Samstag, 25. Juli 2009

Sarek

Für midori

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Buchesprechung Crispin, A.C.: Sarek. Heyne, 1994/1998.

Story: Seit der Explosion des klingonischen Mondes Praxis sind nur wenige Monate vergangen. Auf der Erde herrscht eine Stimmung zwischen Misstrauen und Auflehnung - ein idealer Nährboden für radikale Bewegungen. Die "Interessengemeinschaft Erde den Menschen" tritt offen für einen Zwangsausschluss der Vulkanier aus der Föderation ein und rechnet sich bei den anstehenden Wahlen gute Chancen auf einflussreiche Ämter aus.

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Weltweite Demonstrationen mit Holotransparenten gegen die Abgesandten des Antichrists

Sarek von Vulkan, den berühmtesten Diplomaten des Planeten beschäftigen jedoch gewichtigere Probleme. Er hat Indizien für eine romulanische Invasion des Föderationsraumes ausgemacht, die mit einem geheimnisvollen Volk inmitten der romulanischen Neutralen Zone zusammenhängen: Den Freelanern.
Dieses Volk umgibt seit jeher ein Hauch von Mysterium, denn niemand weiß, wie die Spezies unter den Körper und Gesicht völlig verhüllenden Gewändern aussieht. Doch Sarek hat eine längst zur Gewissheit gewordene Vermutung. Freelan ist ein illegaler romulanischer Außenposten, auf dem entführte Vulkanier dazu erzogen werden, ihr telepathisches Potential gegen die Feinde des Sternenimperiums einzusetzen.
Je mehr Sarek forscht, umso deutlicher wird, wie weit die Kreise reichen, die diese Verschwörung zieht. Freelan, Deneb IV, Qo'noS und selbst die Erde werden zur Zielscheibe einer Intrige, die die instabile Situation nach dem Zusammenbruch des klingonischen Reiches ausnutzen will. Selbst der legendäre Sternenflottencaptain James Tiberius Kirk wird in den Strudel dieser Ereignisse gerissen, als sein Neffe Peter das Opfer einer Entführung wird.
Während Sarek also die Puzzlestücke dieses Ränkespiels eines nach dem anderen zusammensetzt, wird er mit einem einfachen biologischen Problem konfrontiert, dass ihn jedoch fast aus der Bahn wirft. Die Lebensspanne Amanda Graysons, seiner langjährigen Frau und die Mutter seines (mittlerweile) einzigen Sohnes Spock, nähert sich nach plötzlicher Krankheit ihrem Ende. Ihr Tod führt nicht nur zu einem tiefen persönlichen Verlust, sondern auch zu einem neuerlichen Zerwürfnis mit seinem Sohn Spock, der nicht versteht, warum Sarek seine sterbende Frau in den letzten Tagen ihres Leidenskampfes verlässt, um seiner gewohnten Arbeit nachzugehen.
Doch die romulanischen Pläne kennen keine Rücksicht auf persönliche Probleme und so müssen Vater und Sohn ihre Differenzen überwinden, um gemeinsam gegen die Bedrohung zu reagieren. Doch die USS Enterprise NCC-1701-A muss sich nicht nur gegen einen romulanischen Kreuzer, sondern auch gegen eine Flotte marodierender Klingonenschiffe erwehren, die sich der letzten Hoffnung auf eine friedliche Lösung entgegenstellt...

Lobenswerte Aspekte: Schon aufgrund des Umfangs dieses Werkes (524 Seiten reiner Text) hatte ich eigentlich vor, die Rezeption erst einmal auf die lange Bank zu schieben. Doch ein Forenbeitrag ließ mich auf dieses Werk aufmerksam werden. "midori" empfahl mir:

"lies mal ann c crispin - ich könnte 50 rote stifte leerschreiben und ich bin eigentlich keine besserwissernatur."

