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Samstag, 13. Juli 2013

Nullsummenspiel

Buchbesprechung: Mack, David: Nullsummenspiel. Cross Cult, 2010/ 2013.

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Story: Als eine alte Flamme auftaucht, lässt sich der Stationsarzt und genetisch aufpolierte Sternenflottenaugment Julian Bashir dazu überreden, an einem geheimdienstlichen Sondereinsatz der besonderen Art mitzuwirken. Zusammen mit der von ihm kurierten Sarina Douglas bricht Bashir in das Territorium der mysteriösen Breen auf, um die Jungfernfahrt eines im Bau befindlichen Slipstream-Prototyps zu sabotieren.
Der Typhon-Pakt setzt alle Hoffnungen auf die neuartige Technologie, die man dem Erzrivalen entwendet hatte, um militärisch mit der Sternenflotte auf Augenhöhe agieren zu können. Also bahnen sich Douglas und Bashir ihren Weg durch die fremde Welt, stellen unerwarteten Kontakt zu einer Widerstandsbewegung her und sammeln wertvolle Informationen über den fremdartigen Gegner. Doch den beiden Menschen, die tief im Feindesland operieren, rennt nicht nur allmählich die Zeit davon. Längst hat der Geheimdienst die Witterung der beiden Eindringlinge aufgenommen und schafft es sogar, einem von beiden habhaft zu werden...

Lobenswerte Aspekte: Destiny Reoladed! Lange hat der deutschsprachige Leser warten müssen: Als am Ende des letzten Destiny-Bandes "Verlorene Seelen" der Typhon-Pakt als Gegenpol zur krebsgleich wucherndern Föderationsgeschwür begründet wurde, versprach dieser Umstand neues Leben für die angestaubte Bücherwelt, die sich ja durch die Auslöschung der Borg einem der spannendsten Gegner selbst entledigt hatte. Denn aus dem überraschenden Zusammenschluss von so unterschiedlichen Bündnispartnern ergab sich ein großes Potential.
Zum Einen versprechen die illustren Bundesgenossen durch ihre Divergenz bereits ein Maximum an Unterhaltung. Die hinterlistigen Romulaner im selben Raum mit den grobschlächtigen Gorn, den fanatischen Kinshaya, den zickigen Tholianern, den paranoiden Breen und den unberechenbaren Tzenkethi: Das allein klingt ja eigentlich schon wie die Einleitung eines Herrenklowitzes des vierundzwanzigsten Jahrhunderts.
Dabei könnten allein die Probleme in der Zusammenarbeit von so unterschiedlichen Fraktionen bereits einen eigenen Roman füllen. Als Gegenentwurf zur oft schon zu klinisch rein anmutenden Föderationswelt führt es auf seine eigene Weise die Vision Gene Roddenberrys über ein Universum fort, in dem dessen Bewohner ihre Differenzen überwinden und zusammenarbeiten. Damit hält man den mittlerweile etwas verkrusteten Strukturen der Menschen eine Spiegel vor, der durchaus seinen Reiz hat.
Zum Anderen hat die Sternenflotte durch diese Allianz, die getreu dem Motto "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" (der Kirk der alternativen Zeitlinie lässt grüßen) beinahe schon logischerweise zueinander fand, endlich wieder einen ernst zu nehmenden Gegner auf militärischen Gebiet. So traurig das auch sein mag, aber Destiny lebte weniger vom Forschungsgeist seiner Charaktere, sondern viel mehr von der Spannung, die der totale Krieg gegen die Borg auslöste. Nun, da die Cardassianer am Boden liegen, die Klingonen mit den Menschen alliiert sind, das Dominion im Dornröschen-Schlaf zu verbleiben scheint und auch die Romulaner durch die Hobus-Supernova keine ernsthafte Bedrohung mehr darstellen, wurde Star-Trek-Star-Autor David Mack also vor der eigenen Haustür fündig und pferchte einfach die verbliebenden Mittelmächte des Alpha- und Betaquadranten zu einer gemeinsamen Supermacht zusammen.
Damit allein vermag dieses Buch aber noch keinen Blumentopf zu gewinnen. Auch wenn Destiny sich eigentlich um den heuschreckenartigen Borgeinfall drehte, gab es einen Aspekt, der die Trilogie zu etwas Besonderem machte: Die Caeliar.
Mack schaffte es, ein schwammiges Konzept aus der Science-Fiction-Schublade zu holen, daran herumzuschrauben und es auf Hochglanz poliert als spannendes Storyelement zu platzieren. Damit statuierte aber nicht nur ein eindrucksvolles Exempel großartiger Science Fiction, sondern setzte auch die Messlatte für künftige Romane hoch an.
Sollte es ihm noch einmal gelingen, ein ähnlich beeindruckendes Kaninchen aus dem Hut zu zaubern?
Tatsächlich gelang ihm genau das!
Deklariert man das Volk der Caliar der heimliche Höhepunkt der Destiny-Reihe, so kann man mit Fug und Recht Macks Breen-Konzeption als Krönung dieses Buches bezeichnen. Trotz der sporadischen und häufig auch widersprüchlichen Informationen zu dieser Spezies innerhalb der Serien und Filme gelang es Mack, die Breen glaubhaft und vor allem völlig dem Kanon entsprechend als multikulturelles Volk mit Konformitätsneurose darzustellen. Durch seine Erklärungen ergeben die bisherigen Darstellungen, verschiedenen Auftritte und sogar vermeintlichen Anachronismen plötzlich einen Sinn. Mack setzt die losen Informationen wie Puzzleteile passgerecht zusammen, während man als Leser mit schier fassungslosem Erstaunen feststellen muss, wie nahtlos seine Interpretation sogar die weit klaffenden Lücken des offiziellen Kanons schließt (vgl. z.B. S. 47ff.).
Bei aller Fremdartigkeit erkennt man in der Breen-Gesellschaft aber auch immer wieder Muster, die problemlos aus dem Leben normaler Menschen unserer Tage stammen könnten. Dazu zählen Dissidenten-Bewegungen (vgl. S. 181ff.) genauso wie spießig möblierte Neubaublockwohnungen (vgl. S. 158), aber auch auffällige Parallelen zur Online-Überwachung von Personen durch Google, NSA oder britischem Geheimdienst (vgl. z.B. S. 199ff.). Doch das lüftet in meinen Augen weniger den Schleier des Geheimnisvollen, der die Breen innerhalb der Franchise stets umgab, sondern bietet genau das, was gute Science-Fiction-Literatur ausmachen sollte: Die Abstraktion der Gegenwart durch einen Blick in die Zukunft. Insofern ist es nur folgerichtig, dass sich der Typhon-Pakt sogar klanglich an den "Warschauer Pakt" anlehnt und gleich mehr als einmal von einem "Kalten Krieg" (vgl. z.B. S. 16, S. 188 oder S. 301) gesprochen wird. Ohne große Umwege wird die Politik des "Gleichgewicht des Schreckens" kritisch beleuchtet, der die Erde bereits im zwanzigsten Jahrhundert an den Rand der Zerstörung geführt hatte.
Das bleibt allerdings nicht der einzige nachdenkliche Moment der größtenteils von explosiver Action bestimmten Handlung. Bemerkenswert bleibt Doktor Julian Bashirs Wandlung vom ethisch integeren Mediziner zum mordenden Geheimagenten, die sich im Rahmen der Story langsam entwickelt. Fast könnte man meinen, dass Bashirs Augment-Zugehörigkeit die Kontrolle übernimmt und sich der Stationsarzt in einen Khan-Derivat verwandelt, der selbst den Standards des letzten Kinofilms "Into Darkness" genügen würde. Oder deutet seine plötzliche Neigung zu Bärten (vgl. S. 31) eher in Richtung Spiegeluniversum?
Ansonsten lebt das Buch in erster Linie vom beeindruckenden Schreibgeschick seines Autoren. David Mack lässt wie gewohnt Informationen von der Mattscheibe (vgl. z.B. S. 43ff., S. 93, S. 374ff. uvm.) und der Bücherwelt (vgl. z.B. S. 14fff., S. 29f., S. 36 uvm.) einfließen, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Bashir wird sogar mit Attributen belegt, die auf Siddig El-Fadils Rolle in "Vertical Limit" verweisen (vgl. S. 259f.). Das alles geschieht, ohne dass der Roman an Tempo, Spannung oder Erzählfluss verlieren würde, so dass der Leser von den Ereignisse mitgerissen wird, bis er erschrocken auf der letzten Seite angelangt ist.

