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Donnerstag, 10. Juni 2010

Quintessenz

Buchbesprechung Decandido, Keith. R.A.: Quintessenz. Cross Cult 2008/2009.

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Story: Endzeitstimmung in der Milchstraße! Nachdem die Crew der USS Enterprise NCC-1701-E auf einem weitgehend unbekannten Planeten Forschungsarbeit betreibt, stößt sie auf ungeahnte Probleme. Die Welt ist den Scannern ein geologisches Rätsel und ein zur Erkundung eingesetztes Außenteam stößt auf seltsame Ausgeburten der Fauna, die eigentlich längst ausgestorben sein müssten. Als der Trupp um Worf und den beiden Neulingen Miranda Kadohata und Zelik Leybenzon schließlich eine versteckte Höhle betritt, gerät das Universum plötzlich aus den Fugen:
Überall, im Alpha-, Beta-, Gamma- und Deltaquadranten treten deutliche Auflösungserscheinungen zu Tage. Picard hat rasch den Hauptschuldigen für die Misere ausgemacht. Niemand geringeres als der übermächtige Q zeigt bereits durch sein Erscheinen auf dem Schiff, dass er für die unerklärlichen Ereignisse die volle Verantwortung tragen muss. Doch auch der sympathische Unruhestifter ist nur ein Statist in einem existenzbedrohenden Spiel, wenngleich er und das gesamte Kontinuum bereits einen Plan in ihrer Westentasche haben: Mit der Hilfe seines langjährigen Freund und Kupferstechers Picard dürfte Q in der Lage sein, den Untergang des Universums zu verhindern. Dumm nur, dass er auf taube Ohren stößt...

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Für Q-Tipps sollte man immer ein offenes Ohr haben!

Lobenswerte Aspekte: Decandidos Roman ist wahrlich ein engmaschig mit dem offiziellen Kanon verstricktes Werk. Unzählige Referenzen auf vorangegangene Abenteuer der TNG-Crew aus den Serien (vgl. z.B. S. 28, S. 34, S. 63 u.v.m.) oder Filmen (vgl. z.B. S. 18, S. 45, S. 216 u.v.m.), ja selbst Inhalte aus TOS (vgl. z.B. S. 12, S. 18, S. 91 u.v.m), DS9 (vgl. z.B. S. 22, S. 59ff., S. 131ff. u.v.m.) und Voyager (vgl. S. 39, S. 107ff., S.163ff.. u.v.m.) finden hier Erwähnung!
Doch damit nicht genug! Jener Planet, den Odo in „Die Illusion“ besuchte (vgl. S. 91), erhält genauso einen Namen wie einige der 18 Todesopfer aus „Zeitsprung mit Q“ (vgl. 117ff.) oder Fähnrich Torres aus „Der Mächtige“ einen Vornamen (vgl. S. 113). Besonders hat mich natürlich gefreut, wie Decandido seine Detailkenntnis nutzt, um dem Buch dadurch Leben einzuhauchen. Angefangen bei den vielen 'Besuchen' bei bekannten Gesichtern wie Shelby (vgl. S. 53ff.), Klag (vgl. S. 71ff.) oder Donatra (vgl. S. 101ff.). Allerdings leißen auch die Abstecher zum Trinkgelage in den 'Happy Bottom Riding Club' oder die Gymnastikübungen im Sportraum das ein oder andere vertraute Bild im Kopf entstehen.



Versuche es zu vergessen oder zu verdrängen, helfen nicht: Die Achtziger reichen bis tief ins 24. Jahrhundert

