Sonntag, 15. August 2010

Das Gespenst

Buchbesprechung Reeves-Steevens, Garfield; Reeves-Stevens, Judith; Shatner, William: Das Gespenst. Heyne 1998/2000.

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Story: James T. Kirk wird von seiner Liebsten vom Planeten Chal weggeschickt, um sich in den Weiten des Alls die Hörner abzustoßen. Erst wenn er tief in seinem Herzen bereit ist, den Verlockungen eines laut rufenden Universums zu widerstehen, soll er in seine neue Heimat zurückkehren.
Also macht sich der verdienteste Captain des Universums auf den Weg zu dem Planeten, auf dem er dereinst das Licht der Welt erblickte. Doch dunkle Mächte trachten dem Manne auf der Erde nach dem Leben. Aus dem Spiegeluniversum tritt ein alter Bekannter auf den Plan: Intendant Spock.
Unter seiner Führung entführt der Zwilling Kathryn Janeways den Kirk, der durch seinen Besuch im Spiegeluniversum Anarchie und Chaos auslöste.
Währenddessen untersucht Captain Picard eine stürmische Weltraumanomalie nach Wurmlöchern, als er tatsächlich auf ein Relikt stößt, dass aus dem fernen Delta-Quadranten zu stammen scheint. Die USS Voyager scheint endlich einen Übergang nach Hause gefunden zu haben!
Aber die Freude wird rasch durch die Erkenntnis getrübt, dass dieses Schiff aus dem Spiegeluniversum stammt und als Köder für die USS Enterprise NCC-1701-E dienen soll.
Picard und seine Mannschaft geraten prompt in Gefangenschaft der Allianz aus Klingonen und Cardassianern, die einen heimtückischen Plan zur Eroberung dieser Realität geschmiedet haben. Die höchstrangigen Originale dieses Universums sollen durch ihre Äquivalente des anderen ersetzt werden, während man komplette Sternenflottenschiffe transferiert, um mit deren militärischem Potential die Rebellion der Terraner bei Terok Nor niederzuschlagen.
So verbündet sich Kirk mit Intendant Spock und einer Handvoll überlebender Zeitgenossen, kehrt in den aktiven Dienst zurück und tritt an, um Picard zu retten. Allerdings schwebt nicht nur sein alter Freund und Kupferstecher in Gefahr, sondern auch jene Frau, die in von Chal wegschickte. Teilani, Kirks neue alte Geliebte, wurde das Entführungsopfer des fiesen unbekannten Regenten des Spiegeluniversums...

