Montag, 30. März 2009

Die Ehre des Drachen

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Buchbesprechung Cox, Greg; Johnson, Kij: Die Ehre des Drachen. München, Heyne Verlag, 1998.

Story: Wer schon immer mal wissen wollte, warum es so wenige Chinesen bei Star Trek gibt, obwohl sie bereits heute das bevölkerungsreichste Volk auf Erden sind, findet in diesem Buch vielleicht eine Antwort. Die Crew der USS Enterprise (NCC-1701-D) hat einen schwierigen Auftrag: Sie soll die Beitrittsverhandlungen der Pai, eines asiatisch anmutenden, menschlichen Volkes zu einem glücklichen Abschluss führen. Gleichzeitig wird die Existenz der Weltraumchinesen von einer grausamen reptiloiden Rasse, den kriegerischen G’kkau, bedroht. Doch die komplizierten Beitragsverhandlungen sind an eine lokale Hochzeit gebunden, die unter schwierigen Voraussetzungen stattfindet: Auf dem Planeten gehen die unterschiedlichen politischen Fraktionen ihren eigenen Interessen nach, während eine Invasionsflotte der Echsenwesen sich der isolierten Welt nähert…

Lobenswerte Aspekte: Das Buch ist, selbst in seiner Übersetzung, recht flüssig geschrieben und verfügt über einen krimigleichen Spannungsbogen. Man kann deutlich erkennen, dass ein Konzept hinter dem Werk steckt und der Autor sich viele Gedanken um die Geschichte gemacht hat.
Sehr eindrucksvoll ist auch die Darstellung der Bösewichter des Romans. Die reptiloiden G’kkau wurden äußerst interessant angelegt und die Erklärungen zur Innenarchitektur ihrer Schiffe wirkt fremdartig und eindrucksvoll, da sie von der dominierenden (und dadurch fast schon langweiligen) humanoiden Form im Star-Trek-Universum abweichen.
Einen weiteren sehr positiven Aspekt bildet die Tatsache, dass es einen gewissen Schmunzelfaktor gibt, der sich durch das gesamte Buch zieht. Dieser lockert die Erzählung auf und passt sich größtenteils in die Situation ein.
Viele Bezüge auf Handlungsstränge innerhalb TNGs weisen darauf hin, dass sich Cox und Johnson sehr genau mit der Materie befasst haben.

Kritikwürdige Aspekte: Manchmal jedoch wirken die selben Rückbezüge peinlich überzogen und auf Teufel komm raus gezwungen. Ich persönlich nehme es dem Krieger Worf etwa nicht ab, dass er sich für Fechtlektionen in Barclays erste romantisch-verträumte Holosimulation zurücksehnt ("Der schüchterne Reginald"). Auch die aktuellen Einwürfe zum Zeitgeschehen erscheinen völlig deplatziert. Hätten die Autoren wirklich die Ehe Prince Charles' und Dianas als Beispiel genutzt, wenn ihnen bewusst gewesen wäre, dass nur ein Jahr nach dem Erscheinen des Buches letztere ihr Leben am Pfeiler eines Pariser Autobahntunnels beendet hat? Oder wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die glanzlos übersetzte Phrase „Macht Liebe, nicht Krieg“ zu einem „irdischen Sinnspruch“ der Zukunft wird?
Damit könnte ich mich zur Not noch abfinden, doch der Roman ist bestimmt das geschätzte tausendste Beispiel für ein indigenes Volk der Erde, das noch vor dem ersten Warpflug 2063 seine ursprüngliche Heimat verließ, um in der riesigen Milchstraße ein neues Zuhause zu finden. Selbst für mich sind viele der darin über die altertümliche chinesische Geschichte geäußerten Vorurteile viel zu plakativ und lächerlich. In der Tat hat man oft das Gefühl, als ob zwei Amerikaner hier alles zusammenkopierten, was sie für chinesisch hielten, und danach den ganzen Planeten zu einer wild-romantischen Riesenausgabe einer amerikanischen China-Town mit einem klitzekleinen Schuss Technik zu gestalten.