Darüber hinaus klemmt sich dieses Werk auch direkt an die Star-Trek-Bücherlandschaft. Obwohl es nicht unbedingt nötig ist, die beiden Vorgängerromane „Tod im Winter“ und „Widerstand“ gelesen zu haben, lassen sich zarte Querbezüge darauf finden (vgl. z.B. S. 25, S. 45 und S. 215), die in der Regel ausreichen, um zu verstehen, was zuvor geschah.
Diesem Buch kann man sogar fast vorwerfen (nein, nicht wirklich...), ein verkappter Titan-Roman zu sein, denn nach der gefühlten halben Ewigkeit, die sich Cross Cult mit der Publikation des nächsten Bandes Zeit lässt, tut es ganz gut, mal wieder ein Lebenszeichen von Riker, Troi und Tuvok zu hören (vgl. S. 33ff. und S. 229).
Ungleich schwieriger gestaltet sich hingegen das Erkennen von Bezügen auf Bücher wie „Vendetta“ (vgl. S. 53), „Kontamination“ (vgl. S. 73) die Excalibur-Reihe (vgl. S. 116) und wird für den deutschsprachigen Leser fast zur Unmöglichkeit, wenn es um Romane wie „A time to heal “ (vgl. S. 146) oder „A time to kill“ (vgl. S. 70) geht, die bislang hierzulande nicht erschienen sind. Doch in der Regel sind solche Anspielung in ihrer Menge und ihrem Umfang überschaubar, und umso beeindruckender ist es, wie der Autor die kleinen Einschübe nutzt, um vermeintliche Widersprüche zwischen Fernsehschirm und Buchseite aufzulösen. Shelbys Erwähnung in „Klingonische Tradition“ wird genauso beiläufig integriert (vgl. S. 53) wie der Widerspruch um die Geschichte des terranischen Imperiums im Paralleluniversum in Folgen wie „Die andere Seite“, „Durch den Spiegel“ oder „Der zerbrochene Spiegel“ und Diane Duanes TNG-Roman „Dunkler Spiegel“ (vgl. S. 206f. vs. S. 209ff.).
Ganz besonders lobenswert war jedoch der kurzzeitige Wiedereinbezug Martin Maddens, dem verloren gegangenen ersten Offizier der USS Enterprise. Von den Autoren des Schreiberkollektivs der TNG-Fortsetzungsromane verschmäht, wird ihm hier zumindest eine kleine Huldigung zuteil (vgl. S. 203), auch wenn sich aus der Situation eine recht zentrale Frage ergibt: Bedeutet diese Beschreibung, dass Worf als erster Offizier, Crushers Rückkehr an Bord und die Angriffe der Borg nur die Geschehnisse in einem weiteren Paralleluniversum beleuchtet? Haben sich Friedman, Dillard, Decandido und David hier ein eigenes „Shatnerversum“ geschaffen, dass sich bewusst von den Vorgaben aus dem letzten Kinofilm abhebt? Falls das die Botschaft ist, würde ich auf jeden Fall entspannter auf die neue Reihe blicken, die bislang ungleich schwächer als ihr DS9-Pendant wirkt.
Um den Gipfel dieses wahren Bergs an Referenzen endlich zu erklimmen sei noch auf zwei Sachen verwiesen: die U.S.S. Andromeda (vgl. S. 24) kann man als kleine Geste des Respekts zur von Gene Roddenberry konzipierten TV-Serie „Andromeda“ verstehen und in der Aufzählung der vielen Käsesorten im Risotto Stolovitzkys (vgl. S. 189f.) verstand ich eine leise Hommage an den 'Cheese Shop Sketch' von Monty Python.



Mr. Wensleydale Gedächtnis-Risotto?

Erwähnenswert sind die kleinen formal-ästhetischen Ideen innerhalb dieses Romans. Nur logisch, dass der Sohn des 'Q' in einer Spezies ohne als solche zu bezeichnende Namen schlichtweg 'q' heißt (vgl. S. 107). Obgleich zu Beginn etwas verwirrend, empfand ich auch die Lösung, die verschiedenen Aussagen eines Chors von verschiedenen Personen durch unterschiedliche Klammern auszudrücken (genial) [ganz nett] {zu ertragen}.
Abschließend muss ich auch den Umgang mit gesellschaftlichen Tabuthemen loben. Endlich ist die Enterprise kein Schiff mehr für Familien, und darüber hinaus scheut sich der Verfasser dieses Werkes auch nicht, eine ebenso logische wie einleuchtende Erklärung dafür zu geben (vgl. S. 27).
Nicht minder bewundernswert fand ich, dass Miranda Kadohata während eines Außenteameinsatzes recht zwanglos über ihre ungleich großen Brüste redete (vgl. S. 90). Anfangs hielt ich es noch für eine Fehleinschätzung weiblichen Redeverhaltens, doch nachdem ich einige Zeit darüber grübelte, fand ich die Aussicht auf eine Zukunft, in der man sogar einen strohdummen Sicherheitsrambo von so etwas Privatem erzählen kann, eine nahezu utopische Zukunftsvision – also genau das, was Science Fiction eigentlich ist.