Lobenswerte Aspekte: Man sollte es sich einmal realistisch vor Augen halten: So alt, wie William Shatner jetzt schon ist, werden viele meiner Leser wohl nicht mehr werden (ich warne an dieser Stelle noch einmal eindringlich vor den Folgen des Konsums von Alkohol, Haschisch und Star Trek Romanen!). Der mittlerweile stolze 79 Lenzen zählende Exil-Kanadier musste sich bereits frühzeitig mit den ersten Anzeichen des Alterungsprozesses auseinandersetzen. Schon während des Drehs zur klassischen Star Trek Serie war sein Haupthaarwuchs so sporadisch, dass er sich zur Wahrung seines immensen Egos gezwungen sah, sich einen Fifi auf den Kopf zu kleben, der seither für enorme Belustigung unter seinem Publikum sorgt.
Betrachtet man nun auch noch seine limitierten schauspielerischen Fähigkeiten sowie seine enorme Selbstüberschätzung fragt man sich schon irgendwie, warum dieser Mann in Serien wie Boston Legal oder neuerdings „$#*! My Dad Says“ ständig die Gelegenheit erhält, sein vom Alter gezeichnetes Antlitz in die Kamera zu halten.
Die Erklärung ist so einfach wie banal: 'The Shat' ist ein Original! Zum einen polarisiert er; zum anderen erheitert er allein schon durch seine Anwesenheit. Und dennoch ist er durch Rollen wie James T. Kirk, T.J. Hooker und eben Denny Crane eine Legende der Leinwand. Vermutlich ist er mehr Menschen ein Begriff als Friedensnobelpreisträger wie Schirin Abadi, Wangari Maathai oder Martti Ahtisaari. Um es auf einen Nenner zu bringen: William Shatner steht trotz aller Kontroversen im Mittelpunkt eines allgemeinen Interesses.
Warum erzähle ich all das? Nun, es erklärt zumindest im Ansatz, warum es Bücher gibt, auf denen der Name dieses Mannes prangt, obwohl der Hauptteil des Aufwandes sicherlich dem Ehepaar Reeves-Stevens zuzuschreiben ist. Es erklärt, warum sich diese Werke so unglaublich gut verkauften. Außerdem verrät es, warum es kaum jemanden zu stören scheint, dass die beschriebenen Inhalte in etwa so glaubwürdig sind wie die Vor-Badewannen-Beteuerungen Uwe Barschels. Und es erhellt, warum sich kaum jemand an der 455-Seiten schweren Selbstbeweihräucherung aufhängt.
Shatner ist mittlerweile zu einer (noch) lebenden Legende geworden. Eine Legende mit einem eigenen Stil. Mein guter Freund K'olbasa meinte dereinst im Zuge einer angeregten Diskussion über Boston Legal zu mir, dass Shatners Darstellung Denny Cranes weniger schauspielerische Leistung, als reine Selbstdarstellung sei. Die Figur des verrückten, senilen und notgeilen alten Sacks ist also vielmehr Alltag denn Rolle für den Mann, dessen größter Unterschied zu Crane wohl darin besteht, Kanadier statt Amerikaner zu sein.
Unter diesem Gesichtspunkt wird das Lesen dieses Buches erst so richtig interessant, denn Denny Crane ist überall.
Etwa in den vielen Bemerkungen zum Älterwerden. Tatsächlich ist dieses Buch eine einzige große Hommage an den Wert älterer Mitbürger für jede Gesellschaft. Erst unter Berücksichtigung dieses Punktes wird klar, warum selbst der große James T. Kirk die totale Ablehnung McCoys gegenüber moderner Technologien (vgl. S. 25) auf einmal so bedingungslos teilt. Oder warum der schlimme Rücken Kirk ein ums andere Mal sein fortgeschrittenes Verfallsdatum erinnert (vgl. S. 14ff., S. 120f. oder S. 175) – fast entsteht der Eindruck, dass Kirks lädierte Bandscheibe so etwas wie Cranes Alzheimer ist. Selbst das Zugpferd der neuen TNG-Kinofilme, die USS Enterprise NCC-1701-E, geht in ihrer Konstruktion auf Ideen des mittlerweile 153jährigen Scottys zurück (vgl. S. 221).
Eines wird daraus mehr als deutlich: Die Helden von damals werden so sehr gebraucht wie niemals zuvor. Schließlich sind es die Luschen der sogenannten 'Next Generation', die von einer existenzbedrohenden Katastrophe in die nächste schlittern und ohne die Hilfe weiser älterer Kameraden längst in den ewigen Jagdgründen verschollen wären.
Ja selbst Picard, dem vom Autorenteam wenigstens etwas Respekt entgegengebracht wird, muss hier ins zweite Glied zurücktreten. Er ist so eine Art Alan Shore: Natürlich hat er nicht - wie etwa Denny Crane - sämtliche Fälle seiner Laufbahm gewonnen, aber immerhin ist er ein einigermaßen würdiger Erbe; und wer weiß, vielleicht heiraten die beiden Captains der Enterprise am Ende ja auch noch!?
Der Potenz Kirks würde das keinen Abbruch tun. Trotz seines ach so schlimmen Rückenleidens kopuliert er fröhlich mit seiner ebenfalls in die Jahre gekommenen Teilani herum (vgl. z.B. S. 30).
Dennoch soll eine neue Qualität nicht unerwähnt bleiben: Der berüchtigste Schürzenjäger des Universums treibt es nicht mit jeder! Gut, er mag aussehen wie eine aufgedunsene Backpflaume während des Verwesungsprozesses, aber diese Tatsache scheint dem Paarungswillen Spiegeluniversums-Janeway keinen Abbruch zu tun (was den Schrecken dieser alternativen Zeitlinie ja irgendwie betont). Umso verwunderlicher, dass Kirk ihr mal eben einen deftigen Korb gibt und die erotischen Rundungen seines faltigen, nackten Körpers den zittrigen Berührungen einer einzigen senilen Klingonen-Romulanerin vorbehalten lässt (vgl. S. 214). Wie schade!
Das würde fast schon besinnlich stimmen, wenn da nicht auch immer wieder die Shatner so ureigene Verleugnung der Realität und sein gepflegter Hang zur Egozentrik wären. So war es nicht sein Toupet, sondern die manipulierte Sternenflottenkost, die sein üppiges Haar am Ergrauen hinderte (vgl. S. 19)! Das beste Beispiel für die tiefe demütige Bescheidenheit des angeblichen Autors ist allerdings dieser Satz (S. 54):

Aber wie üblich hatte das Universum andere Pläne für James T. Kirk.

