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Montag, 22. Juli 2013

Die Kinder von Hamlin

Buchbesprechung Carter, Carmen: Die Kinder von Hamlin. Heyne, 1988/ 1990.

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Story: Die USS Enterprise NCC-1701-D ist mit einer mäßig spannenden Aufgabe betraut: Das majestätische Flaggschiff der Sternenflotte soll das Taxi für einen sturen Haufen hinterwäldlerischer Weltraum-Amish zu einem weit entfernten Kolonieplaneten spielen. Doch während dieser Routinemission entdecken die Sensoren des Raumschiffes einen Kampf in den vermeintlich leeren Weiten des benachbarten Sektors. Als sich die Besatzung unter dem Kommando Jean-Luc Picards der Szenerie nähert, muss sie entdecken, dass sich das Sternenflottenschiff USS Ferrel unmittelbar vor seiner Zerstörung befindet. Das gegnerische unbekannte Flugobjekt, ein seltsam anmutendes Gebilde aus schillernden Blasen, kann erst im letzten Moment davon abgebracht werden, das veraltete Schiff der Constellation-Klasse in einen Stück zusammengepressten Weltraumschrott zu verwandeln.
Nachdem es den Rückzug antritt, beginnt die Crew der USS Enterprise damit, die Überlebenden vom arg gebeutelten Sternenflottenkreuzer zu retten.Doch unter den erstaunlich überschaubaren neuen Passagieren befinden sich auch zwei Personen, die von den nur wenig redseligen übrigen Offizieren mit besonderer Abscheu bedacht werden. Schnell wird  Captain Picard bewusst, dass es sich bei Deelor und seiner Assistentin Ruth um Agenten des Sternenflottengeheimdienstes handeln  muss.
Ehe der Kommandant der Enterprise angemessen reagieren kann, übernimmt Deelor die Befehlsgewalt über das Schiff der Galaxy-Klasse. Er zwingt die Besatzung, an der Jagd auf den unbekannten Gegner teilzunehmen, weil er auf eine Beute der ganz besonderen Sorte hofft:
Die vor mhr als fünfzig Jahren auf mysteriöse Art und Weise verschwundenen Kinder einer Bergbaukolonie namens Hamlin...




Lobenswerte Aspekte: "Kann denn nicht einmal jemand  an die Kinder denken?!" Wer ein Buch erwartet hat, das Helen Lovejoys melodramatischer Aufmerksamkeitszuwendung für Heranwachsende teilt, wird eines Besseren belehrt, denn abgesehen von Wesley Crusher, einem mit diesem befreundeten, gleichaltrigen Nachfahren technophober Kartoffelbauern sowie einem zweijährigen Kaspar-Hauser-Waisen spielen Kinder in dem Buch keine wesentliche Rolle. Natürlich nervt der junge Superfähnrich ehrenhalber auch hier, doch im Vergleich zu so mancher TNG-Episode wirkt selbst der Jar Jar Binks des Star-Trek-Universums vergleichsweise sympathisch.
Autorin Carmen Carter, der es bereits mit ihrem Werk "McCoys Träume" gelang, lebhaft unter Beweis zu stellen, dass sie gute Star-Trek-Romane verfassen kann, beschrieb in der Danksagung, dass ihr im Vergleich zwischen beiden Werken in diesem Fall nur drei Monate zur Fertigstellung vergönnt waren (vgl. S. 287). Doch dieser immense Zeitdruck hat dem Buch unglaublich gut getan - es braucht den Vergleich mit ihrem Debüt keineswegs zu scheuen.
"Die Kinder von Hamlin" verfügt über eine vernünftige Kapiteleinteilung (keinesfalls eine Selbstverständlichkeit bei einem so frühen Star-Trek-Buch), spannende und wenig vorhersehbare Entwicklungen (gleichermaßen keine Selbstverständlichkeit bei einem so frühen Star-Trek-Buch) und trifft auch den Großteil der Charaktere zielsicher (ganz bestimmt keine Selbstverständlichkeit bei einem so frühen Star-Trek-Buch). Selbst der Umstand, dass Wesley Crusher hier den Androiden Data trotz dessen höheren Dienstgrades in seinen ausschweifenden Ausführungen abwürgt (vgl. S. 191), wirkt nicht deplatziert, sondern fügt sich nahtlos in die Geschichte eines Running Gags ein, der in ähnlicher Form des Öfteren in der Fernsehserie fiel. 
Die Handlung passt in die erste Staffel; nicht zuletzt, weil sich Carter Mühe gab, die 1988 noch spärlich gesäten Information zu einem großen Ganzen zu verbinden. So fallen mehrere Querbezüge auf Ereignisse innerhalb der ersten Staffel (vgl. z.B. S. 225, S. 40 oder S. 111), auf die Originalserie (vgl. S. 100) oder gar die stiefmütterlich gern unter den Tisch gekehrte Zeichentrickserie (vgl. S. 138). Darüber hinaus offenbart sie kassandrisch anmutende Weitsicht, denn ihre Konzeption des undurchsichtigen Geheimdienstlers Deelor riecht verdächtig nach Sektion 31.
Höhepunkt auch dieses Romans bleibt die fremde Spezies, um die sich die Ereignisse drehen. Die
Choraii sind eben kein Volk, die einem heutzutage gängigen Verständnis von Staatlichkeit entsprechen, sondern verkörpern etwas wirklich Fremdartiges, dass sich nicht so ohne Weiteres mit menschlichem Bewertungsmaßstäben erfassen lässt. Diese erfrischend reizvolle Unvertrautheit setzt sich in Schiffsbau, Wohnsituation und Handelsstruktur fort und auch wenn der ein oder anderen Aspekt an Klassiker wie "Abyss - Abgrund des Todes" oder "Unheimliche Begegnung der dritten Art" denken lässt, bleiben die Choraii selbst nach der letzten Seite ein fortwährendes Mysterium.

Kritikwürdige Aspekte: Nicht nur hierzulande, sondern vor allem auch in den USA erfreut sich die Legende des "Rattenfängers von Hameln" einer großen Beliebtheit. Deutschstämmige Einwanderer brachten die Erzählung an das gegenüberliegende Ufer des den große Teichs, wo sie bis heute bei Schulaufführungen, in Kinderbüchern oder Trickfilmserien regen Zuspruch findet. Nur der für englischsprachige Zungen vergleichsweise sperrige Ortsname 'Hameln' wurde in ein flotteres 'Ham(e)lin' umgewandelt.
Ob der Popularität dieses Themas verwundert es also nicht sonderlich, dass irgendwann einmal jemand darauf gekommen ist, diesen Stoff auch als Grundlage für eine Star-Trek-Geschichte zu adaptieren.
Daher richtet sich mein Vorwurf auch nicht an die Verwendung des Topos', sondern viel eher an der all zu deutlichen Offensichtlichkeit. Immerhin stellt es schon einen immens großen Zufall dar, dass ausgerechnet in einer Kolonie mit dem Namen 'Hamlin' Kinder entführt werden (vgl. S. 56). Um die Wahrscheinlichkeit noch mehr zu strapazieren, nutzt das edelmetallsüchtige Kidnappervolk auch noch ausgerechnet virtuoses Flötenspiel zur Kommunikation (vgl. S. 132). Obgleich sich eine solche literarische Verarbeitung normalerweise problemlos an einen Leser verkaufen lässt, wirkt sie bei einer Science-Fiction-Geschichte im Star-Trek-Universum völlig unangebracht. Immerhin lebt ganz besonders diese Franchise davon, ein idealisiertes, aber dabei doch glaubhaftes Bild der Zukunft zu vermitteln. Dieser allzu offensichtliche Kunstgriff jedoch rüttelt an dieser Glaubwürdigkeit und stellt das Werk damit in einen krassen Gegensatz zu dem, was 'StarTrek' eigentlich ausmacht.
Schließlich möchte man in diesem Universum auch nicht unbedingt von einem Enterprise-Noteinsatz beim Lummer-Planeten lesen, auf dem die Absturzüberlebenden James Button und sein Kompagnon Luke aus den Wrackteilen Schienenfahrzeuge bauen und auf der einzigen, mit zwei markanten Erhebungen ausgestatteten Landmasse ein umfassendes Nahverkehrsnetz aufbauen und damit die Oberste Direktive verletzen (obwohl ich zugeben muss, dass das jetzt irgendwie reizvoller als beabsichtigt klingt).



Ein wenig mehr Subtilität im Umgang mit einem solchen kulturellen Allgemeinplatz hätte dem Star-Trek-Roman schlichtweg besser zu Gesicht gestanden.
Ferner bleibt eine Person von den ansonsten sehr treffend geschilderten Charakteren ausgenommen:
Doktor Beverly Crusher ähnelt in ihrer Anlage zu sehr an ihre Nachfolgerin Doktor Katherine Pulaski.
Der von Diana Muldaur porträtierte Schiffsarzt wurde ihrerseits an einem anderen prominenten Vorbild orientiert:
Doktor Leonard McCoy.
So muss man hier miterleben, wie die Medizinerin erschreckend raubeinig gegenüber Patienten (vgl. z.B. S. 127, S. 165 oder S. 195) und erschreckend schroff gegenüber ihren Kollegen agiert (vgl. z.B. S. 157, S. 163 oder S. 175). Zudem entwickelt sie einen stark von ihrem Wesen abweichenden Hang zu brachialen Flüchen (vgl. S. 135 oder S. 157) und Bibelreferenzen (vgl. z.B. S. 174 oder S. 185), der eher der allseits bekannten Südstaatlermentalität eines bestimmten 'einfachen Landarztes' entsprechen würde und sobald ihr der Satz "Er ist tot." (S. 52) über die Lippen kommt, liest man im Geiste ohnehin schon längst ein "Jim" bzw. "Jean-Luc" mit.

Übersetzung: "Die Kinder von Hameln" – zugegeben, dass klingt trotz der geringen Buchstabenabweichungen gleich einige Nuancen weniger 'cool' als "Die Kinder von Hamlin".
Aber entgleitet damit der deutschen Sprache nicht bereits zum zweiten mal ein verlorenes Kind?
Immerhin handelt es sich um eine mehr als fünfhundert Jahre alte Sage, die ein wesentliches Produkt der hiesigen Kulturlandschaft darstellt. Schon allein aus diesem Grund müsste sich die deutsche Namensherkunft aufzwängen, zumal die Namen der Choraii-Schiffe ohne Rücksicht mit den damit verbundenen Wortspielen auch in unsere Sprache übertragen wurden (vgl. S. 107 und S. 265).
Andererseits umgibt den deutschsprachige Leser damit immerhin auch ein wohlwollender Hauch der Entfremdung, der die Rattenfänger-Thematik weniger offensichtlich ausfallen lässt. Während das Original also mit dem Holzhammer die Handlungsanleihen vorwegnimmt, nötigt das Werk in seiner Übersetzung seinem Rezipienten immerhin etwas Puzzlearbeit ab.
Ich kann daher nicht genau sagen, ob der Titel nun gut oder schlecht gewählt ist. Bei einem vollständig deutschen Titel hätte ich diesen Unterpunkt aber wohl gar nicht erst mitaufgenommen.

