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Freitag, 26. November 2010

Die Befehle des Doktors

Diese Rezension ist meinem geschätzten Schweizer Kollegen DomPatHug gewidmet, der mir dieses Buch aus naheliegenden Gründen empfahl, sowie Diane Duane, die sich dereinst auf meinen kleinen Blog verirrte.

Buchsprechung Duane, Diane: Die Befehle des Doktors. Heyne, 1995/1990.

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Story: Irgendwo in der Mitte des Nichts zwischen zwei Spiralarmen der Milchstraße liegt ein popeliges Sternensystem, dass nicht ganz zu Unrecht den Spitznamen 'Fliegendreck' trägt. An genau jenen Ort verschlägt es die Crew der USS Enterprise NCC 1701, denn auf dem vierten Planet wurden nicht eine oder zwei, sondern ganze drei verschiedene intelligente Spezies ausgemacht. Das kommt sehr selten vor und daher widmet sich das stolze Sternenflottenschiff einem seiner primären Konstruktionsgründe: Der Erforschung neuen Lebens und neuer Zivilisationen.
Aber auf Muscae IV hat die Evolution keinen Weg eingeschlagen, der sich durch einen besonders hohen Wiedererkennungswert auszeichnen würde. Im Gegenteil. Die Geschöpfe, auf die Kirk, Spock und McCoy auf der Planetenoberfläche treffen, erinnern an Jute-Beutel mit Formwandlereigenschaften, die Ents aus Tolkiens 'Herr der Ringe' oder halb phasenverschobene Felsbrocken außerhalb von Raum und Zeit.
Während Kirk beim Kontakt mit letztgenannten Eingeborenen aus der 'normalen' Zeitlinie entfleucht, findet sich McCoy in einer eher ungewohnten Rolle wieder. Er muss die Geschicke der Enterprise als kommandierender Offizier lenken, nachdem er von seinem engsten Freund und geschätzten Vorgesetzten vor dessen Verschwinden auf den Stuhl des Captains gefesselt (natürlich nur im übertragenen Sinne) wurde. Und als wären diese Schuhe nicht ohnehin mehrere Nummern zu groß, schlägt auch noch das Ungemach prompt zu: Ein Kreuzer der Klingonen taucht unvermittelt im Orbit auf und droht damit, nicht nur die Suche nach Kirk, sondern auch die weitere Erkundung des Planeten zu stören. Als schließlich die klingonischen Außenteammitglieder ihrerseits aus der Zeitlinie verschwinden, sucht der Commander des feindlichen Schiffes die Schuld dafür natürlich sofort beim unerfahrenen McCoy. Die Anspannung vergrößert sich mit jeder Stunde, denn nicht nur klingonische Verstärkung, sondern auch ein unbekanntes Kriegsschiff gigantischem Ausmaßes ist auf dem Weg zu kleinen System namens 'Fliegendreck', dass sich unvermittelt an einer Schnittstelle galaktischer Großmachtpolitik wiederfindet.

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Einfach mal auf das hören, was der Baum einem sagt

Lobenswerte Aspekte: Ein Besuch in der Schweiz lohnt sich immer. Falls es da draußen noch immer Leute geben sollte, die das noch nicht wissen, so können sie es in diesem Buch endlich erfahren. Immerhin verbringt Stararzt Leonard McCoy seine spärlich gesäten Urlaubstage in der beschaulichen Alpenrepublik, obwohl dem Südstaatenabkömmling bei einem Heimataufenthalt eine große Palette möglicher Traumziele wie Tahiti, die Seychellen oder gar die Traumstrände Jemens geboten werden könnten.
Aber nein! Den alten Pille zieht es in die noch immer vergletscherten Alpen.
Nun muss ich für meinen Teil bedauerlicherweise zugeben, dass mich meine überschaubaren Reisen in die Welt hinaus nur auf der Durchreise nach Italien an der ein oder anderen Raststätte Schweizer Boden betreten ließen und dass nationale Reportagen, wie sie gelegentlich auf 3sat zu sehen sind, nun auch nicht gerade dazu beitragen, die viersprachige Kantonansammlung attraktiver zu gestalten.
Doch das Buch schafft es, selbst Reisemuffel hinter ihrem Ofen hervorzulocken. Lektionen in Landeskunde (vgl. S. 7ff.) und Geschichte (vgl. S. 13ff.) beweisen, dass die Schweiz im Prinzip unvergänglich ist wie jene mysteriöse Jungfrau, die als „[...] Königin der Berner Alpen“ (S. 7) bezeichnet wird.
Als Deutscher, der im Star-Trek-Universum wenn überhaupt, dann nur mit dem obligatorischen Nazivergleich bedacht wird, schaut man da schon etwas wehmütig auf die andere Seite des Rheins und eine kleine Ecke des Herzens neidet unsere Nachbarn den durchweg positiven Adelsschlag im Star-Trek-Universum, den Diane Duane dem kleinen Staate mit diesem verliehen hat.
Dem Schweiztouristen McCoy wird in diesem Werk eine Menge Raum gelassen, die der Charakter auch freudig nutzt, um sich auf seine verschrobene Art und Weise zu produzieren. Wer wie ich den oft kauzigen Doktor zu seinen Lieblingscharakteren zählt, wird seine Freude an diesem Buch haben, denn abgesehen von kleineren Ausnahmen gelingt es der Autorin Diane Duane, den oft im Schatten Kirks und Spocks stehenden Mann ins rechte Licht zu rücken.
Dabei verzichtet sie nicht auf einen gewissen Humor, der zwar nie zu prustendem Lachen mit Tränen in den Augen führt, aber doch zumindest zuweilen für ein wohlwollendes Grinsen zu sorgen vermag.
Außerdem sorgt die Schriftstellerin für Kontinuität - zumindest mit ihren eigenen Werken.
In diesem Werk kann man nämlich ein Wiedersehen mit Harb Tanzer feiern (vgl. S. 113ff.), der bereits in „Spocks Welt“ mit der Leitung des Freizeitdecks betraut war. Unklar war mir im Zusammenhang mit dieser Person allerdings schon, warum er an einer Einsatzbesprechung teilnahm und zu Wort kam, die nicht nur das Verschwinden des Captains zum Inhalt hatte, sondern auch für das Oberkommando der Sternenflotte aufgezeichnet wurde. Zumindest würde dieser Umstand jedoch ansatzweise erklären können, warum McCoy über Subraumfunk beinahe das Kommando entzogen worden wäre (vgl. S. 185).
Kontinuität auf ganz anderer Ebene bietet der Verweis auf die etwas eingeschränktere Rolle des Captains bei Außeneinsätzen (vgl. S. 45). Schließlich war es jedes Mal recht gewagt von Kirk, Außentrupps stets zu begleiten und damit Gefahr zu laufen, dass der kommandierende Offizier eines stark bewaffneten Schiffes feindlich gesinnten Kräften in die Hände fällt oder gar ums Leben kommt. Nicht zuletzt bei TNG wird dieser Gedanke wieder aufgegriffen und führt zu deutlichen Verhältnissen zwischen den Kompetenzbereichen Rikers und Picards. Sofern man will, kann man die Ereignisse innerhalb dieses Buches als Bindeglied zwischen beiden Punkten in der Star-Trek-Chronologie deuten.
Dieser – sicherlich kaum beabsichtigte – Zusammenhang steht allerdings nicht allein, denn auch weitere prophetische Anwandlungen sollten nicht unerwähnt bleiben.
So ist etwa „[...] das Spiel der Zwanzig Galaktischen Fragen [...]“ längst Wirklichkeit geworden und Kirks Anekdoten über das Forellenfischen stark an Denny Cranes Abenteuer in Nimmo Bay.

