Sonntag, 28. November 2010

Starfleet-Kadetten 11. Die verschwundene Besatzung

Buchbesprechung Friedman, Michael Jan: Starfleet Kadetten. Bd.11. Die verschwundene Besatzung. Heyne, 1996/1995.

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Story: Auf einem toten Planeten entdeckt ein Außenteam der USS Tripoli ein merkwürdiges Geschöpf: Auf einer Steinplatte ruhend liegt dort eine Maschine, deren äußere Form eine (mehr oder weniger) exakte Kopie eines Menschen bildet.
Da sich hingegen die erwarteten Kolonisten nicht auf der Planetenoberfläche aufspüren lassen, schaltet die Gruppe den Blechmann ein, um die ersehnten Antworten über das Schicksal jener Gruppe zu erhalten. Aber der Android kann keine hilfreichen Informationen liefern.
Obwohl man keine befriedigenden Aussagen über das mysteriöse Verschwinden der 411 Bewohner Omicron Thetas erhält, markiert dieser Moment die Geburtsstunde eines außergewöhnlichen Sternenflottenoffiziers: Data.
Kurz nach seiner Aktivierung bewirbt sich der Android auf Anraten des Captains der Tripoli an der Akademie der Sternenflotte. Doch Datas Weg ist so weit wie steinig, und die Mühlen der interstellaren Bürokratie mahlen langsam.
Erst nach geschlagenen drei Jahren kann er sich auf den Weg zur Erde machen. Aber Data und drei andere Bewerber, die sich an Bord eines Schiffes der Oberth-Klasse befinden, bekommen früher als erwartet eine Ahnung davon, welch große Verantwortung mit ihrer Berufswahl einhergeht.
Kurz nachdem die USS Yosemite nämlich auf ein fremdes, möglicherweise feindlich gesinntes Schiff trifft, verschwindet plötzlich die gesamte Besatzung mit Ausnahme der vier jungen Akademieanwärter. Der Android muss seine Führungsqualitäten unter Beweis stellen, Kampfdrohnen abwehren und das Rätsel um die fehlende Crew lösen...

Lobenswerte Aspekte: In der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert“ zeichneten sich vor allem jene Folgen durch einen hohen Grad an Attraktivität aus, in denen der Android Data den Handlungsmittelpunkt bildete. Und ohne Frage zählen Episoden wie „Sherlock Data Holmes“, „Datas Tag“ oder der Zweiteiler „Kampf um das klingonische Imperium“ zu den Glanzlichtern der gesamten Serie.
Dieses erfolgreiche Zugpferd auch für eine Bücherserie einzuspannen ist daher nur ein logischer Schritt. Die Reihe „Starfleet Kadetten“ drängt sich in diesem Zusammenhang geradezu auf. Nur hier können biografische Lücken geschlossen werden, denn eine ereignisreiche Kindheit war dem Maschinenmann ja ohnehin nicht vergönnt. Daher verwundert es nicht weiter, dass dieses Werk mit einem wahrhaft epochalen Paukenschlag beginnt: Der Aktivierung Datas (vgl. S. 9ff.).
Der Leser erhält einen Einblick in die näheren Begleitumstände, lernt die beteiligten Akteure kennen und wird Zeuge des ersten gesprochenen Wortes aus dem Munde der legendären Figur. Ein wahrhaft historischer Moment im Star-Trek-Universum!
Gelungen ist zudem auch die Darstellung drei fremden Spezies in diesem Buch. Angefangen bei den Yann (vgl. S. 26), über die Opsarra (vgl. S. 56ff.) bis hin zu den T'chakat (vgl. S. 108) bestechen alle vorgestellten Rassen durch ihre Fremdartigkeit in Aussehen, Kultur und Habitus – keine Selbstverständlichkeit in einer Reihe, die eigentlich für Kinder gedacht ist.

