötzlich harmlos geworden?
Neben der Realität werden auch die Charaktere recht stiefmütterlich behandelt. Mal abgesehen vom Superkirk wurden besonders Picard, Spock, Data und LaForge unheimlich schlecht getroffen, zumal man ständig das Gefühl hatte, als ob die vier letzteren absichtlich eine Stufe unter die Integrität des Landburschen aus Iowa gestellt wurden. Der ist nämlich noch übertrieben stärker, noch anziehender auf Frauen und noch integrer als zu TOS-Zeiten beschrieben.
Die vielen Querverweise und Anspielungen auf andere Ereignisse in anderen Star-Trek-Serien und –Filmen sind irgendwann zuviel und wirken streckenweise nur noch wie der verzweifelte Versuch, diese rahmensprengende Geschichte irgendwie in einen Gesamtkontext zu fesseln. Diese Verzweiflung ist besonders daran zu merken, dass die Autoren die schillerndsten Ortschaften der Galaxie aufsuchen (Deep Space Nine, Romulus, Qo’noS, Veridian, die „Borg-Heimatwelt“) und die wichtigsten Personen (Quark, Bashir, Spock, McCoy, die gesamte TNG-Crew) der bekannten Galaxis treffen lassen. Jene Bemühung erscheint dem Leser irgendwann aufgesetzt und wie der viel zu oft erprobte Versuch, einer schlechten Story durch den Einsatz von Gaststars unverdienten Glanz zu verleihen.
Abschließend bleibt schließlich ein wohlbekannter Kritikpunkt, für den allerdings nicht einmal William Shatner etwas kann: Die Übersetzung.
Es ist das alte Lied: Unnachvollziehbare Übertragungen wie „Diskus“ statt „Untertassensektion“ (S. 80), „Wrigleys Freudenwelt“ statt „Wrigleys Vergnügungsplanet“ (S. 140) oder „Jumja-Stock“ statt „Jumja-Stick“ (S. 247) zeugen davon, dass der Übersetzer von Star Trek keine Ahnung hatte. Wortschöpfungen wie „angelegentlich“ (S. 354) oder „Unflat“ (S. 96) oder gar der Satz „Dann knallte er in den Schmutz, als sei er statt von von [sic!] einer Bordsteinkante von einer drei Meter hohen Mauer gesprungen.“ (S. 42) zeugen hingegen von seiner Schwäche im Umgang mit der deutschen Sprache. Ich meine, dass es schon doof ist, in den Schmutz zu „knallen“, aber zweimal „von“ in diesem Satz ist schon einmal zu viel.
Besonders peinlich finde ich schließlich den auf Shuttlebays bezogenen Satz „Wahrscheinlich deswegen, weil die meisten Schiffe der Galaxis nur drei hatten.“ (S. 317). Nicht nur, dass dies streng genommen gar kein richtiger Satz ist; er offenbart auch noch einen bösen Übersetzungsfehler, der mit dem Unwissen des Übersetzers in puncto Star-Trek zu tun hat. Gemeint ist schließlich nicht die Milchstraße, sondern die Galaxy-Klasse, aus deren Reihe die ebenda beschriebene USS Challenger entstammt. Somit steht der Satz symbolhaft für diese – selbst im Vergleich zu anderen Star-Trek-Büchern – extrem schwache und schludrige Übersetzung.

Anachronismen: Für die meisten Anachronismen können die Autoren nichts, denn sie betreffen zumeist Punkte, die in nach 1996 gedrehten oder gesendeten Folgen geklärt wurden. So mutet es nur merkwürdig an, dass die Borg miteinander reden, statt, effektiv und störungsfrei, das Hive-Bewusstsein zu nutzen. Auch der Vertrag zwischen den Borg und den Romulanern wird erst im Voyager-Zweiteiler „Skorpion“ ad absurdum geführt. Schließlich ist auch die Verbindung von Borg und V’ger durch verschiedene Andeutungen während Star Trek Voyager mehr als fraglich. Gleiches gilt auch für die Beschreibung der Heimatwelt der Borg.
Die im Buch gerühmte Unzerstörbarkeit der Defiant-Klasse wird besonders eindrucksvoll in der Deep-Space-Nine-Episode „Im Angesicht des Bösen“ widerlegt. Auch die Beschreibung Romulus’ entpuppt in Star Trek: Nemesis und diversen Star-Trek-Episoden (TNG, DS9, ENT) als falsch.
Schließlich ist die kurzzeitige Umbenennung der USS Monitor in USS Enterprise nicht nur unlogisch und eklig kitschig, sondern auch schlichtweg nie passiert (vgl. DS9 „Immer die Last mit den Tribbles“).
Doch auch wenn eigentlich niemand etwas für diese Fehler kann, bleiben sie nervig und man fragt sich während des Lesens massiv, warum man sich so etwas zu Gemüte führt, obwohl man ganz genau weiß, dass es mit den Geschehnissen aus den Serien und den Filmen nicht vereinbar ist.

Fazit: Das Buch ist ein Beweis für die offensichtliche Talentarmut Shatners. Auch wenn ich seine Schauspielleistungen noch recht ansprechend finde, sind seine musikalischen und literarischen Fähigkeiten mit „armselig“ noch sehr wohlwollend umschrieben – da konnte nicht einmal das Co-Autoren-Paar Reeves was ausrichten. Um es im Jargon dieses Buches zu sagen: Das Lesen dieses Werkes ist eine Verschwendung von Ressourcen.

Denkwürdige Zitate:

Die Flotte flüchtet nicht.“ Willam Riker, S. 22

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Bewertung: Assimilierte Borgkacke fast außerhalb jeder Wertung.

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Weiterführende Leseliste:

Shatner 01: Die Asche von Eden
Shatner 02: Die Rückkehr
Shatner 03: Der Rächer
Shatner 04: Das Gespenst
Shatner 05: Dunkler Sieg
Shatner 06: Die Bewahrer
Shatner 07: Sternendämmerung
Shatner 08: Sternennacht
Shatner 09: Sternenfluchten