Kritikwürdige Aspekte: An erster Stelle muss man diesem Buch vorwerfen, dass es das Kunststück vollbringt, für seinen relativ geringen Umfang von lediglich 299 Seiten unglaublich langatmig zu wirken. Die eigentliche Handlung benötigt einen Anlauf von 96 Seiten, um zumindest ansatzweise ins Rollen zu geraten. Die Spannung bleibt da bei so viel offen zur Schau gestellter Muße schon mal auf der Strecke.
Daneben waren für meinen Geschmack mal wieder die Außerirdischen etwas zu exotisch.
Nun mag man einwerfen, dass ein Buch die ideale Plattform ist, um die klirrenden Ketten unnachgiebiger Produktionskosten zu sprengen.
Ferner kann man behaupten, es sei natürlich recht unwahrscheinlich, dass alles Leben im All so bipedal oder gar humanoid (bzw. „hominid“, vgl. S. 103) ist, wie man es aus Star Trek kennt.
Das hat natürlich alles seine Richtigkeit.
Mein Standpunkt ist jedoch, dass die Häufigkeit humanoider Erscheinungsformen eher eine schablonenartige Vorlage darstellt, mit der Autoren umgehen können müssen. Bestätigt sehe ich diesen Gedanken in der TNG-Episode „Das fehlende Fragment“, die der Überpräsenz menschenähnlicher Außerirdischer Vorsetzlichkeit bescheinigt.
Das soll aber nicht gleich bedeuten, dass sich Diane Duane nicht an die Vorgaben hält. Im Gegenteil; insbesondere die klassische Serie dient als Leitfaden.
Dies kann man etwa daran erkennen, dass ein Motiv aus einer sehr speziellen Folge wiederverwertet wird: Wie in „Spock unter Verdacht“ dient die gute alte „U-Boot-Atmosphäre“ als Grundlage für eine Raumschlacht. Was in der Serie spannend und tragisch daherkommt, fährt, beziehungsweise fliegt, nein, noch besser: schwimmt (vielleicht aber auch 'taucht') hier voll gegen die Wand.
Wie der Rest des Buches ist dieses Abschnitt in der Schriftform zu langatmig und gemessen an vorherigen Raumschlachten in Serie und Filmen (man denke nur an die USS Reliant) viel zu unglaubwürdig. Der Appetit vergeht dem Leser spätestens in jenem Moment vollends, in dem sich der stellvertretende Captain McCoy mitten im Manöver eine kleine Snackpause gönnt (vgl. S. 246). Nicht gerade ein Paradebeispiel für die Spannung und Glaubwürdigkeit der Handlung.
Und wenn wir schon von Glaubwürdigkeit sprechen, dann sollten wir auch die Klingonen nicht unerwähnt lassen. Abgesehen vom fragwürdigen Kommandostil des klingonischen Kommandanten Kaiev war nicht nur die Behauptung, dass Arsen ein fester Bestandteil klingonischer Esskultur sei (vgl. S. 272) abenteuerlich, sondern auch die Suche nach einer geheimen pflanzlichen Substanz namens „tabekh“ (S. 165). Jeder im Lesen auch nur mäßig begabte Rezipient wird die lautliche Anlehnung an ‚Tabak’ schnell erkennen; spätestens dann, wenn es um die beschrieben Folgen des Entzugs geht (vgl. S. 168). Kalte Entwöhnung wäre ja noch irgendwo ein nachvollziehbares Motiv für die Anwesenheit eines klingonischen Schlachtkreuzers gewesen, doch ab jenem Zeitpunkt, an dem das Wunderkraut zu einem Rohstoff für ein Klingonen-Sambal-Olek reduziert wird (vgl. S. 224), wirkt dies etwas dick aufgetragen.

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tabekh - der Geschmack von Freiheit und Abenteuer

Abschließend sollten wir uns die Zeit nehmen, über die Zeitlinie zu reden. Die komplexe Thematik wirkt trotz verzweifelt anmutender Erklärungsversuche (vgl. S. 289ff.) nicht konsequent zu Ende gedacht. Da auch Duane 1990, als ihr Buch erschien, die neue Fernsehserie „Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert“ bekannt gewesen sein muss, können wir davon ausgehen, dass auch die ’;At’ (was für ein doofer Name!) mit der zukünftigen Föderation vertraut sein müssten.
Sofern diese intelligenten Felsen also aus einer Zukunft stammen, in der alles (z.B. auch der Anruf Kirks S. 289) bereits geschehen ist, müssten sie sich eigentlich nicht erst von der Rechtschaffenheit der Organisation überzeugen lassen.
Diese fehlende innere Logik macht sich auch an anderen Stellen bemerkbar. So vermag die fadenscheinige Erklärung Spocks, warum er das das Kommando nicht übernehmen könne (vgl. S.98) ebenso wenig überzeugen wie das plötzliche Eintreten eines ungetarnten klingonischen Schiffes in den Orbit, ohne dass die Langstreckensensoren der Enterprise es zuvor registriert hätten (vgl. S. 159).