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Kritikwürdige Aspekte: Destiny reloaded? Mitnichten!
Der Typhon Pakt ist nicht Destiny. Kann er auch gar nicht sein, denn den mitreißenden Ton einer unabwendbaren Apokalypse trifft dieses eher politische Thema nachvollziehbarerweise nie. "Nullsummenspiel" ist eben kein Auftakt für eine neue Trilogie, sondern viel eher der Einstiegsband in eine neue Erzählära, in der sich verschiedene Autoren der Fortführung der Grundidee einer neuen Bedrohung widmen.
Dass man sich für den Auftakt die Mitarbeit des Vorzeige-Schreibers David Mack sicherte, erscheint besonders im Himblick auf den Erfolg der Destiny-Reihe nicht weiter verwundertlich, doch zu oft blitzt der Verdacht auf, dass der Stareinkauf mit diesem Werk nur Dienst nach Vorschrift ableistet, statt wirklich Herzblut in die Sache zu legen.
Seinen Anfang nimmt dieser schleichende Eindruck in der erstaunlichen Anzahl an Zufällen, die den Charakteren immer wieder in die Hände spielen. Im Einsatz fällt Bashir etwa ein, dass er zum Glück auf der USS Aventine die Zeit gefunden hatte, den adäquaten Umgang mit einem Bolzenschussgerät zu erlernen (vgl. S. 292). Zum Glück fällt Bashir an der Außenhülle eines Frachters versteckt auf, dass sein Untersatz Schildsysteme zum Schutz vor atmossphärischer Reibung einsetzt (vgl. S. 282). Und zum Glück ähneln die Konsolen auf einem Breen-Arbeitsvehikel denen von Sternenflottengefährten so sehr, dass Bashir bei der Bedienung keine Steine in den Weg gelegt werden (vgl.S. 324)
Als ob solche ständig auftretenden Glücksfälle noch nicht bemüht genug wirken würde, geht vieles in diesem Buch erstaunlich einfach: Die Infiltration einer völlig unbekannten Kultur, der rasch hergestellte Kontakt mit einer lokalen Dissidenten-Filiale oder die Sabotage einer Top-Secret-Hochsicherheitsanlage.
Beinahe scheint es, als ob Mack lediglich bei der Grob-Gestaltung des Breen-Entwurfs mit der notwendigen Sorgfalt vorging und die Lücken in der Handlung mit der Zweitverwertung von bekanntem Rohmaterial ausfüllte. So ist die Mitnahme von getarnter klingonischer Verstärkung (vgl. S. 173) seit "Der Überläufer" ein ebenso alter Hut wie an "1984" angelehnte Folterszenen (vgl. S. 277ff. oder S. 285ff.) seit "Geheime Mission auf Celtris III, Teil II". Auch dass Bashir nach seinen Agentenabenteuern in "Der Abgrund" schon wieder nach der Lizenz zum Töten greift (vgl. z.B. S. 37, S. 55 oder S. 77f), vermag es nicht, auch nur einen Fenrisal hinter dem Ofen vorzulocken.
So kann man auch auch dem finalen 'Cliffhanger', der mit der Sektion 31 ein weiteres hinlänglich bekanntes Element ins Spiel bringt, keine allzu große Originalität unterstellen. Im Endeffekt ist das Buch nur eine gute Idee in einer halbleeren Kiste, die mit viel Banalität großzügig ausgestopft wurde.
Diese Mittelmäßigkeit findet in den 'Essays' seine Fortsetzung, die aus der Feder Christian Humbergs stammen. Sie verraten wenig bis gar nichts, was man nicht schon zuvor erfahren konnte und lesen sich wie bessere Werbetexte. Vorbei scheinen die Zeiten, als sich Cross Cult noch mit klugen Analysen, detaillierten Centerfolds oder spannenden Interviews als besonders Fan-orientiert profilierte.
Doch zurück zum Buch. Sein allergrößtes Manko liegt in meinen Augen in den flachen Charakteren. Abgesehen von Bashir wirken angefangen bei Ezri Dax über Chot Nar bis hin zu Thot Keer sämtliche Figuren hölzern, oberflächlich und wie ein Mittel zum Zweck. Ihre Motive und Beweggründe bleiben größtenteils im Dunklen und selbst wenn einmal ein Fünkchen Lebensnähe aufkeimt, wirkt es sofort gekünstelt und gestellt. Selbst Sarina Douglas vermag es trotz des vielen Raumes nicht, nennenswerte Charakterszenen auf sich zu vereinen. Viel eher bestimmt explosions- und schießwütige Action die Story, während die zwischenmenschlichen (oder zwischenbreenige) Momente in den Hintergrund geraten. Es erinnert eher an einen Star-Trek-Film aus dem Abramsverse, als an eine Folge TNG oder Deep Space Nine.

Übersetzung: Exemplarisch für die Übersetzungsleistung in diesem Buch soll einmal dieser Satz von Seite 55 herhalten:

"Ich werde mit dir oder ohne dich nach Salavat gehen […]."

