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Montag, 22. Juli 2013

Die Kinder von Hamlin

Buchbesprechung Carter, Carmen: Die Kinder von Hamlin. Heyne, 1988/ 1990.

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Story: Die USS Enterprise NCC-1701-D ist mit einer mäßig spannenden Aufgabe betraut: Das majestätische Flaggschiff der Sternenflotte soll das Taxi für einen sturen Haufen hinterwäldlerischer Weltraum-Amish zu einem weit entfernten Kolonieplaneten spielen. Doch während dieser Routinemission entdecken die Sensoren des Raumschiffes einen Kampf in den vermeintlich leeren Weiten des benachbarten Sektors. Als sich die Besatzung unter dem Kommando Jean-Luc Picards der Szenerie nähert, muss sie entdecken, dass sich das Sternenflottenschiff USS Ferrel unmittelbar vor seiner Zerstörung befindet. Das gegnerische unbekannte Flugobjekt, ein seltsam anmutendes Gebilde aus schillernden Blasen, kann erst im letzten Moment davon abgebracht werden, das veraltete Schiff der Constellation-Klasse in einen Stück zusammengepressten Weltraumschrott zu verwandeln.
Nachdem es den Rückzug antritt, beginnt die Crew der USS Enterprise damit, die Überlebenden vom arg gebeutelten Sternenflottenkreuzer zu retten.Doch unter den erstaunlich überschaubaren neuen Passagieren befinden sich auch zwei Personen, die von den nur wenig redseligen übrigen Offizieren mit besonderer Abscheu bedacht werden. Schnell wird  Captain Picard bewusst, dass es sich bei Deelor und seiner Assistentin Ruth um Agenten des Sternenflottengeheimdienstes handeln  muss.
Ehe der Kommandant der Enterprise angemessen reagieren kann, übernimmt Deelor die Befehlsgewalt über das Schiff der Galaxy-Klasse. Er zwingt die Besatzung, an der Jagd auf den unbekannten Gegner teilzunehmen, weil er auf eine Beute der ganz besonderen Sorte hofft:
Die vor mhr als fünfzig Jahren auf mysteriöse Art und Weise verschwundenen Kinder einer Bergbaukolonie namens Hamlin...




Lobenswerte Aspekte: "Kann denn nicht einmal jemand  an die Kinder denken?!" Wer ein Buch erwartet hat, das Helen Lovejoys melodramatischer Aufmerksamkeitszuwendung für Heranwachsende teilt, wird eines Besseren belehrt, denn abgesehen von Wesley Crusher, einem mit diesem befreundeten, gleichaltrigen Nachfahren technophober Kartoffelbauern sowie einem zweijährigen Kaspar-Hauser-Waisen spielen Kinder in dem Buch keine wesentliche Rolle. Natürlich nervt der junge Superfähnrich ehrenhalber auch hier, doch im Vergleich zu so mancher TNG-Episode wirkt selbst der Jar Jar Binks des Star-Trek-Universums vergleichsweise sympathisch.
Autorin Carmen Carter, der es bereits mit ihrem Werk "McCoys Träume" gelang, lebhaft unter Beweis zu stellen, dass sie gute Star-Trek-Romane verfassen kann, beschrieb in der Danksagung, dass ihr im Vergleich zwischen beiden Werken in diesem Fall nur drei Monate zur Fertigstellung vergönnt waren (vgl. S. 287). Doch dieser immense Zeitdruck hat dem Buch unglaublich gut getan - es braucht den Vergleich mit ihrem Debüt keineswegs zu scheuen.
"Die Kinder von Hamlin" verfügt über eine vernünftige Kapiteleinteilung (keinesfalls eine Selbstverständlichkeit bei einem so frühen Star-Trek-Buch), spannende und wenig vorhersehbare Entwicklungen (gleichermaßen keine Selbstverständlichkeit bei einem so frühen Star-Trek-Buch) und trifft auch den Großteil der Charaktere zielsicher (ganz bestimmt keine Selbstverständlichkeit bei einem so frühen Star-Trek-Buch). Selbst der Umstand, dass Wesley Crusher hier den Androiden Data trotz dessen höheren Dienstgrades in seinen ausschweifenden Ausführungen abwürgt (vgl. S. 191), wirkt nicht deplatziert, sondern fügt sich nahtlos in die Geschichte eines Running Gags ein, der in ähnlicher Form des Öfteren in der Fernsehserie fiel. 
Die Handlung passt in die erste Staffel; nicht zuletzt, weil sich Carter Mühe gab, die 1988 noch spärlich gesäten Information zu einem großen Ganzen zu verbinden. So fallen mehrere Querbezüge auf Ereignisse innerhalb der ersten Staffel (vgl. z.B. S. 225, S. 40 oder S. 111), auf die Originalserie (vgl. S. 100) oder gar die stiefmütterlich gern unter den Tisch gekehrte Zeichentrickserie (vgl. S. 138). Darüber hinaus offenbart sie kassandrisch anmutende Weitsicht, denn ihre Konzeption des undurchsichtigen Geheimdienstlers Deelor riecht verdächtig nach Sektion 31.
Höhepunkt auch dieses Romans bleibt die fremde Spezies, um die sich die Ereignisse drehen. Die
Choraii sind eben kein Volk, die einem heutzutage gängigen Verständnis von Staatlichkeit entsprechen, sondern verkörpern etwas wirklich Fremdartiges, dass sich nicht so ohne Weiteres mit menschlichem Bewertungsmaßstäben erfassen lässt. Diese erfrischend reizvolle Unvertrautheit setzt sich in Schiffsbau, Wohnsituation und Handelsstruktur fort und auch wenn der ein oder anderen Aspekt an Klassiker wie "Abyss - Abgrund des Todes" oder "Unheimliche Begegnung der dritten Art" denken lässt, bleiben die Choraii selbst nach der letzten Seite ein fortwährendes Mysterium.

