Freitag, 27. November 2009

Starfleet Kadetten 08. Das Schoßtierchen

Buchbesprechung Gilden, Mel; Pedersen, Ted: Starfleet Kadetten 08. Das Schoßtierchen. Heyne, 1994/1995.

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Story: Der Prozess des Erwachsenwerdens ist schon für sich eine schwierige Kiste. Wenn man wie Jake Sisko zu allem Überfluss auch noch auf einer Raumstation aufwächst, potenziert sich dieses Problem noch um einiges, denn abgesehen vom Mangel an gleichaltrigen Spielkameraden kann selbst die viel besuchte Holosuite frische Luft, Herumtoben, laut Herumschreien, Hinfallen, Rumheulen oder andere kindertypische Aktivitäten nicht adäquat ersetzen.
Dafür müssen sich Jake und sein Ferengifreund Nog mit einer anderen wichtigen Lektion beschäftigen: Verantwortung für ein Haustier übernehmen. Denn ein unbekanntes Tierchen aus dem Gammaquadrant ist seinem brutalen Herrchen entlaufen und findet bei den beiden ungleichen Freunden Unterschlupf.
Als plötzlich jedoch ein fremdes, riesiges Raumschiff die Station anzugreifen droht und die Herausgabe ihres entführten Kronprinzen fordert, geht Jake ein Licht auf: Sein inzwischen „Babe“ getauftes Schoßtierchen muss das mysteriöse fremde Wesen sein, nach dem inzwischen jeder zu suchen scheint. Und das zu Recht, denn Babe scheint sich in Luft aufgelöst zu haben...

Lobenswerte Aspekte: Kinder mögen Tiere. Das weiß jedes Elternteil, das schon mal mit seinen Bälgern im Zoo oder am Seitenstreifen der A2 spazieren war. Eine ähnliche Erfahrung müssen auch die beiden Autoren gemacht haben und so sind sie wohl auf die Idee gekommen, die Star-Trek-Kinderbuch-Reihe „Starfleet Kadetten“ mit einem Teddybären zu kreuzen. „Harry und die Hendersons“, „Ein Hund namens Beethoven“ oder „Free Willy“ lassen grüßen!
Als Kind hätte ich so etwas sicherlich toll gefunden, zumal die Flora fremder Welten ständig angeschnitten wird. Mit der Aufzählung bajoranischer Baumkröten (vgl. S. 9), Spinnen-Wespen (vgl. S. 27) oder cardassianischen Blutegeln (vgl. S. 46) lässt sich nur ein kleiner Einblick in das breite zoologische Spektrum des Buches bieten. Zusammen mit dem vergleichsweise großen Spielraum, der in diesem Buch passenderweise Gerüchen geboten wird (vgl. etwa S. 51 oder S. 62), wird die Vorstellungskraft dadurch kräftig beflügelt.
Nachdem die glamourösen Zeiten Pavel Chekovs für die Crew der Raumstation Deep Space Nine der jüngeren Föderationsgeschichte angehören, freut es natürlich sehr, mal wieder einen echten Russen zu sehen, auch wenn ich mich in diesem Kontext schon irgendwo gefragt habe, ob dieser draufgängerische Captain Pawlow auch Hunde hatte.
Schließlich muss auch noch etwas gelobt werden, was eben nicht passiert. Obwohl ich an einer entsprechenden Passage die Befürchtung hatte (vgl. S. 31), gleitet die Geschichte NICHT in eine hirnrissige Parabel ab, die ein Gleichnis um die einstmals von den Cardassianern versklavten Bajoraner und in Ketten gelegte arme Haustiere spinnt. Vor allem dafür bin ich den beiden Autoren Mel Gilden und Ted Pedersen dankbar.

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Vielleicht kein Dürer, aber immerhin ein Kalami