Wohl sicher nicht von ungefähr erinnert diese Formulierung an die hyperkorrekte Verwendung von "Mit dem oder ohne den Rest der Flotte?" im zehnten Kinofilm. Kerstin Fricke liefert wirklich gute Arbeit ab, auch wenn ich mir an der einen (vgl. S. 190) oder anderen Stelle (vgl. S. 200) ein "dass" anstelle des dortigen "damit" gewünscht hätte. Aber abgesehen von der englisch belassenen Kombination "Tzenkethi-Harrier" (vgl. S. 213) gibt es kaum was zu mäkeln. Wenn das zum neuen Standard bei Cross Cult wird, werde ich wohl in Zukunft wieder auf diesen Unterpunkt in meinen Rezensionen verzichten müssen...

Anachronismen: Unpassender als mit einem Chamberlain-Zitat (vgl. S. 7) hätte man das Buch, in dem die Föderation weniger passiv wirkt als in ihrer gesamten Serien- und Filmgeschichte, nicht starten können. Ausgerechnet die Galionsfigur der britischen Appeasement-Politik im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges zu bemühen, war aber wohl eher dem ebenso eigensinnigen wie sympathischen Humor David Macks geschuldet.
Obgleich seine Breen-Interpretation meines Erachtens vergleichsweise wasserdicht ist, gibt es einige Haarrisse.
So mutet der Arbeitskräftemangel, über den sich Thot Keer beschwert (vgl. S. 231ff.), etwas merkwürdig an, da die Breen laut "Indiskretionen" kein Problem damit haben, auf Sklavenarbeit zurückzugreifen. Trotz dieses Umstands werden die unfreiwilligen Hilfskräfte - trotz mannigfaltiger Möglichkeiten – auf keiner Seite erwähnt.
Ferner störte mich ein klein wenig, dass sich die multiethnischen Breen schließlich als eine Art Föderation im Kleinformat entpuppen und als solche Teil einer neuartigen Föderation sind, die der etablierten Föderation das Fürchten lehren soll. Bei so vielen Föderationen sind Identifikationskrisen wohl schon vorprogrammiert...

Fazit: David Mack entführt seine Leser in neue Welten, zeigt ihnen unbekannte Lebensformen und nimmt sie mit dorthin, wo nie ein Leser zuvor gewesen ist. Die Gesellschaft der Breen ist der unbestreitbare Höhepunkt des Buches, hinter dem Handlung, Charaktere und Originalität unweigerlich ins zweite Glied rücken.
Ohne Frage ist "Nullsummenspiel" spannend geschrieben, temporeich erzählt und fesselnd verpackt, doch im Vergleich ist es eher ein schwächeres Werk aus der Feder des Star-Trek-Star-Autoren. Aber selbst schwächere Bücher Macks sind immer noch im oberen Mittelfeld anzusiedeln und wer mit einem Action-Spektakel und nur wenigen Denkanstößen leben kann, wird Gefallen am Typhon-Pakt-Auftakt finden.

Denkwürdige Zitate:

"Erobern, desinfizieren, homogenisieren. Das ist die Art der Sternenflotte."
Julian Bashir, S. 36

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"Alles, was ich je wollte, war, großartige Raumschiffe zu bauen. Wenn ich gewisst hätte, dass ich es dabei mit Politikern zu tun bekomme, wäre ich Koch geworden."
Thot Keer, S. 63

"Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage... aber wir leben in unsicheren Zeiten, Frau Präsidentin."
K'mtok, S. 211

Bewertung: Ein Breen macht noch lange keinen Winter.

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Weiterführende Leseliste:

Typhon Pact 01: Nullsummenspiel
Typhon Pact 02: Feuer

Freitag, 6. Mai 2011

Den Frieden verlieren

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Buchbesprechung Leisner, William: Den Frieden verlieren. Cross Cult, 2011.

Story: Der von den Borg aufgewirbelte Staub hat sich inzwischen gelegt und nun ist es für die angeschlagene Föderation an der Zeit, sich die Wunden zu lecken.
Zahlreiche Welten liegen in Trümmern, Flüchtlingen vegetieren zusammengedrängt auf engstem Raum und die Milliarden Opfer hinterlassen Billionen trauernde, traumatisierte und verstörte Angehörige.
Zu ihnen gehört auch Jasminder Choudhury, deren Familie auf Deneva den Tod fand. Ihre kürzlich begonnene Liaison mit Worf, dem ersten Offizier der USS Enterprise NCC-1701-E, leidet schnell darunter und mehr und mehr zieht sich die stets so ausgeglichene Sicherheitschefin in ihr Schneckenhaus zurück. Selbst als ihr Schiff einen Transporter ausmachen kann, der Flüchtlinge ihrer Heimatwelt beherbergt, trägt dies nicht sonderlich zur Aufhellung ihrer Stimmung bei, denn Choudhury ist sich nur zu gut bewusst, was sich in den letzten Stunden ihrer Familie und ihrer Heimatregion zugetragen hat.
Derweil verbringen Kadohata und die schwangere Beverly Crusher etwas gemeinsame Zeit auf dem malerischen Meeresplaneten Pacifica. Doch nicht die Traumstrände locken die beiden Frauen, sondern die prekäre humanitäre (bzw. ‚spezitäre’)Lage in den Flüchtlingscamps des Planeten, die von den Einheimischen als Ärgernis empfunden wird. Zusammengepfercht, unterversorgt und von einem grassierenden Krankheitserreger bedroht eskaliert die Lage mehr und mehr, bis sich Beverly in ihrer Not an ihren Mann wenden muss und sich Kadohata mit einer Waffe in der Hand zwischen den Fronten der einheimischen Sicherheitskräfte und eines wütenden Mobs aufgebrachter Lagerinsassen wiederfindet…

