Freitag, 30. Juli 2010

Spock

Buchbesprechung Messina, David; Tipton, David; Tipton, Scott: Spock. Cross Cult 2010.

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Story: Auf seiner Reise von Romulus zur (vor-)letzten Ruhestätte James T. Kirks nach dessen Tod auf Veridian III holen Spock die Geister der Vergangenheit ein.
In einer Reihe von Flashbacks erinnert er sich an verschiedene Stationen und Ereignisse seines Lebens, die ihn schließlich zu dem Manne formten, der die schwere Aufgabe übernahm, Vulkanier und Romulaner einander wieder näher zu bringen.
So nimmt der Botschafter den Leser mit auf eine umfassende Reise in seine Vergangenheit. Zusammen besucht man die USS Enterprise NCC 1701-B kurz nach dem Ableben der Sternenflottenlegende Jim Kirk, erhält Einblicke in die komplizierte Vater-Sohn-Beziehung zwischen Sarek und Spock oder wird Zeuge jener ersten Mission, die der junge Vulkanier zusammen mit Captain Christopher Pike unternahm.
Doch Spock bleibt keinesfalls in seinen Erinnerungen gefangen.
Seine Odyssee führt ihn aus der Wüste Veridians III wieder zurück zur Erde, wo Spock seinem besten Freund eine letzte tiefe Bezeugung freundschaftlichen Respekts entgegenbringt...

Lobenswerte Aspekte:

Hans Ötzthaler: Das Werk hat einige sehr interessante Punkte und unterliegt einer stets aktuellen Thematik: Der Kommunikation. Spock, der lakonische und teilweise drakonische Methusalem des Star-Trek-Universums (was auch daran liegt, das Leonard Nimoy noch lebt - „Möge sein Bart länger werden und sich niemals lichten!“), durchläuft in dieser Geschichte drei Phasen des Gesprächs.
In der ersten versucht er stoisch, dem Smalltalk-Enthusiasmus eines Saurianers Schweigen zu entgegnen, weil er keine Sinnhaftigkeit darin sieht. Leicht „aufgetaut“ kommt er dann zu einem Bolianer, mit dem er ob eigener Interessen viele zweckmäßige Informationen teilt. Als Letzter ist Picard zur Stelle, mit dem Spock eine Freundschaft verbindet. Mit Picard dauert das Gespräch am kürzesten, ist aber emotional viel intensiver als die anderen. Die Kommunikation zwischen den Charakteren ist nie richtig belanglos. Zwar will der Saurianer Smalltalk führen, doch die ganzen schönen Stichwörter, die er einwirft, verpuffen und geben dem Vulkanier so charakterliche Tiefe.
Nebenbei gibt es noch andere Inhalte, die als positiver Roter Faden angesehen werden können; so etwa die Heimbringung Kirks Leichnams, die Selbstfindung Spocks im Angesicht des Andersseins und innerer Zweifel oder die stringente Unberechenbarkeit der Gedankensprünge. Jeder einzelne Punkt an sich ist spannend.
Die Anwesenheit eines Saurianers zu Beginn der Erzählung bringt sofort Motivation zum Weiterlesen. Anscheinend wurde an diversen Stellen das Auftauchen des dreibeinigen, dreiarmigen Aliens in „Spiegelbilder“ löblich erwähnt, so dass die Taktik „Erst ein (anderes) Alien, dann ein Bekannter“ hier wiederholt wurde.
Nostalgie versprühen die vielen verschiedenen Raumschiffe sowie Rassen und das Design der NCC-1701-Brücke wirkt so schön passend beengend, dass man sich in die Zeit, da es noch kein Breitband gab, zurückversetzt fühlt.
Der Ausgangpunkt der gesamten Handlung, Spocks Beweggründe, bleiben einige Zeit im Dunkeln. Dadurch wird Spannung aufgebaut. Das Springen zwischen einzelnen Erlebnissen aus Spocks Leben verdeutlicht nebenbei die Entstehung und den Ursprung seiner Loyalität und seiner Freundschaft. Durch die vielen Sprünge in verschiedene Zeiten kann der Leser außerdem auch ein erfreuliches Wiedersehen mit alten Bekannten wie etwa Scotty, Pille, Kirk, Pike, Saavik und Dr. Chapel feiern.