Dazu gab sie mir ein (nachempfundenes) Leseexempel aus dem angesprochenen Buch:

"Der mond t'kuth hängt wie eine eitrige pestbäule an vulkans rotem himmel und droht, auf sarek hinunterzufallen und ihn unter sich zu zermalmen."

Damit war meine Neugier geweckt. Das Lesebeispiel war aufdringlich farbenfroh, der Text auf dem Buchrücken klang abstrus und erste Recherchen zur Person hinterließen albtraumhafte Eindrücke (nicht erschrecken!!). Ich gestehe, dass ich wieder einmal vorschnell die Arbeit eines etablierten Autors abwertete, ohne sie zu kennen.
Doch als ich mich schließlich dazu durchgerungen hatte, "Sarek" zu beginnen, wurden meine Vorurteile rasch in Luft aufgelöst. Aber warum?
Zuerst einmal muss ich dem Buch eine unglaublich gut aufgebaute Spannung attestieren. Ich hatte tatsächlich Probleme, den Wälzer aus der Hand zu legen, da eine körperinterne Anspannung nach einer katharsischen Auflösung schrie. In fast schon süchtiger Manie verschlang ich die einzelnen Kapitel, auch wenn ihre Abstände untereinander sehr großzügig bemessen waren. Der Roman lebt von einer einzigartigen Atmosphäre, in der man versinken kann.
Die Figuren waren alle ebenso gut getroffen - die etablierten Personen wie Spock, Sarek oder Jim Kirk in gleichem Maße wie die nur peripher in Erscheinung getretenen Kamarag, Peter Kirk oder T'Pau. Von eigenen Kreationen wie Valdyr, Savel oder Taryn kann ich nur voller Lob berichten, denn sie fügen sich, mit großem Einfühlungsvermögen in den Kreis eingeflochten, nahtlos ein.
Daneben beweist Crispin ein großes Einfühlungsvermögen im Umgang mit dem alles beherrschenden Kanon. Sie bettet ihre durchdachte Geschichte geschickt in die Geschehnisse ein und berücksichtigt Filme und Serien gleichermaßen: Hier spricht sie noch von Spocks Un-Tod im dritten Film, während sie ein paar Seiten später die „Reise nach Babel“ thematisiert. Eben noch auf Khitomer, trifft Spock bereits den späteren romulanischen Senator Pardek aus der TNG-Doppelfolge „Wiedervereinigung“.
Abgesehen davon schließt die Autorin sogar tief klaffende Lücken innerhalb des Kanons, ohne direkt auf die eigentlichen Ereignisse zu verweisen. So erfährt der interessierte Leser, dass die Bezeichnung der ersten Ehefrau Sareks als „vulkanische Prinzessin“ auf den mehrdeutigen vulkanischen Titel „Reldai“ zurückgeht, und wahrscheinlich deshalb im fünften Kinofilm entsprechend verwendet wurde. Auch Spocks breites Grinsen im Star-Trek-Piloten „Der Käfig“ wird als Mangel an Beherrschung (vgl. S. 344) interpretiert. Doch ohne Querverweise sind diese Informationen nur für den Leser verknüpfbar, der über ein ausreichendes Faktenwissen verfügt, um einen Zusammenhang mit solch kleinteiligen Informationen herstellen zu können.
Crispin überließ dem Zufall nur wenig. Die meisten Zeitangaben lassen sich eins zu eins ebenso in der „Offiziellen Star-Trek-Chronologie“ der Okudas finden und sogar die 47 findet ihren verdienten Platz in diesem Werk (vgl. S. 102).