Kritikwürdige Aspekte: Nicht nur hierzulande, sondern vor allem auch in den USA erfreut sich die Legende des "Rattenfängers von Hameln" einer großen Beliebtheit. Deutschstämmige Einwanderer brachten die Erzählung an das gegenüberliegende Ufer des den große Teichs, wo sie bis heute bei Schulaufführungen, in Kinderbüchern oder Trickfilmserien regen Zuspruch findet. Nur der für englischsprachige Zungen vergleichsweise sperrige Ortsname 'Hameln' wurde in ein flotteres 'Ham(e)lin' umgewandelt.
Ob der Popularität dieses Themas verwundert es also nicht sonderlich, dass irgendwann einmal jemand darauf gekommen ist, diesen Stoff auch als Grundlage für eine Star-Trek-Geschichte zu adaptieren.
Daher richtet sich mein Vorwurf auch nicht an die Verwendung des Topos', sondern viel eher an der all zu deutlichen Offensichtlichkeit. Immerhin stellt es schon einen immens großen Zufall dar, dass ausgerechnet in einer Kolonie mit dem Namen 'Hamlin' Kinder entführt werden (vgl. S. 56). Um die Wahrscheinlichkeit noch mehr zu strapazieren, nutzt das edelmetallsüchtige Kidnappervolk auch noch ausgerechnet virtuoses Flötenspiel zur Kommunikation (vgl. S. 132). Obgleich sich eine solche literarische Verarbeitung normalerweise problemlos an einen Leser verkaufen lässt, wirkt sie bei einer Science-Fiction-Geschichte im Star-Trek-Universum völlig unangebracht. Immerhin lebt ganz besonders diese Franchise davon, ein idealisiertes, aber dabei doch glaubhaftes Bild der Zukunft zu vermitteln. Dieser allzu offensichtliche Kunstgriff jedoch rüttelt an dieser Glaubwürdigkeit und stellt das Werk damit in einen krassen Gegensatz zu dem, was 'StarTrek' eigentlich ausmacht.
Schließlich möchte man in diesem Universum auch nicht unbedingt von einem Enterprise-Noteinsatz beim Lummer-Planeten lesen, auf dem die Absturzüberlebenden James Button und sein Kompagnon Luke aus den Wrackteilen Schienenfahrzeuge bauen und auf der einzigen, mit zwei markanten Erhebungen ausgestatteten Landmasse ein umfassendes Nahverkehrsnetz aufbauen und damit die Oberste Direktive verletzen (obwohl ich zugeben muss, dass das jetzt irgendwie reizvoller als beabsichtigt klingt).



Ein wenig mehr Subtilität im Umgang mit einem solchen kulturellen Allgemeinplatz hätte dem Star-Trek-Roman schlichtweg besser zu Gesicht gestanden.
Ferner bleibt eine Person von den ansonsten sehr treffend geschilderten Charakteren ausgenommen:
Doktor Beverly Crusher ähnelt in ihrer Anlage zu sehr an ihre Nachfolgerin Doktor Katherine Pulaski.
Der von Diana Muldaur porträtierte Schiffsarzt wurde ihrerseits an einem anderen prominenten Vorbild orientiert:
Doktor Leonard McCoy.
So muss man hier miterleben, wie die Medizinerin erschreckend raubeinig gegenüber Patienten (vgl. z.B. S. 127, S. 165 oder S. 195) und erschreckend schroff gegenüber ihren Kollegen agiert (vgl. z.B. S. 157, S. 163 oder S. 175). Zudem entwickelt sie einen stark von ihrem Wesen abweichenden Hang zu brachialen Flüchen (vgl. S. 135 oder S. 157) und Bibelreferenzen (vgl. z.B. S. 174 oder S. 185), der eher der allseits bekannten Südstaatlermentalität eines bestimmten 'einfachen Landarztes' entsprechen würde und sobald ihr der Satz "Er ist tot." (S. 52) über die Lippen kommt, liest man im Geiste ohnehin schon längst ein "Jim" bzw. "Jean-Luc" mit.

