Mittwoch, 6. Oktober 2010

Die Föderation

Reeves-Stevens, Garfield; Reeves-Stevens, Judith: Die Föderation. Heyne, 1994/200.

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Story: Als der junge Zefram Cochrane den Warpantrieb das erste Mal erfolgreich testet, braut sich am Horizont bereits ein Gewitter ungeahnten Ausmaßes zusammen, denn statt die Erde mit dem neuen Ziel der friedlichen Erforschung und Besiedlung des Raumes zu einen, muss er mitansehen, wie sein geliebter Heimatplanet von seinen eigenen Bewohnern in Schutt und Asche gelegt wird. Vermittlungsversuche seinerseits verkehren sich ins absolute Gegenteil und schließlich gerät der brillante Physiker selbst in den Fokus einer faschistoiden Bewegung, die von ihm verlangt, die Konstruktionspläne eine Wunderwaffe zur Erringung des globalen Endsieges herauszurücken.
Selbstverständlich weigert sich der moralisch integere Cochrane, diese Superwaffe in die Hände eines wahnsinnigen Fanatikers zu übergeben, zumal die sogenannte 'Warpbombe' ohnehin nicht realisierbar wäre. Als die Trümmer des dritten Weltkrieges schließlich beiseite geräumt werden und die Menschheit endlich zueinander findet, verblasst die Erinnerung an diese Horror-Zeit schnell im Angesicht neuer technischer Innovation und bahnbrechender Entdeckungen.
Doch mit dem tragischen Unfalltod seiner Frau auf Alpha Centauri wird Cochrane schnell wieder ins Bewusstsein zurückgerufen, dass er diese Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Noch immer jagt ihn sein Erzfeind Thorsen, um in dem Besitz der angeblichen Massenvernichtungswaffe zu gelangen. So macht sich der in die Jahre gekommene Warppionier auf eine vermeintlich letzte Reise, und verschwindet spurlos.
Seine Reise führt ihn schließlich ins dreiundzwanzigste Jahrhundert, wo er auf niemand geringeren als die Sternenflottenlegende Kirk trifft. Aber die zur Genüge in „Metamorphose“ geschilderten Ereignisse bedeuten noch lange nicht, dass der Erdenheld mit seinem fleischgewordenen Companion nun seinen Frieden auf einem abgelegenen Planetoiden gefunden hätte. Die Vergangenheit holt ihn erneut ein und ein verzweifelter Notruf erreicht die Sternenflotte und damit auch James Tiberius Kirk, der sofort zu erneuten Rettung eilt. Seine Bemühungen enden jedoch damit, dass Cochrane erneut in die Zukunft geworfen wird, und dort eine weitere Sternenflottenlegende kennenlernen darf: Jean-Luc Picard...