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Dafür gibt es an anderen Stellen genug zu kritisieren.
In allerbester Heyne-Tradition wird da eine eigene, von der deutschen Synchronisation unbeeindruckte Neusprech-Version eingeführt, die fremde Wörter (vgl. z.B. "Insignienkommunikator" S. 9, "Diskussegment" S. 22 oder "Galaxis-Klasse" S. 81), unbekannte Anglizismen (vgl. z.B. "Starbase" S. 15, "Starfleet Command"S. 53, oder "Horizon-Injektion" S. 105) und neue Rechtschreibfehler (vgl. z.B. "Förderations-Ingenieure" S. 25, "Sie haben fast einen Monat in Starbase 10 gewartet, […]" S. 63 oder "darn" S. 210) beinhaltet.
Der Verlag dringt dabei in grammatische Untiefen vor, die kaum ein Mensch zuvor für möglich gehalten hat:
Wie oft kann man den fürchterlichen Begriff "desaktivieren" wohl verwenden (Antwort: sechs Mal; z.B. S. 32, S. 130 oder S. 274)?
Wie viele Wörter lassen sich möglichst unsinnig mit dem Präfix "Medo-" kombinieren (Antwort: zehn Kombinationen; z.B. "-Jacke" S. 8, "-Akte" S. 91 oder "-Block" S. 202?
Und kann man Picards "Engaged!" noch langweiliger als mit "Energie!" übersetzen (Ja! mit "Transit." S. 167)?
In einem ist die Arbeit Andreas Brandhorsts allerdings ihrer Zeit voraus:
Obwohl dieses Buch erst 1990 erschien, wendet es bereits Schreibweisen an, die erst mit der Rechtschreibreform aus dem Jahr 1996. So erscheinen Begriffe wie "Cousine" oder "Holographie" in vorauseilendem Gehorsam bereits in diesem Werk als "Kusine" (S. 34) oder "Holografie" (S. 218).

Anachronismen: Eine Geschichte wie des Rattenfängers von Hameln in die ferne Zukunft zu transportieren, ist keine leichte Aufgabe. Doch dieses Buch legt sich selbst Steine in den Weg, in dem es auf Begrifflichkeiten zurückgreift, die schon heute nach finsterem Mittelalter klingen. Eine Zukunft für die man "Blätter des Ausdrucks" (vgl. S. 73), ein "Kassette" (vgl. S. 127) oder gar ein "Druckerterminal" (vgl. S. 188) benötigt, entzieht sich meiner Vorstellung des 'unentdeckten Landes' bereits. Schon erstaunlich, wie sich dieses Bild von den ausgehenden Achtzigern bis heute gewandelt hat.
Während für diesen Wandel der Zukunftsrezeption allerdings niemand ernsthaft verantwortlich gemacht werden kann, gibt es einige Widersprüche zum offiziellen Kanon, die bereits mit einem genaueren Blick auf die damals laufende erste Staffel hätten verhindert werden können.
So sollte eine Besatzungsstärke von sechsundvierzig bei einem Schiff der Constellation-Klasse eigentlich keine größere Verwunderung bei Picard auslösen (vgl. S. 40 und S. 47), dessen Bereitschaftsraum-Maskottchen Livingston übrigens auch kein "Löwenfisch" (S. 65), sondern ein Rotfeuerfisch ist.
Außerdem konnte der aufmerksame Zuschauer gleich in der dritten Episode "Der Wächter" den Erstkontakt der Föderation mit den Ferengi miterleben, weswegen es merkwürdig anmutet, dass diese Spezies bereits fünfzehn Jahre vor dieser Folge menschliche Sklaven an die Sternenflotte veräußert haben soll (vgl. S. 76). Vom Gebrauch längst überholter Geldmittel (vgl. S. 64) will ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen.
Allein dass Beverly Crusher auf einer landwirtschaftlichen Kolonie geboren sein soll (vgl. S. 283) wurde erst in "Mission ohne Gedächtnis" widerlegt. Laut den Angaben aus der fünften Staffel stammt die Chefärztin nämlich vom Mond.
Die Anachronismen halten sich eigentlich in Grenzen, weswegen es schade ist, dass "Die Kinder von Hamlin" sich die größten Stolpersteine selbst in den Weg legt.
So wirkt es schlichtweg unglaubwürdig, dass ein simpler Code aus sieben Ziffern genügt, um das gesamte Logbuch eines Captains einzusehen (vgl. S. 132). Zudem wird überhaupt nicht darauf eingegangen, dass in der flüssigen Atmosphäre eines Choraii-Schiffes Musik völlig anders als etwa auf der Brücke eines Sternenflottenschiffes klingen müsste (vgl. z.B. S. 132ff., S. 151 oder S. 160). Ferner fehlt es an einer Erklärung, warum die USS Enterprise - an einer Sternenbasis angedockt – die mürrischen Landeier aus Neu Oregonia mit Shuttles an Bord bringen musste (vgl. S. 192). Hat es ihr ebenfalls (für ein Roddenberry-Universum) reichlich anachronistisch anmutende Glaube (vgl. S. 233) ihnen verboten, heidnische Luftschleusen zu benutzen?

Fazit: Für ein so frühes Buch bietet "Die Kinder von Hamlin" erstaunlich hochwertige Unterhaltung. Die Charaktere treffen den Ton, die Handlung ist abwechslungsreich und mit den wirklich fremdartigen Volk der Choraii gelang der Autorin trotz Zeitdruck ein wirklich großer Wurf.
Der allzu offensichtliche Umgang mit der Thematik "Rattenfänger von Hameln", die schwache Übersetzung und vor allem die Logiklöcher, die Carter selbst in ihr Werk riss, mindern die Harmonie dieses Buches etwas. Dennoch bleibt es gerade im Hinblick auf seine Entstehungszeit ein überraschend angenehmer Höhepunkt unter den Frühwerken der TNG-Literatur.

Denkwürdige Zitate:

"Merde."
Jean-Luc Picard, S. 31

"Verschwenden Sie Ihr Glück nicht an uns. Behalten Sie es, Captain Picard. Sie brauchen es sicher dringender als wir."
Commander D'Amelio, S. 70

"Wenn man die Zeit hat, ein Projekt zu einem guten Abschluss zu bringen, so kann man sich ebenso gut die Mühe geben, Großartiges zu leisten."
William T. Riker, S. 102

"Manchmal ist die Verpackung wichtiger als der Inhalt."
Riker, S. 108

"Ich bin nicht gekommen, um zu arbeiten."
Wesley Crusher, S. 177

Bewertung: Eine Vier-Sterne-Melodie.

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Dienstag, 9. Juli 2013

Gespensterschiff

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Buchbesprechung Carey, Diane: Gespensterschiff. Heyne, 1987/1990.

Story: Schwarzes Meer, 1995. Der sowjetische Superflugzeugträger "Gorschkow" pflügt sich majestätisch seinen Weg durch die sauerstoffarmen Wellen des Schwarzen Meeres. Das atombetriebene Schiff repräsentiert den gesamten maritimen Stolz der Großen Vaterländischen Seestreitkräfte. Kein Wunder, denn mit an Bord befindet sich ein hypermoderner Pulsator, der feindlichen, westlichen Raketensystemen im Null-Komma-Nix den Garaus machen kann.
Doch just in dem Moment, in dem Captain Reykow und sein erster Offizier Vasska die neue Wunderwaffe zur Erbauung der mitgereisten Funktionäre ausprobieren, kommt ein riesiges fremdes Wesen auf sie zu. Ehe die beiden Männer überhaupt reagieren können, zerstört es das Schiff, tötet alles Leben an Bord und saugt die Seelen der sterbenden Crew in sich auf. Über dreihundert Jahre fristet die Crew, eingesperrt in ein einsames Gefängnis, eine qualvolle Existenz, bis das mächtige Wesen einen neuen Gegner ins Visier nimmt: Ein frisch eingeweihtes Raumschiff mit der Bezeichnung USS Enterprise NCC-1701-D. Reykow selbst erscheint als körperlose Emanation auf dem fremden Kreuzer, um die frisch zusammengewürfelte Crew zu ermutigen, den Kampf gegen das Wesen aufzunehmen. Doch obwohl die unbekannte Besatzung sogar einen telepatischen Counselor in ihren Reihen hat, gelingt es ihr nicht so recht, zu verstehen, was Reykow und seine gepeinigten Genossen von ihnen wollen.
Wird es dem fremden Captain Jean-Luc Picard gelingen, sie aus ihrem Verlies zu befreien und sie von ihrer grausamen, körperlosen Existenz zu befreien?

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Auf der Suche nach ewigem Frieden für die toten Überlebenden


Lobenswerte Aspekte: "Gespensterschiff" schlägt eine Brücke in eine spannende Phase der Erdgeschichte, die an Filme wie "Jagd auf Roter Oktober", "Hot Shots" oder "Der letzte Countdown" zurückdenken lässt. Im Spannungsfeld zwischen Marine-Romantik, kaltem Krieg und Völkerfreundschaft knüpft es an eine cineastische und literarische Traditionslinie an, die sich bereits mehr als einmal als schlüssiges Verkaufsargument entpuppte.
Warum auch nicht?
In dieser Kombination steckt ja auch eine Menge Potential und nicht von Ungefähr spielt ein Flugzeugträger namens Enterprise eine gewichtige Rolle im vierten Star-Trek-Kinofilm "Zurück in die Gegenwart".
Lesenswert ist dieses Buch jedoch in erster Linie ob der kleineren Details, die biografische Lücken zu den damals frisch eingeführten Charakteren der 'nächsten Generation' schließen. So kann man beispielsweise erfahren, dass Tasha Yar über litauische Wurzeln verfügt (vgl. S. 58), erhält Kenntnis über einen unterhaltsamen dunklen Fleck in William T. Rikers Beförderungsgeschichte (S. 40f.) und stellt überrascht fest, dass Deanna Troi ihren 'Imzadi' Riker in den ersten Folgen nur deshalb 'Bill' nannte, weil sie einem tief in ihr schlummernden Ödipuskomplex anhängt (S. 235f.).
Eben jene Halbbetazoidin, die in der ersten Staffel noch einen schweren Stand bei Schreibern und Altfans hatte, geht als klare Gewinnerin aus diesem Roman hervor. Soviel Platz zur Charakterentfaltung wie in diesem ersten eigenständigen Buch der TNG-Crew hatte die Bordpsychologin jedenfalls in keiner einzigen der sechsundzwanzig Folgen der ersten Staffel. Als Höhepunkt dieses Schaulaufens muss man die ebenso gelungene wie einfühlsame Schilderung ihre Eindrücke beim Kontakt mit fremden Lebensformen bezeichnen (vgl. S. 42).
Die Autorin scheut sich auch nicht, gleich in ihrer Widmung passiv ihre eigenen Fähigkeiten ins rechte Licht zu rücken. Nicht ganz zu Unrecht, denn gerade in technischer Hinsicht könnten sich einige männliche Kollegen der Zunft durchaus eine dicke Scheibe ihrer Fachkenntnis abschneiden, denn Carey gelingt es nicht nur, in simpler Eleganz den Unterschied zwischen Passiv- und Aktiv-Sensoren zu erläutern (vgl. S. 103), sondern beschreibt auch die Besonderheiten bei einer Abtrennung der Untertassensektion während eines Warpflugs so umfassend, dass sie dabei sogar die Kohlen für die fragwürdige Darstellung im Pilotfilm "Der Mächtige" aus dem Feuer holt (vgl. S. 129).
Und wo wir gerade auf dem schmalen Grat zur Metaebene wandeln:
Für einen so frühen Roman, der in der Frühzeit der Serie anzusiedeln ist, besteht der spannendste Teil eigentlich darin, ihre geschickt verpackte Kritik an den zunächst merkwürdig anmutenden Neuerungen dieser völlig vom Original abweichenden Neuinterpretation Star Treks herauszufiltern. Ihren augenzwinkernden Bemerkungen zu den unklaren Rollen des Ersten Offiziers (vgl. S. 25) und des Counselors (vgl. S. 65) sowie der Hautfarbe Datas (vgl. S. 27) treiben selbst den hartgesottenen Next-Generation-Fans die Mundwinkel in Richtung Haupthaaransatz.