Besonders gut gelungen ist es ihr, die Leerstellen im offiziellen Kanon zu füllen (vgl. Nachwort, S. 531). Klärungsbedarf bei bestimmten Aspekten innerhalb der Beziehung Sareks zu Amanda und viele weiße Flecken in der Biografie Spocks werden ausgemerzt und es wundert nicht, dass sich einige biografische Details auf erschreckende Art und Weise lesen lassen, als wären sie aus dem elften Kinofilm entlehnt (Vgl. S. 343ff.). Doch andersherum wird ein Schuh daraus und es ist kein Wunder, dass sie Orci und Kurtzman bei der begabten Autorin bedienten, um Ideen für ihre eigene Story zu sammeln. Die Emotionalität, mit der Spock auf den Tod seiner Mutter reagiert (Vgl. S. 121), erinnert jedenfalls eher an den jungen Commander aus dem elften, als an den besonnenen Botschafter aus dem sechsten Teil.
Schließlich glänzt der Roman auch mit der gewaltigen Menge an Hintergrundinformationen. Abgesehen von topographischen Angaben über Vulkan oder Qo’noS kommt man auch in den Genuss, die Namen vieler zuvor namentlich unbekannter Protagonisten wie Kamarag, Admiral Smillie oder Winona Kirk zu kommen, die hier entweder aufgegriffen oder eingeführt werden. Außerdem erfährt der interessierte Rezipient, dass Kamarag und Kruge verwandschaftliche Bande einten, dass Amanda Sarek auf die Suche nach Spocks Katra schickte und wie der Heimatplanet der Klingonen nach der Praxiskatastrophe aussah. Daneben sind es vor allem aber die tiefen Einblicke in die Kultur der Vulkanier und das Leben Sareks, die dieses Buch so außergewöhnlich machen.
Doch bei all der Lobhudelei kann man schnell den Kern der Kontroverse übersehen. Jeder Autor hat seinen eigenen Stil und seine eigene Vorgehensweise, ein solches Buch aufzubauen. Unbestreitbar ist Crispin mit dem Wechsel zwischen Haupt-Plot, Nebenhandlung, Tagebucheinträgen und Rückblicken ein abwechslungsreicher Mix gelungen, der durch die vielen Perspektivsprünge und Handlungsortswechsel eine gewisse Aussagekraft über die Fähigkeiten der Autorin zulässt.
Doch besonders ihr farbenfroher und stark von blumigen Metaphern geprägter Stil ist so gewöhnungsbedürftig wie geschmacksabhängig. Doch ist das ein Problem?
Im Roman gibt es zwei Sätze, die nun einmal exemplarisch für den gesamten Stil herhalten sollen. Auf Seite 161 findet man etwa „Spock, versuche bitte, deinem Vater nicht zu zürnen.“ Ungewohnt, antiquiert und unzeitgemäß könnte man auf der einen Seite meinen, doch die Formulierung passt durchaus, wenn man sich vor Augen hält, dass der Adressat ein Vulkanier ist, dessen Bildungsstand eine solche Kommunikationsform geradezu provoziert. Damit wird eine Distanz zwischen Menschen, die eine gradlinige Gesprächsführung preferieren, und Vulkaniern, die einen gehobenen Standard bevorzugen geschaffen, der durchaus nachvollziehbar ist.
Sechs Seiten zuvor kann man folgenden Satz lesen: „Spocks Stimme war scharf wie eine Obsidianscherbe.“ Nur selten benutzt heutzutage noch ein Autor eine solche Metapher, doch in einem Science-Fiction-Rahmen empfinde ich diese Ausnahmeerscheinungen nicht als Belastung, sondern als eine individuelle Ausdrucksform, um sich vom Gleichklang der Romane anderer Autoren abzuheben. Mir persönlich hat diese außergewöhnliche Sprachverwendung sehr gut gefallen, denn sie verlangt auch dem Leser ein Verständnisniveau ab, dass in entsprechenden Werken nur selten zum Tragen kommt.