Kritikwürdige Aspekte: Ein Zwergwollhaarnashorn namens Babe bereichert also die Crew Deep Space Nines. Also mir persönlich hat ja Morn schon gereicht – aber gut, wenn Kinder dadurch etwas lernen können, kann man so einen mit 123 Seiten und dabei vielen Bildern überschaubaren Gastauftritt schon mal durchstehen.
Doch wenn das ganze schon zu so einer Art Verantwortungsaufruf für haustierbegeisterte Kinder gedacht ist, warum haben die beiden Autoren sich dann nicht auch noch darum bemüht, haustiertypische Probleme zu thematisieren? Auf keiner einzigen Seite und in wirklich überhaupt keiner Zeile wird von Nahrungsbeschaffungsproblemen, nervigen Gassi-Gängen oder Schwierigkeiten mit der Stubenreinheit berichtet! Im Gegenteil; nachdem kleine Quälgeister dieses Werk gelesen haben, werden sie ihre ahnungslosen Eltern bestürmen, ihnen auch so einen süßen und knuddeligen Vierbeiner zu besorgen und dann kommen die Probleme. Papa beschwert sich über die mutwillige Zerstörung seiner 300€ teuren Naturlederslipper, Mutti versucht noch über Jahre hinweg die Urinspuren aus dem weißen Wohnzimmerteppich zu entfernen und das damals so begeisterte Kind zockt irgendwann lieber Counter Strike, statt mit dem lästigen kleinen Flohzirkus ins regnerische Herbstwetter zu stapfen. Und nach gar nicht allzu langer Zeit endet das Abenteuer Haustier wieder an irgendeiner Autobahnraststätte – alles nur wegen eines kleinen Star-Trek-Buches! Na vielen Dank!
Doch Dramatisation beiseite – vielleicht überbewerte ich ja auch die Einflussmöglichkeiten von Literatur. Die Geschichte ist an sich nichts weiter als so eine Art „Hässliches Entchen 2.0“ und wer zuvor den Vorgängerband "Freiheitskämpfer" gelesen hat, kann viele Parallelen erkennen:
Ein fremdes Schiff droht mit der Zerstörung der Station, falls nicht irgend ein hochrangiges Familienmitglied wiedergefunden wird, von dem eigentlich keiner weiß, wo es sich gerade befindet. Gähn!
Während sich die Handlung vom seichten Niveau der Reihe nicht abhebt, sind die Bilder schon gelungener. Gut, Ben Sisko (vgl. Abb. S. 33), Chief O'Brien (vgl. Abb. S. 77) oder Nog (vgl. Abb. S. 115) sind wieder einmal nicht unbedingt gut getroffen und einige Bilder sind noch immer schlecht in Perspektive (vgl. Abb. S. 87) und zeichnerischer Qualität (vgl. Abb. S. 11), doch hier und da lassen einige geglückte Bildausbrüche (vgl. Abb. S. 28, S. 53 oder S. 59) auf Steigerungen in kommenden Werken hoffen.

Übersetzung: Mal abgesehen von typischen Heyne-Übersetzungsfehlgriffen wie „Holokammer“ (S. 9) statt 'Holosuite', „Andockmasten“ (S. 21) statt 'Pylonen', „[...] selbstversiegelnde Bolzen [...]“ (S. 29) statt 'selbstdichtende Schaftbolzen' oder „Flitzer“ (S. 100) statt 'Runabouts', einigen Fehlübersetzungen in puncto Baseball (vgl. S. 9 und S. 10) und merkwürdigen Formulierungen wie „Fremdwesen“ (S. 40), „Das wird dir weher tun als mir.“ (S. 52) oder „Defensivschilde gehoben.“ (S. 68) sind es die vielen mehr oder weniger doppeldeutigen Sätze, die den Roman zuweilen mit einem belustigten oder fragenden Gesichtsausdruck lesen lassen. Um nur drei Beispiele zu nennen:

Statt dessen war er auf der Promenade von Deep Space Nine, einem Bereich, mit exotischen Geschäften, in dem sich die Passagiere und Mannschaftsmitglieder der zahlreichen Raumschiffe drängten, die zur Zeit angedockt hatten und auf die Freigabe warteten, das Wurmloch passieren zu dürfen.“ (S. 14)

Nachdem sie die Bajoraner ausgeplündert hatten, bis ein weiterer Verbleib nicht mehr profitabel war, hatten die Cardassianer die Station aufgegeben.“ (S. 21)

Jake war klar, daß sein Vater versuchte, ihn zu trösten, aber er hatte in der kurzen Zeit, die sie zusammen waren, eine tiefe Zuneigung zu dem fremden Geschöpf entwickelt.“ (S. 64)