Kritikwürdige Aspekte:

Riker: "Ich!?"
Picard: Sie  haben sich zum Dienst gemeldet und Sie sind qualifiziert."
Riker: "Ja, Sir!"
Picard: "Dann tun Sie Ihren Dienst, Commander."


Klingt aggressiv, komisch und fremd?
Dabei ist das keine schlechte Fanfiction! Tatsächlich stammt dieser Wortwechsel aus der noch etwas hölzernen ersten Staffel TNGs. Also aus genau der Ära, in der auch dieser Roman angesiedelt ist. Insofern muss man wohl jenen Stimmen, die diesem Roman unterstellen, dass die Figuren im Umgang miteinander etwas ruppig anmuten, mit gebotener Vorsicht begegnen.
Aber selbst wenn man dieses Zitat aus dem Pilotfilm "Der Mächtige/ Mission Farpoint" als Vergleichswert heranzieht, bleibt festzuhalten, dass das Miteinander der Crew in diesem Buch in wirklich gar keiner Relation zu den gelegentlichen Reibungspunkten früher Folgen steht. Die Figuren und ihr Sozialverhalten sind schlichtweg nicht getroffen. Das lässt sich an ein paar Personen exemplarisch festmachen.

Jean-Luc Picard. Ich kann nicht genau sagen, welche Laus dem Kommandeur der USS Enterprise in diesem Werk über die Leber gelaufen ist, doch der charismatische Franzose wirkt viel zu häufig erschreckend zickig und cholerisch (vgl. S. 23, 34, S. 51, S. 73, S. 81f., S. 83, S. 131, S. 134). Meist geschieht das in Situationen, von denen man als 'alter Hase' genau weiß, dass sich der Captain eigentlich nie so gehen lassen würde. Dadurch verliert seine Autoritätsaura völlig an Leuchtkraft. In der einzigen Situation hingegen, in der man eine härtere Gangart erwartet, enttäuscht dieses lasche Picard-Imitat auf ganzer Linie und reagiert trotz Insubordination und Materialverlust großväterlich sanftmütig (vgl. S. 268ff.). Um die Verwirrung perfekt zu machen, legt er eine erschreckende Mordlust wie Käpitän Ahab auf der Jagd nach dem Weißen Wal an den Tag, die er sich eigentlich für den finalen Kampf gegen die Borg aufheben müsste.
Da kann man als erschrockener Leser seinem Ersten Offizier William T. Riker nur kopfnickend beipflichten, wenn er seinem Vorgesetzen in diesem Zusammenhang vorwirft: "Das klingt nicht nach Ihnen, Sir." (S. 251)

William T. Riker. Was aber nicht bedeuten soll, dass Riker auch nur ansatzweise besser getroffen wäre. Er steht seinem Kommandanten in puncto Stimmungsschwankungen in nichts nach (vgl. z.B. S. 116), verliert sich in sinnfreien Eifersuchtsszenen (vgl. S. 24f) und präsentiert sich erschreckend wehleidig (vgl. S. 25).

Data. Vielleicht sollte man eher 'Lore' sagen, denn der Androide Data entfaltet eine verdächtig breite  Emotionspalette: Von traurig (vgl. S. 116), empfindlich (vgl. S. 228), lächelnd (vgl. S. 243), freudig (vgl. S. 125) bis hin zu grinsend (S. 184) hat man die künstliche Lebensform jedenfalls vor der Aktivierung seines Emotionschips nur selten so sentimental erlebt. Hinzu kommt, dass er scheinbar sogar Schmerz empfinden kann (vgl. S. 31), für einen Androiden eine erstaunliche Tolpatschigkeit an den Tag legt (vgl. S. 201f.) und sogar ein Herz zu besitzen scheint (vgl. S. 201).
So ziemlich alles, was man über das Spitzenprodukt aus dem Hause Soong erfährt, steht im direkten Widerspruch zu den späteren Informationen der Serie. Vor allem der Status als biologische Lebensform, den Carey ihm als Höhepunkt ihres Buches verlieh, hat gar nichts mit dem beliebten Charakter zu tun, der in seinem verzweifelten Streben nach Menschlichkeit erst zum Zuschauerliebling avancierte.

Geordi LaForge. Der blinde Steuermann offenbart sich als extrem angriffslustig und streckenweise sogar persönlich angreifend gegenüber seinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem ersten Offizier Riker (vgl. z.B. S. 117f., S. 216 oder S. 227ff.). Das wirkt sogar noch schlimmer und unangenehmer als in der TOS-Folge "Notlandung der Galileo Sieben" – was man tatsächlich als eine ernstzunehmende Leistung interpretieren könnte.
Hinzu kommt eine für LaForge unangemessene Ausdrucksweise, die in dem Satz "Maschine, meine Fresse." (S. 36) gipfelt.  Im englischen Original liest sich das nicht viel besser. Hier muss man sogar von "Machines, my ass." lesen. Den schüchternen und auf Ausgleich bedachten Navigator begleitet kein nennenswerter Wiedererkennungswert.

Man könnte noch weitere Beispiele aufführen, doch der Übersichtlichkeit halber sei nur erwähnt, dass Doktor Beverly Crusher zu controllfreakig (S. 62f.), Worf zu unterwürfig (S. 34f.) oder Wesley zu unselbständig (S. 76ff.) agieren. Die Psychologin Deanna Troi droht sogar mit einem Suizid, sofern die restlichen Führungsoffiziere nicht ihrer Interpretation der Ereignisse folgen (vgl. S. 208). Den fragwürdigen Höhepunkt dieser Figurenvergewaltigung bildet die Gleichsetzung Tasha Yars mit einer Disney-Prinzessin (vgl. S. 152).
Gerade durch den wahren Zickenkrieg, den sich die Besatzung in diesem Werk viel zu häufig leistet, vermag die gut gemeinte Aufopferungsbereitschaft der eher gegeneinander arbeitenden Crew im Licht solcher Umstände nicht so recht seine Wirkung zu entfalten (vgl. S. 128f.)
An dieser Stelle muss ich wohl auch mal mit einer erschreckend weit verbreiteten Legende aufräumen: An vielen Orten (wie zum Beispiel Jeff Ayers' 'Voyagers of Imagination: The Star Trek Fiction Companion') kann man lesen, dass Carey selbst zu Protokoll gab, dass sie dieses Werk geschrieben hätte, noch bevor die Schauspieler gecastet waren und die Serie überhaupt im Fernsehen anlief. Insofern müsste man viel Nachsicht walten lassen.
Wenn das stimmen würde.
Anhand von Textbelegen lässt sich jedoch beweisen, dass genau das Gegenteil der Fall ist. So deuten Erwähnungen von Personen wie Argyle (vgl. S. 129) UND MacDougal (vgl. S. 135), aber auch die aufgegriffene Ernennung Wesley Crushers zum Fähnrich ehrenhalber (vgl. S. 76f.) sowie Tasha Yars Herkunft (vgl. S. 153) darauf hin, dass ihre Kenntnisse zumindest bis zur sechsten Folge der ersten Staffel ("Der Reisende") reichten. Hinweise auf Deannas Mutter (vgl. S. 64) legen sogar den Verdacht nahe, dass sie es eventuell sogar bis zur elften Folge ("Die Frau seiner Träume") geschafft hat.
Auch die verschiedenen Schauspieler kannte sie bestens und spielt sogar mit diesem Wissen: Die Erwähnungen Sirtis' mediterraner (vgl. S. 110), bzw. griechischer (vgl. S. 65) Herkunft, Crosbys burschikosem Äußeren (vgl. S. 33) oder Stewarts bühnenhaften Tenors (S. 23) wären jedenfalls in der Form gar nicht möglich gewesen, wenn Carey die einzelnen Darsteller nicht in Aktion gesehen hätte.
Natürlich wäre es denkbar, dass die Autorin diese vergleichsweise häppchenartigen Informationen in ihr Werk einfügte, nachdem sie den Hauptteil der Handlung verfasste. Der geringe Umfang und der minimale Einfluss auf das Wesen der einzelnen Figuren sprächen jedenfalls für eine solche nachträgliche Einarbeitung. Doch diese minimalen Schönheitskorrekturen blieben dabei ein Tropfen auf den heißen Stein. Es bleibt festzuhalten, dass dieses Werk viel zu schnell auf den Markt geworfen wurde und dadurch keine große Schnittmenge mehr mit dem Endprodukt der Fernsehserie aufwies. Eine längere Bearbeitungszeit hätte Diane Carey zur Auseinandersetzung mit den einzelnen Charakteren sicherlich gut getan.
Das merkt man spätestens dann, wenn interne Schiffsabläufe thematisiert werden. Schenkt man den Ausführungen Careys Glauben, so muss man kritisieren, dass die Kommandokette auf dem Flaggschiff der Sternenflotte überhaupt nicht funktioniert. Das wird jedenfalls im zweiten Teil des Werkes überaus deutlich.
Picard lässt sich inmitten einer Notsituation zu Selbstversuchszwecken in ein Wachkoma versetzen (vgl. S. 210), während sich sein zweiter Offizier mit einem Shuttle zu Selbstopferungszwecken unerlaubt vom Schiff entfernt (vgl. S. 197ff.) und der Erste Offizier dem Androiden mitten in diesem Kommandovakuum auch noch auf diesen Kamikazetripp folgt (vgl. S. 229). Das Schiff treibt währenddessen schutzlos, energielos und führerlos durch das All, während ein fremdes Wesen nach dem Leben der Crew trachtet und in der kalten Dunkelheit des Weltraums lauert.
Dabei bleiben die Führungsspitze nicht das einzige Beispiel für Mängel in der Schiffshierarchie. Der junge Wesley Crusher zapft unbemerkt über einen Monat hinweg die Antimateriereserven des Schiffes in einem Sperrgebiet an (S. 173ff.) und Data zweckentfremdet während seiner Dienstzeit die Ops-Konsole für private Recherchen mit Sprachausgabe (vgl. S. 32). Die Crew wirkt wie ein anarchischer Haufen egozentrischer Individuen, der sich nicht sonderlich um die Einhaltung von Rangstufen oder Hackordnungen kümmert. Was heutzutage vielleicht irgendwie begrüßenswert und sympathisch klingt, passt aber nicht zur zukunftsorientierten Star-Trek-Ideologie, in der die unbedingte Einhaltung der Kommandostruktur eines Schiffes oder einer Station ein zentrales Merkmal für die Glaubwürdigkeit bedeutet. Stellt man diese wie hier in Frage, vermag sich ein Wiedererkennungsgefühl in irgendeiner Form auch partout nicht einzustellen.
Mehr noch: Es entreißt der philosophisch sicherlich relevanten Frage nach Sterbehilfe, die den Roman eigentlich bestimmen sollte, völlig den Boden und beraubt der gesamten Handlung die Nachvollziehbarkeit.
Passend dazu kulminiert das Buch schließlich in einem widerlich kitschigen Finale, in dem auch noch allen Ernstes und allen Gepflogenheiten der Franchise zum Trotz salutiert wird (vgl. S. 270f.).
Prädikat: Besonders Gruselig!