Während dem Leser also langsam klar wird, dass das Universum in Wirklichkeit eine rachsüchtige Schlampe mit Hang zum Sadismus ist, ruhen all seine Hoffnungen auf einem Mann, der wie einem Mantra gleich stets seinen eigenen Namen vorschiebt: „Denny Crane!
Dieser Tick, der in vorangegangenen Bänden desöfteren auch mit dieser Rolle zur Schau gestellt wird, legt man hier einfach Riker in den Mund, der es tatsächlich schafft, mit dem Namen des hiesigen Erlösers Cardassianer in den Wahnsinn zu treiben (vgl. S. 405).
Und Stichwort 'treiben': Der neben Boston wichtigste Handelns- und Wirkensort Denny Cranes ist die Fishing Lodge Nimmo Bay, tief in den kanadischen Wäldern. Dies ist besonders unter dem Aspekt bemerkenswert, dass das Land der Ahornbäume und -blätter die wahre Heimat William Shatners ist. Der lässt es sich natürlich nicht nehmen, auch Kirk mit kanadischen Anspielungen zu belasten. Wenn die Augen des im idyllischen Iowa geborenen Mannes nämlich einen Blick auf die Spiegeluniversums-Erde werfen, schweifen sie nicht auf das nach Gülle stinkende Dorf Riverside, wo er das Licht der Welt erblickt haben soll, sondern nach Montréal, so einer Art Betlehem für Shatner-Jünger (vgl. S. 164). Logisch, dass dort auch eine Konferenz der Sternenflotte stattfindet (vgl. S. 44) und Kirks Runabout-Auswahl auf ein Schiff fällt, dass den Namen jenes Stromes trägt, der durch die Metropole Quebecs fließt (vgl. S. 278).
Nahezu herzerweichend wird es hingegen, wenn Shatner leise Einblicke in sein Inneres gibt. Der zarte Versuch, seine Differenzen mit seinem Schauspielerkollegen James Doohan in Vertretung durch die jeweiligen Rollen zu verarbeiten (vgl. S. 45ff.) oder seine Probleme mit Alkohol zu beschreiben (vgl. S. 192), muten nahezu menschlich an. Lediglich Shatners Intimus Takei stinkt in Gestalt Sulus bei einem Vergleich mit Data ganz schön ab (vgl. S. 377f.).
Nach diesen schier endlosen Huldigungen auf jenen Mann, dessen Darstellung Kirks erst mit Chris Pine hinterfragt wurde, bleibt natürlich die Frage, was dieses Buch außer dem (viel) fleischgewordenen Zukunftseros zu bieten hat.
Verständlicherweise etwas abgeschlagen rangiert das Thema 'Spiegeluniversum' mit einigem Abstand auf dem zweiten Platz. Ein ergiebiges Thema, dem nach einer genialen TOS Episode eine nur mäßig interessante Fortsetzung bei Deep Space Nine vergönnt war. In die Lücken zwischen diese Ereignisse blickt dieses Buch.
Sehnsüchtig erwartet werden dabei natürlich die Äquivalente der Voyager-Crew, der zwar in der Folgen „Der Zeitzeuge“ ein wenig Spielraum geboten wurde, bislang jedoch – abgesehen von Tuvok - größtenteils nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Spannung ist garantiert, wenn die bösen Zwillinge von Janeway, Tom Paris oder Neelix ihren wohlverdienten Auftritt im Rampenlicht haben. Selbst die Idee einer Infiltration unserer Realität durch fast identische Personen ist so simpel wie naheliegend. Allerdings ist nicht nur die Voyager-Besatzung Teil der innovativen Ideen zum bösen Gegenpart unserer Realität. Auch die possierlichen Unterschiede zum Inhalt von „Reise nach Babel“ (vgl. S. 230f.), der ebenso sinnlose Tod der hier beheimateten Tasha Yar (vgl. S. 221ff.) oder der geniale Verwendungszweck von Medusanern (vgl. S. 222) brauchen sich nicht vor den müden Adaptionen bei Deep Space Nine zu verstecken.
Dritter großer Pluspunkt für die Arbeit Shatners ist die offensichtliche Mithilfe des Reeves-Stevens-Ehepaares. Nicht nur, dass dieses Buch von unzähligen Querverweisen (vgl. z.B. S. 22, S. 143 oder S. 445) und Gastauftritten (vgl. z.B. S. 7, S.44 oder S. 201) lebt; es gibt in diesen Büchern auch hin und wieder bemerkenswerte technische Überlegungen, deren Brillanz mich zwingt, sie eher diesen beiden verdienten Personen zuzuschreiben. Die nachvollziehbaren Schilderungen zur Flucht vor Schiffen mit höherer Warpgeschwindigkeit (vgl. S. 292f.) und die logischen Schlussfolgerungen zur Funktionsweise von Schilden (vgl. 387ff.) machen jedenfalls selbst für die Leute Sinn, die über das Technikverständnis eines Pakleds verfügen.