Turon47: „Spock“ ist um Harmonie bemüht. Gut, dem in die Jahre gekommenen Halbvulkanier mag ein so offen geäußertes Gefühl eventuell banal erscheinen, doch das Buch gleichen Namens versucht einen offenherzigen Brückenschlag zur Überwindung all jener Unterschiede, die Filme und Serien mitunter entzweiten.
Da prangt die Landschaft von Vasquez Rocks, die im elften Film als Kulisse des Planeten Vulkan herhielt, um ein juveniles Gesicht Spocks herum, wie es bereits in „Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock“ zu sehen war (vgl. S. 19).
Spiele wie das in TNG eingeführte „Parrises Squares“ (S. 38) oder das bei DS9 populäre „Dabo“ (S. 47) werden chronologisch mit dem größeren Zeitrahmen verwoben und Teil einer größeren Geschichte.
Ganz besonders einfühlsam geht man mit den Orionern um. Hier kreuzt David Messina geschickt die Schiffsform aus der Serie Enterprise (vgl. S. 5) mit den Uniformen aus TAS-Episoden wie „Die Piraten von Orion“ (vgl. S25f.) - eine versöhnliche Geste gegenüber der oft stiefmütterlich behandelten Serie.
Einen interessanten Einblick in die Entstehungsgeschichte der jüngeren Comics bietet das Interview mit dem Autor Scott Tipton, der zusammen mit seinem Bruder für die Handlung und Konzeption der Bildergeschichten verantwortlich ist.
Ganz besonders wenn man diese Zeilen gelesen hat, erhalten die vielen Gastauftritte, Rückblicke und Einsichten einen viel höheren Stellenwert.
Im Gegensatz zum Vorgänger „Tor zur Apokalypse“ kommt dieses Werk mit ungleich weniger 'Action' aus. Das muss nicht zwangsläufig von Nachteil sein, denn der Charakter Spock wird hier einfühlsam um ein paar Lebensausschnitte bereichert, über die Fans bislang noch nichts wussten. Mit jeder neuen Seite werden weitere weiße Flecken auf der biografischen Landkarte der zentralen Figur getilgt und harmonisch mit dem verflochten, was Film und Fernsehen bereits verraten haben.
„Spock“ besetzt also eine erzählerische Nische, die beweist, dass selbst über jenen Mann, der in 79 TOS-Episoden, sieben Kinofilmen, einer TNG-Doppelfolge und unzähligen Büchern auftritt, noch immer viel zu erzählen gibt.

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Von ganz nah betrachtet: Spock

Kritikwürdige Aspekte:

Hans Ötzthaler: Licht aus! Spock an!
Hach, wär' das schön gewesen. Doch der Comic verstrickt sich in einem diffusen Verbinden von Ereignissen, was Kurt Schwitters nicht hätte dadaistischer gestalten können. Getreu dem Motto "Ich hab nur diesen einen Satz." tauchen urplötzlich Personen auf und verschwinden wieder. Aber warum das ausgerechnet die Riege der außergewöhnlichen Bekannten sein muss, ist unklar. Es macht den Eindruck, dass Spock fast immer nur dann Interessantes erlebt hat, wenn Zuschauer vor der Glotze hingen. Die neuen Charaktere sind lediglich Mittel zum Zweck. Der Saurianer erzählt so viel Interessantes, dass es schade ist, als er geht. Der Bolianer hat gar keine Charaktertiefe und Knoxville ist zwar Leiter eines hochgeheimen Sternenflottenexperiments, aber ein voreiliger Spring-ins-Feld, der dummerweise gerade in dem Augenblick verkackt, als Pike und Spock neben ihm stehen und danach nie mehr gesehen ward (und Wurmlöcher sind das laut aktuellen Erdforschungen auch nicht!).
Die Sache mit den "Wurmlöchern" ist denn auch eine der wenigen spannenden Passagen im Comic. Ansonsten plätschert die Handlung mitsamt Spannungsbogen unter den unbekannten Weiten des Möglichen dahin, und nicht mal ein leisen Rauschen ist zu hören, wenn sie ertrunkene Ideen und versenkte Eastereggs überspült.
Insgesamt hat der gesamte Comic keinen richtigen Höhepunkt. Eigentlich ist das Ende der richtige Anfang. Die Lehren Spocks auf Romulus sind das wahre Potential der Geschichte. Doch als dies beginnt ist alles gegessen.
Doch was da an Inhalt fehlt wird durch die bildnerische Qualität noch ergänzt. Die Vorzeichnungen und Entwürfe am Ende des Comics sprühen vor Dynamik und beweisen die gerühmten Fähigkeiten Messinas. Es sei mir ein weiteres Stilmittel erlaubt, wenn ich behaupte: Die Vorzeichnungen haben mehr Farbe als die Endumsetzung. Messina kann man dabei wohlmöglich gar keine Vorwürfe machen, aber was mit den Figuren geschieht, ist nicht akzeptabel. Beim Angucken der Bilder fragt sich der Betrachter manchmal, wer dieses oder jenes wohl sein könnte. Und vielleicht kommt er dann drauf, dass es sich wohl um den Chefingenieur handeln muss (S. 81), weil alle anderen Figuren nicht so fett und aufgedunsen sind. In den Vorzeichnungen ist Scotty dann aber wunderbar gestaltet. Genauso wird bei den anderen Charakteren verfahren. Picard erkennt man eigentlich auch nur, weil Spock in anspricht (vgl. S. 92f.). Künstler wie Tom J. McCraw waren Meister ihres Faches und wurden Koloristen genannt, während ihre Pendants von heute scheinbar nur noch entfernt etwas mit Farbe zu tun haben. Malen nach Zahlen würde in etwa ein ähnliches Ergebnis hervorzaubern, aber wenn sich Traversi und Cinabro und die anderen bei Z B Studios jetzt für neue Jeff Koons halten, muss ich das leider verneinen. Außerdem kann ich nur annehmen, dass diese Art der Tuschezeichnung grade modern ist, aber Atomenergie wird auch immer noch vielerorts als das Non-plus-always-ultra angesehen, um ein mediales Sommerloch-Modethema als Vergleich heranzuziehen.
Der Computer übernahm in den letzten Jahren immer mehr wichtige Aufgaben. Aber muss man das den Bildern ansehen? Das ist jetzt natürlich eine rhetorische Frage. Oder nicht? Ich meine, wir wissen alle, dass computerbearbeitete Bilder pixelig sein können, aber warum muss man das so deutlich sehen (vgl. S. 50 und S. 65)?
Nebenbei gibt es noch andere kleine Fehler, wie etwa einen Wortdreher beim Saurianer (S. 6), zwei Enterpriseshuttle auf Filos IV, obwohl nur eines losflog (S. 39f.), die biologische Fragwürdigkeit der vielen Gesichtsmuskeln beim Saurianer (z. Bsp. S. 48) – allgemein ist die Menschenähnlichkeit des Saurianers kritikwürdig – und das Vorhandensein einer Enterprise-Plakette auf der U.S.S. Collins (S. 67).
Zur Story möchte ich mich nicht zu sehr auslassen, sondern nur auf die Geschichtsstruktur ein wenig eingehen:
Ein Kaleidoskop aus Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Hätte Gott zum Anbeginn der Zeit wirklich auch schon existiert, hätte er doch eigentlich wissen müssen, dass im 21. Jahrhundert nach Tod seines Sohnes die wissenschaftliche Komponente Star Treks auf bloße Storyversatzstücke reduziert worden sein wird.
Das vorliegende Werk schildert in erschreckendem Maße was passiert, wenn sich die Nornen verschnippeln; der Lebensfaden verheddert sich, und jemand, der von draußen draufschaut, nimmt lediglich ein episodenhaftes Lebenspuzzle wahr, bei dem die Teile alle irgendwie doch schon zusammen zu passen scheinen.
Aber irgendwie auch nicht.
"Spock" unterliegt dieser – von mir eigentlich sehr gemochten – Versatzstückerzählweise. Diese Erzählweise hat großes Potential, Langeweile abzuwehren und ohne gründlich durchdachten Übergang einfach mal in eine ganz andere Situation zu wechseln. Aber dann müssen die Einzelepisoden auch für sich Aussagekraft besitzen und nicht nur bloße Rückblicke sein, die allesamt ein und dasselbe erklären.
Schade, es hätte so schön sein können.