Doch das von „midori“ selbst dem Schreibstil des Romans nachempfundene Beispiel entbehrt nicht einem gewissen Satireeffekt, denn gerade der vulkanische Mond (ja ich weiß, Vulkan hat keine Monde, und es handelt sich in Wirklichkeit um einen Nachbarplaneten) T’Rukh zieht im Roman nahezu magnetartig negative Umschreibungen an. So ist zu lesen, dass der Planet „aufgequollen“ (S. 8) sei, eine „[…] geschwollene Kugel […]“ (S. 101), die „[…] grelles Licht […]“ (S. 351) ausstrahlt. Seine Trabanten werden als „[…] kränkliches Auge […]“ (S. 8), seine Vulkane gar als „[..] eitriger Abszeß auf dem schwefelgelben Antlitz des Planeten“ (S. 9) beschrieben. Auf Seite 139 ist sogar zu lesen, dass das „[…] unheimliche Licht T’Rukhs wie ein ausgetrockneter Totenschädel wirkte.“.
Diese vielen negativ konotierten Umschreibungen sind zwar zugegebenerweise streckenweise auffallend und vielleicht sogar belastend, doch sie helfen dabei, dem beschriebenen Planeten Vulkan die Aura einer lebensfeindlichen und abweisenden Welt zu verleihen. Bei einer sicherlich berechtigten Diskussion um Formulierungen sollte man jedoch nicht den eigentlichen Sinn dieses abstoßenden Himmelskörpers in all seiner Hässlichkeit aus den Augen verlieren: T’Rukh war in seiner Erscheinungsform bereits das gesamte Leben Sareks zugegen und hat ihn durch gute und schlechte Zeiten begleitet. Er sah dessen Familie kommen und gehen, leben und sterben und wird auch dann noch den Himmel zieren, wenn selbst Sarek selbst das Zeitliche segnet (jedenfalls in der „normalen“ Realität). Allein dieses Motiv ist, besonders in Paarung mit den anstößigen Umschreibungen, bemerkenswert lyrisch und verdient daher eine gesonderte Erwähnung.
Besonders lobenswert finde ich daneben, dass der Stil Crispins auch über die Übersetzung gerettet wurde. Natürlich lassen sich die ‚üblichen Verdächtigen’ wie Zeichenfehler, englisch belassene Begriffe wie „Starfleet“ (S. 36), übersetzte Begriffe wie „Raubvogel“ (S. 464, statt „Bird of Prey“), falsch übersetzte Begriffe wie „Diskussegment“ (S. 464, statt „Untertassensektion“) oder Medo-Kombinationen wie „Medo-Zentrum“ (S. 64) oder „Medo-Offizier“ (S. 148) finden und statt ‚Erde’ oder ‚Menschen’ stößt man schon mal auf „Terra“ (S. 244) oder „Terraner“ (S. 38). Außerdem wird die Katra mit einem falschen Geschlecht belegt (vgl. etwa S. 79 oder S. 158) und nur gelegentlich trifft man auf zumindest zweifelhafte Formulierungen wie „[…] gekauert war […]“ (S. 115), „Selbst wenn er selbst […]“ (S. 498) oder „Intelligenzwesen“ (S. 503). Ansonsten ist die Übersetzung angenehm und fehlerarm, was bei dem Umfang sicherlich keine Selbstverständlichkeit ist. Kein Wunder also, dass dieses Werk 1998 einen siebenten Platz bei die Nominierung für den Kurd-Laßwitz-Preis in der Kategorie „Beste Übersetzung“ erreichen konnte.