Kritikwürdige Aspekte: Es ist zum Mäusemelken! Wiedereinmal wird dem bereitwilligen Käufer von Star-Trek-Romanen Vorgekautes á la „Gestern, Heute, Morgen“ serviert. Mal abgesehen von den vielen Q-Rückblicken waren vor allem die offen an „Parallelen“ angelehnten Szenen (vgl. S. 197ff.) ein trauriges Mahnmal für eine Fantasielosigkeit, die immer öfter in Star-Trek-Romanen anzutreffen ist. Wieder und wieder greifen Autoren auf altbekanntes, längst gezeigtes und ständig wiederholtes Gedankengut. Star-Trek-Belletristik ist zu einem grauen Hort der Einfallsarmut geworden, der nach jungen und frischen Ideen lechzt.
Doch diesem Werk zu unterstellen, es würde mit neuen Ansätzen geizen, ist nur die halbe Wahrheit. Decandido versucht nämlich auf sehr kreative Weise, dem Wirken Qs einen tieferen Sinn zu geben und nutzt geschickt die einzelnen Auftritte innerhalb der verschiedenen Serien, um allen ein gemeinsam Motiv zu verleihen.
Frisch und clever ist die Idee, doch ich denke, dass der Schuss nach hinten losgegangen ist.
Was ist denn an Q das Besondere?
Die Figur lebt von seinem anarchisch-chaotischen Charakter und Decandido fällt nichts besseres ein, als diesem Urgestein diesen prägnanten Wesenzug zu nehmen! Mal ehrlich, wer kann den wirklich glauben, dass dem Handeln dieses Inbegriffs der Spontaneität ein Master-Plan zugrunde lag?
Ich nicht!
So soll Q in „Nocheinmal Q“ wegen seiner Fixierung auf die Menschheit verbannt worden sein.
Da muss der Autor des Buches aber eine völlig andere Folge, ach was – Serie! – gesehen haben, denn dieser besonders private Einblick in die Welt Qs suggeriert etwas gänzlich anderes! Dort ist selbst unter den beiden Kontinuumsmitgliedern davon die Rede, dass sich das Verhalten Qs zu Besseren ändern sollte. Seine eigene Moralität steht am Pranger, nicht die Menschheit! Decandido stellt hier, wie auch bei anderen Episoden (vgl. S. 107 zu „Gestern, Heute, Morgen“) die angezielte Moral völlig auf den Kopf und biegt sich die Grundaussage so hin, wie er es am besten gebrauchen kann.
Selbst Julian Wangler beschreibt es in seinem schlüssigen Essay völlig korrekt:

Im Laufe der Serie erfahren wir von seinen Launen, von seinen Nöten und Sehnsüchten.“ (S. 266)

Im Roman ist jedoch das genaue Gegenteil davon der Fall. Alles, selbst das Geschenk des Lachens an den gefühlssüchtigen Androiden Data (vgl. S. 240f.) wird in einen größeren Zusammenhang gestellt – keine Launen, keine Nöte und keine Sehnsüchte. Diese kühle und berechnende Art ist es, die ich dem Charakter nicht eine Sekunde abnehme – nicht zuletzt deshalb, weil viele der genialen Folgen unter diesem Gesichtspunkt unheimlich an Reiz verlieren würden.
Dass es darüber hinaus auch noch Wesen über Q geben soll (vgl. 239f.), schlägt dem Fass schließlich endgültig den Boden aus. Da kann man den großen Verdienst dieses Romans nur noch frei nach Nietzsche zusammenfassen:

Q ist tot. Und Decandido hat ihn getötet!

Doch mit der Generalkritik ist die Mängelliste längst nicht abgeschlossen.
Etwas beschwerlich wirkte für meine Zunge der Name Zelik Leybenzon (auch wenn er teilweise auf deutsche Wurzeln zurück geht) und bei Miranda Kadohata fühlte ich mich abwechselnd an die gleichnamige Schiffsklasse und die Brausemarke 'Mirinda' erinnert.
Ferner störte mich, dass, ähnlich wie bei Christine Vale im ersten Titan-Band „Eine neue Ära“, der pure Zufall verhindert haben soll, dass sie nirgends auf der Leinwand zu sehen war oder in den vorangegangenen Abenteuern dahinschied (vgl. S. 17f.).
Die pseudowitzigen Bemerkungen über Kaffee (vgl. S. 44), Pflaumen (vgl. S. 50) oder Frettchen (S. 63) waren beileibe nicht in der Lage, von den allgemeinen Unzulänglichkeiten abzulenken geschweige denn, auch nur die Andeutung einer Zuckung in meinen Mundwinkeln hervorzurufen.