Übersetzung: "Die Kinder von Hameln" – zugegeben, dass klingt trotz der geringen Buchstabenabweichungen gleich einige Nuancen weniger 'cool' als "Die Kinder von Hamlin".
Aber entgleitet damit der deutschen Sprache nicht bereits zum zweiten mal ein verlorenes Kind?
Immerhin handelt es sich um eine mehr als fünfhundert Jahre alte Sage, die ein wesentliches Produkt der hiesigen Kulturlandschaft darstellt. Schon allein aus diesem Grund müsste sich die deutsche Namensherkunft aufzwängen, zumal die Namen der Choraii-Schiffe ohne Rücksicht mit den damit verbundenen Wortspielen auch in unsere Sprache übertragen wurden (vgl. S. 107 und S. 265).
Andererseits umgibt den deutschsprachige Leser damit immerhin auch ein wohlwollender Hauch der Entfremdung, der die Rattenfänger-Thematik weniger offensichtlich ausfallen lässt. Während das Original also mit dem Holzhammer die Handlungsanleihen vorwegnimmt, nötigt das Werk in seiner Übersetzung seinem Rezipienten immerhin etwas Puzzlearbeit ab.
Ich kann daher nicht genau sagen, ob der Titel nun gut oder schlecht gewählt ist. Bei einem vollständig deutschen Titel hätte ich diesen Unterpunkt aber wohl gar nicht erst mitaufgenommen.

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Dafür gibt es an anderen Stellen genug zu kritisieren.
In allerbester Heyne-Tradition wird da eine eigene, von der deutschen Synchronisation unbeeindruckte Neusprech-Version eingeführt, die fremde Wörter (vgl. z.B. "Insignienkommunikator" S. 9, "Diskussegment" S. 22 oder "Galaxis-Klasse" S. 81), unbekannte Anglizismen (vgl. z.B. "Starbase" S. 15, "Starfleet Command"S. 53, oder "Horizon-Injektion" S. 105) und neue Rechtschreibfehler (vgl. z.B. "Förderations-Ingenieure" S. 25, "Sie haben fast einen Monat in Starbase 10 gewartet, […]" S. 63 oder "darn" S. 210) beinhaltet.
Der Verlag dringt dabei in grammatische Untiefen vor, die kaum ein Mensch zuvor für möglich gehalten hat:
Wie oft kann man den fürchterlichen Begriff "desaktivieren" wohl verwenden (Antwort: sechs Mal; z.B. S. 32, S. 130 oder S. 274)?
Wie viele Wörter lassen sich möglichst unsinnig mit dem Präfix "Medo-" kombinieren (Antwort: zehn Kombinationen; z.B. "-Jacke" S. 8, "-Akte" S. 91 oder "-Block" S. 202?
Und kann man Picards "Engaged!" noch langweiliger als mit "Energie!" übersetzen (Ja! mit "Transit." S. 167)?
In einem ist die Arbeit Andreas Brandhorsts allerdings ihrer Zeit voraus:
Obwohl dieses Buch erst 1990 erschien, wendet es bereits Schreibweisen an, die erst mit der Rechtschreibreform aus dem Jahr 1996. So erscheinen Begriffe wie "Cousine" oder "Holographie" in vorauseilendem Gehorsam bereits in diesem Werk als "Kusine" (S. 34) oder "Holografie" (S. 218).