Übersetzung: Das Unheil kündigt sich bereits mit dem Titel des Buches an:
"Gespensterschiff" liest man da in Großbuchstaben auf dem Cover, obwohl es mit "Geisterschiff" einen ungleich geläufigeren Terminus innerhalb der deutschen Sprache gibt. Zumal innerhalb des Werkes nicht ein einziges Mal von 'Gespenstern', sondern durchweg von 'Geistern' geredet wird (vgl. z.B. S. 77, S. 109 oder S. 194).
Doch der Titel ist erst der Anfang einer wahren Übersetzungszumutung. Norbert Stresau, dem die Übertragung dieses Frühwerkes in die deutsche Sprache oblag, merkt man seine süddeutsche Herkunft umgehend an. Fürchterlich falsch klingende Satzteile wie "Er wollte sich nach der taktischen Konsole umwenden, […]" (S. 24) ", "[...] an der Reserve gehangen ist [...]" (S. 179) oder "[…] machten ihn frösteln […]" (S. 212) verraten seine Herkunft und mindern das Lesevergnügen bei Rezipienten, die sprachlich jenseits des Weißwurstäquators sozialisiert wurden.
Aber auch der verschnörkelte Stil des Textes nervt beim Lesen gewaltig. Beschreibungen wie "Geordi fühlte den Stachel seiner eigenen Hilflosigkeit." (S. 181), "Bittere Wut umwölkte Trois hübsche Augen." (S. 171) oder "Der Androide sah zu ihm auf, eine Bewegung, die Riker durchfuhr wie ein hölzerner Pflock." (S. 167) sind bei gelegentlichem Aufkommen sicherlich eine willkommene Abwechslung, doch ein ganzes Buch voll mit blumigen Umschreibungen wie diesen versetzt den potentiellen Käufer rasch an die Grenzen seiner Leidensfähigkeit. Natürlich ist so eine Stilfrage in erster Linie an den Autoren gekoppelt, doch an diesem Beispiel kann man gut erkennen, was passiert, wenn die Wirkung eines bereits anstrengenden englischen Originaltextes durch die weitaus breitere Ausdruckspalette der deutschen Sprache noch potenziert wird. Im Kontrast mit den äußerst grobschlächtigen Charakteren ergibt das ein zähes Wechselspiel, das ob seiner krassen Brüche den Lesefluss erheblich beeinträchtigt.
Obwohl das allein schon ausreichen würde, patzte Stresau ständig bei den einfachsten Übersetzungen. Stocksteife Übertragungen fern von jeder Sprachrealität prägen das Buch Seite für Seite. Aufgrund der Übersichtlichkeit zähle ich lediglich drei Beispiele von vielen auf, die beim Lesen übel aufstoßen.
So antwortet Picard auf die Türklingel "Ja, wer ist es es?" (S. 171, für "Yes, who is it?"), beendet seinen Satz mit "Fair genug." (S. 185, für die Redewendung "Fair enough.") oder beschreibt den Anblick "[...] mit nacktem Auge […]" (für "with naked eye" statt 'mit bloßem Auge' S. 74). Prinzipiell mag dies für das Englisch-Verständnis eines Grundschülers vielleicht richtig erscheinen, praktisch handelt es sich dabei jedoch nicht unbedingt für ein professionelles Statement eines Übersetzers, der mit seiner Arbeit Geld verdient. Um dieses Armutszeugnis zu komplettieren, muss man sich nur den wahren Zoo vor Augen halten, den die Besatzung bietet: Da wird gefaucht (vgl. S. 238), gebrüllt (vgl. S. 51), geschnaubt (vgl. S. 76), gekrächzt (vgl. S. 131) und gegrunzt (vgl. S. 171) wie sonst nur bei Daktari. Besonderer Beliebtheit erfreut sich dabei das Bellen, das der Crew besonders häufig in den Mund gelegt wird (vgl. S. 30, S. 70, S. 74, S. 116, S. 121, S. 131, S. 228, S. 244, S. 257, S. 262).

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Da wirkt es beinahe erfrischend, Konstanten der Heyne-Übersetzungsmaschinerie wiederzuentdecken. Doch zusammen mit altbekannten Fehlbezeichnungen wie "Galaxis-Klasse" (S. 24, statt "Galaxy-Klasse"), "Insignienkommunikator" (S. 49, statt "Kommunikator"), oder "Medo-Ingenieur" (S. 82, statt "medizinischer Techniker") tauchen auch noch weitere Begriffe auf, die so selbst in anderen Heyne-Romanen nicht zu lesen sind. So geben merkwürdig anmutende Formulierungen wie die "[...] des medizinischen Föderationskonzils […]" (S. 194), "Warp-Hülle" (statt "Warp-Blase" S. 128) oder "Lebensmittelspender" (statt "Replikator", S. 36) allenthalben ihr Stelldichein.
Komplettiert wird dieses Feld durch die gleichzeitig ebenso typischen, wie unangebrachten Anglizismen á la "Starbase" (S. 40), "Starfleet" (S. 76) oder "Lightshow" (vgl. S. 215), die durch denglische Zwitterübersetzungen wie "Exhaustoren" (S. 143), "Junktor" (S. 155) oder "Antimaterie-Reservecenter" (S. 199) eine fragwürdige Gesellschaft erhalten.
Das Sahnehäubchen bilden allerdings die kleinen Fehlerteufel, denen man innerhalb des Buches des Öfteren begegnet. Abgesehen von fehlenden Anführungsstrichen (S. 158), kommt es auch schonmal vor, dass aus "neunundsiebzig" Prozent (S. 98) nur eine Seite später plötzlich "siebenundneunzig" Prozent (vgl. S. 99) werden. Zudem werden das Siezen und Duzen nicht konsequent beibehalten (vgl. S. 145).
Alles in allem verdient dieses Buch einen Spitzenplatz unter den am schlechtesten übersetzten Star-Trek-Büchern – selbst für Heyne-Verhältnisse. Ich persönlich kann mir das auch nur dadurch erklären, dass der Verlag seinen Übersetzern einem ähnlichen Zeitdruck aussetzte, wie Carey ihn eventuell in den USA erleben musste. Der Werbetext auf der Buchrückseite, der die ab September 1990 jede Woche im ZDF laufende neue Serie "Die nächste Generation" (!) anpreist, lässt diesen Schluss jedenfalls auch für dieses 1990 in Deutschland erschienene Werk zu.

Anachronismen: Eigenlob stinkt.
Diese simple nationale Binsenweisheit hat es scheinbar noch nicht über den Großen Teich geschafft, denn unmittelbar vor dem eigentlichen Beginn der Geschichte beschreibt die Autorin, dass sie aufgrund ihrer guten Quellen jene bei ihrem Publikum ach so beliebte Detailgenauigkeit bei philosophischen, wissenschaftlichen und militärischen Fragen an den Tag legt.
Den Gegenbeweis tritt die Autorin allerdings bereits auf den ersten Seiten an. Dort wird nämlich ein sowjetischer Flugzeugträger namens 'Gorschkow' beschrieben, der 1995 unter mysteriösen Umständen verschwand.
Mittlerweile liegt das Jahr 1995 in unserer unmittelbaren Vergangenheit, und was soll ich sagen?!
Es gab tatsächlich einen Flugzeugträger dieses Namens, der sogar in diesem Zeitraum von einer Explosion heimgesucht wurde!
Allerdings handelte es sich weniger um einen "Flugzeugträger" (S. 67), sondern um einen sogenannten "Flugdeckkreuzer" (durch diese semantische Spitzfindigkeit konnte die Sowjetunion das vertraglich fixierte Durchfahrtsverbot von 'Flugzeugträgern' durch die Dardanellen umgehen). Er gehörte zur "Kiew-Klasse", und nicht zur "Lenin-Klasse" (vgl.S. 8). Es hatte maximal 1665 Mann Besatzung und nicht fünftausend (vgl. S. 224). Es war weder atombetrieben (vgl. S. 8), noch mit MiGs bestückt (vgl. S. 9).
Eigentlich hieß das Schiff zur Entstehungszeit des Romans sogar "Baku" und wurde erst nach dem sowjetischen Marine-Oberhaupt benannt, als Aserbaidschan zusammen mit seiner Hauptstadt in die Unabhängigkeit entlassen werden musste.
Zwar wollte es der Zufall, dass das Schiff 1995 tatsächlich durch eine Explosion außer Dienst gestellt wurde, doch es existiert bis heute und gehört als "INS Vikramaditya" mittlerweile zur indischen Marine.
Aber das konnte Carey 1987 unmöglich ahnen.
Genausowenig konnte sie ahnen, dass die Sowjetunion 1992 aufhören würde zu existieren. Damit wurden dieser Roman und sein gesamter Inhalt urplötzlich hinfällig.
Doch dieser Fehler ist bei Lichte betrachtet ein gängiger Begleiter innerhalb des Star-Trek-Universums. Abgesehen von Chekovs ständigen Einwürfen in der Originalserie, kam es ebenfalls im vierten Kinofilm zu einer Erwähnung Leningrads, obwohl die Stadt seit 1991 in Sankt Petersburg zurückbenannt wurde. Scheinbar muss die Sowjetunion im Star-Trek-Universum irgendwann wie Phönix aus der Asche wiederauferstanden sein.
Also folgen wir doch einmal diesem Anachronismus bereitwillig und nehmen der Bequemlichkeit halber an, dass das mit der Sowjetunion irgendwie so in Ordnung geht (als Veteranen der Eugenischen Kriege dürfen wir uns so etwas erlauben).
Warum zum Teufel fliegen dann die Piloten der gestarteten sowjetischen Kampfjets vom Schwarzen Meer (vgl. S. 8) bis ins Mittelmeer (vgl. S. 18), um auf einem dafür nicht ausgerüsteten amerikanischen Flugzeugträger notzulanden?
Die Piloten (die nicht überlaufen wollten, vgl. S. 71) hätten in der gleichen Zeit problemlos Militärflughäfen auf der Krim, dem ukrainischen bzw. russischen Festland, in Georgien oder den sozialistischen Bruderstaaten Rumänien und Bulgarien (beide waren Mitglied im Militärbündnis des Warschauer Paktes) ansteuern können. Immerhin misst das Schwarze Meer an seiner breitesten Stelle gerade einmal 1.175km, was bedeutet, dass selbst eine MiG-31 (im Buch wird die nie in Produktion gegangene MiG-33 beschrieben, vgl. S. 19) mit einem Einsatzradius von 1.450km bei Unterschallgeschwindigkeit ohne Schwierigkeiten einen der eigenen Flughäfen hätte ansteuern können. Gerade mit ihrem angeblichen Militärfachwissen sollte Carey gewusst haben, dass es den Piloten unmöglich gewesen sein muss, den Luftraum des NATO-Mitglieds Türkei zu durchqueren.
Ebenso wenig konnte Carey damals ahnen, in welche Richtung sich Star Trek im Allgemeinen, und TNG im Speziellen entwickeln würden. So ziehen die angesprochenen Charaktere einen wahren Rattenschwanz an Anachronismen hinter sich her.
So erfährt man, dass Picard ein Marquis ist (vgl. S. 88) und auf Riker ob desses Verweigerungshaltung in puncto Außenteameinsätze neidisch sein soll (vgl. S. 105). Dabei kann man in "Das Pegasus-Projekt"erfahren, dass der Captain der Enterprise Riker genau aus diesem Grund überhaupt als Stellvertreter ausgewählt hatte.
Auch Geordi LaForge und dessen Visor verführten Carey zu unvorsichtigen Äußerungen. So kann man in diesem Buch lesen, dass dem Navigator das Tragen seiner Sehhilfe unablässige Schmerzen beschert (vgl. S. 87), dass er zu einem erlauchten Personenkreis von lediglich vier Sehbehinderten gehört, die überhaupt mit einem solchen Gerät umgehen können (S. 86) oder dass er das Gerät mehrmals am Tag abnehmen muss, um Erschöpfungszuständen zu entgehen (S. 87). Das steht natürlich in akutem Widerspruch zu später ausgestrahlten Episoden, in denen der Umgang mit Geordis Behinderung viel weiter in den Hintergrund gerückt wurde und seine Prothese zu einem Alltagsgegenstand wie etwa eine Brille verklärt wird.
Einer ähnlichen Entwicklung sah sich auch Worf ausgesetzt. Als Ursache für die Tatsache, dass er im Gegensatz zu seinen Ahnen der Originalserie Stirnwülste trägt, gibt Carey eine klingonischen Säuberungsaktion an (vgl. 34). Dank "Immer die Last mit dem Tribbles" oder dem Enterprise-Zweiteiler "Die Heimsuchung/ Die Abweichung" weiß der Star-Trek-Fan das heute natürlich besser. Aber schon nach der ersten Staffel TNG mit all ihren Fehlern, hätte man sich denken können, dass Rikers Notlüge, ausgerechnet der grummelige Klingone hätte eine wissenschaftliche Lösung für das Problem gefunden, nun wirklich keinen abtrünnigen Androiden aus seinem Versteck locken würde (vgl. S. 242).
Verwunderlich stimmt auch, dass Deanna Troi nicht mit der Silhouette eines Flugzeugträgers vertraut sein soll vgl. S. 57). Immerhin zierte ein vergoldetes Modell eines solchen Schiffes bereits seit Beginn der Serie den Besprechungsraum, in dem auch der Counselor mehrfach zu sehen war.
Wie aber bereits angemerkt, ist die Person, mit der das gesamte Buch fällt, der Androide Data. Er ist das völlige Gegenteil zu dem, was ihn in der Fernsehserie ausmacht. Seine Darstellung ähnelt eher kybernetischen Lebensformen wie den Borg (vgl. z.B. S. 198f). Bedenkt man allerdings, wie wenig den assimiliationsfreudigen Halbmaschinen im achten Kinofilm "Der erste Kontakt" das Plasmakühlmittel vertrugen und wie glimpflich Data im Vergleich zu ihnen davonkam, wird rasch klar, wie unnötig weit sich Carey mit ihrem Behauptungen aus dem Fenster lehnte.
Außerdem verwundert es natürlich schon, dass Geordi angeblich mit seinem Visor künstliche Lebensformen wie Soong-Androiden erkennen kann (vgl. S. 35f.). Immerhin gelang es ihm nicht, in "Soongs Vermächtnis" Datas Mutter Juliana Tainer als positronische Kopie zu enttarnen.
Ferner bleibt auch die Aussage, Datas Status als Lebensform und damit auch seine Befähigung, auf die Sternenflotte zu gehen, sei von Maschinen getroffen worden (vgl. S. 167), wird spätestens in "Wem gehört Data?" widerlegt, in der man erfahren kann, dass eine Kommission unter Beteiligung Bruce Maddox über die Einordnung Datas in die Gesellschaft entschieden hat.
Besonders schade fand ich persönlich, dass Carey mit dem Selbstgespräch Datas (vgl. S. 201) einen heimlichen Höhepunkt der Folge "Die Verschwörung" vorwegnahm.