Kritikwürdige Aspekte: Wie bereits erwähnt, schreckt das Buch allein durch seinen Umfang ab. Natürlich lohnt sich die Überwindung, doch es gibt zu viele Beispiele innerhalb der Star-Trek-Roman-Welt, die eine solche Überwindung bestrafen. Auch die Einteilung in lediglich zwölf Kapitel auf 524 Seiten ist eine kleine Herausforderung, die ein Lesen in größeren zeitlichen Abständen definitiv erschwert.
Obwohl ich die Übersetzung mit Absicht in den Bereich „Lobenswerte Aspekte“ verbannt habe, muss ich dennoch auch auf die Grenzen der Übersetzung hinweisen. Abgesehen von einer unsinnig übersetzten Satzstellungsbemerkung (S. 240) sind es besonders die Wortspiele um die Bezeichnung „Miss“ (vgl. dazu S. 419 und S. 481), die sich nicht harmonisch in die deutsche Sprache integrieren lassen. Sie legen nahe, dass dieser Roman trotz der guten Übersetzungsleistung eher im englischen Original gelesen werden sollte.
Ungünstig ist auch, dass es auffällige Parallelen zwischen dem Buch und der vierten Staffel Enterprise gibt. Die IGEM („Interessengemeinschaft Erde den Menschen“) liest sich als Organisation wie „Terra Prime“-reloaded, obwohl das Buch bereits erschien, als die bislang letzte Star-Trek-Fernsehserie noch nicht einmal in Planung war. Da diese jedoch vor der Romanhandlung angesetzt wurde, wirkt diese Bewegung wie ein müder Abklatsch ihres viel fanatischer angelegten Vorgängers und führt nebenbei zu einigen historischen Unstimmigkeiten. Dass die gesamte Organisation wieder in der Versenkung verschwindet, als sich der Plan der Romulaner in Luft auflöst ist sogar unglaubwürdig und es ist schade, dass dieser Erzählstrang trotz seiner anfänglichen Zentrierung so schnell aus dem Fokus und ins erzählerischer Abseits gedrängt wird.
Außerdem war ich erstaunt, dass bereits in dieser Zeit Soran der Assistent Sareks war. Natürlich ist es außer Frage, dass in der Galaxis Namen zweimal oder mehrfach auftreten können, doch der Umstand, dass Soran im gleichen Jahr nochmals auftauchen wird, trägt nicht gerade zur Steigerung der Übersichtlichkeit bei.
Mein größtes Problem mit diesem Roman liegt auf einer völlig anderen Ebene, als man erwarten würde. Weder Stil, noch Anachronismen oder offensichtliche Ähnlichkeiten stoßen mir auf. Mich persönlich störte die extensive Fokussierung auf die telepathischen Fähigkeiten der Vulkanier. Denn mal ehrlich: Der Warpantrieb ist Science Fiction, aber Telepathie ist Fantasy, und Star Trek ist ja nicht Star Wars, um beide Elemente miteinander zu vermischen. Ich fand diese Aspekte an Star Trek stets zumindest fragwürdig und daher bevorzuge ich Bücher, die diese Fähigkeiten möglichst ausklammern.
Doch sie sind Teil der Geschichte, und daher lassen sie sich selten vermeiden. „Sarek“ wäre nicht dasselbe Buch, wenn nicht diese Eigenart der Vulkanier zentriert werden könnte, doch die Geschichte beschreibt offen, dass die Ereignisse im sechsten Kinofilm „Das unentdeckte Land“ ebenfalls nur unter Berücksichtigung der hier geschilderten Intrige zu verstehen sind (vgl. S. 252). Jene telepathische Lenkung, durch die Personen dazu bewegt werden, den Zielen der Romulaner zuzuarbeiten, soll ebenfalls Admiral Cartwright und andere hochrangige Verschwörer kontrolliert und zu ihren Taten angetrieben haben.
Diese Interpretation geht für meinen Geschmack jedoch zu weit, denn die speziesübergreifende Verschwörung zur Kriegsvorbereitung ist einer der zentralen gesellschaftskritischen Grundaussagen des Filmes und dieser den Boden unter den Füßen zu entreißen, empfinde ich als ebenso weit hergeholt wie unnötig.