Lobenswerte Aspekte: Die erste Begegnung mit diesem Buch war eine recht folgenschwere. Vor allem schwer, denn die knapp 600 Seiten verfügen über ein gewisses Abschreckungspotential und so staubte das Buch eine geraume Zeit lang unbeachtet in meinem Regal ein. Erst die Sehnsucht nach anspruchsvollerer Lektüre in der Septemberlücke, die die Veröffentlichungsschwierigkeiten bei cross cult in den Herbstanfang riss, lenkte dieses Werk zurück in meinen Aufmerksamkeitsbereich.
Dabei erwies sich der Titel „Die Föderation“ im ersten Moment als nicht minder abschreckend, zumal sich bereits ein ähnlich umfangreicher Roman mit den Gesetzen derselben beschäftigte.
Aber nur „Die Föderation“? Kein Wunder, dass das Buch einen so großen Umfang aufwies, denn die Entwicklung einer solchen Gemeinschaft muss quasi zwangsläufig eine große Menge Papier für sich beanspruchen.
Der Buchtitel mag also im ersten Moment fad und eher aussagearm daherkommen, doch während des Lesens wird allmählich klar, wie einfach, doch genial er gewählt ist, denn er gilt weniger der Geschichte der Institution, als vielmehr den romantischen Idealen, die mit dem Begriff als solchem verknüpft sind.
Und das ist lediglich der Anfang eines Husarenstückes aus der Feder eines Ehepaares, das sich vormals in erster Linie als Sidekick für die Ego-Romane William Shatners unter der Star-Trek-Leserschaft einen Namen machte. Allerdings wusste niemand so genau, wo das Engagement Shatners begann, und jenes der beiden Reeves-Stevens-Eheleute aufhörte. Wer jedoch dieses Buch selbst gelesen hat, erkennt schnell, dass der Anteil des Schauspielers an seinen 'eigenen' Romanen relativ gering ausgefallen sein dürfte.
Wie bereits aus diesen ‚gemeinsamen’ Werken gewohnt, geizt auch dieses beileibe nicht mit Querverweisen, die – der Natur des Themas folgend - vor allem TOS (vgl. z.B. S. 24, S. 46 oder S. 298) und TNG (vgl. z.B. S. 46, S. 136 oder S. 296) betreffen. Während manche dieser Referenzen so offensichtlich sind wie die Begegnung Picards mit Sarek (vgl. S. 86ff.) oder Kirks Zusammentreffen mit demselben (vgl. S. 64ff.), sind andere so subtil, dass sie sich beispielsweise auf etwas so banales wie die kurz im Hintergrund verwendeten Fahnen in „Der Mächtige“ beziehen (vgl. S. 29) oder das Schreckgespenst „Jack The Rippers“ (das entgegen der auf Seite 266 geäußerten Erwartungen tatsächlich in „Der Wolf im Schafspelz“ noch einmal körperliche Gestalt annehmen sollte) in Erscheinung treten lassen.
Überhaupt macht plötzlich vieles Sinn, was in der originalen Serie scheinbar nur so dahin gesagt wurde. So klären Reeves-Stevens endlich einmal, warum der Erfinder des Warpantriebes von nachfolgenden Generationen denn ausgerechnet „Zefrem Cochrane von Alpha Centauri“ genannt wird (vgl. S. 60). So entspinnt sich mit jeder neuen Seite mehr und mehr ein Geflecht aus nachvollziehbaren neuen Informationen, die nahezu nahtlos an wortgetreue Äußerungen aus der Serie anknüpfen. Den beiden Urhebern gelang eine auf all den 600 Seiten nie langweilige Kopplung dieser Komponenten zu einer zusammenhängenden Geschichte, die darüber hinaus auch noch drei verschiedene Epochen umspannt. Während vieler ihrer Kollegen noch nicht einmal eine schlüssige Handlung innerhalb einer einzigen Periode hinbekommen haben, schuf das Autorenehepaar hier einen genialen Brückenschlag, den man mit Fug und Recht als einen würdigen Schulterschluss zwischen Picard und Kirk bezeichnen kann – ein Treffen der Generationen ohne direkten Kontakt sozusagen.
Und nicht nur die Generationen treffen sich; neben dem bereits erwähnten Sarek erhalten auch Gaststars wie Brack (vgl. S. 38ff.) oder John Burke (vgl. S. 102ff.) einen würdigen Auftritt, und selbst alte Veteranen wie Sternbach oder Okuda (vgl. S. 39) finden eine kurze Erwähnung.
Das ist jedoch längst nicht alles. Besonders in den Kapiteln, die sich um Zefram Cochrane drehen, gelingt es den Autoren, eine elektrisierende Atmosphäre aufzubauen. Insbesondere die Szenen in London erinnern schaurig schön an Klassiker wie „V- wie Vendetta“, „1984“ oder „Children of Men“.
Daneben glänzt das Buch nicht nur in Aufbau und Wechsel der Erzählebenen oder der Figurendarstellung, sondern auch mit der für Star-Trek-Romane eher untypischen Verwendung grafischer Hilfsmittel (vgl. S. 186, S. 187, S. 188, S. 409 und S. 414), die auf die Texte aufbauen. Eine durchaus gelungene Idee, auch wenn ich den Ursprung des Sternenflottensymbols weniger auf Warptheorie, als auf einen Teil des Olivenkranzes zurückführen würde, der das Föderationsemblem umsäumt.

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Erleuchtung beim Morgenkaffee: Olivenzweig statt Warpkurve!