Lobenswerte Aspekte: Eine Frage schwebte unheilvoll über meinem Schädel, während ich dieses Buch förmlich verschlang:
Bin ich vielleicht eine Frau?
Die Umstände legen es nahe!
Selten, um genau zu sein nie hat mich ein Buch so berührt wie dieses. Vielleicht liegt es nur daran, dass das Thema Tod mich ohnehin gerade im Besonderen beschäftigt oder dass Schlaf in den letzten paar Wochen Mangelware für mich war, doch dieser Science-Fiction-Roman hat es tatsächlich geschafft, mich auf emotionaler Ebene zu berühren.
Als Mann gebe ich so etwas natürlich ungern zu, aber wenn man zuvor David Macks Destiny-Trilogie gelesen hat und weiß, mit welcher Wucht der Borg-Einfall den Alpha- und Beta-Quadranten erwischte, wird man sich nur schwer dem menschlichen und außerirdischen Leid entziehen können, dass hier so schonungslos wie nie zuvor präsentiert wird.
So bekam selbst ich, der ich (selbstverständlich zu Unrecht) zuweilen als Macho verschrien bin, hin und wieder feuchte Augen und fühlte mich wie ein Voyeur, der sich an dem Leid anderer Leute ergötzt. Des Öfteren nickte ich vom Mitgefühl gepackt mit dem Kopf, wenn das traditionelle Star-Trek-Motiv „Tod und Krieg sind immer sinnlos“ zur vollen Blüte reifte und soviel sei bemerkt: das war ziemlich oft (jedoch nicht unerträglich oft) der Fall.
Dienlich ist dies vor allem den Figuren, denn so erhält ein jeder von ihnen ausreichend Platz zur freien Entfaltung. „Den Frieden verlieren“ ist ein Charakterroman der angefangen bei Jasminder Choudhury, Miranda Kadohata oder T’Ryssa Chen selbst alte Hasen wie Jean-Luc Picard, Geordi La Forge oder Beverly Crusher zugute kommt.
In diesem Zusammenhang sind besonders die Rückblenden von besonderem Interesse, denn sie leuchten nicht nur weiße Flecken auf der biografischen Landkarte einiger Figuren aus, sondern schaffen den Balanceakt, die Motive und Entwicklungskurven der einzelnen Personen zu erklären (vgl. S. 17, S. 105 oder S. 15ff.).
Bei all der Trauer gibt es aber auch einen Silberstreif am Horizont für all jene, die nicht unbedingt Freunde der bedrückten Stimmung sind. Tatsächlich gelingt es dem Autor William Leisner eindrucksvoll, den von Mack eher vernachlässigten Charakter T’Ryssa Chen zu entstauben und zu einem kongenialen Crewmitglied zurechtzubiegen, dass ein wenig Pepp in die ernste Angelegenheit zu streuen vermag (vgl. z.B. S. 62, S. 118ff. oder S. 201ff.).
Vor allem dieser Chen betreffende Satz von Seite 300 hat es mir wirklich angetan:

„Hier haben Sie ihre Autorisierung“, fauchte sie und bedachte ihn mit einer Handgeste, die ein vulkanischer Gruß hätte sein können, wenn dazu nicht drei Finger gefehlt hätten.

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Erdengestik meets Vulkanischen Gruß

Interessant daran ist allerdings nicht nur das Gleichnis, sondern vor allem die abweichende Rezeption, mit der Vulkanier hier auf ein gängiges Erdensymbol blicken.
Denn um ehrlich zu sein dreht sich bei Star Trek das gesamte Universum viel zu oft um die Menschheit und es ist in dieser Hinsicht erfrischend, einmal andere Perspektiven zu erfahren. So ist neben dem Vergleich irdischer und vulkanischer Gestik vor allem die Rezeption des irdischen Mittelalters durch Betazoiden (vgl. S. 149) und die Entsexualisierung des risanischen Jamaharon durch eine Einheimische (vgl. S. 11f.) wahrhaft wohltuend.
Besondere Bedeutung kommt Leisners Roman allerdings dadurch zu, dass es einen Neuanfang markiert, denn abgesehen davon, dass dieses Buch eines von dreien ist, in dem zeitgleich der Typhon-Pakt das erste Mal angesprochen wird (vgl. S. 316ff.), markiert es den Startpunkt für wirklich neue Abenteuer.
Die Borg sind tot, die anderen Mächte verbünden sich um einen Gegenpol zur Föderation zu bilden und die eigene Organisation ist in ihren Grundfestene erschüttert. Das allein macht es schon spannend, doch Leisner gelingt das Kunststück, die Crew endlich zusammenwachsen zu lassen. Wie sagt Picard auf Seite 279 so schon programmatisch?

Ich glaube, dieses neue Team beginnt endlich, zusammenzufinden.

Und nicht nur dass! Die neue Zusammenarbeit mündet in einer Katharsis, die in einem direkten Gegensatz zur hier ebenfalls angesprochenen (und völlig deplatzierten) Meuterei in Peter DavidsHeldentod“ (vgl. S. 56 und S. 176) steht und eine neue Ära der Enterprise einläutet. Besonders die antithetisch zu verstehende Weigerung Worfs, seinem Captain erneut das Kommando zu entziehen bietet durch seine Lösung hoffnungsvollere Ansätze für kommende Romane (vgl. S. 28ff.). Eine neue Crew hat sich endlich zusammengerauft, arbeitet Hand in Hand und bringt dem verdientesten Schiff der Flotte eine Reputation zurück, die einige von Leisners Vorgängern für fragwürdige Entwicklungen (Zauberborg, Meutereien oder Liebesschnulzen) aufs Spiel gesetzt haben. Die neue Mannschaft wird zwar Data, Riker oder Troi niemals das Wasser reichen können, verfügt aber über genügend Potenzial, um eine eigene Geschichte zu schreiben.