Anachronismen: Obwohl sich Crispin viele Gedanken um Konzeption und Kanoneinbindung gemacht hat, ist es merkwürdig, dass es dennoch eine ganze Reihe von Unstimmigkeiten gibt. Diese lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Zum einen sind es jene, die der Autorin selbst hätten bewusst sein müssen und zum anderen sind es die logischen Folgen jener neuen Informationen, die in späteren Serien und Filmen ihren 1994 erschienenen Aussagen widersprachen. Die erstere Gruppe ist als ‚unnötig’, die zweite hingegen als ‚unvorhersehbar’ deklariert.

Unnötige Anachronismen:

Es ist das alte Lied: Obwohl im vierten Kinofilm „Zurück in die Gegenwart“ explizit das Gegenteil zu hören war, gibt es auch in diesem Buch eindeutige Bezüge auf ein pekuniäres Finanzsystem im 23. Jahrhundert. So ist von „Kautionen“ (S. 50) ebenso die Rede wie von „Kreditbetrug“ (S. 303). Sarek verhandelt um „Importzölle“ (S. 54), während Kirk über ein „[…] respektables Einkommen […]“ (S. 178) verfügt, das er dazu nutzen kann, um sich „[…] ein kleines Schiff mieten […], (S. 303) zu können.
Anachronistisch mutet auch der Einsatz von „Disketten“ (S. 98) an.

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Umgang unklar - wozu benutzt man Disketten?

Obwohl Crispin gut zur Lebensgeschichte Sareks recherchiert hat, gibt sie dessen Blutgruppe fälschlich mit „Q-positiv“ (S. 456) an, obwohl Spock und sein Vater laut Eigenaussage die Blutgruppe T-negativ teilen (in der deutschen Synchronisation wird mal eben XY-negativ daraus).
Besonders tragisch ist es, dass Crispin den Ereignissen des sechsten Kinofilms so manchen Trugschluss abringt. So ist es schließlich selbst bis in die letzte Serie schlichtweg nicht vorgekommen, dass getarnte Schiffe über Schilde verfügen. Das Schiff, mit dem Jim Kirk, Spock, McCoy, Peter Kirk und Valdyr von Qo’noS fliehen können, verfügt über den Luxus (S. 416), den nicht einmal Changs Schiff hatte – ansonsten wäre es ja wohl kaum durch einen einzigen Torpedotreffer in die Breduille gekommen.
Doch zum Glück helfen auch die Trümmer des ehemaligen Mondes Praxis beim Fluchtversuch und trotz seiner andauernden Meteoritenschauer kann man ihm so etwas Positives abgewinnen. Doch entgegen den Behauptungen des Buches zerstörte Praxis die Ozonschicht des Planeten und daher wird dieser nicht, wie mehrmals behauptet, durch Trümmerstücke, sondern durch Atmospärenverlust bedroht!
Auch mit der zeitlichen Einordnung der Kinofilme kannte sich Crispin nicht sonderlich gut aus. So gibt sie zu Protokoll, Spocks Wiederauferstehung sei vor dreieinhalb Jahren vollzogen worden (S. 158). Die Ereignisse aus dem späten dritten und beginnenden vierten Film (also 2285/2286) sind jedoch eher sechs, sieben oder gar acht Jahre her, da „Das unentdeckte Land2293 spielt.
In diesem Jahr wird übrigens auch die gute alte Enterprise (übrigens Constitution-, und nicht wie auf S. 502 "Constellation-Klasse") eingemottet. Wer erinnert sich nicht an die rührselige Schlussszene, in der Kirk dem Rückkehrbefehl widerspricht, und noch einen letzten Flug des verdienten Schiffes initiiert? Dass sein Schiff noch immer in Betrieb ist, wie im Roman zu lesen, ist jedoch fragwürdig, zumal im selben Jahr der Nachfolger des Schiffes, die USS Enterprise NCC-1701-B, von Stapel laufen wird.