Turon47: Wenn man sich die beeindruckenden Vorzeichnungen Messinas am Ende des Heftes (vgl. S. 107ff.) so anschaut, keimt tief in den Eingeweiden des Lesers der heimliche Wunsch auf, dieses gesamte Heft wäre in diesem simplen Schwarz-Weiß-Stil gehalten gewesen.
„Spock“ hat nämlich verglichen damit den Charme eines Ausmalbuches – wobei die Kolorierung eindeutig zulasten der Details ging. Neben dem Hauptprotagonisten Spock (vgl. S. 10, S. 12 oder S. 74) sind selbst Kirk (vgl. S. 61, S. 67 oder S. 69) und Pille (vgl. S. 69 oder S. 88) so mies getroffen, dass sich Charakterzuordnungen größtenteils auf Vermutungen stützen müssen – von all den anderen Charakteren ganz zu schweigen.
Doch das lenkt eigentlich nur vom wahren Problem ab.
Während des Lesens wartete ich nämlich ständig darauf, dass die Handlung nun endlich beginnen würde. Man stelle sich also meine Überraschung vor, als ich plötzlich auf den letzten Seiten des Buches angelangte, und die 'Geschichte' angeblich schon erzählt war!
Verwirrt blätterte ich zurück und suchte die einzelnen Seiten nochmals ab. Doch außer noch mehr Rechtschreibfehlern und weiteren Anachronismen fand ich da nichts! Erst recht nichts, was einer echten Story gerecht werden könnte.
Nun mögen einige Leser nicht ganz zu Unrecht einwerfen, dass hier die Nebenhandlungen, also „Spocks Flashbacks“ der wahre Star dieses Comics sind. Natürlich leuchten sie Hintergründe und Motive für die Taten des Botschafters aus, aber so außergewöhnlich, passend oder gar konsequent sind sie nicht.
Ich will versuchen, diesen Vorwurf an drei Beispielen zu erläutern:
Die Story um Saavik und Peter Preston (vgl. S. 81ff.) ist abgekaut und weicht nur unwesentlich von den Vorgaben aus dem zweiten Kinofilm „Der Zorn des Khan“ ab.
Schon wieder legt Spocks Günstling den Kobayashi-Maru-Test ab, wieder einmal beschwert sie sich bei ihrem Mentor unter vier Augen über die Unzulänglichkeiten der Menschen und wieder einmal gibt es ein Unglück im Maschinenraum unter Beteiligung Peter Prestons.
Warum eigentlich? Bieten Saavik und Preston nicht die Möglichkeit anderweitigen Einsatzes? Und warum sollte der Neffe Scottys eigentlich dieses fast identische Unglück schadlos überstehen, nur um im unmittelbar folgenden elendig dahinzusiechen?
Dieser Kurzauftritt macht schlichtweg keinen Sinn und wirkt etwas bemüht, ganz besonders dann, wenn man sich vor Augen hält, wie sich Autor Scott Tipton im beliegenden Interview brüstet, solcherlei Nebenfiguren ohne Rücksicht auf Verluste ins Rampenlicht zu stellen (vgl. S. 106).
Mehr Sinn macht hingegen der Auftritt Jim Kirks, denn schließlich dreht sich die dünne Story ja um die heimliche und höchstwahrscheinlich illegale Umbettung seiner sterblichen Überreste. Nun muss man eingestehen, dass die fade Kleinsthandlung lahm und ohne erwähnenswerte Höhepunkte daherkommt, aber immerhin hat jener Mann überhaupt einen Auftritt, dessen enge Freundschaft zu Spock hier im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Traurig, dass er mit gerade einmal 19 Sätzen abgefrühstückt wird, von denen der Großteil den Umfang von „Lagebericht, Mr. Spock!“ (S. 61), „Was?“ (S. 64) oder „Danke sehr, Patricia.“ (S. 69) nicht wesentlich übersteigt. Die kaum als solche zu bezeichnende 'Rettungsmission' für das Schiff einer Admiralin bleibt allerdings der einzige Moment, der Spocks eigentliches Verbrechen der Leichenschändung überhaupt in einen direkten Kontext zur Person setzt, für die er dies tut (die Gedenkplatte auf Seite 10ff. ist ja eher ein indirekter Kontext). Das ist natürlich etwas zu wenig, um den Wert dieser innigen Männerfreundschaft gerecht zu werden.
Schließlich sei auch noch auf das leidige Thema der unsittlichen Berührungen verwiesen. Für all jene, die es noch nicht wussten: Vulkanier mögen keine direkten Berührungen, denn die telepathisch begabten Wesen sehen darin einen Bruch ihrer Intimsphäre.
Das zeigt sich schließlich an zwei Stellen des Buches für Christine Chapel (vgl. S. 34) und José Tyler (vgl. S. 38) besonders deutlich.
Diese Erkenntnis erstreckte sich jedoch nur auf den zweiten Teil des Comics, denn sonderlich konsequent wird dieses Motiv nicht durchgezogen. Andernorts trifft man auf genügend Beispiele, bei denen dieser vulkanische Wesenszug keine Rolle mehr spielt (vgl. S. 9, S. 22, S. 44 oder S. 98).