Kritikwürdige Aspekte: Wer in diesem auf Destiny unmittelbar aufbauendem Werk eine spannende Handlung sucht, muss unweigerlich enttäuscht werden. Das Actionfeuerwerk, die Raumschlachten und Phasergefechte der drei Vorgänger bleiben dieses Mal aus und die Geschichte ist zwar nachvollziehbar, aber beim besten Willen kein Kracher.
Das kann auch gar nicht der Anspruch dieses Buches sein, denn wie David Mack in seinen Schlussworten in „Götter der Nacht“ bereits zu Recht anmerkte, oblag es Personen wie Kirsten Beyer, die von seinem Vorgänger verursachten Scherben zusammenzukehren. Leisner hat ihr in diesem Gleichnis wohl den Müllbeutel gehalten.
Gerade im Hinblick auf diesen Umstand wäre allerdings ein weiterer begleitender Essay, der der Einordnung der beschriebenen Ereignisse gedient hätte, äußerst hilfreich gewesen.
Was für eine Situation herrscht in der Föderation? Ist dies ein Präzedenzfall in der Geschichte der Sternenflotte? Wie verhält es sich mit dem Typhon-Pakt?
Gerade letztere Frage bietet die Möglichkeit, das Buch mit zwei anderen Werken zu vergleichen: „Einzelschicksale“ und den fünften Titan-Band „Stürmische See“ (ein drittes Buch, „Full Circle“ von Kirsten Beyer, in dem es um den Fortgang der Ereignisse für die Voyager geht, ist bislang noch nicht in deutscher Sprache erschienen).
Während Titan dabei etwas außer Konkurrenz läuft, verdichtet sich relativ schnell den Eindruck, dass „Einzelschicksale“ eher auf die politischen Auswirkungen fixiert ist, während „Den Frieden verlieren“ die Aufgabe hat, die Ereignisse von der menschlichen, oder besser emotionalen Seite zu betrachten. Ein Indiz für diese These wäre, dass sich Hinweise auf „Einzelschicksale“ erst gegen Ende dieses Buches bemerkbar machen (vgl. 315ff.)
Einen weiteren Kritikpunkt wert sind die Abspaltungstendenzen verschiedener Föderationswelten wie sie in diesem Buch besprochen werden (vgl. S. 247ff. oder S. 317f.).
Nachdem bereits eine Vielzahl der Planeten, die man aus Filmen und Serien kannte, durch den Borg-Einfall in Destiny zerstört wurde, droht der Föderation nun Ungemach, weil verschiedene Welten mit dem Gedanken spielen, den Verein zu verlassen. Damit gehen die Star-Trek-Autoren das Risiko ein, das dem Zuschauer vertraute Bild des Star-Trek-Universums so weit zu entfremden, dass es seinen Wiedererkennungswert irgendwann verliert.
Überhaupt wirkt diese Entwicklung nicht allzu glaubwürdig. Heruntergebrochen auf die jüngeren Ereignisse der Erdengeschichte muss man doch festhalten, dass sich das Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg nicht an Frankreich anschloss oder Louisiana trotz Katrina noch immer zu den USA gehört. Es passt schlichtweg nicht, dass in einer Zukunft, in der die Menschheit nach Weiterentwicklung strebt, seine Wurzeln derartig verneint und zu solcher Illoyalität neigt.
Befremdlich wirkte außerdem der Vergleich des capellanischen Admirals Leonard James Akaar, im Zuge dessen Picard unterstellt wurde, der Kirk dieses Jahrhunderts zu sein (vgl. S. 313f.).
Ich denke, dass wohl nichts in diesem (Star-Trek-) Universum so unzutreffend sein könnte, wie diese sehr weit hergeholte Behauptung. Die Unterschiede zwischen beiden Charakteren ist immerhin ein zentraler Kern TNGs und für viele der Grund, der Serie bis heute treu zu sein.
In „The Staircase Implementation“, einer Folge der „Big Bang Theory“ erfasst es Leonard Hofstadter wohl am besten, als er die schwierige Frage wiefolgt beantwortet:

Original series over next generation, but Picard over Kirk.



Nicht nur eine Frage des Haarteils: Picard oder Kirk?

Übersetzung: An dieser Stelle soll nicht noch einmal über die Verwendung von „Ensign“ (vgl. S. 30) oder „Medikit“ (vgl. S. 153) eingegangen werden, da dies bereits zur Genüge in den Rezensionen von „Märtyrer“ und „Mission Gamma I: Zwielicht“ geschah. Es sei nur mahnend der Zeigefinder erhoben um anzumerken, dass sich Cross Cult mittlerweile dabei ist, sich eine Sammlung von Begriffen anzueignen, die das Potential hat, in Richtung „Starfleet“, „Insignienkommunikator“ oder „Medo-Offizier“ des Heyne-Verlags gehen.
Beide Begriffe gehen an der deutschen Synchronisation zu weit vorbei.
Immer noch ungewohnt ist für mich das Duzen unter Offizieren wie Beverly Crusher und Miranda Kadohata (vgl. S. 98) oder Geordi La Forge und Worf (vgl. S. 171ff.), denn trotz allem privaten Verständnis dafür und trotz aller persönlicher Abscheu unseren Siez-Protokollen gegenüber verstößt auch dies gegen die Gewohnheiten der deutschen Synchronisationstradition, in deren Verlauf die TNG-Crew immerhin fünfzehn Jahre ohne das fraglos angenehmere wie glaubwürdigere ‚Du’ auskamen.
Der Rest des Romans ist relativ frei von Fehlern, doch wie immer ist ‚relativ’ sehr relativ, denn ein Satz auf Seite 252 hab ich in einer solchen Form seit dem ersten Vanguard-Band „Der Vorbote“ nicht mehr gesehen:

Uns wurden nicht nur all diese Flüchtlinge aufgebürdet, und das ohne jedwede Unterstützung der Föderation, nein, gleichzeitig werden auch noch unsere Mienen und Produktionsbetriebe föderalisiert.


Anachronismen: Es sind die kleinen Gesten, die diesen Roman so liebenswert machen. Popelige Erwähnungen in den Serien wie die "Shallash" (S. 82), das "Hermosa-Edbeben" (vgl. S. 165f.) oder "Omicron Ceti" (S. 271, der Planet, der hier für die Umsiedlung von Flüchtlingen in Erwägung gezogen wird, sollte laut "Falsche Paradiese" gar nicht bewohnbar sein) werden geschickt in den größeren Kontext eingewoben und erfreuen jene Fans, die sie erkennen und werden von jenen, die nichts damit anfangen können, nicht als störend empfunden.
Nun gut, auch in diesem Werk mal wieder vom lieben Geld zu lesen (vgl. S. 142 oder S. 275) obwohl in Filmen wie "Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart" oder "Star Trek IIX: Der erste Kontakt" und Folgen wie "Die Karte" oder "Die neutrale Zone" dem monetären System längst eine klare Abfuhr erteilt wurde, doch eigentlich ist dass schon der schlimmste Faux-pas des äußerst detailreichen Buches.
Nur wenn man unbedingt will kann man auch noch die Herkunft Geordi La Forges aus dem somalischen Mogadischu als 'etwas bemüht' bezeichnen, denn der französische Nachname legt eher eine ehemalige französische Kolonie, Amerika oder gar Frankreich nahe. Das an sich ist aber nicht weiter tragisch, denn in ein anderes Land umzuziehen ist sogar heutzutage nicht weiter schwierig und eigentlich ist die Idee, der heute arg gebeutelten Stadt einen solchen Lichtblick zu schenken, recht angenehm.

Fazit: "Den Frieden verlieren" heißt in diesem Fall vor allem, mit alten Lesegewohnheiten zu brechen. Der Abschied vom Actionspektakel 'Destiny' fördert eine einfühlsame und anrührende Charakterzeichnung zu Tage, die einer Crew gilt, die im Verlaufe der Handlung endlich zusammenwächst und den Staffelstab aufnimmt, der bereits "Mehr als die Summe" überreicht worden ist.
Obwohl durchaus die Gefahr besteht, dass sich Star Trek in seiner Buchform in eine Richtung entwickelt, in der die Föderation kaum mehr wiederzuerkennen ist, verspricht dieser Neubeginn auch eine verheißungsvolle Zukunft, denn endlich hat eine vielseitige Mannschaft zueinander gefunden, die das Original zwar nicht ersetzen kann, aber immerhin in der Lage ist, die Abenteuer des Raumschiffes Enterprise würdig fortzusetzen.