Data blieb jedoch nicht der einzige technologische Aspekt, dessen Wesen sich der Autorin verschloss. So funktioniert Holo-Technologie schlichtweg nicht auf die beschriebene Weise (vgl. S. 49f.) und würden Kommunikatoren tatsächlich auf diese Weise auf ihren Träger kodiert sein (vgl. S. 201), so wären verschiedene Entwicklungen in Folgen wie "Terror auf Rutia IV", "Erwachsene Kinder" oder "Renaissance Mensch" überhaupt nicht möglich gewesen.
Während man darüber sicherlich hinwegsehen könnte, ist die Verwendung von "Warp zehn", "Warp zwölf" oder "Warp vierzehn Komma neun" (vgl. S. 94) im Hinblick auf die Einführung einer neuen Warpskala im Zuge der neuen TV-Serie schon harter Tobak.
Natürlich sind das alles Anachronismen, die sich erst später im Widerspruch zu diesem Buch entwickelten. Carey, der die undankbare Aufgabe zukam, das erste eigenständige TNG-Buch zu schreiben, war sicherlich einem immensen Zeitdruck ausgesetzt.
Ja mehr noch!
Vergleicht man ihre Interpretation mit den Informationen aus der zweiten TNG-Episode "Gedankengift", so muss man ihr sogar zugestehen, dass ihre Beschreibungen – mit Abstrichen - durchaus den dort gegebenen Informationen entsprechen. Schon allein, wenn man sich die Tatsache vor Augen hält, dass Data dort einer ansteckenden Krankheit zum Opfer fällt, machen die hiesigen Angaben zu Datas organischen Komponenten sogar Sinn. Allerdings erfreut sich diese Folge gerade wegen ihrer unpräzisen Einschätzungen im Hinblick auf spätere Entwicklungen nicht ganz zu Unrecht nur wenig Beliebtheit unter den Fans der Serie.
Das Gleiche ließe sich auch über das Buch sagen.
Einen letzten Anachronismus muss ich an dieser Stelle, die eigentlich das perfekte Ende für diesen Abschnitt bilden würde, aber noch kritisieren. Das schlecht getroffene Schiff auf dem Cover (das in keinem Zusammenhang mit dem Inhalt des Buches steht) ist tatsächlich frech aus "Kampfstern Galactica" geklaut, obwohl im Text explizit erwähnt wird, dass Data eben kein 'Toaster' sei (vgl. S. 32).

Fazit: "Gespensterschiff" bietet ein gutes Beispiel dafür, warum Bücher nicht zum offiziellen Kanon gezählt werden. Autorin Diane Carey versuchte zwar wirklich redlich, Lücken zu füllen und Widersprüche aufzuklären, doch der Lauf der Zeit hat dieses Werk längst links liegen gelassen. Zu groß muten die Lücken zur eigentlichen Serie mittlerweile an, als dass dem Buch noch größere Aufmerksamkeit zuteil werden sollte. Doch wäre dies das einzige Problem, so wäre es immerhin noch ein nettes Zeitdokument, doch weitere eklatante Schwächen prägen dieses Werk.
Carey gelingt es nicht, die Figuren auch nur annähernd zu treffen; geschweige denn die Parameter der noch jungen Serie in ihrem Wesen zu erfassen. Ihr Schreibstil steht in einem viel zu großen Widerspruch zu den grob gezeichneten Charakteren. Hinzu kommt eine der schlechtesten Übersetzungsleistungen, die der Heyne-Verlag seinen Lesern je zumutete.
Wer also wirklich wissen will, wie schlimm sich die Qualen der sowjetischen Schiffsbesatzung in nie enden wollender Pein anfühlen müssen, braucht nur dieses Buch bis zum bitteren Ende zu lesen, um einen guten Eindruck davon zu erhalten. 

Denkwürdige Zitate:

"Erlaubnis erteilt, sich nicht in einem fort entschuldigen zu müssen, Counselor."
Jean-Luc Picard, S. 56

"Ziemlich fähige Puppe. Biene? Hase? Maus? Frauenzimmer? Weibsbild?"
Data, S. 60f.

"Captain, was soll ich eigentlich auf diesem Schiff, wenn Sie nicht auf meine Ratschläge hören?"
Deanna Troi, S. 93

"Null Problemo."
Data, S. 114

"Picard... verdammt soll er sein."
William T. Riker, S. 115

"Werfen wir die Perlen aus und sehen zu, ob die Sau uns folgt."
Jean-Luc Picard, S. 136

"Das ist ein Raumschiff, kein Spielplatz, Wes."
Geordi LaForge, S. 176

"Wenn ich mich mit solch bleichen ethischen Problemen hätte herumschlagen wollen, wäre ich Priester geworden."
Jean-Luc Picard, S. 187

"Sie behandeln mich noch immer wie ein Kind, obwohl ich auf der Brücke bin."
"Sie sind deshalb auf der Brücke, weil ich es so entschieden habe, und nicht, weil Sie es verdient haben. Ihr Talent sprengt den Rahmen Ihrer Weisheit, junger Mann. Früher oder später werden Sie die unangenehme Tatsache akzeptieren müssen, daß die Erfahrung der Leute um Sie herum mehr wert ist, als Ihre Begabung, und daß Sie, wie jedermann sonst auch, abwarten müssen, bis die Reihe an Sie kommt. Und nun denken Sie an Ihren Rang, halten Sie den Mund und und folgen Sie mir in den Maschinenraum, wo Sie Ihre Gaben einsetzen und den anderen erlauben werden, dasselbe zu tun."
Wesley Crusher und Jean-Luc Picard, S. 255

Bewertung: Eine Grenzerfahrung.

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Freitag, 6. Mai 2011

Den Frieden verlieren

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Buchbesprechung Leisner, William: Den Frieden verlieren. Cross Cult, 2011.