Übersetzung: Wieviel Platz bietet so ein Comic potentiellen Rechtschreibfehlern überhaupt?
Nicht allzu viel, natürlich. Der wenige Text erstreckt sich auf eine überschaubare Menge an Sprechblasen, Einführungen oder onomapoetischen Ausdrücken („VRMMMMMMMM“ S. 8, „RRRRRIPP“ S. 21 oder „KLANK“ S. 25). Er ist konsequent groß geschrieben und vermeidet schon allein dadurch eine größere Anfälligkeit für Fehler.
Wobei natürlich die generelle Großschreibung auch Gefahren birgt: Das es kein großes 'ß' gibt, muss ein entsprechender Texter auf ein doppeltes 's' zurückgreifen – was, nicht immer eine elegante Lösung ist.
Das es manchmal sogar überhaupt keine Lösung ist, kann man am Wort „WILDNISS“ bemerken, denn dieser Begriff wurde noch nicht einmal nach alter deutscher Rechtschreibung mit einem 'ß', geschweige denn mit Doppel 's' geschrieben.
Doch dieser Fehler ist nur der Auftakt zu einem Musterbeispiel für hastige und daher schlampige Übersetzungsarbeit.
Wenn Saavik auf Seite 81 „Maschinenenraum, Lagebericht!“ ausruft, wundert mich, dass das Interkom sie überhaupt richtig durchstellt. Gut, das könnte man als zweiten kleinen Flüchtigkeitsfehler auslegen.
Wenn der Saurianer den Dativ missbraucht, indem er „Ich habe meinen komplettem Legaerbestand verkauft.“ (S. 47) zum Besten gibt, könnte man sich natürlich noch 'Was' fragen, oder es noch als dritten Flüchtigkeitsfehler abtun.
Wenn schließlich die gleiche Person den zwielichtigen Orionern durch den Satz „Schließlich fliegen schon sie seit Jahren diese Strecke ab.“ (S. 6) navigatorische Fähigkeiten zubilligt, fragt man sich doch schon ernsthaft, wie Übersetzter und Lektor auf eine so kleine Menge Text so viele Fehler unterbringen, bzw. übersehen konnten.

Anachronismen: Im beiliegenden Interview klopft sich Scott Tipton, selbsterklärtes Mastermind der Star-Trek-Comicwelt, auf der Seite 106 gehörig selbst auf die Schulter:

Ich muss aber auch sagen, dass wir im Vorfeld immer sehr gründlich unsere Hausaufgbaen machen, um sicherzugehen, dass nichts, was wir machen wollen, im Widerspruch zu bisherigen oder nachfolgenden, noch geplanten Geschichten steht.

