Freitag, 18. Juni 2010

Starfleet-Kadetten 10. Die Atlantis Station

Buchbesprechung Mitchell, V.E.: Starfleet Kadetten. Band 10. Die Atlantis Station. Heyne, 1994/1996.

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Story: In einer Art Praxissemester müssen junge Kadetten der Sternenflottenakademie unter Beweis stellen, dass sie in der Lage sind, das breite Spektrum ihres zukünftigen Berufsfeldes abzudecken.
So ergeht es auch Geordi LaForge, dessen Start in diese Bewährungsprobe allerdings unter einem ungünstigen Stern steht: Er erscheint zu spät zum Starttermin, gerät in eine Gruppe von recht anstrengenden Kommilitonen und erhält nicht einmal die Gelegenheit, seine Flugkünste unter Beweis zu stellen.
Gegenstand ihrer 'Mission' ist die Erkundung der „Isla del Fuego“, einer Vulkaninsel im Atlantik. Nach einigen einleitenden Untersuchungen erhärtet sich Geordis Verdacht, dass einer erneuter Ausbruch des aktiven Feuerschlots unmittelbar bevorsteht. Zwei seiner Kameraden stützen diese Analyse mit ihren eigenen Erkenntnissen, doch der Rest der Gruppe zweifelt daran und nimmt die Warnungen nicht ernst.
Als das „Team“ jedoch die Tiefseeforschungsstation „Atlantis“ erreicht, tritt ein, was LaForge voraussah: Der Vulkan bricht aus, Erdbeben erschüttern die Umgebung und die weit unter dem Meeresspiegel liegende Station muss evakuiert werden. Doch „Neptuns Spind“, wie das Wunderwerk der Technik unter seinen Bewohnern auch genannt wird, entpuppt sich als wahre Todesfalle, denn längst haben eindringende Wassermassen den flüchtenden Kadetten den Weg zu ihrem Shuttle abgeschnitten. Geordi und seinen Kameraden bleibt nichts anderes übrig, als sich einen Weg durch die eisigen Wassermassen zu bahnen...

Lobenswerte Aspekte: Auf der Widmungsplakette der USS Enterprise NCC-1701-D ist folgender Sinnspruch zu finden:

to boldly go, where no one has gone before

Das machte Sinn und war für den Zuschauer Programm; Zefram Cochranes Worte passten wie die Faust aufs Auge zur Fernsehserie. In diesem Buch nutzt Autorin Victoria E. Mitchell ebenfalls eine Widmung, um die Richtung anzudeuten, in die es gehen soll:

Für alle Fans von Star Trek – The Next Generation, die wissen, daß in Wirklichkeit Geordi der Held ist“ (S. 8)

Das klingt schon mal vielversprechend! Geordi ist als Hauptfigur viel zu oft verschmäht und ihn gleich mit einer weiteren zentralen Rolle in einem Starfleet-Kadetten-Roman zu versehen macht das recht kurze Büchlein noch lesenswerter.
Natürlich muss man bei dieser eigentlich für Kinder und Jugendliche angedachten Reihe Abstriche in puncto Stil, Handlung und Aufbau machen, weswegen es umso erstaunlicher ist, wie die Verfasserin es schafft, hier ein recht kompliziertes Thema publikumsgerecht zu verpacken. Der Fokus liegt nämlich gar nicht so sehr darauf, dass Geordi durch seine Blindheit mit einer Behinderung lebt, sondern viel eher auf dem Problem der damit einhergehenden beabsichtigten und unbeabsichtigten (vgl. s. 68ff.) sozialen Ausgrenzung. Das ist schon eine Etage höher als das, was man normalerweise aus Sitcoms, Teenie-Soaps oder Zeichentrickfilmen gewohnt ist.
Stichwort Zeichentrickfilm: Das erwähnte Aquashuttle erinnert als solches sehr an die TAS-Folge „Die Entführung“; ein kleiner Knicks vor der Serie, die sich nie zwischen Erwachsenen und Kindern entscheiden konnte. Mit viel Fantasie und einer Menge guten Willens kann man auf einer der vielen Zeichnungen innerhalb des Buches erkennen, dass es sich irgendwie um eine Weiterentwicklung dieses Gefährts handeln muss (vgl. Abb. S. 57).
Die Bebilderung ist nicht der große Renner, doch hin und wieder blitzt eine gewisse Pfiffigkeit auf. Die Abbildung des abgetauchten, dennoch aber gut zu erkennenden Andorianers ist eine putzige Idee (vgl. Abb. S. 105), die geschickt mit der fremdartigen Anatomie des Volkes spielt.
Dabei ist anzumerken, dass die blauhäutigen Föderationsmitglieder äußerst vorausschauend beschrieben sind. Die Empfindlichkeit ihrer Fühler besonders bei Verletzung (vgl. S. 90) und die
revitalisierende Wirkung von Kälte (vgl. S. 108) zählen schließlich zu jenen Aspekten, die erst im Laufe der Fernsehserie „Enterprise“ zu Tage traten, von der Mitchell 1994 noch gar nichts wissen konnte.
Die große Stärke ist allerdings die Story. Man liest nämlich nicht, wie sonst zu oft, eine lahme Kurzgeschichte, bei der man die ganze Zeit weiß oder zumindest ahnt, dass alles nur eine Holodecksimulation oder eine Übung ist.
Eher im Gegenteil. „Die Atlantis-Station“lebt von einer 'echten' Geschichte, im Zuge derer es sogar zu Toten kommt; ein Umstand, den man innerhalb der Starfleet-Kadetten-Reihe kaum ein zweites Mal erleben kann.