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Immer wieder spannend: Ein Blick in den Spiegel

Kritikwürdige Aspekte: Willkommen im Shatnerversum, einer alternativen Realität, in der sich die Milchstraße nicht um ein riesiges schwarzes Loch, sondern um eine ikonenhafte Person dreht: Captain Kirk.
Na schön, das ist ein alter Hut und selbst von mir schon längst bis zur Unkenntlichkeit zerkaut. Was aber las ich vor kurzem wieder in Ralph SandersDas Star Trek Universum“ zum Stellenwert von Star-Trek-Romanen (Bd. II, S. 205)?

Das bedeutet im Ergebnis, daß die Romane für die Serie eigentlich ohne Bedeutung sind, zumal die darin erzählten Abenteuer in Film und Fernsehen nicht berücksichtigt werden. Dies ist zwar widersinnig, da diese Romane von Paramount genehmigt werden müssen, aber es ist eine unumstößliche Tatsache. Hinzu kommen aus dem Hause Paramount mittlerweile inhaltliche Einschränkungen. Dazu zählt unter anderem, daß keine Romane geschrieben werden dürfen, in denen die alte und die neue Crew zusammentreffen. [...]
Ebenfalls unerwünscht ist jedes ungebührliche Verhalten der Akteure, insbesondere was das Thema Sex betrifft.

So etwas scheint scheinbar nur für normale Sterbliche zu gelten, und darum ist der Messias William Shatner davon ausgespart – selbst wenn es abstrus wird wie hier und vorangegangenen Darstellungen aus Comics wie „Die Spiegelwelt“ oder „Spiegelbilder“ widerspricht. Was sind schon solche Werke, die es wagen, dem größten Schauspieler der Welt zu widersprechen?
Schlechte Beispiele natürlich!
Mal ganz abgesehen davon, dass beide Werke aus verschiedenen Gründen nicht als Vorbild geeignet sind, entbehrt auch dieser Band der Nachvollziehbarkeit. Ein Trupp amtsmüder Sternenflottenrentner bricht aus der Idylle ihrer Seniorenresidenz aus, um der Jugend von heute zu zeigen, wie man den Untergang der bekannten Welt vereitelt.
An der Seite Spocks, der bereits in Star Trek XI so uralt wie Kahlbutz aussah, befinden sich auch Scotty und McCoy; also Charaktere, deren Originalschauspieler ironischerweise längst nicht mehr unter den Lebenden weilen. Besonders McCoy, der stolze 148 Jahre auf dem Buckel haben soll (vgl. S. 191), ist ein trauriges Beispiel für einen verwehrten Abschied, der an eine Parodie aus den Simpsons erinnert:



Star Trek XII: So very tired!

Während die Greisencrew mutig ihre Rollatoren in Richtung ungewisse Zukunft lenkt, bleibt der jüngeren Garde kaum ein angemessener Spielraum. Die komplette TNG-Crew agiert mit Ausnahme Datas strunzendumm, ziemlich träge und absolut unfähig. Besonders Jean-Luc Picard wirkt ungemein schlecht getroffen, wobei übrigens auch seine böse Entsprechung nie eine überzeugende Figur macht. Der Captain gibt sich ja schon ungemein kampflüstern für einen Forscher (S. 31ff.) und die nahezu aggressive Atmosphäre zwischen Riker und Picard erscheint ebenfalls äußerst befremdlich (vgl. S. 37) – da ist kaum mehr Spielraum für etwas noch gemeineres übrig!
Noch tragischer ist nur die kaum durchdachte Story. Warum zum Teufel macht sich die Allianz aus Klingonen und Cardassianern die Mühe, die USS Enterprise in ihr Universum zu transferieren, wenn sie die USS Sovereign längst unter ihrer Kontrolle hat?
Wenn man will, kann man die Brechstange schon früher ansetzen: Warum stehlen sie Pläne für den Bau eines Schiffes der Intrepid-Klasse? Warum nicht gleich eines der Sovereign-Klasse? Dass sie so etwas mühelos nachbauen können, haben sie ja schließlich unter Beweis gestellt.
Der letztendliche Plan ist jedenfalls so kompliziert, unsinnig und aufwändig, dass nicht einmal Egon Olsen, Hanibal Smith oder selbst die intriganten Cardassianer des Spiegeluniversums sich auf eine solche hirnrissige Schnapsidee einlassen würden.
Was bleibt ist das Ende. Das erzeugt nämlich noch einmal Spannung, denn es ist kein wirklicher Abschluss, sondern ein weit hergeholter Cliffhanger. Der immer noch lebendige Mirror-Tiberius taucht auf und verhindert, dass die Geronten-Mannschaft ihren wohlverdienten Mittagsschlaf halten kann.
Noch so ein unglaublicher Zufall! Nicht nur dass Kirk selbst noch lebt (nachdem seine Leiche von mit Romulanern verbündeten Borg assimiliert wurde) – nein, sein Gegenpart tut es ebenfalls! Die vielen bemüht wirkenden Zufälle dieser Reihe beginnen langsam zu ermüden.