Kritikwürdige Aspekte: Mit kleinen Fehlern wie solchen beginnt ein ganzer Sturzbach von Anachronismen, der den Leser dieses Romans nach der Lektüre der stolzen 600 Seiten wie einen begossenen Pudel dastehen lässt.
Dabei begegnen ihm bereits auf Seite sieben erste fehlerhafte Zeitangaben, die zaghaft warnend andeuten, was ihn erwartet und sofern er diese dunklen Vorzeichen übersieht, findet er sich mitten in einer spannenden Geschichte wieder, die sich allerdings mit jeder neuen Seite mehr und mehr in Widersprüche zu dem verstrickt, was heute als offizieller Kanon gilt.
Daran ist in erster Linie der achte Star-Trek-Kinofilm „Der erste Kontakt“ Schuld, denn mit der Darstellung Cochranes als Held wider Willen kontrastiert er nicht nur der glorifizierenden Beschreibung dieses Buches, sondern auch den Erläuterungen um die politische Lage der Zeit. Die könnten untreffender nicht sein:
Der dritte Weltkrieg beginnt demnach erst nach Cochranes historischem Start (vgl. S. 258f.), die Menschheit verfügt angeblich bereits vor diesem epochalen Ereignis über diverse Außenposten im System (z.B. auf dem Saturnmond Titan, vgl. S. 36) und die erste Reise des „Bonaventure“ (nicht „Pheonix“!, S. 38) genannten ersten Warpschiffes der Menschheit führt nach Alpha Centauri (vgl. S. 43) - also weit außerhalb der Sichtweite unseres Heimatplaneten.
Rechnet man nun noch die Informationen aus der letzten Star-Trek-Fernsehserie 'Enterprise' hinzu, so findet man so ziemlich alle hiesigen Beschreibungen Cochranes und seiner frühen Wirkungszeit Lügen gestraft – von seiner vermeintlichen Geburt in London (vgl. S. 62) bis zu seinem Tod im Beisein Picards kurz nach dessen Treffen mit Sarek (vgl. S. 564ff.). Ein trauriges Los für einen so glänzend geschriebenen Roman.
Umso erstaunlicher, wie gut Judith und Garfield Reeves-Stevens mit der Degradierung ihrer Fleißarbeit umgehen konnten: Unter ihrer aktiven Mitwirkung entstandene Enterprise-Episoden der vierten (und besten) Staffel wie „Der Anschlag“, „Vereinigt“ oder „Terra Prime“, die manchen ihrer eigenen Bücher offen widersprechen – natürlich auch diesem. So ist etwa das Verhältnis zwischen Vulkaniern und Menschen längst nicht von so viel Harmonie geprägt wie hier beschrieben (vgl. S. 216).
Ebenso unharmonisch ist die Handlung gestrickt. Hass mag ja ewig vorhalten, aber dass so ein Bösewicht wie Thorsson selbst nach dreihundert Jahren noch nicht eingesehen hat, dass eine Warpbombe eine physikalische Unmöglichkeit ist und deswegen jemanden jagt, dessen technisches Fachwissen längst aufgehört hat, mit den aktuellen Anforderungen Schritt zu halten, mutet schon ein wenig unglaubwürdig an.
Am Ende steht schließlich die Frage im Raum, warum dieses Buch überhaupt in Deutschland erschienen ist. Gut, in Amerika entstand es, wie etwa auch „Der Rächer“ in genau jenem undankbarem Intervall zwischen den Kinofilmen sieben und acht, so dass man das Timing zwar als unglücklich bezeichnen muss, aber dennoch Verständnis dafür aufbringen kann. Hierzulande jedoch erschien er im Jahr 2000 – weit nach dem Kinostart von „Der erste Kontakt“. Warum entschied man sich im Heyne-Verlag dafür, dieses Buch dennoch herauszubringen? Lag es eventuell an der Unkenntnis der Verlagsangestellten mit der Materie ‚Star Trek`?
Nicht dass ich die Möglichkeit völlig von der Hand weisen wollen würde, doch hier sollte man dem Umstand Rechnung tragen, dass trotz des Umfangs, trotz der Widersprüche und trotz des unnachvollziehbaren Motivs des Schurken eine Geschichte entstanden ist, die ihresgleichen sucht und verdient hat, auch in Deutschland zu erscheinen. Es ist also eher als ein Zeichen Heynes zu werten, dass sie mit der Veröffentlichung tatsächlich den Fans entgegenkommen wollten.