Anachronismen: Eine Geschichte wie des Rattenfängers von Hameln in die ferne Zukunft zu transportieren, ist keine leichte Aufgabe. Doch dieses Buch legt sich selbst Steine in den Weg, in dem es auf Begrifflichkeiten zurückgreift, die schon heute nach finsterem Mittelalter klingen. Eine Zukunft für die man "Blätter des Ausdrucks" (vgl. S. 73), ein "Kassette" (vgl. S. 127) oder gar ein "Druckerterminal" (vgl. S. 188) benötigt, entzieht sich meiner Vorstellung des 'unentdeckten Landes' bereits. Schon erstaunlich, wie sich dieses Bild von den ausgehenden Achtzigern bis heute gewandelt hat.
Während für diesen Wandel der Zukunftsrezeption allerdings niemand ernsthaft verantwortlich gemacht werden kann, gibt es einige Widersprüche zum offiziellen Kanon, die bereits mit einem genaueren Blick auf die damals laufende erste Staffel hätten verhindert werden können.
So sollte eine Besatzungsstärke von sechsundvierzig bei einem Schiff der Constellation-Klasse eigentlich keine größere Verwunderung bei Picard auslösen (vgl. S. 40 und S. 47), dessen Bereitschaftsraum-Maskottchen Livingston übrigens auch kein "Löwenfisch" (S. 65), sondern ein Rotfeuerfisch ist.
Außerdem konnte der aufmerksame Zuschauer gleich in der dritten Episode "Der Wächter" den Erstkontakt der Föderation mit den Ferengi miterleben, weswegen es merkwürdig anmutet, dass diese Spezies bereits fünfzehn Jahre vor dieser Folge menschliche Sklaven an die Sternenflotte veräußert haben soll (vgl. S. 76). Vom Gebrauch längst überholter Geldmittel (vgl. S. 64) will ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen.
Allein dass Beverly Crusher auf einer landwirtschaftlichen Kolonie geboren sein soll (vgl. S. 283) wurde erst in "Mission ohne Gedächtnis" widerlegt. Laut den Angaben aus der fünften Staffel stammt die Chefärztin nämlich vom Mond.
Die Anachronismen halten sich eigentlich in Grenzen, weswegen es schade ist, dass "Die Kinder von Hamlin" sich die größten Stolpersteine selbst in den Weg legt.
So wirkt es schlichtweg unglaubwürdig, dass ein simpler Code aus sieben Ziffern genügt, um das gesamte Logbuch eines Captains einzusehen (vgl. S. 132). Zudem wird überhaupt nicht darauf eingegangen, dass in der flüssigen Atmosphäre eines Choraii-Schiffes Musik völlig anders als etwa auf der Brücke eines Sternenflottenschiffes klingen müsste (vgl. z.B. S. 132ff., S. 151 oder S. 160). Ferner fehlt es an einer Erklärung, warum die USS Enterprise - an einer Sternenbasis angedockt – die mürrischen Landeier aus Neu Oregonia mit Shuttles an Bord bringen musste (vgl. S. 192). Hat es ihr ebenfalls (für ein Roddenberry-Universum) reichlich anachronistisch anmutende Glaube (vgl. S. 233) ihnen verboten, heidnische Luftschleusen zu benutzen?

Fazit: Für ein so frühes Buch bietet "Die Kinder von Hamlin" erstaunlich hochwertige Unterhaltung. Die Charaktere treffen den Ton, die Handlung ist abwechslungsreich und mit den wirklich fremdartigen Volk der Choraii gelang der Autorin trotz Zeitdruck ein wirklich großer Wurf.
Der allzu offensichtliche Umgang mit der Thematik "Rattenfänger von Hameln", die schwache Übersetzung und vor allem die Logiklöcher, die Carter selbst in ihr Werk riss, mindern die Harmonie dieses Buches etwas. Dennoch bleibt es gerade im Hinblick auf seine Entstehungszeit ein überraschend angenehmer Höhepunkt unter den Frühwerken der TNG-Literatur.

Denkwürdige Zitate:

"Merde."
Jean-Luc Picard, S. 31

"Verschwenden Sie Ihr Glück nicht an uns. Behalten Sie es, Captain Picard. Sie brauchen es sicher dringender als wir."
Commander D'Amelio, S. 70

"Wenn man die Zeit hat, ein Projekt zu einem guten Abschluss zu bringen, so kann man sich ebenso gut die Mühe geben, Großartiges zu leisten."
William T. Riker, S. 102

"Manchmal ist die Verpackung wichtiger als der Inhalt."
Riker, S. 108

"Ich bin nicht gekommen, um zu arbeiten."
Wesley Crusher, S. 177

Bewertung: Eine Vier-Sterne-Melodie.

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Samstag, 15. Juni 2013

Der unsichtbare Gegner

Buchbesprechung Mitchell, Victoria E.: Der unsichtbare Gegner. Heyne, 1990/1995.


Story: Die gewohnten Betriebsabläufe an Bord der USS Enterprise NCC-1701 geraten ein wenig aus den Fugen, als der erste Offizier Spock im Zuge einer Konferenz die heimischen Stahlwände des familiären Raumschiffs verlässt. Just in dieses Vakuum fällt eine komplizierte diplomatische Mission, die die gesamte Crew an ihre Grenzen stoßen lässt.
Allerdings liegt das weniger an der eigensinnigen Kaldorni-Delegation, sondern vielmehr an der Frau des irdischen Botschafters, mit der Kirk vor mehr als fünfzehn Jahren eine intensive körperliche Beziehung teilte. Schnell wird dem argwöhnischen Captain bewusst, dass sie ein doppeltes Spiel betreibt.
Doch zu allem Überfluss hat sich mit den fremden Gesandten noch ein weiterer Unruhestifter auf das Schiff gesellt. Ein katzenartiger Formwandler sabotiert mehrfach das Schiff, ermordet unschuldige Passagiere und hinterlässt mentale Schreckensvisionen bei einem deltanisch-menschlichen Besatzungsmitglied. Die junge Janara Whitehorse ist jedoch nicht nur das Opfer dieses psychologisch-telepathischen Terrors, sondern auch die Tochter jener Frau, mit der Kirk dereinst das Bettlager teilte...