Übersetzung: Der Heyne-Verlag hat sich bei den Star-Trek-Fans hierzulande nicht unbedingt beliebt gemacht. Jahrelang sparte er weder an Rechtschreib- noch Übersetzungsfehlern und als die jahrelange Erfolgsgeschichte an Fahrtwind verlor, verabschiedete man sich kurzerhand aus dem angeblich unrentabel gewordenen Geschäft.
Dabei hatte der Verlag gerade erst begonnen, sich etwas von seinen längst in Fleisch und Blut übergegangenen Übersetzungsfehlern zu verabschieden. Plötzlich liest man „deaktiviert“ (S. 55) statt „desaktiviert“ und aus dem anzüglichen „Flitzer“ wird endlich ein „Runabout“ (S. 293).
Allerdings war das höchstens ein Tropfen auf dem heißen Stein. Noch immer lassen sich, den deutschen Synchronisationsbegriffen zum Trotz, englische Begriffe wie „Alien“ (S. 7), „Starfleet“ (S. 9) oder „Starbase“ (S. 115) finden, für die es deutsche Äquivalente gibt. Dafür setzt man unbeirrt auf andere hauseigene Begrifflichkeiten wie „Diskussegment“ (S. 42), „romulanisches Bier“ (S. 46) oder „Insignienkommunikator“ (S. 105), die für von den Serien und Filmen geprägten Nervenbahnen der Leser fremdartig und gestelzt wirken.
Ganz besonders nervig ist bei einem Buch, in dem es ja um das Spiegeluniversum gehen soll, dass „irdische“ und „terranische“ (S. 10) Bezeichnungen nicht unterschieden werden. Das verwirrt nämlich innerhalb des Romans, in dessen englischem Original die Bezeichnung „Terraner“ (S. 82) wie in den Serien sowohl als Eigenbezeichnung als auch als Schimpfwort für Menschen gedacht ist. Dessen ungeachtet entblödet sich der Übersetzer nicht, diesen Begriff auch weiterhin generell auf alles anzuwenden, was von der Erde stammt. Dadurch verliert das Thema etwas an Flair.
Den Flair einer halbherzigen Übertragung englischer Vokabeln bieten Begriffe wie „Satisfaktion“ (S. 190) und einem „ambientalen System“ (S. 192). Besonders viel Freiraum nahm sich Andreas Brandhorst durchgängig beim Admiral „Nechajew“ (S. 33), denn im englischen wird sie durchgängig als „Nechayev“ tituliert. Die falsche Schreibweise von „Qo'Nos“ (S. 26) wurde hingegen stur aus dem Original übernommen, während sich der Übersetzer die Lorbeeren für den fragwürdigen Verdienst um die Neuschöpfung des Wortes „Anschießend“ (S. 202) wohl mit niemandem zu teilen braucht.
So viel Freiraum will genutzt sein: Aus dem „Medizinisch-Holographischen Notfallprogramm“ wird plötzlich ein „Medizinisches Holo-Notprogramm“ (vgl. S. 54). Wer das nun doof findet, sollte sich vor Augen halten, dass somit zumindest die Abkürzung 'MHN' gewahrt bleibt, und keine Kombination mit dem Suffix 'Medo', wie etwa bei „Medo-Liege“ (S. 80) oder „Medo Tasche“ (S. 122), herangezogen wurde.
Ähnlich verhält es sich mit der „Welt hinter dem Spiegel“ (S. 134) – eine ziemlich fragwürdige Übersetzung für „looking glass“.
An einer Stelle hätte ich mir allerdings mehr Eigeninitiative gewünscht. Während der recht kurzen Dienstzeit des bolianischen Navigators Karo auf der USS Enterprise (vgl. z.B. S. 36) hatte ich ständig das Bedürfnis, Skat zu spielen oder eine rauhe Stimme im Kopf, die melodisch die Vorzüge von Ersatzkaffee in Pulverform betonte.