Übersetzung: Sämtliches entstandene Wohlwollen dem Verlag gegenüber verfliegt, wenn man die herz- und leidenschaftslose Übersetzung näher betrachtet. Ja selbst die langsam schon als notwendiges, beziehungsweise zwangsläufiges Übel verstandenen hauseigenen Übersetzungsidiome erscheinen in diesem Werk noch fremdartiger. Statt „Der große Vogel der Galaxis“ heißt es „[…] Der große Allgeier […]“ (S. 71), statt „Standardumlaufbahn“ liest man von einer „Standardkreisbahn“ (S. 85) und statt „romulanisches Ale“ illegal zu konsumieren, muss „romulanisches Bier“ als Problemlösungsmittel herhalten (S. 168). Ähnlich verhält es sich mit klobigen Begriffen wie „Sternenreich der Romulaner“ (S. 245), „Galaxis-Klasse“ (S. 247), „Fährenhangar“ (S. 304), „Diskussektion“ (S. 340), „Nahrungsautomaten“ (S. 354), „Ambientenkontrollen“ (S. 443), „Insignienkommunikator“ (S. 563) oder „Seitenraumfunk“ (S. 586) – ein Horrorkabinett aus Eigenkreationen, die den Wiedererkennungswert mit den in der Synchronisation etablierten Bezeichnungen auf eine harte Probe stellen.
Ebenso ungewohnt erscheinen die eigenwilligen Kombinationen. Natürlich kann man mal über eine einmalig erwähnte „Evakblase“ (S. 32) hinwegsehen, doch wenn „Medoscanner“ (S. 70), „Medokit“ (S. 122) oder „Medobett“ (S. 227) ohne Bindestrich geschrieben werden, wundert man sich als Leser schon, warum er in „Medo-Abteilung“ (S. 124) oder „Medo-Tricorder“ (S. 212) erhalten blieb.
Dank solcher unausgegorenen Übersetzungen ist das Lesen wie eine Fahrt mit einem stotternden Motor. Herzlos übersetzte Ronald M. Hahn auch „personnel airlock“ mit „Mannschleuse“ (S. 32), „forward view“mit „Hauptbildbetrachter“ (S. 169) oder „[…] processor to processor […]“ mit „[…] Rechner zu Rechner […]“ (S. 457). Andere Begriffe wie das Substantiv „Koinzidenz“ (S. 299) oder das Verb „armieren“ (S. 399) zeugen auf lebendige Weise davon, dass der letzte Wille zur korrekten Übertragung scheinbar fehlte.
Ihren Beitrag zur allgemeinen Verwirrung leisten auch die nationalen Einschübe, die der Übersetzer dem Buch verleiht. Während er „altpreußische Schnurrbartbinden“ (S. 168) einfach ergänzend in eine schon bestehende Aufzählung einfügt, übersetzt er besonders frei „capture snipe“ mit „Wolpertingerjagd“ (S. 240) und „tactical officer“ mit „Geschützoffizier“ (S. 354). Besonders letzteres klingt eher nach Militärjargon auf dem U-96 kurz vor der Mitte des 20. Jahrhunderts, nicht aber nach aufgeklärter Sternenflotte auf der USS Enterprise des 24. Jahrhunderts.
Diese Freiheiten, die sich der Übersetzer hier herausnimmt, mögen gewagt sein, doch immerhin verfügen sie über einen gewissen Unterhaltungswert.
Tatsächlich besser gelungen als im Original empfand ich schließlich die Übertragungen von Sätzen wie „The next century?“ sowie „And for the next century.“ durch „Im nächsten Jahrhundert?“ (S. 521) beziehungsweise „Fürs nächste Jahrhundert.“ (S. 559), denn somit wird eine Brücke zum deutschen Untertitel TNGs geschlagen, die der Begegnung Kirks und Picards durchaus gerecht wird.
Schade, dass der Qualität dieser Eigeninitiative immer wieder durch so etwas Banales wie vergessene Buchstaben das Wasser abgegraben wird, wie man an „Shra“ (S. 71), „Exi“ (S. 315), „Sendekapzität“ (S. 523) oder „Costitution-Klasse“ (S. 518) merken kann. Insbesondere ein Satz auf Seite 388 macht dies deutlich:

Vor dem Optimum gab es ein Entrinnen.

Was logisch klingt, stimmt nur bedingt, denn der Satz lautet im Original

There was no escape from the Optimum.