Kritikwürdige Aspekte: Große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus. Großen, legendären Figuren scheint es ähnlich zu gehen.
Das kann man deutlich an Data erkennen, denn dieses Buch ist ein einziger Blick auf den später ausgeformten Charakter der Figur. Diese Zukunft bestimmt auch den Data der vergangenen Weihnachten in seinem Handeln mehr als die eigentliche Handlung. So ist es kaum verwunderlich, dass dem angehenden Kadetten (!) eine große Karriere prophezeit wird, von der der Leser längst weiß, dass sie den Tatsachen entsprechen wird (dass der Terminus 'lange Karriere' in diesem Zusammenhang etwas unglücklich gewählt ist, beweist schließlich Star Trek X).
Das allein wäre ja noch zu verschmerzen, doch Datas gesamtes Handeln und Denken passt kaum zu jemandem, dem menschliche Verhaltensweisen und individuelles Handeln noch fremd sind, oder zumindest unvertraut. Das tapsige und zuweilen übereifrige Verhalten aus der ersten Staffel fehlt dem Androiden, und vergleichsweise besonnene und sogar einfühlsame Charakterzüge an den Tag legt. Er wirkt eher der fünften, sechsten oder gar siebenten Staffel entsprungen, nicht aber an der Figur angelehnt, die in „Der Mächtige/ Mission Farpoint“ ihren ersten Auftritt hatte.
Data wächst hier, wie in den vielen Folgen TNGs über seine Programmierung heraus. Das ist zwar rein prinzipiell nicht schlecht, doch damit nimmt Michael Jan Friedman der Serie etwas voraus. Der lange und steinige Weg der Entwicklung, den Data in Folgen wie „Wem gehört Data?“, „Beweise“ oder „Traumanalyse“ zurücklegte, wirkt irrelevant, denn dem Buch zufolge waren all diese Anlagen bereits seit dem ersten Tag vorhanden. Eine unwürdige Negation der Reifung, die den Charakter überhaupt erst so reizvoll erscheinen ließ.

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Ein Blick zurück auf die zukünftige Enterprise?

Statt dessen vergibt Friedman leichtfertig die Chance, Datas spannende Frühphase angemessen zu beschreiben und ein erstes Abenteuer in diese große Entwicklungslinie einzuarbeiten. Schlimmer noch, die beschriebene Person gleicht dem zu Gefühlen unfähigen Androiden nicht die Bohne!
Neid (vgl. S. 28), Unbehagen (vgl. 89) oder Genuss (vgl. S. 119) sind nur drei Beispiele aus der erstaunlich großen Gefühlspalette, die Data durchlebt. Man kann sogar Mut (vgl. S. 121) dazuzählen, da ja spätestens seit Star Trek VII bekannt ist, dass auch Mut eine Emotion sein kann.
Mut zu einer wirklich neuen Handlung kann man Friedman jedenfalls nicht vorwerfen. Spielzeugroboter aus chinesischer Billigproduktion, ein leeres Schiff wie in „Fast unsterblich“ und ein Aufeinandertreffen mit auffälliger Ähnlichkeit zu „Der Wächter“ tragen kaum zum Aufbau von Spannung bei.
Am schlimmsten allerdings wiegt der Kitsch, der wohl selbst für Kinder viel zuviel des Guten ist. Wenn es nämlich eine Sorte Satz gibt, die ich in wirklich keinem Star-Trek-Buch lesen will, dann diese:

Data, ich möchte gern Deine Freundin sein, Wärst Du gern mein Freund?“ (S. 120)

Übersetzung: Wie nicht anders zu erwarten, sticht auch dieses Werk nicht aus dem Einheitsbrei der Übersetzungstraditionen des Heyne-Verlags heraus. Der Vielzahl an englisch belassenen Begriffen wie „Starfleet“ (S. 22), „Starbases“ (S. 25) oder „Starfleet Command“ (S. 60) stehen schaurig klingende Übersetzungen wie „Erdgeborene“ (S. 26) „Trägheitsabsorber“ (S. 36) oder „Fremdwesen“ (S. 90) kontrastiv gegenüber.
Darüber hinaus ist es stets bewundernswert, wie man bei einem so geringen Textumfang noch immer so verhältnismäßig viele Fehler unterbringen kann. Besonders die Kombination von „Dasjenige, weshalb [...]“ (S. 38) und die Verwendung von „[...] in allen Decks [...]“ (S. 105) statt 'auf allen Decks' sind weitere Faktoren, die beweisen, dass die Übersetzung an der Zielgruppe in keiner Weise orientiert ist.