Story: Der von den Borg aufgewirbelte Staub hat sich inzwischen gelegt und nun ist es für die angeschlagene Föderation an der Zeit, sich die Wunden zu lecken.
Zahlreiche Welten liegen in Trümmern, Flüchtlingen vegetieren zusammengedrängt auf engstem Raum und die Milliarden Opfer hinterlassen Billionen trauernde, traumatisierte und verstörte Angehörige.
Zu ihnen gehört auch Jasminder Choudhury, deren Familie auf Deneva den Tod fand. Ihre kürzlich begonnene Liaison mit Worf, dem ersten Offizier der USS Enterprise NCC-1701-E, leidet schnell darunter und mehr und mehr zieht sich die stets so ausgeglichene Sicherheitschefin in ihr Schneckenhaus zurück. Selbst als ihr Schiff einen Transporter ausmachen kann, der Flüchtlinge ihrer Heimatwelt beherbergt, trägt dies nicht sonderlich zur Aufhellung ihrer Stimmung bei, denn Choudhury ist sich nur zu gut bewusst, was sich in den letzten Stunden ihrer Familie und ihrer Heimatregion zugetragen hat.
Derweil verbringen Kadohata und die schwangere Beverly Crusher etwas gemeinsame Zeit auf dem malerischen Meeresplaneten Pacifica. Doch nicht die Traumstrände locken die beiden Frauen, sondern die prekäre humanitäre (bzw. ‚spezitäre’)Lage in den Flüchtlingscamps des Planeten, die von den Einheimischen als Ärgernis empfunden wird. Zusammengepfercht, unterversorgt und von einem grassierenden Krankheitserreger bedroht eskaliert die Lage mehr und mehr, bis sich Beverly in ihrer Not an ihren Mann wenden muss und sich Kadohata mit einer Waffe in der Hand zwischen den Fronten der einheimischen Sicherheitskräfte und eines wütenden Mobs aufgebrachter Lagerinsassen wiederfindet…

Lobenswerte Aspekte: Eine Frage schwebte unheilvoll über meinem Schädel, während ich dieses Buch förmlich verschlang:
Bin ich vielleicht eine Frau?
Die Umstände legen es nahe!
Selten, um genau zu sein nie hat mich ein Buch so berührt wie dieses. Vielleicht liegt es nur daran, dass das Thema Tod mich ohnehin gerade im Besonderen beschäftigt oder dass Schlaf in den letzten paar Wochen Mangelware für mich war, doch dieser Science-Fiction-Roman hat es tatsächlich geschafft, mich auf emotionaler Ebene zu berühren.
Als Mann gebe ich so etwas natürlich ungern zu, aber wenn man zuvor David Macks Destiny-Trilogie gelesen hat und weiß, mit welcher Wucht der Borg-Einfall den Alpha- und Beta-Quadranten erwischte, wird man sich nur schwer dem menschlichen und außerirdischen Leid entziehen können, dass hier so schonungslos wie nie zuvor präsentiert wird.
So bekam selbst ich, der ich (selbstverständlich zu Unrecht) zuweilen als Macho verschrien bin, hin und wieder feuchte Augen und fühlte mich wie ein Voyeur, der sich an dem Leid anderer Leute ergötzt. Des Öfteren nickte ich vom Mitgefühl gepackt mit dem Kopf, wenn das traditionelle Star-Trek-Motiv „Tod und Krieg sind immer sinnlos“ zur vollen Blüte reifte und soviel sei bemerkt: das war ziemlich oft (jedoch nicht unerträglich oft) der Fall.
Dienlich ist dies vor allem den Figuren, denn so erhält ein jeder von ihnen ausreichend Platz zur freien Entfaltung. „Den Frieden verlieren“ ist ein Charakterroman der angefangen bei Jasminder Choudhury, Miranda Kadohata oder T’Ryssa Chen selbst alte Hasen wie Jean-Luc Picard, Geordi La Forge oder Beverly Crusher zugute kommt.
In diesem Zusammenhang sind besonders die Rückblenden von besonderem Interesse, denn sie leuchten nicht nur weiße Flecken auf der biografischen Landkarte einiger Figuren aus, sondern schaffen den Balanceakt, die Motive und Entwicklungskurven der einzelnen Personen zu erklären (vgl. S. 17, S. 105 oder S. 15ff.).
Bei all der Trauer gibt es aber auch einen Silberstreif am Horizont für all jene, die nicht unbedingt Freunde der bedrückten Stimmung sind. Tatsächlich gelingt es dem Autor William Leisner eindrucksvoll, den von Mack eher vernachlässigten Charakter T’Ryssa Chen zu entstauben und zu einem kongenialen Crewmitglied zurechtzubiegen, dass ein wenig Pepp in die ernste Angelegenheit zu streuen vermag (vgl. z.B. S. 62, S. 118ff. oder S. 201ff.).
Vor allem dieser Chen betreffende Satz von Seite 300 hat es mir wirklich angetan:

„Hier haben Sie ihre Autorisierung“, fauchte sie und bedachte ihn mit einer Handgeste, die ein vulkanischer Gruß hätte sein können, wenn dazu nicht drei Finger gefehlt hätten.

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Erdengestik meets Vulkanischen Gruß

Interessant daran ist allerdings nicht nur das Gleichnis, sondern vor allem die abweichende Rezeption, mit der Vulkanier hier auf ein gängiges Erdensymbol blicken.
Denn um ehrlich zu sein dreht sich bei Star Trek das gesamte Universum viel zu oft um die Menschheit und es ist in dieser Hinsicht erfrischend, einmal andere Perspektiven zu erfahren. So ist neben dem Vergleich irdischer und vulkanischer Gestik vor allem die Rezeption des irdischen Mittelalters durch Betazoiden (vgl. S. 149) und die Entsexualisierung des risanischen Jamaharon durch eine Einheimische (vgl. S. 11f.) wahrhaft wohltuend.
Besondere Bedeutung kommt Leisners Roman allerdings dadurch zu, dass es einen Neuanfang markiert, denn abgesehen davon, dass dieses Buch eines von dreien ist, in dem zeitgleich der Typhon-Pakt das erste Mal angesprochen wird (vgl. S. 316ff.), markiert es den Startpunkt für wirklich neue Abenteuer.
Die Borg sind tot, die anderen Mächte verbünden sich um einen Gegenpol zur Föderation zu bilden und die eigene Organisation ist in ihren Grundfestene erschüttert. Das allein macht es schon spannend, doch Leisner gelingt das Kunststück, die Crew endlich zusammenwachsen zu lassen. Wie sagt Picard auf Seite 279 so schon programmatisch?

Ich glaube, dieses neue Team beginnt endlich, zusammenzufinden.

Und nicht nur dass! Die neue Zusammenarbeit mündet in einer Katharsis, die in einem direkten Gegensatz zur hier ebenfalls angesprochenen (und völlig deplatzierten) Meuterei in Peter DavidsHeldentod“ (vgl. S. 56 und S. 176) steht und eine neue Ära der Enterprise einläutet. Besonders die antithetisch zu verstehende Weigerung Worfs, seinem Captain erneut das Kommando zu entziehen bietet durch seine Lösung hoffnungsvollere Ansätze für kommende Romane (vgl. S. 28ff.). Eine neue Crew hat sich endlich zusammengerauft, arbeitet Hand in Hand und bringt dem verdientesten Schiff der Flotte eine Reputation zurück, die einige von Leisners Vorgängern für fragwürdige Entwicklungen (Zauberborg, Meutereien oder Liebesschnulzen) aufs Spiel gesetzt haben. Die neue Mannschaft wird zwar Data, Riker oder Troi niemals das Wasser reichen können, verfügt aber über genügend Potenzial, um eine eigene Geschichte zu schreiben.

Kritikwürdige Aspekte: Wer in diesem auf Destiny unmittelbar aufbauendem Werk eine spannende Handlung sucht, muss unweigerlich enttäuscht werden. Das Actionfeuerwerk, die Raumschlachten und Phasergefechte der drei Vorgänger bleiben dieses Mal aus und die Geschichte ist zwar nachvollziehbar, aber beim besten Willen kein Kracher.
Das kann auch gar nicht der Anspruch dieses Buches sein, denn wie David Mack in seinen Schlussworten in „Götter der Nacht“ bereits zu Recht anmerkte, oblag es Personen wie Kirsten Beyer, die von seinem Vorgänger verursachten Scherben zusammenzukehren. Leisner hat ihr in diesem Gleichnis wohl den Müllbeutel gehalten.
Gerade im Hinblick auf diesen Umstand wäre allerdings ein weiterer begleitender Essay, der der Einordnung der beschriebenen Ereignisse gedient hätte, äußerst hilfreich gewesen.
Was für eine Situation herrscht in der Föderation? Ist dies ein Präzedenzfall in der Geschichte der Sternenflotte? Wie verhält es sich mit dem Typhon-Pakt?
Gerade letztere Frage bietet die Möglichkeit, das Buch mit zwei anderen Werken zu vergleichen: „Einzelschicksale“ und den fünften Titan-Band „Stürmische See“ (ein drittes Buch, „Full Circle“ von Kirsten Beyer, in dem es um den Fortgang der Ereignisse für die Voyager geht, ist bislang noch nicht in deutscher Sprache erschienen).
Während Titan dabei etwas außer Konkurrenz läuft, verdichtet sich relativ schnell den Eindruck, dass „Einzelschicksale“ eher auf die politischen Auswirkungen fixiert ist, während „Den Frieden verlieren“ die Aufgabe hat, die Ereignisse von der menschlichen, oder besser emotionalen Seite zu betrachten. Ein Indiz für diese These wäre, dass sich Hinweise auf „Einzelschicksale“ erst gegen Ende dieses Buches bemerkbar machen (vgl. 315ff.)
Einen weiteren Kritikpunkt wert sind die Abspaltungstendenzen verschiedener Föderationswelten wie sie in diesem Buch besprochen werden (vgl. S. 247ff. oder S. 317f.).
Nachdem bereits eine Vielzahl der Planeten, die man aus Filmen und Serien kannte, durch den Borg-Einfall in Destiny zerstört wurde, droht der Föderation nun Ungemach, weil verschiedene Welten mit dem Gedanken spielen, den Verein zu verlassen. Damit gehen die Star-Trek-Autoren das Risiko ein, das dem Zuschauer vertraute Bild des Star-Trek-Universums so weit zu entfremden, dass es seinen Wiedererkennungswert irgendwann verliert.
Überhaupt wirkt diese Entwicklung nicht allzu glaubwürdig. Heruntergebrochen auf die jüngeren Ereignisse der Erdengeschichte muss man doch festhalten, dass sich das Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg nicht an Frankreich anschloss oder Louisiana trotz Katrina noch immer zu den USA gehört. Es passt schlichtweg nicht, dass in einer Zukunft, in der die Menschheit nach Weiterentwicklung strebt, seine Wurzeln derartig verneint und zu solcher Illoyalität neigt.
Befremdlich wirkte außerdem der Vergleich des capellanischen Admirals Leonard James Akaar, im Zuge dessen Picard unterstellt wurde, der Kirk dieses Jahrhunderts zu sein (vgl. S. 313f.).
Ich denke, dass wohl nichts in diesem (Star-Trek-) Universum so unzutreffend sein könnte, wie diese sehr weit hergeholte Behauptung. Die Unterschiede zwischen beiden Charakteren ist immerhin ein zentraler Kern TNGs und für viele der Grund, der Serie bis heute treu zu sein.
In „The Staircase Implementation“, einer Folge der „Big Bang Theory“ erfasst es Leonard Hofstadter wohl am besten, als er die schwierige Frage wiefolgt beantwortet:

Original series over next generation, but Picard over Kirk.



Nicht nur eine Frage des Haarteils: Picard oder Kirk?

Übersetzung: An dieser Stelle soll nicht noch einmal über die Verwendung von „Ensign“ (vgl. S. 30) oder „Medikit“ (vgl. S. 153) eingegangen werden, da dies bereits zur Genüge in den Rezensionen von „Märtyrer“ und „Mission Gamma I: Zwielicht“ geschah. Es sei nur mahnend der Zeigefinder erhoben um anzumerken, dass sich Cross Cult mittlerweile dabei ist, sich eine Sammlung von Begriffen anzueignen, die das Potential hat, in Richtung „Starfleet“, „Insignienkommunikator“ oder „Medo-Offizier“ des Heyne-Verlags gehen.
Beide Begriffe gehen an der deutschen Synchronisation zu weit vorbei.
Immer noch ungewohnt ist für mich das Duzen unter Offizieren wie Beverly Crusher und Miranda Kadohata (vgl. S. 98) oder Geordi La Forge und Worf (vgl. S. 171ff.), denn trotz allem privaten Verständnis dafür und trotz aller persönlicher Abscheu unseren Siez-Protokollen gegenüber verstößt auch dies gegen die Gewohnheiten der deutschen Synchronisationstradition, in deren Verlauf die TNG-Crew immerhin fünfzehn Jahre ohne das fraglos angenehmere wie glaubwürdigere ‚Du’ auskamen.
Der Rest des Romans ist relativ frei von Fehlern, doch wie immer ist ‚relativ’ sehr relativ, denn ein Satz auf Seite 252 hab ich in einer solchen Form seit dem ersten Vanguard-Band „Der Vorbote“ nicht mehr gesehen:

Uns wurden nicht nur all diese Flüchtlinge aufgebürdet, und das ohne jedwede Unterstützung der Föderation, nein, gleichzeitig werden auch noch unsere Mienen und Produktionsbetriebe föderalisiert.