Anachronismen: Wie bereits angemerkt, ist die gesamte Geschichte um Zefram Cochranes Leben und Wirken ein einziger Anachronismus mit schwerwiegenden Auswirkungen auf jene Handlungsstränge, die sich auf Kirks und Picards Ära erstrecken. Da dieser Umstand zum einen bereits in den „Kritikwürdigen Aspekten“ zur Genüge behandelt wurde, soll das Hauptaugenmerk nun auf jenen Anachronismen liegen, die nicht so einfach durch später folgende Serien und Filmen zu entschuldigen sind.
Und wo könnte man besser beginnen, als mit dem lieben Geld? Das gilt nämlich trotz seiner Abschaffung noch immer als Zahlungsmittel (vgl. S. 74 oder S. 545), selbst wenn bereits der vierte Kinofilm „Zurück in die Gegenwart“ deutliche Hinweise dagegen gibt.
Ebenso verwundert es, dass LaBarre in der Nähe der französischen Hauptstadt Paris liegen soll, denn dem Ort im beschaulichen Jura eine geografische Nähe zur Seine-Metropole zu bescheinigen, zeugt von einem sehr ‚amerikanischen’ Erdkunde-Verständnis.
Die Schwächen setzen sich im Umgang mit Jahreszahlen fort, denn den Krieg gegen die Romulaner im Jahr 2218, also „[…] nur 57 Jahre nach der Geburt der Föderation […]“ (S. 92) zu verorten, ist selbst gemäß den zeitlichen Angaben aus „Spock unter Verdacht“ äußerst gewagt.
Ähnliche zeitliche Überwürfnisse gibt es mit dem Schiffen der Constitution-Klasse, die laut Picard 2366 seit mindestens 50 Jahren außer Dienst gestellt sein sollen (vgl. S.518). Das bringt uns ins Jahr 2316 – immerhin 23 Jahre nach der finalen Reise der USS Enterprise NCC-1701-A, deren letzte Stunde bekanntlich in „Das unentdeckte Land“ geschlagen hat.
Während ich zeitlichen Lücken von weniger als einem Viertel Jahrhundert vielleicht noch irgendwo Verständnis entgegenbringen kann, sind 4,5 Millionen Jahre schon bemerkenswerter. Die beiden Autoren erachten nämlich die in „Der Obelisk“ als „die Weisen“ bezeichneten Erbauer des Artefakts als deckungsgleich mit den Proto-Humanoiden aus „Das fehlende Fragment“.
Zugegeben, das klingt im ersten Moment recht interessant und Ronald D. Moore gab im „Star Trek Next Generation Companion“ auch offen zu, dass dieser Zusammenhang beabsichtigt war.
Doch vergleicht man beide Folgen näher, so fällt schnell auf, dass dies eigentlich nicht der Fall sein kann. Beispielsweise wird der laut TOS auf Tönen basierenden Sprache bei TNG keinerlei Rechnung getragen.
Noch unsinniger wird dieser Parallelismus, wenn man bedenkt, dass „die Weisen“ laut Spock vom Aussterben bedrohte Völker überall in der Galaxis verpflanzt haben sollen. Nachweise für Indianer in Nordamerika reichen schließlich 'lediglich' 14.000 Jahre zurück, und ernsthaft bedroht wurde ihre Existenz erst mit der Wiederentdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahr 1492.
In „Das fehlende Fragment“ erfahren wir jedoch, dass die humanoide Urspezies „aus grauer Vorzeit“ stammte, die „Samen in de Ur-Ozeanen vieler Welten“ aussetzte, weil sie sich bereits ihres eigenen Untergangs bewusst war. Dass sie noch Weltraum-Polizei spielten, als längst das Tkon-Imperium, die Iconianer oder die Artgenossen Sargons diesen Teil der Galaxis unsicher machten, ist ziemlich unwahrscheinlich und lässt schon eher Rückschlüsse auf die „Geister des Himmels“ aus der Voyager-Folge „Tattoo“ zu.
Der finale Knaller ist allerdings der Kampf der USS Garneau gegen einen Warbird, denn mit einem einzigen Schuss schafft es das Schiff der Oberth-Klasse, das riesige Romulanergefährt auszuradieren (vgl. S. 548). Na klar, David hat ja auch gegen Goliath gewonnen, doch das wirkt dann doch irgendwie, als ob ein Tausendfüßer einen Elefanten zu Tode trampelt.