Übersetzung: Als Kind des Heyne-Verlags und seiner Übersetzungsmaschinerie lässt es auch nicht die typischen hauseigenen Idiome vermissen, die schlichtweg befremdlich klingen, wenn man ihre Pendants aus der deutschen Synchronisation gewohnt ist.
So liest man auch hier von der „Standardkreisbahn“ (S. 43) statt dem ‚Standardorbit’, dem „Medo-Scanner“ (S. 73) statt dem ‚medizinischen Tricorder’, oder „desaktiviert“ (S. 240) statt ‚deaktiviert’.
Daran gewöhnt man sich aber irgendwann sogar. Spätestens ab dem dritten oder vierten Buch des Verlags überliest man so etwas geflissentlich und hängt sich nur noch sehr selten daran auf (außer ich natürlich).
Ärgerlicher sind hingegen englisch belassene Begriffe oder Zwitterwesen aus beiden Sprachen wie „Starfleet“ (S. 10) „Stunner-Treffers“ (S. 194) oder „sonische Dusche“ (S. 113), die nur noch durch klobige Übersetzungen wie „[...] ein mit Traktoren bewaffnetes Schiff [...]“ (S. 217) für 'ein mit Traktorstrahlemittern ausgerüstetes Schiff' , „Minzeisgetränk“ (S. 9) für ‘Mint Julep’ oder „Beiboothangaren“ (S. 255) statt ‘Shuttlebay’ übertroffen werden.
Natürlich funktioniert nicht immer alles, was im englischen Sinn macht, auch gleich im Deutschen, wie man am völlig in die Hose gegangenen Witz um „verpassen“ und „verfehlen“ (S. 125) deutlich sehen kann. Doch Minimalstandards wie die Verwendung von ‚fliegen’ statt „fahren“ (vgl. S. 271), in Bezug auf Raumschiffe sollten schon allein um des Leseflusses Willen berücksichtigt werden.
Ansonsten ist das Werk arm an Rechtschreib- und Grammatikfehlern, wenn man mal von kleineren Ausrutschern wie diesem absehen kann:

Haut war natürlich das falsche Wort, den die ersten Untersuchungen hatten ergeben, daß die Hülle des Wesens ebenso wenig mehrzellig war als der Rest. “ (S. 59)

Der Übersetzer Ronald M. Hahn nahm sich bei seiner Arbeit einige Freiheiten heraus. Doch während Umdeutungen wie „Gummiadler-Restaurant“ (statt 'rubber chicken banquets', S. 33) oder „Gummibären“ (statt 'jelly pastry', S. 186) gekonnt etwaige Verständnisschwierigkeiten für den deutschsprachigen Leser vermeiden, stört Scottys ‚Dialekt’ wann auch immer der arme Chefingenieur nur den Mund aufmacht. Seine Aussprache liegt irgendwo zwischen Platt, Berlinerisch und Westfälisch (vgl. S. 252), ohne den angenehmen Ton zu treffen, den etwa John Cleese in der deutschsprachigen Variante des „Dead Parrot“-Sketches von Monty Python anschlägt.
Hier wirkt der nordische Einschlag völlig fehl am Platze und man wünscht sich nur noch, dass Scotty aufhört zu reden.
Eine so beliebte Figur mit nur wenigen frei übersetzten Sätzen derart ins Gegenteil zu verkehren ist eine Leistung, auf die man nicht unbedingt stolz sein kann.

Anachronismen: Spricht man von den inneren Widersprüchen, so muss man Diane Duane zugute halten, dass sie diese nach bestem Wissen und Gewissen verhinderte. Nur ein kleiner Fehler lässt sich in diesem, wie auch in allen anderen ihrer Romane finden.
Schlagwörter wie „Etatkürzungen“ (S. 15) „Sold“ (S. 86) oder „Millionen scheffeln“ (S. 256) stehen nämlich im Widerspruch zur Aufhebung der Geldsysteme, die in Filmen wie „Star Trek IV – Zurück in die Gegenwart“ oder Folgen wie „Die neutrale Zone“ deutlich angesprochen wurde.
Ferner muss man der Autorin vorwerfen, zu sehr in ihrer eigenen Zeit verhaftet zu sein. Der Zauber der ‚Science Fiction’ blättert heutzutage nämlich etwas ab, wenn man etwa liest, dass der Enterprise weitere achtzig Terrabytes zur Verfügung gestellt werden (vgl. S. 32). Das Problem könnte bereits heute mit 40 externen Festplatten gelöst werden, weswegen es seltsam anmutet, dass Kirk in knapp hundertfünfzig Jahren allen Ernstes dafür dankbar sein soll.
Doch auch der Gebrauch von Kassetten, konkreter „Tonkassetten“ (S. 38), Disketten ( vgl. S. 36) und Dias (S. 37) mutet stark überholt an.
Was als Mangel an Weitsicht in der realen Welt ausgelegt werden könnte, schlägt beinahe in prophetische Voraussicht um, wenn man die später folgenden Ableger Star Treks näher betrachtet, denn der Blick über die nächste Generation hinaus bietet erstaunliche Parallelen.
So erinnert etwa die Übernahme des Kommandos über die Enterprise durch den leitenden Mediziner des Schiffes stark an den TNG-Zweiteiler „Angriff der Borg“, in dem Beverly Crusher Platz auf dem Stuhl des Captains nimmt.
Auch der Zeitbegriff der ;At (vgl. S. 173) deckt sich auffällig mit den der Propheten aus DS9 und die Spezies der Delasi passt in ihrer Beschreibung gut zu jener außerirdischen Ärztin, die im elften Kinofilm auf der USS Kelvin diente.
Die Zahl der Widersprüche zu den späteren Serien ist erfreulicherweise auffällig niedrig.
So steht etwa die Behauptung, die Orioner hätten eine Dysonsphäre gebaut (vgl. S. 159), in Widerspruch zur Episode „Besuch von der alten Enterprise“. Auch die Behauptung, dass die Föderation keinen Planeten kennen würde, der mehrere intelligente Spezies zugleich hervorbrachte (vgl. S. 25), passt nicht zu den Xindi, die ja immerhin sechs verschiedene Rassen hervorbrachten.
Außerdem wäre die Bezeichnung ‚Chroniton-Partikel’ statt der hier allgegenwärtigen „Z-Partikel“ (S. 141) toll gewesen. Allerdings wäre diese Art der Voraussicht unheimlich gewesen, denn diese Teilchen wurden erst weit nach dem Erscheinen des Buches erstmals bei Star Trek erwähnt.

Fazit: Freunde des ebenso kauzigen, wie sympathischen Doktors McCoy werden an diesem Roman ihre helle Freude haben. Bereitwillig räumt ihm Duane den verdienten Platz ein, der ihm in der Serie zu oft versagt blieb. Ein wahrer Leckerbissen, der selbst unter den Büchern seinesgleichen sucht.
Doch nicht nur Pille, sondern auch die idyllische Schweiz hält mit diesem Buch einen würdigen Einzug ins Star-Trek-Universum und die Armut an Anachronismen steht in einem spannenden Kontrast zum Reichtum an Realität gewordenen Vorhersagen.
Leider ist das allerdings auch schon alles, was der Roman an Spannung zu bieten hat. Eine für den geringen Umfang erschreckende Langatmigkeit bestimmt das Werk ebenso wie die mangelhafte Übersetzung.
Altbekannte Motive wie der an U-Boote angelehnte Raumkampf oder die Komplexität von Zeitreisen vermögen es nicht, an die von der klassischen Serie gesetzten Standards anzuknüpfen.