Lobenswerte Aspekte: Endlich wieder ein guter, alter Heyne-Roman! Frei nach dem Motto "Kann sich jemand an die Zeit erinnern, als wir noch Forscher waren?" darf man auf den 347 (!) Seiten wieder fremde Welten erforschen, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen. Da kann man die fragwürdigen Errungenschaften des Abramsverse oder die blutrünstigen Entwicklungen im Destiny-Dreiteiler mal gepflegt auf die lange Bank schieben und ein Buch genießen, dass noch so funktioniert, wie eine klassische Folge der Originalserie:
Ein Anfang aus Off und ein Ende ohne Relevanz.
Dazwischen ein paar nette Gedanken aus der Welt der Science Fiction, die dem Star-Trek-Universum auf den Rücken gebunden wurden wie der Katze das Marmeladenbrot.
In diesem Fall hat sich die Autorin Victoria "V.E." Mitchell insbesondere um die besonders fremdartig wirkenden Kaldorni bemüht.
Und die mimen endlich einmal eine rätselhafte Rasse, die eben nicht so viele Parallelen zur westlich-modernen Menschenwelt bietet, dass man sich darin problemlos wiederfinden kann. Stattdessen bieten sie ein schwer zu entwirrendes Knäuel an undurchschaubaren Ritualen, streng organisierten Kasten sowie andersartigen Anschauungen. Dennoch bleibt der Kulturkreis in seiner inneren Logik stets nachvollziehbar und gerade dadurch spannend.
Ähnliches Gewicht wird den viel zu selten thematisierten Deltanern verliehen. Die haupthaarfreie Spezies erhält durch diesen Roman einen viel breiteren Hintergrund, als man es aus dem ersten Kinofilm gewohnt ist. Im Kontext eines Buches funktioniert auch dieser weitreichende Einblick reibungslos.
Das nächste große Plus ist, dass dieses Werk wie ein klassischer Kriminalroman aufgebaut ist. Auf spannende Art wird der Leser in dessen Bann gezogen, auf falsche Bahnen gelenkt oder in die Gedankenwelt des Täters getunkt.
Bei dieser Vielzahl von Brandherden schafft es Mitchell aber immer wieder, dem Leser unter Beweis zu stellen, dass sie nicht nur ein fesselndes Buch basteln kann, sondern sich auch mit der Materie 'Star Trek' blendend auskennt. Referenzen auf Sulus Botanikfachwissen, Erwähnungen des Lebenserhaltungsgürtels, den man aus TAS kennen könnte oder die Anmerkung zu Miranda Jones künden deutlich von der Fachkenntnis der Urheberin.
Besonders Kirk-Fans wird das Buch freuen, denn mehr als sonst bildet der charmante Captain Dreh- und Angelpunkt eines ganzen Buches. Das gereifte Schiffsoberhaupt muss sich mit den Fehlern seiner wilden Vergangenheit auseinandersetzen (vgl. S. 36ff.), darf seine Neigung zur Polygamie austesten (vgl. S. 220ff.) und rückt vor allem durch die Abwesenheit Spocks in den Fokus der Aufmerksamkeit.
Damit einher geht auch der überraschend offene Umgang mit Erotik. An gleich mehreren Stellen werden Szenen beschrieben, die man in einem amerikanischen Roman so gar nicht erwartet hätte und den Star-Trek-Verhältnissen entsprechend beinahe pornografisch anmuten. Vom 'Skandal' in "Was summt den da?", in dem Kirks Stiefelanziehen dezent den vorherigen Koitus nahelegte, ist dieses Buch ungefähr so weit entfernt, wie "Sissi" von "Emanuelle".