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Man merkt früher oder später eben doch, wenn in China ein Sack Reis umfällt

Mit voranschreitendem Lesen wird auch die Namenswahl der Schreiber für den Leser allmählich belastend. Normalerweise geben sich die Autoren von Star-Trek-Episoden Mühe, fremde Bezeichnungen gleichzeitig exotisch UND aussprechbar zu halten. Natürlich könnte man nun anführen, dass andere Sprachen da draußen durchaus völlig anders klingen dürften als wir uns überhaupt ausmalen könnten und so gesehen geht die Bezeichnung „G’kkau“ in einer Echsensprache vielleicht noch in Ordnung. Aber muss man die Schiffsklasse dieser Rasse wirklich "S’ssr’ss" nennen? Überhaupt lesen viele der dort „fremden“ Worte lediglich wie die misslungenen Schreibversuche eines Legasthenikers, der Kakao, Chili oder Kack keinem der in unserem Kulturkreis üblichen lateinschen Buchstaben zuordnen konnte. Auch dass die Währung der kriegerischen Klingonen im 24. Jahrhundert ausgerechnet Huch heißen soll, ist schlichtweg lachhaft.
Eine der Szenen des Buches ist, wenn auch ein wenig abgewandelt, aus der Dune-Verfilmung Lynchs geklaut; andere wirken wie Momentaufnahmen eines Kneipen-Skat-Turniers (Pokern für den Weltfrieden!!); wieder andere Szenen hingegen wirken schnulziger als die schwülstigen Frauengeschichten in Fackeln im Sturm. Der auf Seite 193 eigentlich eher scherzhaft intendierte Ausspruch Beverly Crushers : „Wer bin ich eigentlich – hochqualifizierte Ärztin an Bord des Flaggschiffes der Föderation oder Statistin in einem unerträglichen Kitschroman?“ hinterlässt an manchen Stellen einen bitteren Nachgeschmack.

Anachronismen: Natürlich war TNG schon zu Ende, als das Buch 1996 in den USA erschien. Dennoch haben sich noch einige TNG-Filme, DS9, VOY und ENT der Star-Trek-Saga angehängt, so dass Anachronismen eigentlich nur logisch sind. Auch wenn der Autor sicher nichts dafür kann, stören sie den Lesefluss. So werden etwa Klingonische Hochzeiten als unkompliziert dargestellt. Auch wenn die „Vermählung“ zwischen Worf und K’Ehleyr relativ ungezwungen von statten gegangen wäre ("Klingonenbegegnung"), könnte Jadzia Dax sicherlich ein Lied davon singen, wie kompliziert und aufwandsreich klingonische Vermählungen tatsächlich sind ("Klingonische Tradition").
Der Name der klingonischen Währung lautet, sofern nicht eine Währungsreform das Land ereilte, darsek und nicht Huch. Außerdem ist Klingonenblut, wie man in Star Trek VI: Das Unentdeckte Land mehrmals sehen konnte, rosa und nicht dunkelrot.
Schließlich sollte auch bedacht werden, dass Romulanisches Ale in der Föderation verboten und ein daher sicher kritisches Element bei diplomatischen Missionen ist.
Der letzte Fehler ist eher ein Logikfehler im Buch selbst: Obwohl die Eugenischen Kriege, die als Auswanderungsgrund für die Pai dienten, in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts stattfanden, bekommt Picard Essen serviert, das tausend Jahre zur Zubereitung benötigte.

Fazit: „Die Ehre des Drachen“ ist ein mäßiger Star-Trek-Krimi, der zwar durchaus spannend gestaltet ist, viel zu oft jedoch der erzählerischen Kontrolle der Autoren entgleitet. Die gute, aber nur schwer umsetzbare Grundidee eines chinesisch anmutenden Volkes in interplanetarer Isolation ist zu oft so unglaubwürdig oder klischeebehaftet präsentiert, dass es wie eine Videoaufnahme eines Kinderfaschings unter einem Fernost-Motto wirkt.
Lediglich die Kontrahenten der Föderation sind, obwohl es im Star-Trek-Universum eine ganze Reihe von reptiloiden Lebewesen gibt (Gorn, Selay, Xindi-Reptilianer, Pahkwa-thanh), mit einem Eigenleben und einer Nische ausgestattet worden.

Denkwürdiges Zitat: "Ich gestehe ein, ich bin mit Ihren Bräuchen nicht vertraut. Ziehen Sie den Tod oder die Kapitulation vor?" Chih-li zu Worf, S. 145

Bewertung: Unteres Mittelfeld.

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Kommentare:

  1. Ich habe gestern angefangen, den Roman zu essen, und das mit dem tausendjährigen Essen hat mich echt geärgert. Auch wundert es mich, warum Data die Sprache der Pai nicht dahingehend analysiert, ob es sich um eine asiatische Sprache von der Erde oder einer Abwandlung einer solchen handelt. Dies würde doch klären, ob die Pai wirklich von der Erde abstammen.
    Das mit dem "Jägersucher"-Äquivalent fand ich nicht so schlimm. aber dass der eine G´kkau "Kakkh" hat mich stark irritiert (Aber na ja, man kann ja von einem Autor auch nicht verlangen, dass er sich, bevor er sich einen Namen ausdenkt, erstmal recherchiert, ob dieser nicht in irgendeiner anderen Sprache eine anstößige Bedeutung hat).