Denkwürdige Zitate:

"Was auch immer dem Entstehen unterworfen ist, ist dem Vergehen unterworfen. Das ist eine der fundamentalen Wahrheiten dieser Existenz: Alles ist vergänglich."
Choudhury, S. 145

"Heute ist ein guter Tag zum Leben."
Worf, S. 214

"Ich glaube nicht, dass es in den vier jahren meiner Zeit als Botschafter auch nur eine Situation gab, in der ich mich nicht gefragt habe 'Was würde Captain Picard tun?'."
Worf, S. 217

Bewertung: Auferstanden aus Ruinen.

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Weiterführende Leseliste:

TNG 01: Tod im Winter
TNG 02: Widerstand
TNG 03: Quintessenz
TNG 04: Heldentod
TNG 05: Mehr als die Summe
Destiny 01: Götter der Nacht
Destiny 02: Gewöhnliche Sterbliche
Destiny 03: Verlorene Seelen
TNG 06: Den Frieden verlieren

Freitag, 19. November 2010

Einzelschicksale

Vorab eine kleine Entschuldigung für die verspätete Rezension:
Nachdem es bei Cross Cult wieder einmal Probleme mit der Veröffentlichung des Romans gab, und sich der Erscheinungstermin Woche um Woche verschob, fiel die Ankunft des Buches in einen Zeitraum, in dem ich stark in die Organisation einer Geburtstagsfeier verstrickt war. Da gab es keine freien Mußestunden, die man mit einem Roman ausfüllen konnte. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben:



Ein Eindruck von der Feier: Turon47 (l.) und sein Kollege Hans Oetzthaler (r.) in passenden Kostümen

Buchbesprechung DeCandido, Keith R.A.: Einzelschicksale. Cross Cult, 2010/2009.

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Story: Die Trümmer der Borginvasion werden noch immer zusammengefegt und Chaos regiert den Alpha-Quadranten. Manche Welten sind zerstört, andere verwüstet. Manche Planeten sind Flüchtlingslager, andere haben sich noch nicht einmal von den Narben vorangegangener Konflikte erholen können. Die Föderation und das Klingonische Imperium sind mit dem Wiederaufbau beschäftigt, das Romulanische Sternenimperium ist geteilt wie Deutschland nach 1945 und die meisten Mittelmächte wie die Gorn, die Breen oder die Tzenkethi sind militärisch oder politisch geschwächt.
Doch nicht nur an den Machtblöcken der Region nagt der finale Einfall der Borg. Die kleinsten Rädchen einer jeden Gesellschaft stehen ebenso vor neuen Herausforderungen: Die Bürger.
Bergbaubetriebe benötigen neues Führungspersonal, Vulkanier können ob der Unlogik der Borg ihre Gefühle kaum mehr kontrollieren und ein Universitätsprofessor vom Mars wird für den dipolomatischen Dienst reaktiviert (um nur einen Bruchteil an Personen aufzuführen).
Dabei gelingt es dem letztgenannten Akademiker, die Föderation vor einer plötzlichen Überraschung zu bewahren. Inmitten des galaktischen Tohuwabohus gelingt es ihm, den gemeinsamen Nenner in der einseitigen Aufkündigung eines Hilfsgüterlieferungsabkommens mit Romulus, der Sabotage einer Topalin-Raffenerie auf Capella IV und einer Dilithium-Mine auf Maxia Zeta IV und des drohenden Austritts der Zaldaner aus der Föderation zu finden. Zusammen mit der Crew der USS Aventine, dem Raumschiff des frischgebackenen Captains Ezri Dax, gelingt es Professor Sonek Pran eine Verschwörung aufzudecken, die die Machtverhältnisse dieses Teils der Galaxie zu Ungunsten der Föderation verschieben könnte...