Anachronismen: Es sind die kleinen Gesten, die diesen Roman so liebenswert machen. Popelige Erwähnungen in den Serien wie die "Shallash" (S. 82), das "Hermosa-Edbeben" (vgl. S. 165f.) oder "Omicron Ceti" (S. 271, der Planet, der hier für die Umsiedlung von Flüchtlingen in Erwägung gezogen wird, sollte laut "Falsche Paradiese" gar nicht bewohnbar sein) werden geschickt in den größeren Kontext eingewoben und erfreuen jene Fans, die sie erkennen und werden von jenen, die nichts damit anfangen können, nicht als störend empfunden.
Nun gut, auch in diesem Werk mal wieder vom lieben Geld zu lesen (vgl. S. 142 oder S. 275) obwohl in Filmen wie "Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart" oder "Star Trek IIX: Der erste Kontakt" und Folgen wie "Die Karte" oder "Die neutrale Zone" dem monetären System längst eine klare Abfuhr erteilt wurde, doch eigentlich ist dass schon der schlimmste Faux-pas des äußerst detailreichen Buches.
Nur wenn man unbedingt will kann man auch noch die Herkunft Geordi La Forges aus dem somalischen Mogadischu als 'etwas bemüht' bezeichnen, denn der französische Nachname legt eher eine ehemalige französische Kolonie, Amerika oder gar Frankreich nahe. Das an sich ist aber nicht weiter tragisch, denn in ein anderes Land umzuziehen ist sogar heutzutage nicht weiter schwierig und eigentlich ist die Idee, der heute arg gebeutelten Stadt einen solchen Lichtblick zu schenken, recht angenehm.

Fazit: "Den Frieden verlieren" heißt in diesem Fall vor allem, mit alten Lesegewohnheiten zu brechen. Der Abschied vom Actionspektakel 'Destiny' fördert eine einfühlsame und anrührende Charakterzeichnung zu Tage, die einer Crew gilt, die im Verlaufe der Handlung endlich zusammenwächst und den Staffelstab aufnimmt, der bereits "Mehr als die Summe" überreicht worden ist.
Obwohl durchaus die Gefahr besteht, dass sich Star Trek in seiner Buchform in eine Richtung entwickelt, in der die Föderation kaum mehr wiederzuerkennen ist, verspricht dieser Neubeginn auch eine verheißungsvolle Zukunft, denn endlich hat eine vielseitige Mannschaft zueinander gefunden, die das Original zwar nicht ersetzen kann, aber immerhin in der Lage ist, die Abenteuer des Raumschiffes Enterprise würdig fortzusetzen.

Denkwürdige Zitate:

"Was auch immer dem Entstehen unterworfen ist, ist dem Vergehen unterworfen. Das ist eine der fundamentalen Wahrheiten dieser Existenz: Alles ist vergänglich."
Choudhury, S. 145

"Heute ist ein guter Tag zum Leben."
Worf, S. 214

"Ich glaube nicht, dass es in den vier jahren meiner Zeit als Botschafter auch nur eine Situation gab, in der ich mich nicht gefragt habe 'Was würde Captain Picard tun?'."
Worf, S. 217

Bewertung: Auferstanden aus Ruinen.

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Weiterführende Leseliste:

TNG 01: Tod im Winter
TNG 02: Widerstand
TNG 03: Quintessenz
TNG 04: Heldentod
TNG 05: Mehr als die Summe
Destiny 01: Götter der Nacht
Destiny 02: Gewöhnliche Sterbliche
Destiny 03: Verlorene Seelen
TNG 06: Den Frieden verlieren

Montag, 13. Dezember 2010

Die Jarada

Buchbesprechung Mitchell, V.E.: Die Jarada. Heyne, 1992/1995.

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Story: Eine wahre Sternstunde der Diplomatie steht der Föderation ins Haus. Nach vielen vergeblichen Anläufen scheinen die isolationsfanatischen Jarada endlich bereit, einen grundlegenden Vertrag mit der Vereinten Föderation der Planeten abzuschließen.
Natürlich ist Jean-Luc Picard der Ansprechpartner Nummer Eins für beide Seiten. Zum einen ist er in seiner Funktion als Kommandant des Flaggschiffes der Sternenflotte prädestiniert für diesen Job und zum anderen akzeptieren ihn auch die insektenähnlichen Jarada, da es ihm vor einiger Zeit schon einmal gelang, die komplizierten Begrüßungsrituale des Volkes fehlerfrei vorzutragen.
Doch die Dinge laufen etwas zu glatt für den erfahrenen Diplomaten. Der Vertragstext wirkt verwirrend, die Begrüßung zu unterwürfig und auch die Separierung des Außenteams bereitet dem Captain Unbehagen.
Die leisen Zweifel werden zur schrecklichen Gewissheit, als jeglicher Kontakt zum Außenteam aus dem ersten Offizier William T. Riker, Worf, Dr. Beverly Crusher, Keiko Ishikawa und dem Botaniker Tanaka abbricht und die USS Enterprise zum Ziel plötzlicher Kamikazeangriffe wird.
Auch auf der Planetenoberfläche gerät die Lage völlig aus dem Ruder. Die kurz zuvor noch zuvorkommenden Gastgeber sind scheinbar von unkontrollierbarer Raserei ergriffen und die Leben der voneinander getrennten Besatzungsmitglieder schweben in akuter Gefahr...

Lobenswerte Aspekte: Es gibt wohl kaum eine Tiergruppe auf unserem Planeten, die sich einer derartigen Unbeliebtheit erfreut wie Insekten.
Die uns zahlenmäßig so absolut überlegenen Krabbelviecher sind nicht nur der Albtraum vieler schreckhafter Hausfrauen, sondern auch für den Rest der Menschheit zumindest fremdartig und geheimnisvoll.
Was liegt also näher, als den Schrecken und das Mysterium dieser Lebensformen schamlos auszunutzen und sie zu einem Gegenspieler in einer Science-Fiction-Serie auszubauen?
Naturlich nix!
Da mutet es fast schon traurig an, dass dieser Gedanke bei Star Trek lediglich in den Xindi-Insektoiden Ausdruck fand, die ihrerseits wiederum nur ein Fünftel, beziehungsweise ein Sechstel der Multispezies ausmachten.
Aber zum Glück gibt es die Jarada!
Kaum erkennbar waren sie bereits in „Der große Abschied“ auf dem Hauptbildschirm bestenfalls zu erahnen, doch für mehr als den Auslöser der eigentlichen Holodeckhandlung hat es anno dazumal nicht gereicht.
In diesem sehr spannungsreichen Buch ist der Blick auf die fremde Spezies detaillierter, als es die erste Staffel TNG es jemals hätte schaffen können (tatsächlich verhinderten Kostengründe den im Drehbuch geplanten Auftritt). Zwar bietet selbst das Cover keine Darstellung des Volkes, doch immerhin vermögen es die detaillierten Beschreibungen, ein Abbild vor dem inneren Auge entstehen zu lassen (vgl. S. 21f.).
Zugegeben: im Endergebnis ergibt sich so eine Art Bienenameise mit einer Beinzahl, die eher den Spinnentieren (richtig; Spinnen sind KEINE Insekten!) entspricht; allerdings wirkt die übrige Präsentation verhältnismäßig insektoid. So dienen etwa, wie bei Ameisen, Gerüche als Wegweiser (vgl. S. 34) und weibliche Jarada folgen dem Beispiel der Gottesanbeterinnen unseres Planeten, und töten ihren männlichen Sexualpartner nach dem Akt (vgl. 167).
In diesem Zusammenhang wirkt auch die Namenswelt der Jarada (vgl. S. 64f.) sehr überzeugend, denn die Kombination der einzelnen Teile wirkt für ein so hierarchisch organisierten Staatsapparat ebenso glaubwürdig, wie die blinde Raserei, derer sich das Außenteam erwehren muss.
Die Insektengesellschaft ist also eindrucksvoll recherchiert und steigert das Leseerlebnis. Aber nicht
nur auf entomologischer Ebene versteht das Werk zu glänzen, sondern auch durch seine Einbindung in die Star-Trek-Chronologie.
Deutlich wird dies in erster Linie durch die geschickt eingesetzten Referenzen. Diese beziehen sich nämlich nicht, wie man vermuten könnte, vorrangig auf TNG, sondern schlagen eine Brücke zur ersten Star-Trek-Fernsehserie. Autor V.E. Mitchell gelingt dabei das Kunststück, die einmalige Referenz auf „Fizzbin“ (S. 44) und den zweimaligen Verweis auf „Tribbles“ (S. 166 und S. 214) so behutsam zu integrieren, dass sie nicht wie Fremdkörper wirken, sondern die eigentliche Aussage der Textpassagen unterstreichen.
Dennoch bleibt Mitchell nicht nur auf TOS beschränkt. Ihrem Werk verleiht sie nämlich dadurch Gewicht, dass es eine Lücke schließt, die in der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert“ unter den Tisch des Produzenten gefallen ist.
Erst hier erfährt der geneigte Leser (oder ahnt es bereits nach dem ersten Übelkeitsanfall S. 103) nämlich von der Schwangerschaft Keiko O'Briens, bzw. Keiko Ishikawas (vgl. S. 334). Somit kann sich die Urheberin rühmen, einen Mosaikstein zum Gesamtbild hinzugefügt zu haben, der nicht nur TNG, sondern sogar DS9 betrifft.