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  2. Ich meinte natürlich "zu lesen"! Peinlich! Ich war mit Gedanken schon beim tausendjährigen Essen...

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  3. Merkwürdig fand ich auch die Weihrauchschüsseln, die groß wie Warptriebwerke sein sollen. Die Warptriebwerke der Enterprise sind doch über hunder Meter lang.

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  4. Moin Andreas;

    Wieder zwingst Du mich, einen Fehler einzuräumen (lass das nicht zur Gewohnheit werden!!).
    Mein Mitbewohner klärte mich vor ca. zwei Wochen darüber auf, dass "tausendjährige Eier" eine chinesische Delikatesse sind, wie man etwa hier lesen kann:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Tausendj%C3%A4hrige_Eier

    Bislang hat mir schlichtweg die Zeit oder die Gesundheit gefehlt, die entsprechende Textpassage zu ändern und wie groß war denn überhaupt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand dies entdecken könnte??

    Na vielen Dank auch! :D

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  5. Tausendjährige Eier sind nicht wirklich tausend Jahre alt. Die heißen nur so, weil sie sehr lange haltbar sind. Dies kommt dadurch, dass sie in eine spezielle Flüssigkeit eingelegt werden. Dann werden sie vergraben, und wenn sie nach einigen Tagen wieder ausgegraben werden, sind sie transparent-schwarz und haben einen neuen Geschmack (den ich zumindest recht lecker finde).

    Aber die Existenz dieser Eier ändert ja nichts daran, dass das mit der Speise im Roman unlogisch wäre, sollten die Pai vor etwa dreihundert Jahren verlassen haben. Da brauchst Du doch nichts zu ändern, hast doch völlig recht.
    Und was sagst Du zu meinen sonstigen Kritikpunkten am Roman?

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  6. Zusatz: Die Speise im Roman soll ja tatsächlich 1000 Jahre alt sein.

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  7. Moin Andreas;

    Deine weiteren Kritikpunkte sind ebenso angebracht. Riesenweihrauchschalen haben natürlich einen beschränkten praktischen Nutzen (um nicht zu sagen, dass es Unsinn ist); doch bei einem so sehr auf Repräsentation bedachtem Volk sehe ich das eher wie eine Art Mercedes oder Porsche im Stadtverkehr: Eigentlich Unsinn, aber dem Ego des Besitzers wird Genüge getan ;)

    Datas Potential wird übrigens in viel zu vielen der älteren Bücher untergebuttert, obgleich man mal ganz generell einwerfen muss, dass der Nutzung des Schiffscomputers oder ähnlicher Hilfsmittel kaum ein würdiger Rahmen zuteil wird. Viele Probleme sprachlicher, topografischer oder militärischer Natur ließen sich mit einer einfachen Anfrage aus der Welt schaffen - allerdings zum Leidwesen der Dramatik. Data bleibt also ein bestaunenswerter Exot, der Zauberpfeile aus der Luft fangen kann, was der Figur irgendwo die Glaubwürdigkeit nimmt. Allerdings müsste man so etwas bei jedem, oder zumindest jedem zweiten Roman anführen, und das würde irgendwann langweilen...

    Was die Änderung von Namen angeht muss schon erwähnt werden, dass Heyne dahingehend mal aktiver und mal passiver auftrat. In diesem Fall hätte ich es jedenfalls begrüßt, denn in dieser Form wirkten die eigentlich interessanten Eidechsenwesen nur unfreiwillig lächerlich.

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  8. Hallo, tuorn47,

    Vielen Dank für Deine Antwort. Ich finde sie sehr interessant.
    Hast Du das Buch auch im Original gelesen? Sind da die Weihrauchschalen auch so riesig, oder ist das ein Übersetzungsfehler?

    Auf mich machten die G´kkau auch keinen besonders würdevollen Eindruck. Und auch keinen sehr bedrohlichen.

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  9. Moinb Andreas;

    Im Englischen ist da kein großer Unterschied:


    "Bronze incense burners, the size of warp engines, rested at both ends of the stairway, turning the warm night air faintly blue."

    Da kann man nicht einmsl dem Übersetzer den schwarzen Peter zuschieben...

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  10. Moin turon47,

    Vielen Dank!

    Ich finde das ziemlich merkwürdig. Da muss ja sehr viel Qualm rauskommen.
    Vielleicht meinten die Autoren ja den Warpkern. Der würde auch von der Form her besser passen.

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