Lobenswerte Aspekte: „Einzelschicksale“ ist ein Potpourri aus Informationen, die in allen Serien und Filmen gestreut wurden. Darin findet man Begriffe wie „Sehlat“ (S. 30), „Nitrilin“ (S. 290) oder „Kligat“ (S. 288) so selbstverständlich verwendet, als wären sie ein verbreitetes Kulturgut, dessen Kenntnis bei jedem Leser vorausgesetzt werden kann.
Dadurch entsteht die spannende Situation, dass Autor deCandido ein in sich schlüssiges und auf den vorhandenen Informationen aufbauendes Universum schildert, dass genau dadurch nachvollziehbar wird. Denn erst mit der genauen Kenntnis und Anwendung aller zur Verfügung stehenden Hilfsmittel ist es möglich, diese beeindruckend genau recherchierte Welt zum Leben zu erwecken.
„Einzelschicksale“ ist auch ein Potpourri aus Gaststars. Neben lediglich erwähnten, vertraut klingenden Namen wie Offenhouse (vgl. S. 69), Toreth (vgl. S. 99f.) oder Sonya Gomez (vgl. S. 112f.), kann der geneigte Leser ein Wiedersehen mit bekannten Randfiguren wie wie Drex (vgl. S. 77ff.), Fabian Stevens (vgl. S. 111ff.) oder Klag (S. 234ff.) feiern. Auch größere Figuren wie Nanietta Bacco (aus dem Buch „Die Gesetze der Föderation“), Martok oder Ezri Dax spielen einen wichtigen Part innerhalb der vielschichtigen Handlung. Lediglich den bereits über 150 Lenzen zählenden Admiral McCoy (vgl. S. 194) hätte selbst William Shatner nicht unglaubwürdiger inszenieren können.
Trotz der vielen bekannten Namen liegt der Fokus des Buches zumeist auf vergleichsweise unbedeutenden Einzelpersonen, die zuvor kaum oder gar nicht erwähnt wurden. Der klug gewählte Titel „Einzelschicksale“ ist dahingehend programmatisch, denn in immer wiederkehrenden Einschüben liest man den Abschiedsbrief eines unfreiwillig geretteten Überlebenden Denevas (vgl. S. 87f.), von Unruhen auf Alpha Centauri (vgl. S. 109f.) oder von spontanen Racheerschießungen überlebender Ex-Borg (vgl. S. 169ff.) - ein riesiges Puzzle, dass es tatsächlich schafft, ein beklemmendes Gefühl des Verlustes und moralischen Zwickmühle zu entfachen.
Über die höchste Relevanz verfügen zumeist jene „Einzelschicksale“, die mit der Figur Sonek Prans und seiner Familie verbunden sind. Der Hauptheld dieser Erzählung ist ein Sinnbild für den 'Melting Pot' der Föderation; ein lebendiges Zeugnis der Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichsten Spezies: je zu einem Viertel bajoranisch, betazoid, menschlich und vulkanisch. Ganz nebenbei empfand ihn DeCandido in seinen äußeren Beschreibungen (vgl. z.B. S. 31) dem amerikanischen Sänger und Star-Trek-Fan Arlo Guthrie nach (vgl. S. 391), wie man auf diesem Bild erahnen kann.
Jedoch beschränkt sich der ironische Umgang mit der Materie nicht allein auf Anleihen außerhalb der Star-Trek-Welt. Der Autor beweist sein Fachwissen durch gezielte Seitenhiebe auf interne Produktionshintergründe, wie etwa auf die Ähnlichkeiten zwischen Trill und Kriosianern (vgl. S. 30), auf die Evolution der Andorianer-Fühler von TOS bis 'Enterprise' (vgl. S. 49) oder die Bezeichnung „Vazkiz Felsen“ (286) auf Capella IV – eine Anspielung auf die Vasquez Rocks, bei denen die im Buch noch einmal aufgegriffene Episode „Im Namen des jungen Tiru“ gedreht wurde.
Er ließ sich ferner nicht nehmen, seine eigene Kampfsporttätigkeit (vgl. S. 402) auf einen der Charaktere des Buches zu projizieren (vgl. S. 215ff.).
Außerdem zeigt KRAD, wie er sich selbst gern abkürzt, eine erstaunliche Ambivalenz (für einen Amerikaner). Seinen Roman mit einem Kissinger-Zitat einzuleiten (vgl. S. 7) und dann ein Lied Victor Jaras (vgl. S. 103ff.) als Augenöffner für die Verletzlichkeit der menschlichen Seele einzusetzen, nenne ich mutigen Umgang mit der eigenen Geschichte. Schließlich war es die aktive und illegale Unterstützung des damaligen US-Außenministers für Pinochet, die die Erschießung Jaras überhaupt ermöglichte – eine Zusammenhang, die am klugen Aufbau des Romans und der hintergründigen Figur Soneks gemessen auch DeCandido bewusst gewesen sein dürfte.
Wem die bislang angeführten Gründe noch nicht genug sind, das Buch zu lesen, sollte sich vor Augen halten, dass es zudem ein Neuanfang der ganz besonderen Art ist.
Nachdem die Hauptfigur bereits einleitet, dass militärische Auseinandersetzungen die Keimzelle zu Weiterentwicklung und Kooperation sein können (S. 30ff.) findet dieser Gedanke seinen Höhepunkt in einer Entwicklung, die kommende Romane maßgeblich beeinflussen wird:
Der Typhon-Pakt.
Dieser politische und wirtschaftliche Zusammenschluss aus Tholianern, Gorn, Kinshaya, Breen und Tzenkethi baut nach dem Wegfall der Borg als Bedrohung einen neuen Gegner auf. Besonders genial daran erscheint, dass DeCandido eine Vorlage aus David Macks Destiny-Trilogie nutzt, um die Entstehung dieser ungleichen Allianz zu erklären. Dass ausgerechnet die so sehr auf Ausgleich versessene Präsidentin Bacco die Staatsoberhäupter in einen Zusammenschluss trieb (vgl. S. 366ff.) ist eine Pointe, die das wahre Leben selbst nicht hätte besser schreiben können.
Damit steht die Föderation vor ungewissen Zeiten. Angeschlagen, demoralisiert und beschäftigt drängt sich die Frage auf, welche Abenteuer, Skandale und Auseinandersetzungen der Organisation mit diesem neuen Gegner noch bevorstehen.
Man kann es als Leser da durchaus mit den Gedanken Sonek Prans von S. 388 halten:

Eins muss ich zugeben, ich freue mich schon darauf, es herauszufinden.

Oder man drückt es wie in dem mal wieder überaus lesenswerten Essay Julian Wanglers aus:

Ein neuer kalter Krieg bahnt sich an.“ (S. 400)

Die Vorfreude bei mir ist jedenfalls geweckt, zumal die von Wangler gut herausgestellte Tatsache, dass die Föderation es bislang nur mit einen zentralen Gegner zu tun hatte (vgl. S. 401), eine gehörige Portion Potential zu bieten hat.
Wem das noch nicht genug Entwicklungszündstoff ist, kann sich ja einmal vor Augen halten, dass in einer eher trockenen Verlustliste (vgl. S. 121) zwei bekannte Namen unter den vielen Opfern besonders auffallen: Miral Paris und B'Elanna Torres'.
Das Ableben dieser beiden Figuren wird die Voyager-Fortsetzung in Buchform weiter beschäftigen und verschafft damit dem Werk „Einzelschicksale“ den Status einer Weggabelung, derer sich wohl kaum ein Freund der Star-Trek-Bücherwelt entziehen kann.

Kritikwürdige Aspekte: Man muss ein Bücherwurm sein, um dieses Werk ausgiebig genießen zu können. Unablässig ist die Rezeption von „Die Gesetze der Föderation“ und natürlich der Destiny-Trilogie. Auch andere bei Cross Cult erschienene Bücher wie „Heldentod“ (vgl. S. 98), „Der rote König“ (S. 178ff.) oder „Quintessenz“ (S. 80) lohnen sich zu lesen, um diverse Querverweise hier verstehen zu können. Daneben zielen kleinere Referenzen auch auf alte Heyne-Publikationen wie „Planet der Waffen“ (vgl. S. 80), „Das Pandora-Prinzip“ (vgl. S. 113) oder „Mein Feind, mein Verbündeter“ (vgl. S. 140) ab.
Also ob das noch nicht genug wäre, beziehen viele Anspielungen auf andere, bislang noch nicht in deutscher Sprache erschienene Bücher. Insbesondere Lost-Era-Romane (vgl. z.B. S. 64, S. 178 oder S. 243), Starfleet Corps of Engineers (vgl. z.B. S. 25, 111ff. oder S. 113) sowie die „A Time to...“-Reihe (vgl. z.B. S. 200, S. 255ff. oder S. 334ff.) finden Erwähnung, aber auch andere wie etwa J.G. HertzlersThe Left Hand of Destiny“ (vgl. S. 80), der erste Teil der Vulcan's Soul-SerieExodus“ (vgl. S. 145) oder DeCandidos eigenes Werk „Diplomatic Implausibility“. Dadurch fehlen dem deutschsprachigen Leser Informationen, die einem Gesamtbild zuträglich wären, weswegen sich gelegentliche Abstecher zu Memory-Beta in Lesepausen durchaus lohnen.
Man muss aber auch eine Fernseheule sein, um diesen Roman in seiner Komplexität erfassen zu können. Auch wenn die Vielzahl der Referenzen der Erschaffung einer abgeschlossenen Welt dienen, so verliert man schnell den Überblick, da die Informationen förmlich auf das Hirn niederprasseln, zumal beim Umfang dieses Buches ohnehin schnell die Puste ausgehen kann.
So kann es zum Beispiel schnell geschehen, dass man kleinere Fehler im Buch schlichtweg übersieht. Man könnte etwa überlesen, dass DeCandido einen achtzehnjährigen Talisker für einen Scotch hält (vgl. 332) oder den polnischen Vornamen Zbigniew für einen Nachnamen (vgl. S. 335). Aber dieser Kleinigkeiten sind kaum der Erwähnung wert und vermögen es nicht, sich entscheidend auf die endgültige Bewertung auszuwirken.
Da bleibt eher festzuhalten, dass wie bereits in „Die Gesetze der Föderation“ ein Werk entstanden ist, dass dem Leser viel abverlangt und auf nur oberflächlich informierte Fans abschreckend wirken muss.
Restlos zu überzeugen vermag zudem die Handlung nicht. Die ist nämlich etwas zu seicht gestrickt und gelegentlich fragt man sich schon, wie ein so durchsichtiges Komplott überhaupt so funktionieren könnte. Der obligatorische Tritt in die Tränendrüse ob der ach so vielen Opfer ist ebenfalls eine Gratwanderung, deren Grenzen der Autor nicht immer zu treffen vermag.
Erst die Verpackung (damit ist nicht nur das großartige Cover gemeint) vermag es, der eher durchschnittlichen Geschichte einen würdigen Rahmen zu verleihen. Aufbau, Stil, Handwerkskunst sind großartig, doch der Inhalt vermag es nicht immer, damit Schritt zu halten.