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Gewagte Schlacht: Chancenloser Warbird

Fazit: Eine meiner Kunstlehrerinnen hatte mir in der elften Klassen auf ein wirklich tolles Bild, an dem ich sehr lange und intensiv gearbeitet hatte, eine 'vier' geben müssen. Zwar bescheinigte sie mir Können, Fleiß und Leistung, doch ihre mitleidigen Worte habe ich nie vergessen:
„Thema verfehlt“.
So liest sich auch dieses Buch. Ohne Frage ist es spannend, toll geschrieben und genial in den damaligen Kanon eingebettet, doch mit dem achten Kinofilm ist die Geschichte vor allem eines:
Nie passiert.
Wirklich schade, denn die hohe Qualität ließ selbst Übersetzung und Anachronismen ertragen. Wäre ich nicht an meine oft formulierten Anforderungen gebunden, auch die Konformität zum offiziellen Kanon als zentrales Bewertungskriterium heranzuziehen, so würde ich dieses Werk ohne zu Zögern in die Riege der besten Romane mitaufnehmen, doch ich kann nicht bei anderen Romanen über ähnlich schwerwiegende Anachronismen schimpfen, nur um hier Gnade walten lassen.
Daher trete ich in die Stapfen einer Kunstlehrerin und beginne nach vierzehn Jahren auch ihr Dilemma besser zu verstehen.

Denkwürdige Zitate:

Die Ereignisse der Zukunft spiegeln sich in den Ereignissen der Vergangenheit.
Micah Brack, S. 42

Ich bezweifle, dass Admiral Kabreigny die Vorstellung willkommen heißt, dass man ein Raumschiff nach demokratischer Abstimmung führt.
Spock, S. 123

Bitte noch ein paar Minuten, Commander. Wir müssen uns an ein strenges Protokoll halten. Ich bin sicher, dass sich ihre Kommandostruktur nicht allzu sehr von der unseren unterscheidet.
Erlöst mich von Subprätoren und ihren Computerbildschirmen und Regeln.
Sie sind überall.
Picard, Tarl und Riker, S, 292/293

Zwei Nullen ergeben auch null.
Spock, S. 445

Ihre Föderation schreit geradezu nach Ordnung. Außer der Größe der Schlachtfelder hat sich nichts geändert.
Thorsen, S. 484

Admirale dürfen keine Schiffe kommandieren, Pille!
Stimmt. Und den Kobayashi Maru -Test kann auch niemand bestehen.
Kirk und Pille, S. 577

Bewertung: Thema verfehlt.

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Kommentare:

  1. Hier muss ich aber mal Kritik an deiner Bewertung üben. Natürlich kann ein Roman Heute dem offiziellen Kanon widersprechen, wenn erst nach seiner Zeit Film- und Serienmaterial entstanden ist, dass die Thematik des Romans anders darstellt. Die Autoren konnten doch 1994 (Heyne-Veröffentlichungsdatum?) noch nicht wissen, was später in "Der erste Kontakt" oder "Enterprise" passiert und das berücksichtigst Du normalerweise in deinen Bewertungen. Insofern bist Du dieses Mal schon etwas ungerecht bei der Bewertung.

    Zum Roman: Deine Beschreibung liest sich durchaus interessant. Ich mag ja Zeitreisegeschichten. Und ich mag Crossover zwischen den Star Trek Serien. Die Frage ist, wieviel es mir gibt einen Roman zu lesen, bei dem ein Randcharakter im Mittelpunkt steht. Vor "Der erste Kontakt" war es ja eigentlich nicht mal ein Randcharakter. Cochrane war eine Fußnote, die hin und wieder Mal erwähnt wurde. Damals gab es ja eine riesige Romanauswahl bei Heyne. Ich weiß nicht, ob ich mir da einen 600-Seitenroman ausgesucht hätte.