Unvorhersehbare Anachronismen:

Im Tagebuch Amanda Graysons ist 19. September 2293 der letzte Eintrag. Kurz darauf verstirbt die Diplomatengattin und dem Roman bleibt noch immer Handlung für mindestens eine Woche übrig. Ich lehne mich nicht aus dem Fenster wenn ich mal behaupte, dass es mindestens Oktober sein muss, als die im Buch beschriebene zweite Khitomer-Konferenz stattfindet. Doch wie uns der siebente Star-Trek-Kinofilm „Treffen der Generationen“ zeigt, muss im selben Jahr auch noch das nächste Schiff mit dem Namen Enterprise eingesetzt werden, und Kirk bleibt nur noch wenig Zeit, um zur Erde zurückzufliegen, seinen Ruhestand einzuläuten und die Jungfernfahrt der Enterprise-B mitzuerleben…
Ebenfalls fragwürdig sind die Beziehungen zwischen Menschen und Vulkaniern beschrieben. Auf der Seite 43 findet man den Satz „Die vulkanische Präsenz auf der Erde führte bislang selten zu Kontroversen […]“. Jeder Enterprise-Fan wird andere Bilder vor Augen haben: ein wütender Jonathan Archer in „Broken Bow“, xenophobe Erdenbürger in „Zuhause“ oder antivulkanische Proteste in „Dämonen“.
Auch dass es auf Andoria Wüstenpflanzen (oder auf Andor, wie die Autorin behauptet) gibt, die das vulkanische Klima vertragen könnten, wird in Enterprise negiert. Andor ist ein Eisplanet ohne die klimatischen Bedingungen Vulkans. Zwar gibt es auch Eiswüsten und Shran spricht in „Die Aenar“ von „regelrechten Hitzewellen“, doch diese pendeln um eine Temperatur von 0°C – einem Höchstwert, dem die vulkanischen Verhältnisse spotten.
Schließlich bleibt auch anzuzweifeln, dass Klingonen dazu neigen, Hochzeiten je nach sozialem Stand zu arrangieren (S. 73). Martok, laut eigener Aussage in „Der Dahar-Meister“ kein Vertreter des Adels, heiratete schließlich, den im Buch geschilderten Angaben entsprechend, weit über seinem Stand, als er mit Sirella einen direkten Abkömmling der klingonischen Kaiserfamilie („Klingonische Tradition“) ehelichtet.

Fazit: Man kann viel über „Sarek“ behaupten. Man kann behaupten, dass das Buch zu dick ist. Man kann behaupten, dass Ann Crispin irgendwie aussieht wie Roseanne Barr in „Die Teufelin“. Man kann sogar behaupten, dass ihr Stil abschreckend ist.
Doch ich sage das nicht. Im Gegenteil! „Sarek“ ist einer der besten Star-Trek-Romane, die ich bislang gelesen und rezensiert habe. Er ist der glänzend aufgebaut, brillant geschrieben und gut übersetzt – und hebt sich schon allein dadurch von vielen anderen Erzählungen ab.
Natürlich hat das Buch auch seine Mängel in den vielen Anachronismen und der etwas zu weit reichenden Geschichte, doch wer den Mut aufbringt, sich diesem Werk zu widmen, wird nicht enttäuscht werden, den dieser Mischung aus Spannung, Informationsgehalt und Lesevergnügen gelingt es, selbst 524 Seiten Text zu kurz erscheinen zu lassen.

Denkwürdige Zitate:

Die Vulkanier sind die Brut des Teufels. Jeder kann sehen, daß Satan ihnen sein Zeichen aufgedrückt hat. Haben sie keine Augen im Kopf, junge Frau?“ ältere Frau, S. 42

Ich habe seit Jahrzehnten auf Vulkan gelebt und niemals verstanden, wie Vulkanier ohne eine Spur von Eitelkeit so arrogant sein können.“ Amanda Grayson, S. 109

Die Rache ist wie ein Targ und erhebt sich hungrig nach langem Schlaf.“ Valdyr, S. 237

Es ist allgemein bekannt, daß Vulkanier niemals lügen.
Glauben die Leute hier immer noch an diesen ausgemachten Unsinn?“ Malak und McCoy, S. 411

Ich bin Arzt, kein Jongleur.“ McCoy, S. 416

Starfleet würde mich zum Fähnrich degradieren, wenn ich eine Person von ihrer Stellung einem solchen Risiko aussetze.“
Ich bin bereit, ein solches Risiko einzugehen.“ James T. Kirk und Sarek, S. 430

Bewertung: Ohne Untertreibung: Ein Klassiker.