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Tribbles - ein zeitloses Kleinod aller Serien

Kritikwürdige Aspekte: Verwirrt hat mich streckenweise schon, dass einer der Hauptcharaktere ausgerechnet „Breen“ (S. 108) heißen muss und damit immer wieder Verwechslungen mit der gleichnamigen Spezies provoziert, die während des Dominionkrieges so dreist wie erfolgreich die Erde angriff.
Wenn man jedoch bedenkt, dass der vollständige Name des Charakters ja eigentlich „Zelk'helvtrobreen“ (vgl. S. 46) lautet und ferner berücksichtigt, dass auch Schlagerbarde Guildo Horn eigentlich ein 'Horst Köhler' ist, kann man getrost darüber hinwegsehen.
Dass die im Buch hin und wieder auftretende Figur allen Ernstes O'Brien sein soll, wirkt da schon zweifelhafter. Unbestreitbar neigt der findige Transporterchief und spätere Chefingenieur gelegentlich zu cholerischen und impulsiven Verhaltensweisen, doch so kratzbürstig und unsympathisch wirkte der verdiente Unteroffizier selbst im Verlaufe aller Episoden TNGs und Deep Space Nines nie. Ganz besonders sein rassistisches, ja fast schon faschistoides Verhalten den insektoiden Jarada gegenüber (vgl. S. 316f.) passt überhaupt nicht zu der Person, die noch in „Der Rachefeldzug“ ähnliche Emotionen den Cardassianer gegenüber deutlich differenzierter behandelte.
Noch enervierender ist nur noch das andauernde Pochen auf nationale Unterschiede zwischen Keiko und Miles.
Gut, Miles O'Brien ist ein Ire, Keiko Ishikawa eine Japanerin.
Na und?
Die ständige Debatte um unterschiedliche gesellschaftliche Traditionen, die dieses Buch viel zu oft bestimmt, passt einfach nicht in die Star-Trek-Welt, in der multikulturelle Partnerschaften zum galaktischen Alltag gehören und oftmals sogar Bindungen über Speziesgrenzen hinweg (Worf und Jadzia, Trip Tucker und T'Pol, Spock und Uhura) sowie deren Spätfolgen (Spock, Deanna Troi oder Alexander Rozhenko) thematisiert werden.
Daher mutet es völlig fehl am Platz an, wenn Mitchell allen Ernstes die japanische Gesellschaft offen mit einem Insektenstaat vergleicht (vgl. S. 96). Eine beleidigende Bemerkung, die mich etwas an die Heuschrecken-Aussage Franz Münteferings erinnerte.
Um die Betonung der irischen Wurzeln O'Briens steht es nicht viel besser, denn sie bildet einen Widerspruch zur Weigerung Colm Meaneys, in der DS9-Folge „Macht der Phantasie“ statt dem Rumpelstilzchen, das schließlich in der Episode auftauchte, wie geplant einem irischen Leprechaun zu begegnen. Meaney selbst erfasste das Problem mit einer Weitsicht, die auch Mitchell gut getan hätte:

Der Gebrauch von Karrikaturen oder Klischees über irgendeine Nation ist weder etwas, dass Star Trek ausmacht, noch ausmachen sollte.
(sehr frei übersetzt nach Memory Alpha)

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Der Ire als solcher: whiskeytrinkend, grün, mit einem Topf voll Gold

Übersetzung: Das Beherrschen der englischen Sprache ist in unserer Kultur längst zu einem Mindeststandard geworden. Egal ob die Musik im Radio, die Slogans der Fernsehwerbung oder die ausschließlich auf die englischen Seiten Memory Alphas verweisenden Links dieses Blogs (zu meiner Verteidigung: diese Seiten sind detailierter, fehlerärmer und zahlreicher als die des deutschen Pendants) – wir verstehen die Trend-Sprache unserer Zeit zumeist so gut, dass wir uns ihrer oft bedienen.
Wörter wie „cool“, „downloaden“ oder „Player“ bilden längst allgemein verständliche Fremd- oder gar Lehnwörter des Deutschen und bereichern die Sprache, die ähnliche Beeinflussung durch Latein oder Französisch ebenfalls problemlos überlebte.
Und natürlich kann man als halbwegs erfahrener Leser der Heyne-Bücher erschließen, dass mit „Starfleet“ (S. 16) jene Organisation gemeint sein könnte, die in der deutschen Synchronisation zumeist als 'Sternenflotte' bezeichnet wird. Auch die Bezeichnung „Scanning“ (S. 14) liegt noch nahe genug am 'scannen' der Synchronisation, um verstanden zu werden.
Liest man allerdings ständig vom „Medo-Scanning“ (S. 29), der „Scanning-Überwachung“ (S. 150) oder über „Scanningergebnisse“ (S. 250), wünscht man sich irgendwann, dass es zu den Einstellungsvoraussetzungen für Übersetzer von Star-Trek-Büchern des Heyne-Verlages gehört hätte, wenigstens einmal die Fernsehserie gesehen zu haben, über die man dort schreibt.
Auf diese Weise wären vielleicht auch so grässliche Bezeichnungen wie „Gesellschaftsraum des zehnten Vorderdecks“ (S. 11) statt 'Zehn Vorne', „Landegruppe“ (S. 9) statt 'Außenteam' oder „Synthesizer“ (S. 139) statt 'Replikator' erspart geblieben.
Um ein Beispiel dafür zu finden, dass es auch ganz anders geht, muss man allerdings nicht erst die vergleichsweise höherwertigen Übersetzungen Cross Cults heranziehen.
Es genügt bereits ein Blick in dieses Buch.
Neben dem „Insignienkommunikator“ (S. 87) findet man dort auch das ungleich ökonomischere „Kommunikator“ (S. 11), anstelle der „Kreisbahn“ (S. 8) den glanteren „Standardorbit“ (S. 14) und während man in zu vielen anderen Werken vom „Starfleet Command“ lesen muss, heißt es hier wenigstens halb richtig „Starfleet-Oberkommando“ (S. 126).
Doch diese Ausnahmeerscheinungen sind bestenfalls ein Tropfen auf dem heißen Stein. Spätestens, wenn man so verquere Formulierungen wie „[...] Wirkung eines Datenmelkens [...]“ (S. 217) liest, läuft ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Ja selbst der Befehl „Abtreten.“ (S. 138) klingt falsch, denn jeder halbwegs über das Militär informierte Mensch wird hier wie ich oder die deutsche Synchronisation das „Wegtreten!“ bevorzugen.
Bedenkt man schließlich, dass die Formulierung

Who counsels the Counselor?

grottenschlecht und ohne jegliches Einfühlungsvermögen mit

Wer hilft dem Helfer Counselor.“ (S. 140)

übersetzt wurde, hat man ein gutes Argument in der Hand, um nur noch das englischsprachige Original zu lesen. Schließlich tragen freiwillige Fehler wie „desaktivieren“ (S. 203) und unfreiwillige wie „Tricoder“ (S. 30) auch nicht unbedingt dazu bei, als Fürsprecher deutscher Übertragungen zu fungieren. Besonders wenn „Dr. Sela“ (S. 328) auftaucht, wird dies deutlich.
Denn Tasha Yars halbromulanische Tochter hat nicht etwa promoviert, um doch noch auf der USS Enterprise dienen zu können - tatsächlich ist 'Dr. Selar' gemeint, die bereits in „Das fremde Gedächtnis“ einen Kurzauftritt absolvierte und noch immer zum medizinischen Stab des Schiffes zu gehören scheint.
Oder wäre 'Medo-Stab' das bessere Wort?
Nein!
Denn obwohl man oft genug von „Medo-Tricorder“ (S. 29), „Medo-Offizier“ (S. 43) oder „Medo-Gruppe“ (S. 318) lesen muss, bricht der Roman mit der Tradition, enthält dem Leser ein 'o' vor und spricht plötzlich vom „Med-Laboratorium“ (S. 303).
Wenn man schon so einen Kunstpräfix verwendet, sollte man wenigstens auf Einheitlichkeit Wert legen.
Doch zurück zum Einfluss des englischen auf unsere Sprache. Besonders Leuten, denen der Film „Starship Troopers“ oder gar das Buch „Sternenkrieger“ ein Begriff ist, dürfte die Bezeichnung 'Bugs' geläufig sein. Dieser Spottname wird auch den Jarada auch im englischen Original zuteil; in der deutschen Übersetzung liest man hingegen lediglich vom „Käfer“ (S. 89). Der Bezug auf ein längst zu den Standardwerken der Science-Fiction gehörendes Buch geht in der unzulänglichen Übersetzung dieses Werkes verloren.
Sehr schade!

Anachronismen: Liest man dieses Buch, so erscheint der Spottname Lwaxana Trois für Worf in einem völlig anderen Licht. Es wird nämlich behauptet, Klingonen seien für manche Tonhöhen empfänglicher als Menschen (vgl. S. 42).
Da macht die Bezeichnung„Mr. Wuff“ gleich viel mehr Sinn, obwohl der Gebrauch von Schallduschen sowie die Reaktionsfaulheit Worfs auf die hohen Töne Datas in „Traumanalysen“ gegen diese Hypothese sprechen.
Und Stichwort 'Hören': Der angeblich unwiederbringlich zerstörte Kommunikator Dr. Crushers (vgl. S. 184ff.) funktioniert plötzlich wieder (vgl. S. 326) – ein schwerer innerer Logikfehler, den man am besten geflissentlich überliest.
Die größte Ansammlung an Widersprüchen vereint allerdings Keiko auf sich.
Als eine der zentralen Figuren des Werkes kommt ihr natürlich größere Aufmerksamkeit zugute. Was im ersten Moment gut klingt, geht von vorn bis hinten in die Hose.
Verwirrend ist bereits Status der Beziehung zwischen Miles O'Brien und Keiko Ishikawa. Beide feiern zwar das halbjährige Jubiläum ihres Kennenlernens (vgl. S. 11), sind allerdings bereits verheiratet (vgl. S. 131).
Das mutet zwar etwas schnell und überstürzt an, aber das ist an und für sich ja noch menschlich, zumal Rosalind Chao vor der Hochzeitsfolge „Datas Tag“ überhaupt nicht auftaucht.
Fragwürdig daran ist jedoch, warum Keiko noch immer den Namen 'Ishikawa' trägt (vgl. S. 42), obwohl sie mit der Eheschließung den Nachnamen ihres Gatten übernahm.
Auch die Angaben, die Botanikerin sei auf der Sternenflottenakademie gewesen (vgl. S. 256) und verfüge sogar über eine Sternenflottenuniform (vgl. S. 265) decken sich überhaupt nicht mit all jenen Informationen, die bereits in TNG und später auch in DS9 zum Besten gegeben wurden.

Fazit: Star Trek ist stets offen für fremde Kulturen.
Jedenfalls in den Serien und Filmen.
Hier hingegen beweisen seitenlange Diskussionen über kulturelle Unterschiede nur zwischen Menschen, dass die Star-Trek-Bücherwelt nicht gleich auf jeden Zug aufspringen muss, der den Gene-Roddenberry-Gedächtnis-Bahnhof verlässt.
Der Verzicht auf eine angemessene Übersetzung und die geringere Schnittmenge zu den in TNG und DS9 gezeigten Figuren Keiko und Miles O'Brien tun ihr Übriges, um einem allzu großen Wiedererkennungswert vorzubeugen.
Warum also dieses Buch überhaupt lesen?
Nun ja, weil es zum Beispiel eine Tiergruppe zum Gegner erhebt, der durch seine bloße Existenz Abenteuer verspricht. Weil es spannend ist und mit kleinen Referenzen auf die Originalserie eine geschickte Brücke zum maßgeblichen Vorgänger schlägt.
Und weil es eine biografische Lücke stopft, die einige Fans interessieren könnte. Wer gelegentlich also beim Lesen das ein oder andere Auge zudrücken kann, bereitwillig offensichtliche Makel zu ignorieren gewillt ist und mal was über eine Spezies hören möchte, die bislang nur beiläufige Erwähnung fand, wird seine Freude an „Die Jarada“ haben.

Denkwürdige Zitate:

Das ist meine Funktion, vergiß das nicht. Irgendwer muß doch dafür sorgen, daß ihr Galionsfiguren vom Offizierstab den Kontakt zur Realität haltet.
Troi, S. 12

Vertrauen ist immer ein Risiko.
Picard, S. 125

Insekten darf man eben nicht über den Weg trauen.
Chang, S. 151

Sie sollten die Zeit wirklich nicht damit vergeuden, Ihrem Untergebenen den Panzer zu polieren.
Vish, S. 296

Bewertung: Löblicher Versuch mit deutlichen Abstrichen.

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