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  2. Moin Bernhard,

    eines meiner zentralen Motive bei der Bewertung ist die Konformität mit dem Kanon. Sie entsprang einmal aus der Frage, warum ich überhaupt Star-Trek-Bücher lesen soll, obwohl sie für den größeren Verlauf der offiziellen Zeitlinie keinerlei Relevanz besitzen. Aus diesem Grund kommen stets jene Romane bei mir gut weg, die sich höchstens marginal mit den in Serien und Filmen gegebenen Informationen beißen. Ganz besonders, wenn diese Anachronismen die gesamte Story beeinflussen, gehe ich normalerweise mit der Punktzahl unter die 4-Punkte-Marke.
    So musste ich bereits mehrmals trotz eines guten Buches drei Punkte verteilen, z.B. für "Spocks Welt", "Die letzte Grenze" oder "Fremde vom Himmel".
    Bei keinem tat es mir allerdings so weh wie bei diesem. Mein Herz sagte '5 Punkte', doch die Bewertungsmaßstäbe, die ich für mich selbst anlegte, als ich mich zum Eröffnen dieses Blogs entschloss, zwangen mich zu 'drei Punkten'. Empfehlen kann ich ihn ruhigen Gewissens daher nur echten Hardcore-Fans, die damit leben können, dass der 600 Seiten-Schmöker null Relevanz hat.

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  3. Diesen Wälzer hatte ich auch schon ein paar Mal in der Hand, konnte mich jedoch noch nicht dazu aufraffen, es zu lesen. Die 600 Seiten haben mich bisher immer erfolgreich abgeschreckt, auch wenn meine Erfahrungen mit solchen dicken Star Trek-Romanen durchweg sehr positiv sind.

    Ich glaube, dieser Roman könnte gut funktionieren, wenn man bereit ist, die Geschichte als Alternative zum Kanon anzusehen. Es ist ja durchaus möglich, dass die "inoffiziellen" Geschichten interessanter sind als das, was dann später im Kino oder TV daraus gemacht wurde.

    Bei Deinen letzten Rezensionen ist mir aufgefallen, dass Du oft Zitate aus den Originalromanen parat hast und diese mit den Übersetzungen vergleichst. Besitzt Du auch die englischen Ausgaben und liest sie parallel zu den deutschen?

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  4. Das mit dem offiziellen Kanon kann ich nachvollziehen. Ich find es auch besser, wenn die Bücher den offiziellen Kanon ergänzen und ausbauen und ihm nicht widersprechen. Aber ist es nicht etwas anderes, wenn ein Buch nur deshalb nicht mit dem offiziellen Kanon übereinstimmt, weil sich dieser erst nach dem Erscheinen des Romans offenbart hat? Das konnte doch die Autoren und eigentlichen Niemand damals wissen. Und das meinte ich. Aus der heutigen Perspektive gebe ich dir Recht, aber damals sind die Autoren doch nicht gegen den offiziellen Kanon gestoßen. Hättest Du das Buch anders bewertet, wenn Du es damals gelesen hättest? Das ist die Frage, die ich aufwerfen möchte. Aber man kann den Spieß natürlich auch umdrehen und sich Fragen, ob jemand, der das Buch Heute kaufen könnte, es kaufen sollte. Dann macht diese Bewertung natürlich doch Sinn.

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  5. Moin Ameise,

    Auch ich habe schon darüber nachgedacht, die Handlung in das 'Shatnerversum' zu verlegen, das die beiden Autoren ja mitbegründeten. Doch der sorgfältigen Arbeit, alles mit dem Kanon verbinden zu wollen, hätte man damit genauso Unrecht getan.
    Bei den englischen Büchern verlasse ich mich übrigens auf einen meiner Freunde, der die deutsche (Heyne-) Übersetzung ablehnt, und ausschließlich englischsprachige Bücher in seinen Regalen zu stehen hat. Schnelle Anrufe oder Kurzkontakte per Mehl oder Messenger geben mir dann die Möglichkeit eines Vergleichs.

    Moin Bernhard,

    Keine Sorge, ich hatte deinen Standpunkt verstanden, auch wenn ich mich etwas umständlich ausgedrückt hab. Und Du hast Recht - ich hätte den Roman anders bewertet, wenn ich ihn in jener kurzen Phase (und auf englisch) gelesen hätte, in der die Welt noch frei von einer Borgkönigin war.
    Aber tatsächlich geht es mir um das Hier und Heute, und da macht das Lesen von 600 Seiten Unkanon nur bedingt Sinn.
    Wer weiß, vielleicht kommt ja irgendwann einmal der tag, an dem ich auch meiner Lieblingsbücherserie Vanguard 'Insignienkommunikatoren' aus der Wertung streichen muss...