Mutige Worte für jemanden, der, wie mein Kollege Hans Ötzthaler bereits anmerkte, zuließ, dass die Plakette eines Schiffes der Constitution-Klasse auf einem Vertreter der Soyuz-Klasse zu finden ist (vgl. S. 67). Zugegeben, das ist ebenso peinlich wie (selbst für mich) schwer zu entdecken.
Bei aller Liebe zur bereits viel gepriesenen Harmonie geht der Einbezug der dem Todesstern aus Star Wars ähnlichen Sternenbasis aus dem elften Film etwas zu weit für 'gründlich erledigte Hausaufgaben' (vgl. S. 53), denn immerhin liegen zwischen den Ereignissen des Films (2258) und dem Handlungszeitraum des Comics (etwa 2371) knappe 113 Jahre. In dieser Zeit sollte so ein altertümliches Baukonzept überholt sein, denn schon die Vanguard-orientierte Sternenbasis 6 aus der remasterten Version von „Computer M5“ (ca. 2268) waren bei TNG („Das fremde Gedächtnis“) nie zu sehen.
Natürlich kann man sich darüber eventuell streiten. Unstrittiger ist jedoch, dass Schiffe der Constellation-Klasse, wie sie auf dem selben Bild zu sehen sind, um diese Zeit definitiv außer Dienst gestellt worden sind – während der Raumschlachten gegen das Dominion waren die Schiffe (im Gegensatz zu denen der Miranda-Klasse) bereits kein Bestandteil der Flotte mehr.
Ebenso unsinnig ist die Tatsache, dass der unabhängige Lebenskünster Captain Moxx ein Runabout der Danube-Klasse besitzt (vgl. S. 77), dass eigentlich als Föderationspatent in den Händen unabhängiger Eingentümer nichts zu suchen haben sollte, denn schließlich setzt sich die Sternenflotte so dem Risiko eines nicht kontrollierbaren Technologietransfers aus. Selbst überalte Schiffe lässt man ja schließlich laut dem Zweiteiler „Wiedervereinigung“ lieber auf Weltraumfriedhöfen mehr oder weniger einsam verrotten – warum sollte da ein so vergleichsweise frisches Stück Technologie einem Privatmann gehören?
Und Stichwort Constellation- und Miranda-Klasse: Laut der Episode „Sherlock Data Holmes“ war die USS Victory ein Schiff der Constellation-Klasse. Auf Seite acht ist sie hingegen eindeutig als Ableger der Miranda-Klasse erkennbar. Hätte man hier nicht einfach beide Schiffe den Platz tauschen lassen können?
Vertauscht haben muss Tipton trotz gegenteiliger Beteuerungen (vgl. S. 106) auch den Saurianer – und zwar mit den Borg. Denn so schön ich den Auftritt dieser Eidechsenmänner auch fand, so wenig überzeugte mich die Aussage, dass diese Spezies im „Hive“ (S. 31) leben würde. Oder war der Saurianer in Wirklichkeit ein Agent der Borg, der von seiner Königin zu Verhandlungen nach Romulus geschickt wurde?
Das würde jedenfalls zu William Shatners Roman „Die Rückkehr“ passen – wenn da nicht ein kleines Detail stören würde: Im Buch landet Spock ebenfalls auf Veridian, doch dort wird der Leichnam Kirks von den vereinten Romulanern und Borg assimiliert und wieder zum Leben erweckt.
Aber Tipton scheint Shatners Beitrag zur Star-Trek-Bücherwelt bewusst zu ignorieren und die Geschichte in jene alternative Realität zu drängen, die Lesern meines Blogs als „Shatnerversum“ bekannt ist.
Shatner wird hier auf der Farm seiner Eltern zur letzten Ruhe gebettet. Versöhnlich, doch warum gibt es eigentlich auf diesem Gelände eine Windmühle (vgl. S. 90)? Bei aller pittoresken Schönheit, allem ökologischen Verständnis und allen romantischen Anwandlungen: So etwas gehört vielleicht in den Park Sanssouci in Potsdam, nicht aber auf eine kleine Farm irgendwo in Iowa....

Fazit: Ein interessanter Einblick in das Leben und Denken Spocks kann dieses Werk ohne Frage bieten. Doch wer mehr als eine schlecht zusammengepuzzlete Story, einen großartigen Höhepunkt oder gar eine richtige Handlung erwartet, sollte die Finger von diesem Comic lassen.
Viel zu oft nervt es mit plumpen Abbildungen, unnötigen Anachronismen und dummen Rechtschreibfehlern. Die großen Töne, die Tipton am Ende des Buches in seinem Interview von sich gibt, passen jedenfalls nicht zu dem verstimmten Moll-Konzert, dass „Spock“ am Ende spielt.

Denkwürdige Zitate:

Merken sie sich diese Tage, Picard. Denn wenn sie enden, werden sie ihrer nie wieder gewahr.
(Spock zu einem nicht erkennbaren kahlköpfigen Mann S. 95)

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Hans Oetzthaler und Turon47 treffen den Mann, den Messina wahrscheinlich gemeint hat

Bewertung: Großer Mann, doch lahme Kiste.