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Karo – ich mag Dich – Du bist einfach gut

Anachronismen: Um nach all den gemeinen Äußerungen dem Eindruck vorzubeugen, dass ich kaum ein gutes Haar an dieser Romanreihe lassen würde, will ich auch einmal ein lobendes Wort finden:
Ich empfand die Art und Weise, auf die dem Star-Trek-Veteran Matt Jefferies gehuldigt wurde (vgl. S. 199) so dezent wie geschmackvoll. Auch die Idee, die Ereignisse der Deep-Space-Nine-Folge „Immer die Last mit den Tribbles“ miteinzubringen, ist sehr gelungen (vgl. S. 189f.). Das schließlich sogar zugegeben wird, dass Geld gar nicht mehr existiert, ist ein wahrer Meilenstein, selbst wenn die Beschreibungen implizieren, dass zur Hauptwirkenszeit Kirks noch immer darauf zurückgegriffen wurde (vgl. S. 175).
So sehr ich diese Bemühungen jedoch schätze, so sehr stößt mir jedoch auch die große Anzahl grober Schnitzer auf, die zu der unausgegorenen Handlung passen.
Etwa die Idee, dass Wurmlöcher in Regionen mit spezifischen Eigenschaften zu finden sind. Angeblich sollen die Charakteristika des bajoranischen Wurmlochs zum Schluss geführt haben, dass
die Badlands an seiner Existenz beteiligt seien (vgl. S. 35).
So ein Mumpitz! Nicht nur, dass die Badlands in einiger Entfernung zum System liegen (wie man auf einer Karte in der Episode „In eigener Sache“ sehen kann) - sie sind das Produkt eines gezielten künstlichen Eingriffes durch die sogenannten Propheten. Selbst wenn es in irgendeinem Zusammenhang stehen würde, gäbe es keinen Grund für die Enterprise, sich dem Risiko auszusetzen, direkt in eine den Badlands ähnliche Anomalie hineinzunavigieren!
Nicht einmal die Medizin bleibt vor solcherlei überzogenen Vorstellungen verschont. Immerhin erwartet Kirk nichts geringeres, als dass seine beiden Hände bei Verlust einfach wieder nachwachsen könnten (vgl. S. 408) – ein Umstand, der dem Bein des Ferengi Nog nicht vergönnt war.
Doch wer weiß, vielleicht ist ja im Shatnerversum alles anders?
Das Spiel mit verschiedenen Zeitlinien ist schließlich ein Markenzeichen Star Treks, wie nicht zuletzt der elfte Kinofilm tatkräftig bewies. Seit der Folge „Ein Paralleluniversum“ ist diese Thematik zu einem echten Klassiker geworden und zu jedem Ereignis der normalen Zeit gibt es eine unendliche Anzahl alternativer Entwicklungen, die ihrerseits andere Konsequenzen nach sich ziehen. Ein wahrer Sprudelquell für Erzählstoff, in dem das Spiegeluniversum ebenso viel Platz hat, wie das Shatnerversum.
Dort darf Riker Picard ab und zu mit seinem Vornamen anreden (vgl. S. 37) oder die Sovereign-Klasse tausend Mann Besatzung fassen (vgl. S. 261).
Vielleicht ist es dort so.
Ganz sicherlich hat dieses Shatnerversum jedoch ein paralleles Spiegeluniversum, das nicht dem uns bekannten entspricht. Das hier beschriebene Universum unterscheidet sich nämlich deutlich von jenem, das in TOS, DS9 oder Enterprise vorgestellt wurde.
Zunächst einmal in der zeitlichen Einordnung.
Während kleinere Anspielungen aus „Ein Paralleluniversum“ und „Die dunkle Seite des Spiegels“ die Vermutung zulassen, dass sich beide Universum spätestens seit der römischen Antike auseinanderentwickelten, setzen die Autoren dieses Buches die Ereignisse des achten Kinofilms „Der erste Kontakt“ als Punkt der Auseinanderentwicklung fest (vgl. S. 452ff.). Das mutet gerade im Hinblick auf Phlox' Äußerungen zu Shakespeare etwas merkwürdig an.
Dabei ist dieser Punkt noch nicht einmal kritisch. Das Problem ist eher die Beschreibung des Spiegeluniversums als ein Ort, an dem lediglich 'unterschiedliche Interpretationen' zur unterschiedlichen Entwicklung führten (vgl. S. 231ff.).
Wo ist die schlichtweg böse Energie geblieben, die diesen anderen Ort so furchterregend, seine Bewohner so brutal und die dortigen Ereignisse so blutrünstig gemacht hat?
Dieses nahezu plüschig-weiche Imitat hat jedenfalls nur wenig damit gemein!
Zudem wird frech behauptet, dass Menschen und Vulkanier in einem freiwilligen Zusammenschluss das Terranische Imperium begründeten (vgl. S. 160). Das steht nicht nur in direktem Gegensatz zu den Schilderungen in Enterprise, sondern auch zum recht eindeutigen Namen dieser Institution!
Obwohl das Spiegeluniversum und das dortige Unrecht so zentral für dieses Werk sind, verstrickt es sich in einer unwürdigen Verharmlosung dieser alternativen Realität. Der dunkle Flair und die schauerliche Magie dieses Klassikers der großen Star-Trek-Erfindungen wird „Das Gespenst“ nicht gerecht und erschafft ein Paralleluniversum zu einem Paralleluniversum.