Kritikwürdige Aspekte: Oh nein, nicht schon wieder ein Heyne-Roman! Vorbei die Zeiten clever ineinander verzahnter Handlungsstränge, mitreißender Entwicklungen und gefühlvoller Charakterszenen. Stattdessen erwartet den Leser eine mäßig konstruierte Geschichte mit einer einzigen Haptfigur:
James Tiberius Kirk.
Das Ganze präsentiert sich zudem ohne sonderlich erwähnenswerten Witz, Charme oder gar Einfühlungsvermögen wie etwa der Satz "Innere Gewalt erleichterte es ihm sich zu beherrschen." (S. 119) tatkräftig unter Beweis stellt.
Wie jetzt?
Ein Kirk, der vor seinem inneren Auge die eigenen Untergebenen verprügelt, wenn die nicht schnell genug seinen Befehlen Folge leisten?
Vor allem wenn man bedenkt, dass er diese Art Gedanken gegenüber seiner einstigen Gespielin hegt, muss man unweigerlich irgendwie an "Fifty Shades of Gray" denken. Also definitiv nichts, womit man Star Trek kreuzen sollte. 


 
Grau, aber ungleich weniger schattiert, kommen die anderen neu eingeführten Figuren des Buches daher. Kirks Ex-Betthupferl ist in etwa so vielschichtig und aufsehenerregend wie eine unbeschmierte Scheibe Brot. Ihre Tochter Janara erscheint nach den Ausführungen Mitchells wie eine Paraderolle für Kristen Stewart und so wie der Deltaner Tenaida beschrieben wird, markiert er auch nur eine Art frisurfreien Platzhalter für den abwesenden Ersten Offizier vom Planeten Vulkan. Wozu Spocks temporärer Ersatz Patrick Brady überhaupt an Bord geholt wurde, wird wohl das ewige Geheimnis der Autorin bleiben. Es gelingt dem Charakter jedenfalls nicht, irgendwelche Rechtfertigungen zu liefern. Genauso wenig gelang es Mitchell, die anderen Charaktere wie N'Gelen t'Stror Klee, Kristiann Norris oder gar Srrawll Ktenten mit Leben oder einer angemessenen Schreibweise zu füllen. 
 
Vorwerfen muss man ihr vor allem aber, dass sie auf gleiche Weise mit den altbekannten und beliebten restlichen Crew verfährt. Zuweilen darf Pille ob der vielen Verletzungen und Morde etwas zu Wort kommen, doch die anderen Besatzungsmitglieder wie Scotty, Uhura oder gar Sulu sind in diesem Werk zu bloßen Statisten verkommen.
Sobald jedoch mal irgendjemand zu Wort kommt, entstehen mehr Fragezeichen, als in einem Kriminalroman normalerweise üblich. Oder, um es mit der Stimme der Expertise zu sagen:

"Es gibt zwei Sorten von Menschen, die darüber nachdenken, wie man am besten Leute tötet: Psychopathen und Krimiautoren.
Ich gehöre zur besser bezahlten Sorte.
"

Zieht man diese weisen Worte aus dem Intro der Krimi-TV-Serie Castle an dieser Stelle einmal als Maßstab heran, kann man Mitchell immerhin zugestehen, dass sie definitiv keine Psychopathin ist.
Genauso wenig dürfte sie aber auch zu besser bezahlten Sorte gezählt werden, denn man kann ihr beim besten Willen nicht unterstellen, sich allzu lange mit dem Nachdenken über einen Mord beschäftigt zu haben.
Die gestaltwandelnde Superkatze begeht jedenfalls so oft am Stück die selben Fehler, dass man sich schon ernsthaft fragen muss, wie sie überhaupt so nah an ihre Beute gelangen konnte, ohne dass selbst telepathisch unbegabte Zeitgenossen sie umgehend enttarnt hätten. Mindestens ebenso inkompetent wirkt aber auch Chefermittler Kirk, der trotz deutlicher Beweise den Täter unbeobachtet auf dem Schiff sein Unwesen treiben lässt (vgl. S. 298f.).
Ja nicht einmal die Handlung ist wirklich stimmig. Woher weiß denn bitteschön Pille auf Seite 125, dass Montoya bereits gegangen ist? Oder habe ich etwas wirklich Überraschendes verpasst und der rüde Südstaatenmediziner ist der wahre Täter?
Neben eindeutigen Schwächen bezüglich der Figurenmotivation und der inneren Logik (vgl. dazu auch die unsinnige Erklärung zu personalisierten Phasern auf S. 319) verwundert der diplomatische Stil Kirks: Er verhandelt zwar mit dem Chefdiplomaten der Föderation sowie den Kaldorni, doch die andere echte Konfliktpartei, die Beystohn, scheinen wie der größte Teil der aufgeführten Personen nur eine Statistenrolle inne zu haben.