Anachronismen: Die Hintergrundrecherchen zu seinem umfangarmen Buch hat der Autor Michael Jan Friedman sorgfältiger vorgenommen als die Planungen für die Handlung. So nutzt er Referenzwerke wie die Star-Trek-Enzyklopädie, um die Tripoli als Schiff der Hokule'a-Klasse zu identifizieren, erwähnt die Stargazer und auch die USS Yosemite hat in „Todesangst beim Beamen“ einen gewichtigen Auftritt.
Allerdings haben Schiffe der Oberth-Klasse, wie man in „Der einzige Überlebende“ erfahren kann, lediglich dreizehn Decks, weswegen es merkwürdig anmutet, dass sich der Maschinenraum der Yosemite auf Deck 17 befinden soll (vgl. 73).
Auch Datas vermeintliche Unfähigkeit zu lügen (vgl. S. 54) wird in „Beweise“ deutlich widerlegt.
Am meisten hat mich allerdings eine andere Ungereimtheit gewurmt. Wenn das Volk der T'chakat so hoch entwickelt ist, dass es durch Schilde hindurch beamen kann – wieso muss es dann Kommunikatoren nutzen, um Lebensformen an Bord eines zu erfassen?

Fazit: Wo Data drauf steht, muss nicht zwangsläufig auch Data drin sein. Das könnte man verkürzt als Gesamtfazit ziehen, denn der beschriebene Data hat nur vom Namen her mit jener Figur zu tun, die im Laufe der Serie zu einem einzigartigen Idividuum reifte. Statt dessen bietet sich das Bild einer bereits voll ausgereiften Persönlichkeit, die der Figur nicht gerecht werden kann und in seiner Beschreibung an zu vielen Gefühlen krankt.
Die zusammengeklaute Handlung, die kitschigen Einschübe und die gewohnt schwache Übersetzung lassen die historische 'Erweckung' Datas zum einzigen Fürsprecher des Bandes werden.

Denkwürdiges Zitat:

Aber ohne Lebenserhaltung...
Werden wir alle sterben. Vielleicht aber auch nicht alle. Sondern nur die, die atmen müssen, um zu überleben.
Felai und Odril, S. 107

Bewertung: Data oder nicht Data... Nicht Data!

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Weiterführende Leseliste:

Starfleet Kadetten 02: Worfs erstes Abenteuer
Starfleet Kadetten 03: Mission auf Dantar
Starfleet Kadetten 04: Überleben
Starfleet Kadetten 05: Das Sternengespenst
Starfleet Kadetten 06: In den Wüsten von Bajor
Starfleet Kadetten 07: Freiheitskämpfer
Starfleet Kadetten 08: Das Schoßtierchen
Starfleet Kadetten 09: Erobert die Flagge
Starfleet Kadetten 10: Die Atlantis Station

Starfleet Kadetten 11: Die verschwundene Besatzung
Starfleet Kadetten 12: Das Echsenvolk
Starfleet Kadetten 13: Arcade
Starfleet Kadetten 14: Ein Trip durch das Wurmloch
Starfleet Kadetten 15: Kadett Jean-Luc Picard
Starfleet Kadetten 16: Picards erstes Kommando
Starfleet Kadetten 17: Zigeunerwelt
Starfleet Kadetten 18: Loyalitäten

Kommentare:

  1. Pünktlich zum 1.Advent gibt es ein neues kleines "Schmankerl", fein! Du legst aber wiedermal ein hohes Tempo vor. Du hast recht, Geschichten mit Data bildeten immer einen Höhepunkt, egal ob nun Film oder Buch, im ST Universum. Davon ist dieses Büchlein weit entfernt, leider. Schöne Rezi, und ja, nicht nur von den kindlich angehauchten Bildern her wirkt dies Kadetten- Reihe eher wie eine (schlechte) Kinderbuchadaption von Star Trek!

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  2. Ich mal wieder.

    So übel fand ich das Büchlein gar nicht, wobei die Messlatte bei den Kadettenromanen sowieso nicht sehr hoch liegt. Der Nachfolgeband "Das Echsenvolk" ist wesentlich schlimmer...

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  3. Moin K'olbasa,

    Ich muss auch gestehen, dass ich das Endprodukt der "Sternenflottenkadettenreihe" wenig überzeugend finde. Da ist eine Menge Potential in der Idee, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene ansprechen könnte, aber immer wieder schaffen es die (eigentlich erfahrenen) Autoren, das Ding gegen den Baum zu fahren. Von wenigen Bänden abgesehen kann ich kaum eine Empfehlung ausstellen...

    Moin Ameise;

    um das Echsenvolk schleiche ich gerade herum. Ich hab eine längere Bahnreise vor mir, abba kannn mich nicht durchringen, ein so kurzes (und jetzt wo Du es sagst auch noch so doofes) Buch mitzunehmen. Nee, da stöber ich mal noch mal rum. Ich brauch was besseres als Kadett oder Shat...

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