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Kommentare:

  1. Ich habe mir in letzter Zeit ziemlich viele Bücher über Vulkanier geholt (u. a. Pandora-Prinzip etc.), aber das hier habe ich noch nicht. Wird also Zeit.

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  2. yanamo chosa oyaka

    leider kann ich vulkanisch nur linear übersetzen, deine arbeit (finde ich)ausgezeichnet und werde den blog weiterverfolgen

    oyori Auf Wiedersehen sagt wajdz

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  3. "Der Mond t´kuth hängt an Vulkans Nachthimmel"? Vulkan hat doch gar keinen Mond! (siehe "The Man Trap")

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  4. Moin Andreas,

    Da hast Du natürlich recht. Un weil das auch Anne C. Crispin und ich wissen, findest Du unter "Lobenswerte Aspekte" folgende Bemerkung:

    "[...](ja ich weiß, Vulkan hat keine Monde, und es handelt sich in Wirklichkeit um einen Nachbarplaneten)[...]"

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  5. Ah ja, hab´ich übersehen. Danke für die Antwort.
    Aber wenn Frau Crispin das auch wusste, warum hat sie dann dieses Wort benutzt?

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  6. Hat sie gar nicht. Dieses 'Zitat' stammt aus der Feder einer gewissen 'midori', die mit diesem nachempfundenen Eindruck eher auf stilistische, als auf inhaltliche blüten bedacht war. Aber auch das steht direkt über diesem Auszug ;)

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  7. Ach so, ich dacht midori hätte zitiert.

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  8. Unnötige Anachronismen? Schon, aber welche?
    Okay, im Kinofilm Zurück in die Gegenwart erzählt Kirk, dass es in der Zukunft der Erde keine direkte Geldwirtschaft mehr gäbe. Picard erzählt das selbe, als er (unfreiwilligierweise) in First Contact die Special VIP Führung durch sein neues Schiff gibt.
    Wie aber zum Beispiel ist es denn mit dem - von Spock "besessenen" McCoy der versucht ein Schiff zu mieten, um den Ort der Genesis Explosion zu erreichen oder der "föderierten" neuen Besatzung von DS9, die offenbar keine Probleme damit hat, mit Geld zu bezshlen, oder darum zu spielen. Menschen, die außerhalb einer Geldwirtschaft leben (wenn schon nicht die Offfizieren, dann wenigstens Keiko oder Jake) müßten doch eine gewisse Unsicherheit dem schnöden Mammon gegenüber zeigen, oder? Die Unstimmigkeit hat also schon im Kanon System und da klage ich Autoren, die sich für die pro-Bezshl-Variante des ST-Universums entscheiden nicht an.
    Gruß
    Erik

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  9. Großartige Rezension eines großartigen Romans. Ich meine, dass "Sarek" einer meiner allerersten Star Trek Romane gewesen ist, die ich gelesen habe - wenn ich mich nicht täusche auch einer der wenigen, die ich öfter als nur einmal gelesen habe. Spannend, ergreifend, subtil. 5/6 Sterne sind eine angemessene Bewertung. Man erfährt viel über die Vulkanier UND die Klingonen, A.C.Crispins Schreibstil ist sehr bewegend, mitunter etwas kitschig, aber nicht so kühl und nüchtern wie der Stil anderer Autoren. Von ihr stammt auch das ebenso lesenswerte Büchlein "Sohn Der Vergangenheit". Vielleicht setzt Du ihn mal auf die Liste der unbedingt noch zu rezensierenden Bücher hier in diesem Blog.

    Viele Grüße

    Thomas

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