Übersetzung: Liest man ein Heyne-Buch, dann grüßt auch immer wieder das Murmeltier. Neben englisch belassenen Begriffen wie "Starbase" (S. 7) oder "Starfleet" (S. 7) findet man auch immer wieder Bezeichnungen, die immerhalb der deutschen Synchronisation völlig anders lauteten: So wird aus der guten alten 'Föderation' plötzlich die "Liga Verbündeter Planeten" (S. 9; Nanu, was ist denn mit dem 'galaktischen Völkerbund' passiert?!), "Synthetisierer" (S. 25, statt 'Nahrungsverteiler') oder das Wort "terranisch" (vgl. S. 16), das hierzulande eigentlich dem Spiegeluniversum vorbehalten ist.
Daneben finden sich wieder merkwürdige Kombinationen, die sich schon beim Lesen so falsch anfühlen, dass man aufschreien möchte. Neben "Erg-Zellen" (S. 268) sind das vor allem die viel zu vielen Kombinationen mit "Medo-", die den Hirnwindungen des Rezipienten Ärgerfalten bescheren: "Medo-Team" (S. 144), "Medo-Daten" (S. 261), "Medo-Apparatur" (S. 307), "Medo-Scanner" (S. 315) oder gar "Medo-Untersuchung" (S. 326).
Als ob das nicht schon genug Qualen wären, straft die Übersetzung den heutigen Leser mit antiquierten Vokabeln wie "Datenkassette" (S. 18), tapsigen Übernahmen wie "Memoriale Chips" (S. 105) oder unpassenden Berufsbezeichnungen wie "Diätiker" (vgl. S. 23). Um das Grauen abzurunden darf natürlich auch in diesem Buch das dämliche Zauberwort "desaktivieren" nicht fehlen (vgl. z.B. S. 74, S. 211 oder S. 248). Zudem vermisste ich im "Zölibateid" (S. 32) schmerzlich das Füge-s.
Ansonsten ist an dieser Stelle mal Lob angebracht. Der frühere Haus- und Hof-Übersetzer des Heyne-Verlags Andreas Brandhorst schafft es tatsächlich einmal, dem Siezen in einem Buch einen tieferen Sinn zu verleihen (vgl. S. 121). Die verstockten Rituale der dickköpfigen Kaldorni harmonisieren jedenfalls prächtig mit der Höflichkeitsform, die es im Englischen gar nicht gibt. Dennoch ist auch hier die Kritik durchaus angebracht, dass Brandhorst etwas zu häufig in den Originaltext eingreift, um diesem Eingriff seinerseits Rechtfertigung zu verleihen.

Anachronismen: Bücher aus dem Hause Heyne lassen sich nicht gerade oft in die offizielle Zeitlinie eingliedern. Selbst wenn dem Roman eine Bemerkung wie „Historischer Hinweis. Das hier geschilderte Abenteuer findet kurz nach den Ereignissen statt, über die in STAR TREK: Der Film berichtet wurde.“ (S. 6) vorgesetzt wurde, muss das nicht zwangsweise auch bedeuten, dass sich die Autorin an diese Maßgabe hält.
Sicher: Rand ist Transporteroffizier, Chapel bekleidet den Rang eines Doktors und Deltaner werden als Besatzungsmitglieder geführt. Aber warum beachtet niemand, dass Kirk den Rang eines Admirals bekleidet (vgl. S. 7, S. 8. S. 9) oder dass die Uniformen nicht mehr die frohe Farbenvielfalt bieten, die man hier noch miterleben kann (vgl. z.B. S. 160).
Aber auch einige technische Details erschließen sich während des Lesens nicht. So können die deltanischen Crewmitglieder untereinander für Außenstehende unverständliches Deltanisch sprechen (vgl. S. 177). Ebenso merkwürdig mutet es an, dass in der Turnhalle die Gravitation verändert werden kann (vgl. S. 141ff.), während dies in der Quartieren der kaldornischen Gäste völlig unmöglich sein soll (vgl. S. 28).
Auch die Erwähnung von Geldverkehr (vgl. S. 121 oder S. 253) hätte man sich sparen können.
Ein wenig zu utopisch für das Star-Trek-Universum ist außerdem die erwähnte Biofabrikatortechnologie (vgl. S. 97). Doch wenn man um die Transwarp-Transportertechnologie des Abramsverse weiß, blättert man wahrscheinlich ohnehin nur milde lächelnd weiter. Lediglich die auf Formwandlung bezogene Aussage, Kirk hätte "[...] noch nie von einem Geschöpf gehört, das solche Dinge mit derartiger Mühelosigkeit vollbringen konnte." (S. 279) ist dahingehend hochgradig zweifelhaft: Immerhin hatte der Kommandant der Enterprise bis zum ersten Kinofilm sogar mit eigenen Augen gesehen, wie Garth von Izar, Isis oder Korob und Sylvia die im Endeffekt recht mühevolle Transformation der Mörderkatze mühelos übertrafen.
Für einige Anachronismen konnte Mitchell freilich nichts. So war ihr die riesige Küche, die man im sechsten Kinofilm "Das unentdeckte Land" so prominent sehen konnte, natürlich nicht bekannt. Ansonsten wären dem Buch ja auch einige Passagen entgangen, die witzig gemeint sein sollen (vgl. S. 220ff.). Ebenso wenig dürfte dieser Satz in seiner Fehlerhaftigkeit im Jahr 1990 aufgestoßen sein:

"Um ganz ehrlich zu sein, Captain: Die Enterprise kümmert sich nur um die Hälfte des besagten Verkehrs in diesem Quadranten." (S. 9)

Schließlich waren Serien wie Deep Space Nine oder Voyager, die die Aufteilung der Milchstraße in Quadranten propagierten, noch Quark im Schaufenster.
Mit all diesen Fehlern kann man sich zur Not ja arrangieren, doch ein Schlüsselmoment des Romans gibt tatsächlich Anlass zu Sorge. Auf dem Höhepunkt der Spannung erfährt der Leser nämlich en detail, wie böse und hinterhältig Personen sind, die gegen den Willen anderer Gedanken lesen, Emotionen aufnehmen oder mentale Barrieren durchbrechen. Diese Rechte sind laut diesem Buch sogar im Grundgesetz der Föderation fest verankert (vgl. S. 192)!
Vernünftige Idee, mögen die Einen meinen.
Widersprüchlicher Schwachsinn, sage ich!
Im Jahr 1990 dürfte die Amerikanerin Victoria Mitchell von einer frischen, topaktuellen Serie gehört haben, die damals seit knapp drei Jahren im Fernsehen lief. Sie hieß "Star Trek: The Next Generation".
In den ersten drei Staffeln war dort bereits ein Schiffscounselor namens Deanna Troi zu sehen, die innerhalb des Serienkonzeptes eine spannende Rolle einnahm: Die Empathin bewahrte die USS Enterprise NCC-1701-D mehr als einmal vor der Zerstörung, indem sie die Intentionen fremder Raumschiffkommandanten telepathisch (in diesem Fall empathisch) in Erfahrung brachte.
Glaubt man hingegen diesem Buch, so kann man mit seiner Hilfe fortan im Wortlaut jene Gesetzestexte zitieren, laut derer Trois Handeln explizit als strafbar bezeichnet wird. Gäbe es derartige Grundrechte also tatsächlich, so wäre die logische Schlussfolgerung, dass es sich bei Deanna Troi um eine hinterhältige Kriminelle handelt. Folgt man den Schilderungen weiter, so ergibt sich, dass selbst Picard als Urheber von Befehlen, die jegliche Privatsphäre anderer Personen negierten, eine Mittäterschaft unterstellt werden müsste, die sein Kommando in Frage stellen würde.
Wie unsinnig diese schlecht erfundenen Gesetze sind, kann man spätestens ab dem Punkt erkennen, an dem Janara Whitehorse in die Rolle Deanna Trois schlüpft (vgl. S. 244f.) und Befehlen folgt, deren Illegalität ihr völlig bewusst ist (vgl. S. 199ff.). In diesem Moment widerspricht das Grundgesetz zu Telepathie aber nicht nur der ohnehin dürftigen inneren Logik des Buches, sondern auch der Wirklichkeit innerhalb Star Treks.

Fazit: Der Roman mit dem Titel "Der unsichtbare Gegner" glänzt durch seine Zentrierung auf Kirk, seine Spannung, und seinem offenen Umgang mit Sex. Besonders die vielen Zusatzinformationen, die man über die vermeintlich bekannten Deltaner und die neu eingeführten Kaldorni erhält, lohnen die Anschaffung.
Doch der wahre unsichtbare Gegner der Autorin sind die Zeichnung überzeugender Charaktere, das Konstruieren von nachvollziehbaren Motivationen ihrer Figuren sowie das Aufrechterhalten der inneren Logik. Auf der letzten Seite angekommen bleibt dieses Buch vor allem wegen seines Bruchs mit der Star-Trek-Wirklichkeit weit hinter seinem starken Auftakt zurück und verliert sich in seinen eigenen Ansprüchen: Es ist weder ein Roman nach der ersten Kinofilm, noch ein gelungener Krimi und schon gar kein Stück Star Trek, dass zwischen der Originalserie und dem nächsten Jahrhundert Bestand hätte.

Denkwürdige Zitate:

"Genau das braucht die Enterprise: Eine Art elektronischen Vulkanier."
Pille, S. 11

"Assistent: Hast Du auch die Möglichkeit eines Mordes berücksichtigt?"
Kirk, S. 41

"Ein interstellares Playgirl – und eine Agentin obendrein. Ich dachte, so was gibt’s nur in Krimis oder so."
Kirk, S. 282

Bewertung: Thema verfehlt.


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