Denkwürdige Zitate:

Hausaufgaben sind eine russische Erfindung. Wie vieles andere auch.
Chekov, S. 18

Nun, ich nehme an, das Universum hilft denen, die sich selbst helfen, was, Spock?
McCoy, S. 188

Spock, ihre Ansicht?
Ich würde sagen, wir befinden uns in einer schwierigen Lage.
Tausend Dank, Spock – Ihre Analyse?
McCoy und Spock, S. 189

Tja, die Gerüchte über mein Ableben sind - wie immer – stark übertrieben.
Kirk, S. 195

Sind Sie in Ordnung? Ich kann ja Ihre Unterschrift lesen.
Schwester Lia zum Bordarzt McCoy, S. 282

Bewertung: Laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangatmiger McCoy-Roman.

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Samstag, 28. August 2010

Spocks Welt

Buchbesprechung Duane, Diane: Spocks Welt. Weltbild Verlag, 1988/1995.

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Extra für Carlito

Story: Dunkle Schatten legen sich auf die strahlende Demokratie der Föderation. Eines ihrer Gründungsmitglieder, der Planet Vulkan, schickt sich nämlich an, über den Verbleib der Welt in dieser galaktischen Organisation abzustimmen.
Und die Chancen der Befürworter einer andauernden Mitgliedschaft sehen alles andere als rosig aus. Nicht nur, dass die allgemeine Stimmung Menschen gegenüber auf einem Tiefstwert gelandet ist; Sarek, der langjährige Fürsprecher der irdisch-vulkanischen Beziehungen wird auch noch von T’Pau gezwungen, sich öffentlich gegen einen Fortbestand dieser Allianz auszusprechen.
Noch besteht Hoffnung: Unter den Rednern, die neben Sarek zur Information der Öffentlichkeit bestellt wurden, sind auch Kirk, Spock und Pille, die ihr Bestes geben, um die mögliche Abspaltung zu verhindern.
Aber erst McCoy gelingt es aufzudecken, dass sich hinter der vermeintlich urdemokratischen Volksabstimmung ein Komplott verbirgt, dessen Urheber eine alte Bekannte Spocks ist. Niemand geringeres als T’Pring, die ehemalige Verlobte des ersten Offiziers der USS Enterprise, inszenierte die anstehende Separation, um ihrem ehemaligen Partner das Leben zu ruinieren. Der hinterhältige Plan geht schließlich immer mehr auf und scheinbar kann nichts den Stein aufhalten, der hier ins Rollen gebracht wurde. Da stößt McCoy auf ein weiteres pikantes Detail, dass die Wahl entscheidend beeinflussen könnte...

Lobenswerte Aspekte: Manchmal sind es die kleinen Dinge, die beim Lesen eines Romans das Herz erfreuen.
Kleine Informationen zum Beispiel. Man kann etwa darüber schmunzeln, dass Spock quasi im Vorbeigehen die Wettervorhersageprobleme verschiedener Erdregionen löst (vgl. S. 15). Oder man erweitert sein unnützes Faktenwissen um die Tatsache, dass die vulkanische Währung ‚Nakh’ heißt (S. 215). Vielleicht gereicht aber auch schon der Umstand zum Vergnügen, dass James T. Kirk, wie auch ich, kein Guinness mag (vgl. S. 24).

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Geistige Verwandschaft durch Ablehnung von biergewordenem Abwaschwasser

Vielleicht sind es jedoch eher die ab und an aufblitzenden prophetischen Anwandlungen der Autorin Diane Duane. Das interne Elektronische Schwarze Brett der Enterprise (S. 43ff.) erinnert nämlich stark an Chatrooms, Foren und soziale Netzwerke, wie sie heute Gang und Gäbe sind. Wenn man sich vor Augen hält, wie viel Mark Zuckerbergs technische Umsetzung heute wert ist, muss man dem 1988 erschienenen Roman eine beachtliche Leistung zubilligen.
Damit jedoch nicht genug! Auch die Ereignisse des elften Kinofilms scheinen einen langen Schatten vorauszuwerfen. Nicht nur, dass Kirk Uhura beim Vornamen nennt (vgl. S. 193); auch viel kleinteiligere Bemerkungen machen so, ob gewollt oder nicht, einen Sinn.
Etwa Kirks augenzwinkernder Kommentar für Spock auf Seite 100 und Seite 101:

Spock hat uns einen allgemeinen Überblick auf die bevorstehende Situation gegeben. Bei den Diskussionsrunden in der Starfleet-Akademie bin ich immer gut zurechtgekommen, doch es ist eine Sache, mit Menschen zu reden. Bei Debatten mit Vulkaniern habe ich aber des öfteren den kürzeren gezogen.

Das erinnert natürlich stark an die Debatte zwischen Kirk und Spock ob der Manipulation des Kobayashi-Maru-Tests in der Aula der Akademie, in der der junge Mensch den Worten des Vulkaniers kaum etwas entgegenzusetzen hatte, zumal der Captain diesen Satz mit einem Blinzeln in die Richtung seines ersten Offiziers abschließt.
Ungleich tragischer lesen sich in diesem Zusammenhang die Zukunftsängste Suraks auf Seite 307, denn schließlich sollte der Mann mit seinen Befürchtungen recht behalten:

Vielleicht verlor man irgendwann die Furcht vor keinen Waffen dieser Art. Vielleicht konstruierte man eines Tages größere, die den Mantel des Planeten aufreißen konnten, bis hin zum Kern...

Weniger bemerkenswert ist hingegen die Übereinstimmung in der vulkanischen Rezeption des menschlichen Ballspieles American Football (vgl. S. 291). In der Tat ähneln die hiesigen Beschreibungen denen der Enterprise-Episode „Verschmelzung“ so stark, dass der Verdacht nahe liegt, die Schreiber der Serie hätten sich bei diesem Buch großzügig bedient.
Zu den kleinen Dingen, an denen man sich während des Lesens erfreut, gehören auch die ab und zu eingestreuten Formulierungen wie „sehlatmüde“ (S. 262) statt „hundemüde“ oder etwa der wunderschöne Satz „Das Klima war mit dem in Südkalifornien vergleichbar – nur mit noch weniger Regen.“ (S. 136), der auf eine traditionelle Volksweise aus Amerika anspielt.




Südkalifornien und Vulkan?