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Weiterführende Leseliste:

Star Trek Comics (Auswahl)

Die Spiegelwelt 1
Die Spiegelwelt 2
Countdown
Spiegelbilder
Tor zur Apokalypse
Spock

Kommentare:

  1. Ob man die optischen Fehler dem Herrn Tipton zuschreiben sollte, weiß ich nicht, immerhin ist dafür mehr der Zeichner verantwortlich und es ist ein offenes Geheimnis, dass die Künstler aus dem Messina-Studio gerne Abkürzungen nehmen und vor allem bei Schiffen und Räumen lieber auf vorgefertigte 3D-Modelle zurückgreifen, die man sich bei Sketchdump runterladen kann, anstatt die Dinge von Grund auf neuzuzeichnen. Natürlich sind sie dadurch in der Auswahl etwas beschränkt - ein von einem Fan gebautes Runabout-Modell kann man eher verwenden und als sein eigenes Werk verkaufen (immerhin ist es ja ein Star Trek-Design), als ein von einem Fan von Grund auf neu erstelltes Schiff.

    Wenn man die äußerst eng gewählten Veröffentlichungstermine berücksichtigt, die den US-Comic-Markt heimsuchen, und dann noch beachtet, dass Messina gerne seine Schüler die Löwenarbeit übernehmen lässt, damit sie ihre ersten wackligen Schritte in den Comic-Markt unternehmen, kann man es den Zeichnern nicht einmal verdenken.

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  2. Moin Damon,

    Die Pauschalschuld Tiptons für aufgetretene Fehler geht auf seine eigenen Bemerkungen zurück, die er im beiliegenden Interview zum Besten gibt. Er selbst war demnach für die Einhaltung der Kontinuität, die Kontrolle der Zeichnungen und Einstimmung der Zeichner zuständig.
    Ob das so den Tatsachen entspricht, kann ich nicht beurteilen, doch wenn man sich schon so vor seine Zeichner stellt, nehmen wir das natürlich so auf und spielen den Ball entsprechend weiter.
    Unentschuldbar wie peinlich sind tatsächlich jene Abkürzungen, derer sich die Zeichner bedienen. Da wird ohne Sinn und Verstand 'Copy' und 'Paste' benutzt und vielleicht auch dem Zeitdruck Tribut gezollt - traurig, dass da so wenig Leute drüber schimpfen und ein Heer von Kopfnickern Verantwortlichen wie den Gebrüdern Tipton das Gefühl geben, dass das so schon in Ordnung sei.

    Grüße aus dem windbemühlten Potsdam

    Turon47

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  3. Eigentlich ist für das, was Tipton da von sich gegeben hat nur der Editor verantwortlich. Der bekommt das Script, gibt es weiter an den Zeichner, der gibt seine Zeichnungen zurück an den Editor, der alles prüft, dann werden die Zeichnungen an den Inker gegeben, wieder zurück zum Editor, dann weiter zum Koloristen, zurück zum Editor, anschließend zum Letterer und zurück zum Editor. Aber gut, wenn Tipton Blödsinn redet, ist er selber schuld ;)

    Was die Modelle angeht... so unüblich ist das gar nicht, vor allem bei den Comics zu großen Lizenzen, etwa Star Trek oder Star Wars. Figuren zu zeichnen ist eine Sache, Schiffe wieder eine ganz andere - vor allem, wenn sie so komplex sind, wie bei Trek und der Zeichner ziemlich sicher sein kann, dass er sofort kritikmäßig eins auf die Nase bekommt, wenn die Enterprise nur ein bisschen Windschief ist.

    Es ist vollkommen Legitim auf Hilfsmittel am Computer zurückzugreifen - und sei es nur um die grobe Form hinzubekommen. "Drüberzeichen" (Tracen) und Details hinzufügen/verändern muss man ja trotzdem noch. Einige Zeichner bauen sich die Schiffe oder auch ganze Räume dann einfach selbst, um sicherzugehen, dass sie auch aus jeder Perspektive gut aussehen. Wenn es einfacher ist, sich das Ding direkt in 3D zu bauen, als von Null auf zu zeichnen, kannst du dir vorstellen, wie schwer es eigentlich ist, die Trek-Schiffe adäquat hinzubekommen.

    Fragwürdig wird es erst, wenn die Zeichner Modelle verwenden, die andere gebastelt haben - wobei... die Designs natürlich Eigentum vom Studio sind.