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Miranda – ein Name irgendwo zwischen Zuckerbrause und Schiffsklasse

Übersetzung: Auf den Seiten halten sich frappierende Fehler glücklicherweise zurück. Gut, ab und zu trifft man auf merkwürdige Formulierungen wie „[...] hat der neunte Planet Klasse M.“ (S. 46), unübersetzte englische Begriffe wie „Ensign“ (S. 54), kleine Versehen wie „Dritte-Welt-Gerichts“ (S. 238) statt „Dritte-Weltkriegs-Gericht“ oder fehlende Apostrophe (vgl. S. 14 und S. 22) - doch darüber kann man hinwegsehen.
Problematischer erscheint schon eher der Wechsel zwischen Duzen und Siezen. Während sich Beverly Crusher und Jean-Luc Picard oder Worf und Geordi LaForge duzen, herrscht unter den restlichen Besatzungsmitgliedern ein förmliches Siezen vor. Im Englischen gibt es da glücklicherweise keine Unterscheidung und die Entscheidung des Übersetzers, der langjährigen Beziehung und der langjährigen Freundschaft Rechnung zu tragen, ist recht nachvollziehbar. Witzigerweise wirkt dadurch Geordis Unverständnis darüber (vgl. S. 59), beim Vornamen genannt zu werden, etwas befremdlich, aber wenn eine Sprache wie das Englische keine Höflichkeitsform bei der Ansprache zu bieten hat, müssen subtilere Mittel zur Äußerung von Respekt herangezogen werden. Hier reicht mein Verständnis sogar so weit, dass ich es sehr interessant gefunden hätte, wenn Kadohata Geordi als vorgesetzter Offizier geduzt hätte.

Anachronismen: In den entfernten Szenen des zehnten Kinofilms „Nemesis“ kann man ihn sehen: Wesley Crusher, zurück im Schoß der Sternenflotte. Über die darüber entstehende Freude kann man geteilter Meinung sein, doch Wesley ist damit beileibe kein so verlorener Sohn, wie das Buch uns weismachen möchte (vgl. S. 16 und S.114).
Etwas bekannter sollte mittlerweile allerdings die Tatsache sein, dass es im 24. Jahrhundert kein Geld mehr gibt – schließlich erklärt Picard Lily Sloane dies im achten Kinofilm recht ausführlich. Das scheint ihn jedoch nicht daran zu hindern, sein Familienweingut als „Geschäft“ (vgl. S. 147) zu betrachten.
Dass auf der USS Enterprise „Jambalaya á la Sisko“ (vgl. S. 62) angeboten wird, fand ich schon etwas irritierend, denn die Speise sollte allein wegen der Zutaten lieber auf den Raum New Orleans beschränkt bleiben.
Doch warum nicht?
Irgendwo ist das Ganze bei einem ersten Offizier, der einst unter Ben Sisko diente, noch verständlich. Verwirrend ist viel eher das echte Fleisch aus Freilandhaltung, das darin enthalten sein soll. Hatte nicht Riker, seines Zeichens Amtsvorgänger Worfs in der Episode „Die geheimnisvolle Kraft“ zu Protokoll gegeben, dass die Menschheit den Verzehr von Fleisch längst überwunden hat?
Ähnlich verwirrend sind die Handelsbeziehungen der Malon, Haakonianer und Vidiianer (vgl. S. 152). Obwohl die USS Voyager knapp sieben Jahre benötigte, um im Delta-Quadranten die Territorien dieser weit voneinander entfernten Völker zu durchqueren, wirkt die Beschreibung fast so familiär, als würden sie alle das selbe Planetensystem behausen.

Fazit: Als „Quintessenz“ bleibt nach dem Lesen dieses Romans vor allem die Erkenntnis, dass man trotz passabler Übersetzung einer breiten Palette an Referenzen und einer gut gemeinten Grundidee soviel Unfug anstellen kann. Decandido entmündigt eines der Aushängeschilder der Next Generation durch den Entzug jener Wesenszüge, die Q so sympathisch gemacht haben: Anarchie und Spontaneität.

Denkwürdige Zitate:

Schwer wiegt die Last des Kommandos.
Picard S. 17

Plus ça change, plus c'est la même chose.
Picard, S. 237

Q, was hatte der Abstecher in den Sherwood Forrest und mein Robin Hood zu Vashs Marian mit dem Ganzen zu tun?
Ich wollte Sie einfach nur mal in Strumpfhosen sehen, Jean-Luc.
Picard und Q, S. 241

Bewertung: Reine Q-Lästerung!

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Weiterführende Leseliste:

TNG 01: Tod im Winter
TNG 02: Widerstand
TNG 03: Quintessenz
TNG 04: Heldentod
TNG 05: Mehr als die Summe
Destiny 01: Götter der Nacht
Destiny 02: Gewöhnliche Sterbliche
Destiny 03: Verlorene Seelen
TNG 06: Den Frieden verlieren