Wer die kurze Inhaltsangabe gelesen hat, wird schnell erkannt haben, dass diese für sich allein niemanden vom Hocker reißen kann. Duane griff daher zu einem Kniff, der diesen Erzählstrang zur bloßen Nebenhandlung degradiert und statt dessen die größte Aufmerksamkeit auf jene nur grob in einem Zusammenhang stehenden Kapitel über die Geschichte des Planeten Vulkan lenkt, die diesen Roman so besonders machen.
Als ich noch ein kleiner Junge war, faszinierten mich Geschichten um große Entdecker wie Kolumbus, Cook oder Nansen besonders stark. Aber bereits in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts war die Suche nach neuen Welten, unbekannten Lebensformen und neuen Zivilisationen auf unserem Planeten nicht mehr nötig und daher schlug mich Star Trek in seinen Bann: Der unerforschte Weltraum bot all die Möglichkeiten, die es auf der Erde längst nicht mehr gibt. Exotische Fremde, ferne Länder voller Wunder und Abenteuer warteten Woche für Woche auf ihre Entdeckung!
Irgendwann reichte aber auch das nicht mehr.
Längst konnte ich die einzelnen Spezies voneinander unterscheiden. Bei all den fremden Lebensformen wie Vulkaniern, Klingonen oder Borg begann ich mich allerdings irgendwann (natürlich rein hypothetisch) zu fragen, wie diese Kulturen überhaupt entstehen konnten. Wie wurden die Borg zu solch gnadenlosen Maschinenwesen? Warum ist der Kampf ein so zentraler Aspekt der klingonischen Gesellschaft? Wie entwickelten sich die Vulkanier von einer kriegerischen zu einer auf Logik basierenden Kultur?
Wer also ebenfalls ein verkappter Entdecker mit einem ausgeprägten Interesse für Geschichte ist, wird seine helle Freude an diesem Buch haben, denn es ist in der Lage, den Mantel des Schweigens, der die Vergangenheit der Vulkanier umgibt, zu lüpfen. Immer wieder ertappte ich mich während der eigentlichen Handlung dabei, wie ich nach vorn blätterte, um die verbleibende Seitenzahl bis zur nächsten Erzählung aus der vulkanischen Geschichte in Erfahrung zu bringen.
Erst die entsprechenden Kapitel „Vulkan: Zwei“ (S. 111 bis S. 133), „Vulkan: Drei“ (S. 165 bis S. 190) „Vulkan: Vier“ (S. 209 bis S. 231) und „Vulkan: Fünf“ (S. 252 bis S. 283) bieten außergewöhnliche Einblicke persönlicher Art und erhöhen allein durch ihre Anwesenheit den Roman zu einem Buch, das man gelesen haben sollte.
So erfährt der Leser in „Vulkan: Zwei“ von der einst üppigen Vegetation des Planeten, der Erfindung der Sprache sowie der ersten großen Naturkatastrophe, die ihn zu einer Wüstenwelt machte.
In „Vulkan Drei“ wird der Überlebenskampf auf der lebensfeindlichen Welt thematisiert und mit einer spannenden Komponente verbunden: Mutation und gezielte Selektion. Denn die scheinbar unbarmherzige Sonne hat nicht nur nachteilige Auswirkungen auf die Bewohner Vulkans, sondern bewirkt durch ungefilterte Strahlung auch die Herausbildung von Fähigkeiten, wie sie Menschen in gleicher Form nie zuteil wurden. Die sich daraus ergebenden gesellschaftlichen Konsequenzen sind in einer Weise beschrieben, die in ihrer Eindringlichkeit an die Eingangsszene2001: Odyssee im Weltraum“ erinnert.
Einen Schritt weiter geht „Vulkan: Vier“: Die Gesellschaft ist ausgeformt, ihre Fähigkeiten sind diversifiziert und jeder Clan hat sich seine eigene genetische Nische gesichert. Nun aber zeigt sich, dass die vermeintliche Kontrolle bestimmter Eigenschaften ihre Lücke hat.Ein moralischer Tiefpunkt der vulkanischen Gemeinschaft, der fast zwangsläufig im Tod enden muss.
Die moralische Sackgasse zeigt sich allerdings erst richtig im Abschnitt „Vulkan: Fünf“ in ihrer Gesamtheit. Primitive Emotionen wie Gier, Missgunst und Hass führen trotz fortgeschrittener Technologie zu einem sinnfreien Familienmassaker und beweist, obwohl, beziehungsweise gerade weil eigentlich niemand davon erfährt, warum Vulkan dringend der Hilfe eines Vordenkers wie Surak bedarf.
Diese vier Kapitel sind die Kronjuwelen von „Spocks Welt“, denn ihre Magie kann man nicht in einem Film, einer Folge oder gar einer ganzen Serie entfesseln. Ihrer scheinbar lose Struktur, ihr Zusammenhang auf der Interpretationsebene und ihre Verankerung in der größeren Geschichte kann man einzig und allein in Buchform erleben. Diane Duane verschafft durch diesen geschickten Schachzug der Star-Trek-Literatur einen verdienten Platz auf Augenhöhe mit den als kanonisch geltenden Vorbildern aus Film und Fernsehen, ohne etwa, wie die Shatner-Bücher oder die Destiny-Trilogie, die bislang unbedachte Zukunft etablierter Charaktere völlig auf den Kopf zu stellen.