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Einen doppelten Talisker auf alle Europäer, die einen Single Malt von einem Scotch unterscheiden können

Übersetzung: Man muss dem kleinen Cross-Cult-Verlag schon zugestehen, dass er sich mittlerweile in puncto Übersetzungen stark verbessert hat. Vergeben und vergessen sind Ausrutscher wie „Rufe den Donner“, denn in diesem recht umfangreichen Buch sind Fehler Mangelware. Daher ein dickes Lob an Übersetzerin und Lektorat!
Ganz besonders die Übersetzung von „razorbeast“ mit „Messerbiest“ (vgl. S. 320) muss ich mal ganz ausdrücklich loben, denn sie hält sich haarklein an die TNG-Vorlage aus „Erwachsene Kinder.“
Natürlich ist der Mensch nun aber nicht völlig frei von Fehlern.
Es beginnt mit Sätzen wie „Er beamte von Paris hoch.“ (S. 91; es müsste 'aus Paris' lauten), „Es braucht nicht viel, damit sie beleidigt sind […].“ (S. 249; dass!) oder der Bezeichnung „Pfefferminz-Julep“ (S. 343, Mint-Julep!).
Der auf Seite 332 versteckte Satz

Sonek hatte keinerlei romantische Gedanken gegenüber Rupi gehegt - was zumindest teilweise daran gelegen hatte, dass er sie und Farin in seinen Augen ein ziemlich glückliches Paar gewesen waren -, sondern sie einfach nur als Freundin angesehen.

fiel nicht nur mir, sondern auch meiner Kollegin Ameise sofort auf.
Besonders verwundert hat mich, dass ausgerechnet ein Kroate konsequent als „Hadžiç“ (z.B. S. 144) bezeichnet wird, obwohl der Buchstabe 'ç' im kroatischen überhaupt nicht existiert und selbst Memory-Beta die korrekte Schreibweise „Hadžić“ führt. Da aber sicherlich nicht allzu viele Kroaten dieses Buch auf Deutsch lesen werden und der Fehler wenigstens konsequent beibehalten wurde, kann man über die Fehlerzahl im Hinblick auf das Pensum der Übersetzungsarbeit hinwegsehen.

Anachronismen: Die gründliche Arbeit deCandidos macht es schwer, überhaupt Fehler zu finden.
Gegenstand des einzigen Widerspruchs, den ich überhaupt ausmachen konnte, ist der Planet Krios. Diese Welt, bereits in der Enterprise-Episode „Kostbare Fracht“ erwähnt, steht schon in der TNG-Folge „Verräterische Signale“ unter der Kontrolle des Klingonischen Imperiums, dass gegen seine aufständischen Bewohner mit brutaler Härte vorgeht.
Doch der klingonische Botschafter Kell gibt zu Protokoll, dass man den Planeten über kurz oder lang wohl in die Unabhängigkeit entlassen würde, um Ressourcen zu sparen.
Dieser Gedanke scheint schließlich in „Eine hoffnungslose Romanze“ Wirklichkeit geworden zu sein, denn dort unterstützt die Enterprise die königliche Familie des Planeten Krios – von den klingonischen Besatzern scheint auf Krios nichts mehr geblieben zu sein.
In diesem Buch ist Krios jedoch noch immer eine klingonische Kolonie – von nichtklingonischen einheimischen Bewohnern hingegen erfährt man nichts.
Aber wer weiß – vielleicht gibt es in den Weiten der Galaxie ja mehr als einen Planeten mit dem Namen Krios...

Fazit: Vom Cover bis zum Inhalt ist „Einzelschicksale“ ein ansehnliches Werk. Ein wahres Potpourri aus Referenzen, Gaststars und kleinen Geschichten aus dem Leben in der Zukunft des Star-Trek-Universums. Geschickt erschafft der Autor den Flair einer Star-Trek-Zukunft, lässt auch mal unbekannte Einzelpersonen zu Wort kommen und bietet eine großartige Überleitung für kommende Schreiber.
Nachteilig sind nur die mäßige Handlung, die wahre Informationsflut und die Tatsache, dass die vielen Anspielungen auf andere Bücher, die bislang noch nicht in deutscher Sprache erschienen sind, unverständlich bleiben.
„Einzelschicksale“ macht also Lust auf mehr, steigert die Spannung auf die kommende Typhon-Pakt-Reihe und zeigt gleichzeitig, wieviel Arbeit Cross Cult mit der Veröffentlichung weiterer Romane noch vor sich hat.

Denkwürdige Zitate:

Nur um das einmal festzuhalten: Die Vorstellung der Sternenflotte von 'direkt morgen früh' unterscheidet sich grundlegend von meiner Vorstellung von 'direkt morgen früh'.
Sonek, S. 68

Rache ist nicht logisch.
vulkanischer Patient, S. 230

Oh, die politischen Umstände haben sich geändert, aber das ist nebensächlich. Ich spreche vom Universum, Sam. Sicher, es gab einige kosmetische Veränderungen, aber was bedeutet das schon für das Universum? Es ist in etwa so, wie wenn jemand sich die Fingernägel schneidet. Für den Fingernagel ist es ziemlich chaotisch, aber der Rest des Körpers bemerkt es kaum. Auch das wird vorübergehen.
Ezri Dax, S. 385

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Chaos für die Nägel - aber keine Notiz vom Universum?

Bewertung: Größerer Kontext übertüncht kleinere inhaltliche Mängel.

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