    Die Krone hat sich allerdings dieser Spock-Comic aufgesetzt, weil einem auf der zweiten(?) Seite ein nahezu unbearbeitetes Modell-Schiff geradezu ins Auge springt. Schau dir mal die Excelsior dort an. Fällt dir auf, wie "eckig" die Untertassensektion ist? Dann schau dir mal dieses Modell an:
    http://img4.imageshack.us/img4/2934/455m.jpg

    Da ist mir das erst so richtig aufgefallen. DAS ist einfach schlampige Arbeit. Modelle nutzen, um sicherzugehen, dass Perspektive/Verkürzung/Allemeine Form stimmt, ist eine Sache. Ich finde es nicht verwerflich, als Zeichner greift man ständig auf Hilfsmittel zurück. Von einem Profi erwartet man das nicht, der sollte alles selber zeichnen können, aber bei einem Neuling finde ich es nicht schlimm. Dann aber sogar zu faul zu sein, die viel zu offensichtlichen Fehler der Vorlage auszumerzen, spricht nicht gerade für gründliche Arbeit und/oder gutes Zeitmanagement.

    Ich muss dir auch vollkommen recht geben, dass Messinas Bleistiftzeichnen weitaus dynamischer sind als das Endprodukt. Das war schon bei Countdown so. Ich weiß absolut nicht, was die für einen komischen Inker haben. Durchgehend gute Arbeit haben bisher nur die Koloristen geleistet, aber wenn man sich die neuen Burden of Knowledge Comics ansieht, die viel zu bunt und grell geraten sind, gehört deren tadellose Arbeit wohl auch zur Vergangenheit. Schade, dass sich der deutsche Verlag bisher nur an Messinas Sachen gewagt hat. Dabei gibt es noch andere wirklich tolle Miniserien, die mal nichts mit dem Messina-Studio zu tun haben.

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  4. Okay, das ist definitiv ein ganz krass und recht offensichtlich geklautes Beispiel (übrigens auf S. 8 für all jene, die vergleichen wollen). Leider stimmt es natürlich; die Rechte solcher Bilder liegen streng genommen bei Paramount, dem absoluten Eigner von Star-Trek-Lizenzen. Die Firma toleriert lediglich die vielen Bemühungen der Fans im Internet.
    Aber dass IDW sich einfach so aus der Schublade 'weltweites Netz' frei bedienen darf, wage ich dennoch zu bezweifeln. Vielleicht ist es ja dass, was Tipton gemeinhin als 'Referenzmaterial' klassifiziert; im selben Atemzug nimmt er nimmt übrigens auch die Editorenaufgaben auf seine Kappe (vgl. S. 105).
    Vielen Dank für diesen Hinweis! Er stützt unsere Bewertung oder könnte sogar als Grundlage einer weiteren Herabstufung dienen.

    Nach den bisherigen Erfolgen der Star-Trek-Comics hoffen auch wir, dass die Burden-of-Knowledge-Reihe ihren Weg in unsere Gefilden finden wird, denn bei aller Liebe zu Messina tut Abwechslung auch mal ganz gut...

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  5. Ich sitze in den USA und komme immer recht flott an die Comics heran. Bisher weiß ich nicht, ob ihr euch auf Burden of Knowledge freuen müsst. Das erste Heft hat mich (was die Story angeht) absolut nicht begeistert - einen durchgehenden Handlungsstrang suche ich vergebens. Jede Ausgabe scheint für sich zu stehen. Die zweite Geschichte war dagegen richtig gut. Zeichnerin Manfredi, die bei "Spock Reflections" unter Messinas Aufsicht üben durfte, und nun nach seinem Weggang aus der Welt der Star Trek-Comics in seine Fußstapfen tritt (er macht nur noch die Star Trek XI Comic-Adaption) kann hier auch ordentlich glänzen. Da zeigt sich, dass es sich eben bezahlt gemacht hat, dass sie schon üben durfte. Diesmal sind die Schiffe auch offenbar nur von ihr :)
    Einzig die Kolorierung ist mir zu... shiny.

    Was ich empfehlen kann ist die "Blood will tell"-Reihe - die erste Zusammenarbeit von den Tiptons und Messina. Die Comics haben viel Spaß gemacht. Außerdem "Missons End", was endlich mal von einem ganz anderen Autoren und Zeichner und richtig gut war, und die Romulaner-Geschichten von John Byrne (Alien Spotlight: Romulans 1 + 2 und der Nachfolger Star Trek Romulans "Schism"). Überhaupt waren die Alien Spotlight-Sachen ganz gut. Oh, und die "DS9: Fools Gold" Ausgaben waren ziemlich gut.

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