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For Absent Friends: ein Schluck auf Geordi LaForge, von dem wohl nix neues mehr auf der Leinwand zu sehen sein wird

Kritikwürdige Aspekte: Kalte Wassermassen die stählerne Flure entlangdonnern – das klingt nicht nur nach Camerons Titanic, das liest sich auch so! Gott sei Dank, dass sich für den bis zuletzt einsamen LaForge in den 140 Seiten nicht noch eine angedeutete Beziehung anbahnt, denn die hätte dann unweigerlich ins Wasser fallen müssen. Doch auch hier gilt: Titanic war 1997, „Die Atlantis-Station“ 1994.
Also wenden wir uns lieber den eigentlichen Problemen zu.
Wer bereits den Vorgängerband „Erobert die Flagge“ gelesen hat, wird das ein oder andere bekannte Gesicht vermissen, denn wenigstens ein bekannter Charakter hätte der gesamten Serie etwas mehr Kontinuität verliehen. Es ist ja auch nicht so, dass es keine dem entsprechenden Planstellen gegeben hätte; hüben wie drüben finden wir jeweils einen Vulkanier und einen Andorianer.
Zum Glück fehlt hingegen der der Zwergpygmäe, doch zu meinem großen Ärger wird er durch einen Samurai ersetzt, um wenigstens einen exotischen Kadetten aus dem Hut zu zaubern, an dem den kindlichen Leser klargemacht werden kann, wie toll und bunt unser eigener Planet ist. Doch plagiative Klischees und nervtötende Lebensweisheiten, irgendwo zwischen „The Last Samurai“, frühen amerikanischen Ostpazifik-Weltkriegsschinken und „Teenage Mutant Hero Turtles“, begleiten Yoshi Nakamura auf viel zu vielen Seiten (vgl. z.B. S. 101). Ich hatte eigentlich nur noch darauf gewartet, dass der junge Mann den Rest seiner Kameraden durch eine heroische Kamikaze-Aktion rettet, denn das hätte gut zu den restlichen Vorurteilen gepasst, die sich hier von Seite zu Seite wälzten. Oder er hätte aus Wut über die Fehlbarkeit seiner Mitstudenten Harakiri verübt!
Egal welches klassische Klischee sich Mitchell ausgesucht hätte, dass Bild dazu hätte mich definitiv interessiert...
So schön die Bebilderung dieser Werke auch ist, so sehr stört in gleichem Maße, dass die Unterschiede zum Gelesenen so groß sind. Da unterscheidet sich die im Text beschriebene Reihenfolge, in der die einzelnen Personen vom Wasser erfasst werden,(vgl. S. 104 und Abb. S. 105) genauso wie die Verwendung von Atemmasken (vgl. S. 116), die auf Schwarz-Weiß-Darstellungen ebenfalls nicht auszumachen sind (vgl. Abb. S. 119). Wenn es jedoch egal gewesen ist, was für Bilder den Text begleiten sollen, hätte man genauso gut ein paar Stück Rauhfasertapete zwischen den Text kleistern können, um die Fantasie der Leser anzuregen.



Ich wusste es - Mist!