Kritikwürdige Aspekte: So stark wie der Roman beginnt, so stark lässt er gegen Ende nach. Mal ganz abgesehen von der Rahmenhandlung um die Sezession Vulkans, die so wenig spannend wie logisch doch noch verhindert werden kann, ist es besonders betrüblich, dass selbst die letzten beiden vulkanzentrierten Handlungsbögen an Fahrtwind verlieren.
Natürlich muss am Ende der chaotischen Selbstfindungsphase des Wüstenplaneten Surak stehen. Allerdings ist der Spitzohr-Buddha in diesen Beschreibungen weniger der Beginn einer neuen Ära, sondern viel mehr der Anfang vom Ende eines guten Buches.
Die gesamten Umstände, unter denen er lebt, wirken zu sehr menschlich. Er arbeitet (äußerst amerikanisch) in einem Beratungs-Unternehmen (S. 305), stirbt (äußerst amerikanisch) durch die Hand von Terroristen (vgl. 324) und sein Pfad zur Erkenntnis wirkt wie die autobiografischen Erzählungen eines ewig gestrigen Hippies im Cannabis-Rausch (vgl. S. 304ff.). Hier versagt Duanes Einfühlungsvermögen, denn die sicherlich als Parabel auf die Entwicklung der Erde der Achtziger (atomare Bedrohung) gemünzte, jedoch aufdringlich moralisierende Story verwischt das bislang so sorgfältig aufgebaute Bild einer absolut anderen Gesellschaft, die sich unter abweichenden Bedingungen auch abweichend entwickelte, bis zur Unkenntlichkeit.
In der Tat erinnert Suraks Wirken sehr stark an eine mehr oder weniger bekannte irdische Figur namens Jesus. Der vulkanische Heiland hat alles, was sein jüngerer Erdenkollege auch vorweisen konnte: Ein wegweisendes Wüstenerlebnis (vgl. S. 310ff.) einen Saulus (vgl. S. 319ff.) und den aufopferungsvollen Tod eines Märtyrers (S. 324f.). Das stinkt gehörig nach kleinbürgerlicher Welt in den USA, in denen der sonntägliche Kirchengang noch ein gesellschaftliches Statussymbol ist.
Deweiteren vermag die pseudospirituelle Erweckungsgeschichte keinesfalls zu erklären, warum die Vulkanier sich überhaupt von Emotionen lossagen. Im Gegenteil! Papa Surak hat im Gegensatz zu hinlänglich bekannten Vorbildern wie Spock, Tuvok oder T'Pol einen „[...] ausgeprägten Sinn für Humor [...]“ (S. 319), erfährt „Enttäuschung“ (S. 322) und „machte sich große Sorgen“ (S. 323). Hinzu kommen diverse Widersprüche zu Informationen aus verschiedenen Star-Trek-Serien, die den Schilderungen der zentralen Figur der vulkanischen Geschichte auch das letzte Quäntchen Glaubwürdigkeit nehmen.
Was bei Surak beginnt, findet in schließlich Sarek eine farblose Fortsetzung.
Sareks Geschichte ist vor allem eines: neunundzwanzig Seiten bedrückender Belanglosigkeit. Die dargestellte Person hat kaum Schnittpunkte mit dem Vater Spocks und auch hier zeigt der Vulkanier eine nie dagewesene Emotionalität. Der gute Man lacht (vgl. S. 364) und lacht (vgl. S. 367) und lächelt (vgl. S. 357); mehr als er es seinem eigenen Sohn auf Zelluloid in irgendeiner Zeitlinie gewährt hätte.
Besonders enervierend ist die Fülle unnötiger Informationen über den Kopulationspartner Amanda Graysons.
Mich interessiert eigentlich gar nicht, welch elefantösen Ausmaße das Genital Sareks hat (vgl. S. 366), geschweige denn, dass er von Champagner immer Sodbrennen bekommt (vgl. S. 390).

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Vulkanierlatein in seiner Reinform

Selbst sein Sohn muss als Witzfigur herhalten und sich immerhin dazu erniedrigen, vor der versammelten Crew seines Schiffes „For he’s a jolly good fellow“ zu singen (S.390).
Wobei er in dieser Crew kaum peinlich aufzufallen vermag.
Mitunter beweist Duane nämlich einen nur wenig nachvollziehbaren Hang zu äußerst exotischen Lebensformen. Um jetzt nicht falsch verstanden zu werden: Ja natürlich ist (bei Star Trek und anderen Science-Fiction-Machwerken) das Leben im Weltall nicht nur auf humanoide Formen beschränkt (die zudem in „Das fehlende Fragment“ eine nachvollziehbare Erklärung findet), aber das ist kein Grund, gleich eine Crew der Extreme, bestehend aus Hortas (vgl. S. 13), Mizarthu (vgl. S. 82) oder Andalusianern (vgl. S. 95) zusammenzupuzzlen, der man eine gemeinsame Arbeit kaum mehr zutrauen kann. Ich für meinen Teil habe Probleme dabei, mir vorzustellen, wie ein Horta in den engen Turboliften eines Schiffes der Constitution-Klasse Platz findet (vgl. S. 39), ohne erkennbare Arme Eisenspäne in eine Schüssel mit Rohöl dippt (vgl. S. 95) oder auf dem Stuhl des Captains sitzen kann (vgl. S. 37).

Übersetzung: Wo 'Weltbild' draufsteht, muss noch lange nicht 'Weltbild' drin sein. Das merkt ein Leser dieses Buches, der sich mal den Spaß macht, es mit der eher schmucklosen Heyne-Paperback-Ausgabe zu vergleichen.
Das ergibt nämlich ein munteres Stelldichein mit alten Bekannten wie „Starfleet“ (S. 13), „romulanisches Bier“ (S. 23), „Diskussegment“ (S. 30), oder „Medo-Offizier“ (S. 289) – die Übersetzungen weichen nicht voneinander ab. Wie auch? Wer sich das Impressum ansieht, entdeckt schnell, dass es sich lediglich um eine Lizenzausgabe handelt (vgl. S. 4)
Aber wie sagt man auf englisch so schön: Never change a winning team.".
Wenn ich das jetzt mit „Verändere niemals ein gewinnendes Team“ wiedergeben würde, würden das viele Leser sicherlich wehklagen und zu Recht anmerken, dass dies eine schlechte und seelenlose Übertragung ist.
Wer das auch gerade gedacht hat, sollte sich besser am englischsprachigen Original festhalten, denn Andreas Brandhorst sparte nicht mit ähnlichen Konstrukten. Wortgruppen, Formulierungen und Halbsätze wie „eidetische Erinnerung“ (S. 9), „Erneut verschluckte er seinen Stolz [...]“ (S. 216) „[...] von Außenwelt [...]“ (S. 323) sind unwürdige Entsprechungen von „eidetic memory“, „He swallowed his pride [...]“ oder "[...] from without [...]".
Hinzu kommen noch ein paar deutlichere Fehler, etwa das "Smithonian Institution" (S. 14), der falsche Kasus in "ihre wahre Heimat" (S. 31) oder der Tippfehler „Seien Finger“ (S. 381).
Außerdem tappst der Übersetzer in eine so beliebte Falle, dass selbst Bastian Sick sie in einer Kolumne ansprach: Den Plural. Natürlich lautet die Mehrzahl von 'Locus' „Loci" (S. 70), ebenso wie bei anderen lateinstämmigen Substantiven wie 'Modus', 'Anus' oder 'Stimulus'.
Der Plural von 'Gravitationsnexus' lautet im Umkehrschluss allerdings nicht gleich "Gravitationsnexi" (S. 71), da er, wie bei anderen Wörtern wie 'Status', 'Habitus' oder 'Zensus' mit gedehntem 'u' gebildet wird. Aber wahrscheinlich ist das jetzt echt Korinthenkackerei und ich sollte gefälligst froh sein, dass es immerhin keine 'Gravitationsnexusse' geworden sind, zumal das Thema spätestens mit 'Kaktus', 'Abakus' und 'Apfelmus' unübersichtlich zu werden beginnt. Wie soll das dann erst werden, wenn mal irgend ein Übersetzer den Plural von 'Nagus' bilden muss?