Anachronismen: Merkwürdig mutet es an, wenn Jake die Vorzüge von Körperpflege mittels Wasser und Seife preist (vgl. S. 60) - im Zeitalter der Schallduschen!
Aber wer weiß, vielleicht sind die reptilienhaften Cardassianer, die dereinst Terek Nor erbauten, eher Freunde traditioneller Sanitärsysteme und hinken der Föderationstechnologie um Jahrhunderte hinterher.
Das würde jedenfalls auch erklären, warum ein klappriger alter Kahn wie die USS Ulysses in der Lage ist, einen internen Scan nach einem Lebewesen wie Babe durchzuführen (vgl. S.63 ), während die entsprechenden Anlagen Deep Space Nines nicht dazu in der Lage sind (vgl. S. 64).
Zu diesen inneren Ungereimtheiten des Romans gehört allerdings ebenso, dass die Darstellung des Thronkandidaten in seiner rhinozerosoiden Erscheinungsform zwar verboten ist (vgl. S. 70), doch Jake trotzdem als Dankeschön genau so eine tierisch illegale Abbildung erhält. Und überhaupt: Warum haben sich Autoren und Zeichner nicht abgestimmt? Die Beschreibungen des entlarvten Nashornprinzen (vgl. S. 116) decken sich jedenfalls überhaupt nicht mit den dazugehörigen Zeichnungen (vgl. Abb. S. 115).
Ebenfalls nicht sonderlich deckungsgleich sind die Dimensionen, in denen sich Serienmacher und Autoren dieses Buches die Raumstation Deep Space Nine vorstellten. Natürlich ist die Station groß, aber dass die Pylone gleich Kilometer hoch sind (vgl. S. 95), haut dann doch nicht so ganz hin (vgl. Drexler, Doug; Sternbach, Rick; Zimmerman, Herman: Star Trek Deep Space. Das technische Handbuch. Heel 1998/1999, S. 28).

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DS9 als Pin-Up - Ein Mekka für Design-Fetischisten

Fazit: Der achte Band der Starfleet Kadetten Reihe nimmt sich des kindgerechten Themas 'Haustiere' an, ohne allerdings sonderlich tief in diese Thematik einzutauchen. Stattdessen versandet er in altbekannten Handlungselementen, zur Gewohnheit gewordenen Übersetzungsmängeln und zahlreichen Widersprüchen. Da ist schon das Beste an diesem Werk, dass es die wage Hoffnung weckt, dass die kommenden Bücher der Reihe besser werden.

Denkwürdiges Zitat:

Wir Menschen neigen dazu, Geschöpfe, die wir beherrschen, als 'dumm' zu bezeichnen, obwohl viele von ihnen viel klüger als ihre Besitzer sind.
Keiko O'Brien, S. 37

Bewertung: Ein Zwergwollhaarnashorn macht den Braten auch nicht mehr fett.

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Weiterführende Leseliste:

Starfleet Kadetten 02: Worfs erstes Abenteuer
Starfleet Kadetten 03: Mission auf Dantar
Starfleet Kadetten 04: Überleben
Starfleet Kadetten 05: Das Sternengespenst
Starfleet Kadetten 06: In den Wüsten von Bajor
Starfleet Kadetten 07: Freiheitskämpfer
Starfleet Kadetten 08: Das Schoßtierchen
Starfleet Kadetten 09: Erobert die Flagge
Starfleet Kadetten 10: Die Atlantis Station
Starfleet Kadetten 11: Die verschwundene Besatzung
Starfleet Kadetten 12: Das Echsenvolk
Starfleet Kadetten 13: Arcade
Starfleet Kadetten 14: Ein Trip durch das Wurmloch
Starfleet Kadetten 15: Kadett Jean-Luc Picard
Starfleet Kadetten 16: Picards erstes Kommando
Starfleet Kadetten 17: Zigeunerwelt
Starfleet Kadetten 18: Loyalitäten

Kommentare:

  1. Ich habe das Buch auch, aber ich bin noch nicht dazu gekommen, es zu lesen. So richtig Lust habe ich auch nicht dazu.

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  2. Hey.

    Vielleicht meinen die ja eine andere Ulysses; vielleicht die Nebula- oder die Panther-Class?

    http://images.google.com/imgres?imgurl=http://www.mj.maantok-ent.com/deepspace19/images/ulysses_history/ulysses1.jpg&imgrefurl=http://www.mj.maantok-ent.com/deepspace19/ulysses.htm&usg=__kSbJcWY2uemGpwad-_cb41HgXYo=&h=314&w=450&sz=51&hl=de&start=2&um=1&itbs=1&tbnid=lKeXtvu_oRZYuM:&tbnh=89&tbnw=127&prev=/images%3Fq%3Duss%2Bulysses%26hl%3Dde%26rls%3Dp,com.microsoft:de:IE-SearchBox%26rlz%3D1I7SUNA%26sa%3DN%26um%3D1

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