Übersetzung: Auf den paar Seiten Text bleibt nicht viel Platz für Fehler. Allerdings fällt gleich als erstes die Uneinheitlichkeit zwischen zwischen dem Buchtitel und den Erwähnungen der Atlantis-Station innerhalb des Werkes auf (vgl. S. 14, S. 20 oder S. 59).
Ansonsten erwarten den Leser ein Stelldichein von alten Bekannten.
Englische Begriffe werden nämlich deutschen Synonymen zum Trotz englisch belassen, wie man an „Starfleet“ (S. 9), „Robot“ (S. 75) oder „Starbase“ (S. 87) sehen kann.
Begriffe hingegen, die in den Star-Trek-Serien unübersetzt blieben, wie etwa „Vulcan's Forge“ werden etwa mit „Vulkans Schmiede“ (S. 121) ins Deutsche herübergerettet. Selbst der Visor, der in der deutschen Synchronisation mit einem männlichen Artikel versehen wurde, wird hier mal eben sächlich (vgl. S. 10).
Beim Wort „Airbus“ (S. 33), das mit einem männlichen Artikel versehen wurde, hat man als Europäer hingegen ein Bild vor Augen, als ein Amerikaner, die wohl kaum „Boeing“ zu ihren Shuttles sagen würden. Bei so etwas wäre ein wenig mehr Kreativität des Übersetzers wünschenswert gewesen.
Ansonsten bleibt das Buch von großen Fehlern verschont. Wenn man sogar die korrekte Form „deaktiviert“ (S. S. 132) in diesem Buch findet, muss man sich bei Heyne ja schon freuen, doch ein kleines Manko lässt sich auf der letzten Seite doch noch finden.
Der Terminus der „Einschläferung“ bleibt auch in seiner Verbform (Partizip II) „eingeschläfert“ (S. 140) Tieren vorbehalten, und sollte nicht auf intelligentes Leben übertragen werden. Man muss ja nicht gleich von „Euthanasie“ sprechen, doch ein geübter Übersetzer sollte in der Lage sein, hier bessere Formulierungen zu finden.

Anachronismen: Nanu? Was muss man da gleich auf Seite 12 lesen? Klone auf der Sternenflottenakademie? Warum hat sich Dr. Julian Bashir in „Dr. Bashirs Geheimnis“ überhaupt geschämt, genetisch aufgewertet zu sein, wenn es von den Stenarios-Klonen gleich sechs Stück gibt, von denen auch noch jeder zu wissen scheint?
Wenn hingegen, wie behauptet, bei den Andorianern blinde Babys gleich bei Geburt „eingeschläfert“ werden würden (S. 140), stellt sich nur eine Frage: Gibt es deswegen bereits in der Folge „Vereinigt“ so wenige Aenar?

Fazit: Unter den Starfleet-Kadetten-Romanen ist „Die Atlantis Station“ eindeutig einer der besseren. Das Zusammenspiel von schlüssiger Handlung, vielschichtiger Moral und einer Hauptfigur, über die ohnehin zu selten etwas zu hören ist, ergibt einen empfehlenswerten Band, bei dem die wenigen Übersetzungsfehler, seltenen Anachronismen und kleineren konzeptionellen Schnitzer nicht weiter ins Gewicht fallen. Vielleicht kein Koi-Karpfen im Teich der Star-Trek-Literatur, aber immerhin der Goldfisch im Aquarium der Kadetten-Reihe.

Denkwürdiges Zitat:

Warum wollte ich unbedingt auf einem Planeten leben? Raumstationen sind doch viel sicherer!
Lissa Jordan, S. 91

Bewertung: Frischer Wind in den Segeln der Starfleet-Kadetten-Reihe.

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Weiterführende Leseliste:

Starfleet Kadetten 02: Worfs erstes Abenteuer
Starfleet Kadetten 03: Mission auf Dantar
Starfleet Kadetten 04: Überleben
Starfleet Kadetten 05: Das Sternengespenst
Starfleet Kadetten 06: In den Wüsten von Bajor
Starfleet Kadetten 07: Freiheitskämpfer
Starfleet Kadetten 08: Das Schoßtierchen
Starfleet Kadetten 09: Erobert die Flagge
Starfleet Kadetten 10: Die Atlantis Station
Starfleet Kadetten 11: Die verschwundene BesatzungStarfleet Kadetten 12: Das EchsenvolkStarfleet Kadetten 13: ArcadeStarfleet Kadetten 14: Ein Trip durch das WurmlochStarfleet Kadetten 15: Kadett Jean-Luc Picard
Starfleet Kadetten 16: Picards erstes Kommando
Starfleet Kadetten 17: ZigeunerweltStarfleet Kadetten 18: Loyalitäten

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