Anachronismen: Größter Knackpunkt dieses Werkes ist die erdrückende Vielzahl an Anachronismen, von denen der größte Teil zwar darin resultiert, dass später entstandene Serien das hier geschilderte Vulkanierbild wie einen lästigen Wurm zertreten, andererseits jedoch auch 'ganz normale' Fehler auftauchen, die hätten verhindert werden können.
Beispielsweise hätte sich Duane die Idee eines chemischen Spracherwerbs (vgl. S. 146f.) klemmen können – unglaubwürdige Zukunftsmusik, im Angesicht derer ja sogar der Babelfisch aus Douglas Adams' „Per Anhalter durch die Galaxis“ als wissenschaftlich fundierte Theorie angesehen werden kann.
Ebenso weit vorgegriffen ist der für die Handlung so wichtige Computer mit selbstständiger Persönlichkeit (vgl. S. 366). Nicht nur, dass die Autorin aus „Terminator“, „2001: Odyssee im Weltraum“ oder den Werken des Star-Trek-Sympathisanten Asimovs nichts gelernt zu haben scheint; nein, dieses furchtbare Gerät stellt schon irgendwie Data, oder besser gesagt, dessen Emotionschip in Frage. Auch das Holodeck auf der USS Enterprise NCC-1701-A (vgl. S. 91) scheint zwar mit der TAS-Folge „Wüste Scherze“ übereinzustimmen, widerspricht jedoch der eigentlichen Einführung dieser Technologie in TNG.
Solcherlei Zeitüberwürfnisse sind jedoch an der Tagesordnung. So haben die USA noch einen Präsidenten (S. 355), Centaureaner sind eine eigenständige Spezies (S. 336) und Leonard McCoy erhält den Zweitnamen „Edward“ (S. 195), obwohl der Anfangsbuchstabe seines Mittelnamens in „Auf der Suche nach Mr. Spock“ noch mit „H.“ angegeben wurde.
Ähnlich sieht es mit Baseball aus. Die Baseballmeisterschaft von 2180 (vgl. S. 353) steht jedenfalls im Kontrast zur DS9-Episode „Macht der Phantasie“, in der behauptet wird, dass bereits 2042 die letzte World Series dieser Sportart ausgespielt wurde.
Befremdlichkeiten löst dann dieser Satz von Seite 367 aus:

Natürlich wird oft darauf hingewiesen, daß Kreuzungen zwischen verschiedenen Spezies unmöglich sind.

Wäre dem so, hätte nicht nur Spock, sondern auch recht wichtige Personen wie Deanna Troi, K'Ehleyr, B'Elanna Torres oder Naomi Wildman niemals das Licht einer Welt (oder eines Raumschiffes) erblickt – ein schwerwiegender Verlust, wenn die Worte Duanes zutreffen würden.
Dass dieser Umstand keinesfalls eintritt, kann man bereits an zwei beinahe schon traditionellen Fehlern erkennen. Zum einen dreht sich bei den Menschen, die eigentlich längst auf Geld verzichtet haben sollten, viel zu viel um den schnöden Mammon (vgl. S. 7, S. 14, S. 15, S. 20, S. 21, S. 24, S. 25, S. 26, S. 44, S. 147, S. 148, S. 247, S. 250, S. 301, S. 302, S. 383, S. 394). Zum anderen wirkt auch der Gebrauch von Papier (vgl. S. 15, S. 199 oder S. 329) äußerst antiquiert und dass auf der Erde zu dieser Zeit noch immer auf Verbrennungsmotoren zurückgegriffen wird (vgl. S. 352), erscheint gerade im Hinblick auf Tom Paris' Ausführungen zu Automobilen in „Die 37er“ unsinnig.
Mit den zeitlichen Angaben ist es so oder so ein verzwickte Sache. Verschiedene Andeutungen legen nahe, dass die geschilderten Ereignisse nach dem dritten (vgl. S. 61), nach dem vierten (vgl. S. 33) ja sogar nach dem fünften Kinofilm (vgl. S. 44) stattfanden. Nur auf den sechsten Film der Reihe finden sich (logischerweise) in dem 1988 erschienenen Buch keine Referenzen. Da wundert es einfach, dass Sulu noch immer auf der USS Enterprise dient, obwohl die neuerliche groß angelegte Wartung des Schiffes am Anfang des Buches der perfekte Zeitpunkt wäre, um endlich das erste eigene Kommando auf der USS Excelsior anzutreten.
Wenn es nur diese kleine Ungereimtheit wäre, könnte man geflissentlich darüber hinweg sehen. Doch so ziemlich sämtliche Zeitangaben dieses Werkes sind schlichtweg falsch!
Wenn man etwa liest, dass Sarek 2180 der längst nicht mehr stattfindenden Baseballmeisterschaft beiwohnte (vgl. S. 353) und maßgeblich das terranisch-vulkanische Handelsabkommen von 2192 mitgestaltete (vgl. S. 357), wundert man sich schon. Immerhin wurde Sarek erst 2165 geboren; ihn bereits mit fünfzehn Jahren als Mitglied des diplomatischen Corps mitzuerleben, ist vielleicht doch eine Prise Wunderkind zuviel.
Die äußerst detaillierte Biografie Sareks weist dementsprechend weitere Lücken auf. Warum ist dem Enkel Solkars die Erde so fremd? Solkar war laut Kreuzworträtsel in „Der Laufsteg“ immerhin der erste vulkanische Botschafter auf der Erde! Da sollte sich sein Nachfahr mit dem Planeten schon etwas auskennen.
Wieso bemüht sich Amanda Grayson im Angesichte Sareks denn so sehr um englisch-vulkanische Übersetzungen (vgl. S. 362), wenn dessen eigener Vater Skon dereinst selbst die Lehren Suraks (wahrscheinlich fehlerfrei) ins Englische übertrug, wie man in „Zwei Tage auf Risa“ kurz sehen kann?
Und wo ist überhaupt Sybok, der ältere Bruder Spocks?
Aber nicht nur Sarek allein, sondern seine ganze Spezies wird hier derart abgekanzelt. Deshalb ist es vielleicht mal an der Zeit, hier und jetzt öffentlich eine Lanze zu brechen:
Ich fand das in der Serie Enterprise entworfene Vulkanierbild großartig!
Die Arroganz, die Überwachung und das Misstrauen bildeten passende Charakterzüge für die von Logik angetriebene Spezies. Die Entwicklung weg von stellaren Kontrollfreaks hin zu gleichberechtigten Gründungspartnern war spannend mitanzusehen und das Mentorentum der Vulkanier gegenüber den stinkenden Erdlingen hat Pfeffer in die Handlung gestreut.
Dagegen ist das Vulkanierbild dieses Romanes trotz viel zu stark übertriebener Mentalkräfte oft öde, langweilig und fad. Direkt schade, dass Duane 1988 noch nicht beide Welten miteinander verbinden konnte! Immerhin trennten mehr als ein Jahrzehnt Buch und Serie.
Fast schon zwangsläufig kreuzen beide daher ihre Klingen.
So mutet etwa die angebliche Reisefaulheit der Vulkanier merkwürdig an (vgl. S., 100f.) – schließlich müssten in den Reihen der langlebigen Spezies noch viele Zeitzeugen (z.B. T'Pau) für jene Ära zu finden sein, in der vulkanische Schiffe das All bereisten!
Ähnlich verhält es sich mit der Aussage, dass im Vergleich zur Erde Andor den grünblütigen Logikfanatikern keine Probleme bereite (S. 163) und der vulkanischer Leitartikel (vgl. S. 191) suggeriert in diesem Zusammenhang unpassenderweise, dass sich die Vulkanier nie militärischen Potentials zur Konfliktlösung bedienten.
Am untreffendsten bringt es auf den Seiten 294 und 295 Pille vor einer Ansammlung von Vulkaniern auf den Punkt:

Wir Menschen. Ein besonders schwieriger Fall. Eine aggressive, scheußliche und unangenehme Spezies – der es trotzdem gelang, ins All vorzustoßen und Freundschaft mit anderen Völkern zu schließen [...]“

So weit, so richtig, doch dann folgt der alles entscheidende Einschub:

„[...] ohne Sie vorher um Rat zu fragen.

Das sahen, bei Jonathan Archer angefangen, wohl alle Menschen des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts anders. Die fast hundert Lenzen währende Bevormundung der Menschheit durch die Vulkanier, die immerhin in Henry Archer ein prominentes Opfer fand, bleibt wohl ebenso unvergesslich in das kollektive Gedächtnis der Menschen implantiert, wie der heimtückische Anschlag auf die Erdbotschaft in „Der Anschlag“. Dieses von Romulanern und Vulkanier angesetzte Komplott widerlegt jedenfalls die Behauptung, es würde kein menschliches Blut an vulkanischen Händen kleben (vgl. S. 299).
Im Großen und Ganzen ähneln die äußerst emotionalen Vulkanier (allen voran Sarek) dieses Buches eher den abtrünnigen V'tosh ka'tur aus „Verschmelzung“, und haben nur wenig mit den auf Gefühlskontrolle bedachten Personen zu tun.
Die meisten dieser Fehler betreffen die Nebenhandlung um die Sezession Vulkans, die durch diese Anhäufung von Unstimmigkeiten unschöne Risse erhält. Da sie jedoch ohnehin der vernachlässigungswürdigste Teil des Romans ist, fallen sie nicht weiter ins Gewicht.
Daher ist der traurige Höhepunkt, dass mit dem Surak gewidmeten Kapitel „Vulkan: Sechs“ auch hier mit dem durch Enterprise gesäten Kanon kein gemeinsamer Nenner gefunden werden kann.
Jonathan Archer, selbst kurzzeitig Träger der Katra Suraks, hat in seinen Visionen den alternden Philosophen getroffen. Das in „Zeit des Erwachens“ gezeichnete Bild unterscheidet sich deutlich von den Darstellungen dieses Kapitels. Ganz zentral ist dabei, dass die in der Wirkenszeit des vulkanischen Heiligen nicht Antimateriewaffen (vgl. S. 304ff.), sondern simple Atombomben die Existenz des Planeten bedrohen. Es kommt, deutlich zu sehen, sogar zur Zündung solcher Waffen – eine Wendung, die diesem lahmen Abschnitt des Werkes gut getan hätte.
Gut vielleicht für die Handlung, weniger gut natürlich für den Planeten selbst. Nach Fehldarstellungen bei Sarek, den Vulkaniern an sich und schließlich auch Surak, darf die Heimat all dieser Wesen natürlich nicht fehlen.
Hier ist es allerdings eher der elfte Kinofilm, der mit seinen Bildern Beschreibungen etwa von geringer Gebäudehöhe (vgl. S. 202) oder fehlendem Leben auf anderen Planeten des Systems (S. 75, Delta Vega!) widerlegt. Besonders aber die Einwohnerzahl von sechs Milliarden in dieser alternativen Zeitlinie lässt sich nur schwer mit den mindestens 14 Milliarden Bewohnern in Einklang bringen, die hier dem geflügelten Wort „Die Wüste lebt“ ungeahnte Bedeutungsnuancen verleihen.
Abschließend sei auch erwähnt, dass bereits in den einleitenden Beschreibungen zur Frühgeschichte des Planeten (vgl. S. 78) die Eingriffe jener Proto-Humanoiden, deren Programm in der TNG-Episode „Das fehlende Fragment“ die Basis für humanoides Leben legten, unerwähnt bleiben.
Die hier aufgezählten Anachronismen sind allerdings lediglich die Spitze des Eisberges. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich bei einem so frühen Werk viele Fehler finden lassen, und daher musste ich mich auf eine Auswahl beschränken.
Daher sei der Vollständigkeit halber angemerkt, das die Widersprüche sogar bis zu anderen Büchern reichen. So wird aus T'Khut in „Sarek“ mal eben T'Rukh, T'Pring wirkt in „Spock“ ungleich versöhnlicher und über die Widersprüche zu ShatnersDer Rächer“ sei mal nur am Rande berichtet.
Alles in allem sind die Unmengen an Falschinformationen dem Lesevergnügen abträglich, denn den Anspruch, die Geschichte einer ganzen Welt ohne Konflikt mit dem Kanon in einem Buch zu erzählen, kann dieser Roman nicht gerecht werden.

Fazit: „Spocks Welt“ ist ein außergewöhnliches Buch, dass außergewöhnliche Einblicke in die Geschichte eines Gründungsmitglieds der Föderation zu bieten hat.
Aber der Zahn der Zeit hinterließ seine Spuren im Werk: Anachronismen nagen wie Karies am Backenzahn der Handlung, und die vielen neuen Informationen, die es in den verschiedenen neuen Serien seit 1988 gegeben hat, hinterlassen einen ausgehöhlten Elfenbeinturm, der nur oberflächlich betrachtet stabil zu sein scheint. Eigentlich sehr schade, denn die ersten Kapitel zur Geschichte Vulkans gehören zu den lesenswertesten, die die Star-Trek-Literatur zu bieten hat.

Denkwürdige Zitate:

Ar captean an t-arthaigh an rhealtai Eachtra.
Ein Ire, S. 22

Go maire tú bhfad agus rath.
Renny, S. 26

Wir sind ebensowenig ein vollkommen einheitliches Volk wie die Menschheit.
Spock, S. 59

Doktor, in der vulkanischen Sprache geht das Wort für 'Idiot' auf einen zusammengesetzten Ausdruck zurück, der 'wer nicht an öffentlichen Debatten teilnimmt' zurückgeht.
Spock, S. 64

Alle Ärzte sind Detektive. Zumindest diejenigen, die etwas taugen.
McCoy, S. 335

Bewertung: Stark angefangen, stark nachgelassen.

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