Fazit: Wen man etwas kauft, auf dem der Markenname 'Shatner' steht, muss man auch darauf gefasst sein, etwas zu bekommen, in dem 'Shatner' drin ist.
Soweit zu den Vorzügen des Buches.
Wer weitreichendere Erwartungen hat, muss enttäuscht werden. Eine Geschichte über Rentner ohne Ende, Figuren ohne Charakter und eine Handlung ohne Sinn schmälern bei aller Spannung das Vergnügen beträchtlich. Besonders tragisch ist jedoch, dass jenes Spiegeluniversum, das hier so detailliert beschrieben wird, mit dem allseits bekannten bösen Paralleluniversum nicht vereinbar ist. Übrig bleibt eine seelenlose Realität, die dem Shatnerversum an überdrehten Entwicklungen in nichts nachsteht.

Denkwürdige Zitate:

So oder so: James Tiberius Kirk muss sterben.
T'Val, S. 13

War ihr Kirk ebenfalls ein eigensinniger, sturer Größenwahnsinniger mit Stroh im Kopf?
McCoy S. 255

Ich bin Arzt, kein Quantenmechaniker.
MHN, S. 265

Funktioniert das Programm richtig?
Keins davon ist in Ordnung. Aber Starfleet besteht trotzdem darauf, sie in der Praxis zu testen. Vermutlich sollen sie den richtigen Ärzten das Gefühl geben, gebraucht zu werden.
Spock und McCoy über das MHN, S. 266

Bewertung: So very, very tired.

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Weiterführende Leseliste:

Shatner 01: Die Asche von Eden
Shatner 02: Die Rückkehr
Shatner 03: Der Rächer
Shatner 04: Das Gespenst
Shatner 05: Dunkler Sieg
Shatner 06: Die Bewahrer
Shatner 07: Sternendämmerung
Shatner 08: Sternennacht
Shatner 09: Sternenfluchten

Kommentare:

  1. Hui. Erstmal Danke für die Rezi. Dein Schreibstil ist immer wieder beeindruckend.

    Aber nur ein "Insignienkommunikator" für das Buch?
    Da hat der Fleischwolf ja allerhand Arbeit geleistet. "Einmal Ge-shat-netzeltes bitte!"

    Zur Rezi:
    Den Vergleich mit Denny Crane konnte ich damals natürlich nicht ziehen. Damals hatte David E. Kelley ja noch an Ally McBeal gearbeitet und von Denny Crane konnte man noch nicht mal den großen Schatten sehen. Aber der trifft es schon. Nur der Picard / Alan Shore Vergleich passt nicht.
    Deine Kritikpunkte an den nicht ganz nachvollziehbaren Einfällen in den Büchern aus der Shatner/Reeves-Partnerschaft kann ich zum Teil nachvollziehen. Es klingt schon komisch, wenn man liest, dass sich die Romulaner tatsächlich mit den Borg eingelassen haben. Und dann tauchen auch noch Widersprüche auf (nachwachsende Hände / Nogs Bein).

    Die Widersprüche und die Story-Patzer können wohl durch den Shatner-Bonus nicht mehr ausgeglichen werden. Das sehe ich ein. Als ich die Bücher damals vor 8-9 Jahren las, habe ich das irgendwie anders wahrgenommen.

    Ich glaube die Shatner-Romane gehören zu den Romanen, wo man es mit Ungereimtheiten nicht so genau nehmen darf. Am Ende zählt wohl der gleiche Aspekt wie bei vielen aktuellen Kino-Fortsetzungen (Stirb langsam 4, Indiana Jones 4, etc.): Hauptsache man hat ein paar Stunden abschalten können und fühlte sich gut unterhalten. Und so war es ja auch. Auch wenn man einfach nicht glauben kann, wie leicht John McClanes Helferlein andere Computer hacken kann.