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  6. Huhu, turon,

    also, ich muss jetzt mal dazu sagen, es ist wirklich zu hart bewertet, und wenn der einzige Grund, dass Du der Story nicht mehr Punkte gibst, der Grund ist, dass es das "Thema verfehlt" hat, dann müsste man, meines Erachtens nach, darüber nachgrübeln, ob man diese Kanonizität nicht einfach aus der Gleichung streicht.

    Warum?
    Ganz einfach:
    Es ist so, dass dieser Roman - wie Du schon gesagt hast - in Amerika vor First Contact veröffentlicht wurde. In Deutschland kam er nach dem Film raus, aber - so what? Es zählt doch, wann das Buch geschrieben - nicht wann es veröffentlicht wurde.

    Und in diesem Fall war die Geschichte vor First Contact geschrieben worden, da konnte keiner eine Ahnung von der Borgkönigin haben. Die Bewertung ist - in meinen Augen - unfair.

    Und dafür, dass Du das Buch jetz erst gelesen hast, dafür können weder die Autoren, noch das Buch irgendwas. Meine Meinung. ^^
    Du schriebst irgendwas von Hardcore-Fans, die den Roman lesen können, obwohl er Null-Relevanz hat, aber das ist in meinen Augen nicht die Definition des Hardcore-Fans.

    Ein Hardcore-Fan (schönes Wort) ist jemand, der beispielsweise die Bücher nach Kanonizität bewertet, nicht jemand, der sich die einfach nur so durchliest.
    Insofern würde ich so frech sein und sagen, dass Du der Hardcore-Fan bist.

    Liebe Grüße und nimm es mir bitte nicht übel.

    Cal

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  7. Moin Cal,

    Keine Angst, ich nehm Dir das nicht übel, denn in meinen Augen ist schon jemand, der einen Blog allein über Star-Trek-Bücher schreibt ein Hardcore-Fan. Außerdem sollte spätestens bei den Anachronismen deutlich werden, dass ich in der Tat etwas stark involviert bin...
    Schuldig also im Sinne der Anklage.
    Und Du hast auch damit recht, dass meine Bewertung dahingehend unfair ist, aber da stehe ich vor einem Dilemma.
    Ich lese seit Anfang der Neunziger Star-Trek-Romane und plötzlich, kurz vor dem Jahr 2000 hörte ich damit auf. Warum?
    Ich hatte ganz einfach keine Lust darauf, irgendwelche Romane zu lesen, die nicht in die offizielle Zeitlinie passten (etwas, worauf ich bereits damals einen sehr großen Wert legte) und eigentlich nie passiert sind. Ich sehe in den Romanen Zusatzgeschichten, die mir nur ein neues 'unentdecktes Land' bieten, nachdem ich bereits alle Serien und Filme gesehen habe, die man sehen kann (sogar eine ganze Reihe Fanfilme).
    Noch immer stört mich daher massiv, wenn ein Roman nicht kompatibel ist und wenn ich deshalb damit leben muss, der Hardcore-Fan zu sein, der Bücher nach 'Kanonizität' (auch ein schönes Wort) beurteilt, dann ist das eben meine persönliche Nische in den Weiten des Netzes. Wer anderer Meinung ist, darf das durchaus sein und auch hier zu Protokoll geben, doch ich selbst muss in meinen Bewertungen auch meine eigenen Maßstäbe - einen Blog für die Massen betreibe ich ja nun ganz sicherlich nicht.
    Wenn jemand wie du aber nun so sehr widerspricht, habe ich allerdings etwas anderes, viel besseres erreicht:
    Eine Kontroverse, die zur eigenen Auseinandersetzung ermutigt und den Leser dazu treibt, sich selbst eine Meinung zu bilden. Wenn er dann anfängt, dieses Werk zu erwerben und zu lesen, um meine Punkte für sich selbst zu widerlegen oder gar zu bestätigen, mag die Bewertung zwar kein Kompromiss aller Leser sein (und welche Bewertung kann das schon?), aber erfüllte wenigstens einen pädagogischen Zweck.

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  8. *grinst* Na, in dem Fall hast Du doch alles erreicht. ^^ Deine Meinung, und gleich das die Leute das Buch eventuell kaufen. Super. ^^
    *daumen Hoch*
    Und das mein ich wirklich ehrlich. ^^

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