    Und natürlich ist es ein Roman für Shatner/Kirk-Fans und in diesem Universum ist Shatner nun mal der Mittelpunkt. Da müssen Picard und Co. einen Schritt zurücktreten.

    Für meine Todo: Ich sollte endlich mal STERNENFLUCHTEN lesen. Der Roman liegt schon ewig bei mir auf Halde.

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  2. Moin Bernhard,

    Den Vergleich zu Denny Crane konnte damals natürlich wirklich niemand ziehen. Bis vor kurzem konnte ich das selbst ebensowenig, doch nachdem ich mir die Serie bis zum bitteren Ende angesehen habe, drängte sich der Vergleich auf, als ich just in diesem Zeitraum auch noch ein Buch William Shatners las. Und du hast recht: Für Alan Shore hat Picard zu wenig Haare.

    Dennoch glaube ich nicht, dass ich den Anspruch, mit dem ich andere Star-Trek-Romane lese, zugunsten der Legende William Shatner zur Seite legen kann. Ja es ist ebenso spannende wie kurzweilige Unterhaltung; doch wer sich schon die Mühe macht, überhaupt zu lesen, will nur selten seichte Kost (so geht es mir zumindest). Ganz besonders Star Trek stellt hohe Ansprüche an seine Buchautoren und bei aller (tatsächlich vorhandenen) Bewunderung für den Mann bleibt festzuhalten, dass dieses Buch diesen Ansprüchen nicht genügt. Schade eigentlich, denn nach "Der Rächer" und "Asche von Eden" (ich hab etwas durcheinander gelesen) war ich guter Dinge...

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  3. ...ähm vielen Dank für die Erwähnung meiner Auffasung zu Shatner alias Denny Crane alias Cpt. Kirk´, fühle mich geehrt ;)
    Ich muß dem Bernhard Recht geben, es geht um Unterhaltung, und verdammt, ich habe mich gut von diesem Buch einfangen lassen! Naja, und mit den Wiedersprüchen hast du natürlich Recht, die erschienen mir auch unsinnig, hatten aber in dem Roman eine gewisse Logik! Und wenn man es so sieht, dass Herr Shatner mit seinen Büchern im ST Universum sein eigenes kleines Privatuniversum geschaffen hat, warum och nicht, soll er doch! Er ist eben Danny James Tiberius Wiliam Hooker!

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  4. Huhu, ich muss auch mal sagen: Die Bücher vom Shat sind recht gut - nur eines nicht, und das ist dieses unsägliche Buch, das so schlecht ist, dass ich den Titel schon wieder vergessen habe. Es ist die Fortsetzung vom Rächer... äh - die "Rückkehr"?... Das ist WIRKLICH übel, aber der Rest ist - gut auch nicht sonderlich literarisch hochgeistig, aber ... doch recht nett.

    Beim Rächer fand ich die Idee von zwei assimilierten Dobermännern ganz lustig. Ich stell mir vor, wie in diesem Kollektiv die Stimmen großer Männer und großer Geister herumschwirren - Picard, Annika, und wer auch sonst mal kurzzeitig oder langfristig assimiliert worden war, sich unterhalten... und zwischendurch zwei Dobermänner durch die Gegend laufen und bellen.
    Vielleicht wurde ja auch der britische Majordomus mit assimiliert, damit er sagen kann "Zeus, Apollo - Küche!"

    Aber - die Bücher sind eigentlich klasse. Ich müsste sie mal wieder lesen. ^^

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  5. Nochmal ich - es war die Rückkehr, die Klasse war, der Rächer, der absoluter Mist war. ^^

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  6. Moin Cal,

    Unterhaltsam sind die Bücher Shatners ohne Frage, abba man muss schon eine ganze Reihe von Ansprüchen über Bord werfen, um sie zu lesen. Abba ich geh da ja auch mit einer ganz anderen Motivation ran.
    Trotzdem fand ich den Rächer noch einen Tick besser als die Rückkehr ;)

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  7. Hi, Turon,

    stimmt, es müssen einige Sachen über Bord geworfen werden - sowas wie der Fakt, dass die Borg Kirk wiederbeleben und Zombie-Kirk locker lässig die Allerwertesten von Worf, Data, La Forge, Riker etc. kickt. Es ist halt Gebrauchsliteratur - irgendwie. Dennoch wurde ich beim Lesen der Rückkehr, der Asche von Eden und der anderen Bücher der Kirk-Lives-again-Reihe gut unterhalten, nur bei'm Rächer überkam mich immer wieder das große Gähnen. ^^

    Naja - is alles Geschmackssache. ^^

    Greets

    Cal

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